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„Die letzte Kugel gehört mir"
Name : Josef Harreiter
Geburtsdatum : 04.02.1921
Geburtsort/ Land : Frankenfels
Beruf : ÖBB Bahnmeister
Josef Harreiter: „Mit dem Kriegführen habe ich keine Freude gehabt, da war mein Gedanke nur, den Krieg überleben, weil ich habe mein junges Leben nicht für so ein Verbrechen hergeben wollen. Und das habe ich mir gedacht, obwohl der Hitler einmal heilig für mich war."
Angaben zum Leben vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg
Josef Harreiter kommt am 4. Februar 1921 in Niederösterreich als Sohn eines Hilfsarbeiters auf die Welt und wächst in ärmlichsten Verhältnissen auf. Sein Vater wird 1932 ausgesteuert, was die zehnköpfige Familie an den Rand des Ruins bringt. Josef muß mit 12 Jahren zu arbeiten beginnen, und ist froh, daß er bei Bauern als Knecht unterkommt. Er ist nicht versichert und bekommt keinen Lohn. 1938, nach dem Anschluß Österreichs an Deutschland, verbessert sich seine Situation grundlegend, von einem Tag auf den anderen hat er Arbeit, wird entlohnt und ist krankenversichert. Der 17jährige ist Adolf Hitler dafür unendlich dankbar, wird ein engagierter Hitler-Junge und ein begeisterter Nazi.
Im Februar 1941 beginnt Harreiters Rekrutenausbildung beim Artillerieregiment 109 im Wiener Arsenal, im Mai kommt er zur Sturmgeschützbrigade 244 nach Jüterbog bei Berlin, wird dort zum Panzerwart ausgebildet, und ab Beginn des „Unternehmens Barbarossa" im Rußlandfeldzug eingesetzt.
Am 4. August 1941 wird er in Schitomir, in der Ukraine, Augenzeuge eines furchtbaren Massakers, das die Deutschen an Juden verüben, verliert infolgedessen seinen Glauben an den Nationalsozialismus und wird ein „passiver" Soldat. Obwohl er fortan keinerlei Initiative mehr zeigt, befördert man ihn Frühjahr ´42 zum Gefreiten und ein Jahr später zum Obergefreiten.
Im Juni ´42 gelangt Harreiter im Zuge der deutschen Großoffensive bis nach Stalingrad, und entgeht der Einkesselung der 6. Armee nur zufällig, weil er sich in der Zeit um den 22. November auf Heimaturlaub befindet. Zurück in Rußland und konfrontiert mit weiteren Kriegsgreuel beginnt er sich auf seiten der „Eroberer" der einheimischen Bevölkerung gegenüber immer unwohler zu fühlen. Er schmiedet erste Fluchtpläne, entkommt Stalingrad ein zweites Mal und wird am 25. Juli ´43 im Frontmittelabschnitt Orel schwer verwundet. Nach dem Lazarettaufenthalt in Warschau/Warszawa, wird er in Oberschlesien für eine Stauseebewachung eingesetzt, bildet dann Rekruten aus und besucht einen zwölfwöchigen Unteroffizierslehrgang.
Im September ´44 wird er mit seiner – zum dritten (!) Mal neu aufgestellten Einheit - in der Ardennenoffensive eingesetzt und sieht nach dem Rückzug der deutschen Wehrmacht bis hinter den Rhein seine Chance gekommen. Harreiter desertiert Ende Februar ´45 in der Nähe von Köln, und ergibt sich kurz darauf den Amerikanern, die ihn in ein Lager bringen, das von den Franzosen übernommen wird.
Die Kriegsgefangenschaft verbringt er im gefürchteten „Hungerlager" in Rennes, später in einem Lager in Vannes (französischen Westküste), wo er bei ortsansässigen Bauern Arbeitsdienst leistet.
Im Mai 1946 wird er aus der französischen Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrt über Imst (Tirol), Wiener Neustadt (NÖ) und Hütteldorf (Wien) am 7. Juni ´46 in seine Heimat zurück.
Am 1. Juli 1946, drei Wochen nach seiner Heimkehr beginnt er bei der Österreichischen Staatsbahn als Oberbauarbeiter, arbeitet sich hoch und ist ab September 1957 bis zu seiner Pensionierung am 1. Jänner 1975 Bahnmeister bei der Österreichischen Bundesbahn.
Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, vier Enkelkinder und ein Urenkerl.
Josef Harreiter ist begeisterter Bahnengolfspieler und hat seit 8. August 1988 113.400 km (Stand 23. August 2001) mit seinem Rad zurückgelegt. Zu seinen größten Touren gehört eine Fahrt von Tirol an die Nordsee.
Autobiographien/Veröffentlichungen
Ansonsten war ich mit meinem Leben sehr zufrieden.
Herausgegeben von Bernhard Gamsjäger. Edition Weinviertel, Gösing am Wagram, 1999.
Josef Harreiter:
„Die letzte Kugel gehört mir"
Prolog
Mit dem Kriegführen habe ich keine Freude gehabt, da war mein Gedanke nur, den Krieg überleben, weil ich habe mein junges Leben nicht für so ein Verbrechen hergeben wollen. Und das habe ich mir gedacht, obwohl der Hitler einmal heilig für mich war.
Hunger und Not
So sind die Jahre vergangen, und der Vater, der hat 1931 - da habe ich ein Foto, wo er auf dieser Baustelle drauf ist – ... zwischen Winterbach und Puchenstuben, da war eine Gleisneuanlage. Der Oberbau - die Gleise und Schwellen - ist ausgewechselt worden auf den vier Kilometern. Da war er 1931. Dort bei der Baufirma hat er seine letzte Arbeit gehabt. Nach dieser Arbeit, die war im Herbst fertig, hat er die Arbeitslose gekriegt, und im ´32er Jahr, im Juni, den Notstand.
Und die Mutter, die Geschwister, der Vater und ich, wir haben uns eh so „z´sammenschraub´n" müssen, net, Hunger haben wir alleweil gehabt. Einmal hat der - sage ich nur so nebenbei - einmal hat der Herr Pfarrer gesagt: „Heut‘ ist der Karfreitag, da derf ma si nur amoi sattessen!" („Heute ist Karfreitag, da darf man sich nur einmal sattessen.") Habe ich mir gedacht: „Was sagt der - mir haben jo goar nia, kan anzigen Tog, wo ma uns richtig sattessen kennan im Joahr!" („Was sagt der - wir haben ja gar nie, keinen einzigen Tag, an dem wir uns richtig sattessen können im Jahr!")
Na ja, im Juni hat er dann den Notstand gekriegt. Und da hatten wir einen bekannten Bauern, der hat Fichten zum Umschneiden gehabt, ganz oben am Berg. Und der hat zu ihm, dem Vater, gesagt: „Du, Harreiter, verdien‘ da a weng wos dazua zu dein Notstandsgeld. I hob Feichtn zan Umschneid‘n. Aber zoin kann i da nix, dafia kannst da de Lohrind´n owatuan, de fia da i daun kostenlos 14 Kilometa nach Scheibbs zum Gerber." („Du, Harreiter, du kannst dir ein wenig zu deinem Notstandsgeld dazuverdienen. Ich habe Fichten zum Umschneiden. Aber zahlen kann ich dir nichts, dafür kannst du dir die Lohrinde herunterschälen, die bringe ich dir dann kostenlos 14 Kilometer nach Scheibbs zum Gerber."), zum Gerb´nlassen, nicht wahr. „Zoin kann i da nix, weil i nix hob." („Zahlen kann ich dir nichts, weil ich nichts habe.") „Ja", sagt er, „wie soll i denn de Bam umschneid‘n aloanig?" („Ja, wie soll ich denn die Bäume allein umschneiden?") „Na, hast eh´n Buam!" („Du hast eh den Buben!") Also mich. Das war ´32, da war ich elfeinhalb Jahre alt.
Ausgesteuert
Jetzt habe ich die ganzen Ferien im Holzschlag gearbeitet mit dem Vater. Jeden Dienstag hat er nach St. Anton gehen müssen zur Gendarmerie stempeln, sich den Stempel einidruck´n (hinein drücken lassen). Na ja, wir haben das Holz gemacht, alles recht gut und schön, haben geglaubt, es hat uns eh niemand gesehen dort oben, und im September geht der Vater nach Scheibbs, 14 Kilometer zu Fuß, und wollte sich sein Notstandsgeld holen. Und wie er hinkommt, haben sie gesagt, nichts kriegt er, nichts: Er ist ausgesteuert, schon lange. Er kriegt schon seit dem Juni keinen Notstand mehr. Weil, er hat ja Holz gesägt, ihn haben´s angezeigt, weil er da bei dem Bauern die „Feichtn" umgeschnitten hat, Fichten umgeschnitten hat, nicht wahr.
Der Mutter ist es gleich aufgefallen, daß etwas nicht stimmt, weil er so früh da war, so zeitig zurück gekommen ist. Sonst hat er sich in St. Anton immer einen Most gekauft, ein Bier hätte er sich eh nicht leisten können, aber einen Most. Und da hat sie gesagt: „Was is’n los, wieso bist’n du schon da heut‘?" („Was ist denn los, warum bist du heute schon da?") „Ja, weil i ka Göd kriagt hob." („Ja, weil ich kein Geld bekommen habe.") Da ist sie ganz weiß geworden: „Ja wieso?" „Uns haben s‘ anzagt, anzagt haben s‘ mich, weil i da bei dem Bauern die Feichtn umg‘schnitten haben mit ‘m Buam." („Uns haben sie angezeigt, angezeigt haben sie mich, weil ich da bei dem Bauern die Fichten umgeschnitten habe mit dem Buben.") Na, jetzt hat die Mutter gleich furchtbar zum Jammern angefangen: „Mein Gott", hat sie gesagt, „waun ma in der Stadt war‘n, da kennt‘ ma alles zuamachen, und da kennt‘ ma‘ das Gas aufdrahn, aber was sollt ma... . Uns kommt ja net amoi a Doktor, samma versichert? A nix! Wenn eines der Kinder krank würde..." („Mein Gott, wenn wir in der Stadt wären, dann könnten wir alles zumachen, und da könnten wir das Gas aufdrehen, aber was sollen wir... . Zu uns kommt ja nicht einmal ein Doktor, sind wir versichert? Auch nicht!") Das war so damals. Na ja. „Und waun ma z‘sammpacken und betteln geh‘n - aber wann eh schon 20 Bettler in‘ Tag von Haus zu Haus geh‘n, und mir san glei’ mit achte auf amoi!" („Und wenn wir zusammenpacken und betteln gehen - aber wenn ja schon 20 Bettler pro Tag von Haus zu Haus gehen, und wir sind gleich acht auf einmal...")
War die schwerste..., war eine schwere Zeit.
„Na", hat der Vater gesagt: „Jetzt miaß ma amoi schau‘n, daß die Esser weniger werd‘n." („Jetzt müssen wir einmal schauen, daß die Esser weniger werden.") Und ich mußte zu einem Bauern gehen, als Knecht, mit elfeinhalb Jahren, und auch meine Geschwister mit zehn Jahren, die haben zwei ältere Leute genommen. Und ein Kind hat eine Schwester von der Mutter genommen. Na ja, und dann sind sie zu den Bauern arbeiten gegangen, und der Vater hat dann Christbäume gehackt. Ja, und dann hat er eine Arbeit gekriegt in einem zusammengefallenen Bergwerk (lacht) - daß er da noch lebt, das überlebt hat, das hat eh alle gewundert.
Da haben sie – ohne pölzen gearbeitet und ohne alles sind sie hinein. Es war ein zusammengefallenes Bergwerk, sie haben Schmiedkohle herausgearbeitet, er und noch einer. Na ja, und von dem haben sie, die Eltern und die kleineren Geschwister, halt gelebt. Und ich bin natürlich zu einem Bauern gekommen, der sich keinen Knecht, den er bezahlen hätte müssen, leisten hat können. Ganz ein armer Bauer. Wir haben wohl 16 Stunden arbeiten müssen, haben aber auch Hunger gehabt dabei, aber da war nicht immer Brot da zum Essen. Na ja, und von dem armen Bauern, da gäbe es viel zu erzählen. Von dem armen Bauern.
Beim Hitler kann’s nur besser werden
Der Bauer war gegen den Hitler. Da kann ich mich auch noch erinnern, wie der Herr Pfarrer überall hin gekommen ist: „Geht’s wählen, geht’s wählen, die Nazi fressen uns!" Das war ganz zum Schluß, im März ´38, kann ich mich noch gut erinnern. Und SA-Männer sind schon herumgegangen – das war die Zeit vorm Anschluß, nicht.
Und ich habe keinen Lohn, ich habe ja nichts gehabt, und nach ein paar Monaten habe ich mir gedacht: „De kennan se jetzt vü mehr leisten, de Bauernleut‘, wie früher." („Die können sich jetzt viel mehr leisten, die Bauersleute, als früher.") Seine Mutter, die des Bauern, hat ja bis dahin keine Rente gekriegt, die hat immer gearbeitet und hat keine Rente gehabt, die hat gleich nach dem Anschluß eine Rente gekriegt, die alte Bäuerin.
Und mir haben sie ein Rad gekauft, ich war ganz überrascht. Und dann sind überall Baustellen eröffnet worden, und mich hat die Arbeit da oben beim Bauern immer weniger gefreut. Mein Vater hat auch gleich eine Arbeit gekriegt, hat bei der Bahn angefangen und ist bis zur Altersrente nicht mehr abgebaut worden. Die Mutter hat die Strohsäcke rausgeschmissen, hat sich eine Matratze gekauft, das war auch ein Luxus... !
Ich hab dann einem alten Straßenarbeiter, so einem älterer Straßenarbeiter, erzählt, daß mein Bauer mir jetzt einen Lohn gibt und mich bei der Krankenkassa anmeldet. Ich habe ja vorher keine Krankenkassa gehabt, wenn ich krank geworden wäre, hätte ich ja nicht zum Doktor gehen können. Derweil habe ich eh mit einem Zahn so ein „Gwirkst" gehabt, solche Schmerzen gehabt, und den haben die Ärzte nicht gerissen, weil ich es nicht bezahlen habe können.
Daraufhin hat der Straßenarbeiter zu mir gesagt: „Du muaßt schau‘n, daß d‘ weiterkummst, weil waun di der anmeld‘t, mußt du Bauernknecht bleiben." („Du mußt schauen, daß du wegkommst, weil wenn dich der anmeldet, mußt du Bauernknecht bleiben.")
Jetzt bin ich dort in der Nacht auf und davon und bin dann nicht mehr zurück. Und habe dann bei der Wildbachverbauung gearbeitet, bis Weihnachten, und dann im Jänner habe ich eine Zuweisung gekriegt in die Fabrik.
(Tonstörung, Josef Harreiter greift auf’s Ansteckmikro) Hören Sie, da waren sie mir alle neidisch, weil ich als so armer Bub in einer warmen Bude arbeiten habe dürfen!
Und dort habe ich dann gearbeitet bis zum Einrücken.
Der Führer war heilig für mich
Jetzt war ich natürlich a recht a Nazi-Bua, ist eh klar. Ah, was für einer, dort in der Fabrik! Der „Führer" - der war doch heilig für mich, der Führer. Und da war (lacht) ein älterer Schlosser, der hat den Hitler nicht mögen, der hat immer geschimpft: „Das System... !" Ja, das war ein alter, verbissener Sozialdemokrat. Und ich kann mich noch gut erinnern, wie wir Feierabend gemacht haben, da haben wir uns bei den Waschmuscheln die Hände gewaschen, er ist neben mir gestanden, und ich habe halt gesagt, daß ich jetzt wieder marschieren gehe zu den Pimpfen, da in Scheibbs, in der Stadt und so. „Wos, do gehst a hin? Do gehst a hin?" („Was, da gehst du auch hin?!") Sage ich: „Ja, für´n Führer! Jetzt habe ich Arbeit gekriegt und alles. Ist doch was Schönes, wenn man bei der Hitler-Jugend sein kann." Fangt der zum Schreien an mit mir.
Und ich sag´ dann - bin dann auch frech geworden, obwohl er schon 50 war - ich sage: „Wiss´n´s was, Sie wissen ja goar net, was Not heißt, Sie haben da in dem Betrieb gelernt und sind keine Stunde arbeitslos gewesen. Sie haben alleweil verdient, in der ganzen Zeit..., aber wir - ich habe bis jetzt nur immer gehungert." („Wissen Sie was, Sie wissen ja gar nicht, was Not heißt, Sie haben hier in dem Betrieb Ihre Lehre absolviert und sind seitdem keine Stunde arbeitslos gewesen. Sie haben immer verdient, in der ganzen Zeit... , aber wir - ich habe bis jetzt nur immer gehungert.") „Es werd‘s schon sehen, du Rotzbua, des werd´s schon sehen, was ‘s habt‘s von eurem Hitler. Ihr werd‘s fallen auf die Schlachtfelder, es werd‘s verrecken draußen." („Ihr werdet schon sehen, du Rotzbub, ihr werdet schon sehen, was ihr von eurem Hitler habt. Ihr werdet auf den Schlachtfeldern fallen, ihr werdet verrecken draußen.") Ich hätte ihn können anzeigen und alles. Aber den nächsten Tag haben wir wieder miteinander gearbeitet, er war Schmied und Schlosser, und es wäre mir nie eingefallen, daß ich den Mann angezeigt hätte. Obwohl, nach dem Krieg, wie ich nach Hause gekommen bin, habe ich nach ihm gefragt, haben sie gesagt: „...den haben sie ´42 oder ´43 geholt, und bald darauf ist die Nachricht gekommen, daß er an einer Lungenentzündung gestorben ist."
Ich war begeistert
Und ich bin dann eingerückt, in Wien, ins Arsenal zu die Preuß´n, bin „preußischer Soldat" worden. (lacht) Und begeisterter Nazi-Anhänger, begeistert - bis zum 4. August 1941. Da war es momentan ganz aus mit mir. Bin der größte Gegner geworden. Und das war so:
„Armes Deutschland"
Ich melde mich beim Küchenunteroffizier, wir nehmen den Feldkessel und fahren mit dem leichten Lkw Verpflegung fassen. In Schitomir war das, am 4. August ´41. Und beim Zurückfahren haben wir uns verfahren in den engen Gasserln. Und (räuspert sich) hören immer Schießen und Schreie von Menschen. Jetzt sagt der Unteroffizier: „Hörst, das sind Partisanen..." Und da haben wir unsere Waffen entsichert,... das hat sich angehört, als ob mit Schalldämpfern geschossen worden wäre. Na, jetzt fahren wir weiter, das kommt immer näher... Dann bleiben wir stehen, der Unteroffizier steigt aus und geht dreißig Schritte über so eine Böschung hinauf, da waren Holzbretter, und er schaut dazwischen durch und deutet mir, ich soll zu ihm hinkommen. Jetzt renne ich hinauf und schaue auch dort hinein. Wissen Sie, was ich da gesehen habe? Da war eine große Grube, so ungefähr wie unser Garten da, und die war halb mit Toten voll. Und über der Grube war eine Treppe, auf die sie Männer, Frauen und Kinder hinaufgepeitscht haben. Die Kinder sind auf den Händen ihrer Mütter gewesen. Das Ganze - ein Schreien, ein Jammern und ein Stöhnen. Und hinten haben Hunderte darauf gewartet, bis auch sie dran kommen.... War die Treppe voll, hat das Kommando „trrr, trrr, trrr" gemacht (Josef Harreiter imitiert das Schießen mit einem Maschinengewehr) und alle sind über die Treppe in die Grube hineingefallen. Die hinten gewartet haben, wußten genau, so wird es auch ihnen ergehen. Und die, die sich da drin in der Grube noch gerührt haben, haben Genickschüsse gekriegt. Ja, und das war nicht das Ärgste. Dann sind sie noch gegangen mit der Zange und haben ihnen zum Teil das Gold herausgerissen vom Mund. Und die anderen mußten warten, bis sie drankommen, stellen Sie sich einmal so was vor!
Und ich bin – ich bin weggerannt, ich habe nicht mehr schauen können, der Unteroffizier hat noch ein bißchen geschaut und ist dann nachgekommen. Und ich frage ihn noch, was er dazu sagt. „Ich", sage ich, „ich kann nichts sagen, ich bin so geschockt!"
Sagt er: „Armes Deutschland. So was muß sich einmal rächen. Die ganze Welt wird" - er war Berliner -, „die ganze Welt wird gegen uns kämpfen. Und letzten Endes werden wir auch auf so eine Treppe gepeitscht oder von der Luft aus vernichtet." ... Naja.
Das muß der Führer doch wissen!
Dann sagt er beim Zurückfahren: „Wir sagen aber niemandem was, daß wir dieses grausame Judenerschießen gesehen haben! " ... Jetzt habe ich mir gedacht: „Fix!", und habe so einen Haß gekriegt. Das muß ja der Führer wissen, der Hitler, solche Sachen muß er ja wissen!...
Daß sie Konzentrationslager gehabt haben ... da habe ich mir gedacht: „Na ja, wir haben auch Wöllersdorf gehabt in Österreich", solche Lager gibt’s öfter, ich habe sie als Straflager angesehen, diese Konzentrationslager...
Und habe mir gedacht, habe ich immer gegrübelt: „Heiliger Gott, was müssen das für Soldaten sein, die sich für so was hergeben, die unschuldige Kinder von den Händen ihrer Mütter herunterschießen können. Das können keine Soldaten sein. Das müssen doch ausgesuchte Verbrecher sein!"
Ich habe Tag und Nacht immer „studieren" müssen, ich habe nicht schlafen können. Jetzt: Soll ich überlaufen, zu den Russen? Niemandem was gesagt. Ich konnte nicht mehr schlafen. Nein... Entweder sie, die Russen, erschießen mich gleich, wenn nur einer kommt, ist eh klar, wegen einem machen sie sicher keinen Gefangenen. Oder sie verbannen mich gleich nach Sibirien zur Strafarbeit ... Nein, ich bin nicht desertiert. Die Zeit ist vergangen und ich bin ein passiver Soldat geworden, ganz ein passiver Soldat.
Kein Fronturlaub
Ein passiver Soldat. Alle zwei Tage auf Wache, alle zwei Tage in der Nacht habe ich Wache gehabt. Ich habe es eh gemerkt, daß sie mich nicht mögen die Vorgesetzten... Ich habe den Kopf hängen gelassen. Mir hat das so weh getan, ich habe so wegen Schitomir gelitten, wegen dem, was ich da gesehen habe.
Naja. Und die anderen, die sind in Urlaub gefahren, die sind befördert worden – ich war nie dabei. Wir waren dann im strengen Winter ganz in Charkow einquartiert. Und wieder: Die sind von dort in Urlaub gefahren, nur ich kriege nie Urlaub, nie. Und ich habe mir nicht sagen getraut zum Spieß, daß ich auch einmal nach Hause fahren möchte, zu meinen Eltern.
Partisanenbekämpfung und Schokolade
Am 7. Dezember, wie der Angriff auf Pearl Harbor war, sind wir nach Charkow gekommen... Wir waren da im Einsatz zur Partisanenbekämpfung. Wir sind immer in einem Quartier gewesen, in so einem kleinen Häuschen. Da haben wir ein Zimmer gehabt, kleiner wie das (zeigt über den Raum, in dem das Interview stattfindet, circa 15 m² groß), für uns zwei... fast sechs Monate. Der Kamerad Willi Jung hat sich immer als großer Sieger aufgespielt. Ich nicht, ich habe gesagt: „Willi, mir ist alles runtergefallen, und die SS mag ich überhaupt nicht."
Na ja, und ich habe das Gefühl gehabt, ich muß zu den Leuten - zu der russischen Familie, bei der wir einquartiert waren - gut sein. Am liebsten hätte ich mich entschuldigt, daß wir da bei ihnen eindringen ... und ich habe immer auf sie geschaut, ... daß genug Brennholz da war, die wären sonst vielleicht erfroren. Da sind wir mit dem Lkw Holz stehlen gefahren in der ganzen Stadt. Charkow hat damals über eine Million Einwohner gehabt. Die Familie war froh, daß sie uns gehabt hat und ich hab’ zu dem Mann, bei dem wir einquartiert waren - er war so um die 60 Jahre alt - gesagt, er soll immer schauen, daß es warm ist, und ich will schauen, daß immer Holz herkommt.
Und ich kann mich noch gut erinnern, zu Weihnachten ´41 haben wir eine Flasche Wein gekriegt und eine Tafel Schokolade, eine große Tafel Schokolade... Damals sind wir halb eingeschlossen gewesen, der Nachschub hat nicht funktioniert, es ist nichts nachgekommen, und so war’s mit der Verpflegung recht schlecht ... immer nur ein wenig dünne Eintopfsuppe - aber ich hab’ ja einen solchen Hunger gehabt!
Und da hat mir die Frau, die Russin, öfter eine Suppe gegeben, so einen Teller Suppe. Und da habe ich mir gedacht, die hat mir schon so oft eine Suppe gegeben, ich gebe dafür der Kleinen ihrer Tochter, ihrem Enkerl, etwas, die war drei Jahre alt, und der habe ich die Tafel Schokolade gegeben. Na, Maria ... !
Die hat ja Schokolade nicht gekannt. Hätt’n aber eh selber auch recht gern mögen...
„Rußland ist zu groß!"
Und da komme ich einmal heim, und da steht ein junges Mädchen, etwa 22 Jahre alt, sie hat jünger ausgeschaut als 22, und fragt mich in gebrochenem Deutsch: „Wie lange Sie noch bleiben hier?" Darauf ich: „Weiß ich nicht." „Oder kämpfen bis Sibirien? Wo ist Kamerad?" Sage ich: „Der hat Wache, der Willi, der kommt erst morgen in der Früh."
„Sie awstrijskij-österreichisch?" Sag ich: „Ja." „Und Kamerad njemezkij-deutsch?" „Ja, hm, hmm." Dann fragt sie, ob ich hier bleibe, wenn die deutschen Soldaten zurück müssen. Sage ich: „Wieso? ... , wir brauchen doch nicht den Rückzug antreten." „Ich glauben schon", hat sie g´sagt, „kommen Sie!" Und hat eine große Karte geholt, ist mit mir in das Zimmer hinein, hat sie aufs Bett aufgelegt und hat gesagt: „Hier, das kleine Deutschland! Deutschland ist stark, sehr stark. Aber da ist das große Rußland. Und alles Material durch Polen durch, alles Partisanen. – Deutschland kämpfen noch bis Sibirien, bis in den Ural, aber dann ist Schluß! Rußland genug Bodenschätze zum Kriegführen. Stalin gewinnen den Krieg!"
Und ich habe gesagt: „Raja, lassen wir das.- Wir verstehen das nicht... Trinken wir Bruderschaft. Ich habe eine Flasche Wein hier, trinken wir Bruderschaft." Darauf sie: „Paßt mir nicht Bruder, wir Feinde!"
Ich hole dann ein Glas und mache die Flasche auf. Na, hat sich die angestellt, als hätte ich mich auf einen Kuß angeschwindelt, und hat sich abgewendet: „Polenmädchen auch gesagt, ich küsse nicht." Sag ich: „Na, und was hat das Polenmädchen dann zum Schluß gesagt? Nimm hin, du kleiner Kanonier, den ersten Kuß von mir." „Ja, ich wissen, ich wissen!" Na, und wirklich haben wir, haben wir uns...
Dann sind wir, nach dem leidenschaftlichen Kuß, händchenhaltend zusammengesessen, hat sie gesagt zu mir: „Aber Josef, wenn deutsche Soldat zurück muß, du bleiben hier, in Charkow. Du bis Deutschland vielleicht tot werden, und das ich nicht wollen." Und sie hat g´sagt: „Ich geb‘ dir für russische Soldaten einen Brief mit und schreiben, gutes Mann, meiner ... Familie viel geholfen." - Ihrer Nichte, der Kleinen, habe ich ja die Schokolade gegeben, und das Dirndl haben sie dreimal zu mir g´schickt, um mir die Hand zu bussln: „Spasiba!" Das heißt, „danke", rührend, nicht wahr? ... Sag´ ich: „Raja, nein, das kann ich nicht nehmen. Wenn der Brief in falsche Hände kommt, komm´ ich vor´s Kriegsgericht, und wenn man vors Kriegsgericht kommt, weil ich mit dem Feind paktiert habe, werd´ ich erschossen. Nein, Raja, das tu’ ich nicht, kann ich nicht." „Ach, du nicht wollen? Ich wissen, wir doch Feinde!"
Und sie war dahin, und ich hab sie nie mehr gesehen. Nie mehr, hat sich nie mehr anschauen lassen.
Das war also die Geschichte mit der Raja...
Ruth Deutschmann:
Wie hat sie ausgeschaut, die Raja?
Josef Harreiter:
Hah, na ja - sie war so eine Dunkle. Dunkle Haare hat sie gehabt. Schöne Figur, intelligent, sehr intelligent. Und die hat das schon gerochen, gespürt, daß das schief ausgeht. Sie sagte: „Rußland kann den Krieg nicht verlieren". Und dann wieder hat sie gesagt, wie wir so händchenhaltend zusammen gesessen sind: „Schau", hat sie gesagt, „das sage ich aber nur dir, weil ich auf dich traue."
Klar, wenn sie das einem anderen sagt, zeigt der sie an und sie kommt ins Zuchthaus oder was weiß ich, in ein KZ oder...
Raja: „Also, was ich dir sagen will, Stalin zieht sich bis über den Ural zurück, da viele Städte, Rußland tausende Kilometer, Städte, da baut er Industrie auf, und für Deutschland der Nachschub immer weiter und weiter und alles durch Partisanengebiet - Deutschland kann den Krieg nicht gewinnen!"
Endlich: der erste Fronturlaub
Jetzt ist dann im Frühjahr die Offensive weitergegangen. Bevor sie angefangen hat, im Juni ´42, da haben wir den Einsatz gehabt mit der SS. Da habe ich das Bild drinnen in meinem Buch, wo die zwölf Ortschaften niedergebrannt worden sind, und überall sind die toten Zivilisten gelegen. Die SS... wenn ihnen Verdächtige untergekommen sind, hab´n sie´s erschossen, ob das eine Frau war, oder... das ist wurscht gewesen.
Na ja, jetzt ist der Feldzug weitergegangen bis Stalingrad. Und im November, am 2. November ist ein Kälteeinbruch gekommen. Und da sind wir in so Erdlöchern drinnen gelegen, haben wir uns so Erdlöcher ausgeschaufelt, Bretteln drüber, unten einen Ofen, das Rohr hinaus gesteckt, und da unten, da haben wir halt gehaust drinnen.
Und wieder sind welche in Urlaub gefahren. Bei mir werden es jetzt schon bald zwei Jahre... Das war im November, im Februar ´41 bin ich eingerückt. Und am
10. November ´42 sagt einer vom I-Trupp: „Du sollst dich beim Spieß melden." Sage ich: „Ich hab ja nichts getan, was will denn der schon wieder von mir?" Bin zögernd hin. Da war eine Schreibstube, oben, da waren so Stufen hinauf. Ich geh hinauf, klopf an und geh hinein: „Kanonier ah, Gefreiter Harreiter meldet sich" – ein Gefreiter bin ich doch inzwischen geworden, ja, Gefreiter – „meldet sich zur Stelle." Sagt der Spieß:„Ja, Sie sind einer, der seit Beginn bei unserer Einheit ist, und Sie haben noch nie Fronturlaub gehabt. Da haben sie Ihren Urlaubsschein, fahren Sie nach Hause und kommen Sie uns gesund wieder." Und die Worte klingen mir heute noch in den Ohrwascheln.
Jetzt habe ich schnell mein Ding, meine Sachen, gepackt, hab´ bis Kalatsch, 80 oder 90 Kilometer, mit einem Auto mitfahren können, das Sprit geholt hat von rückwärts, von hinter der Front. Und dann habe ich zwölf Tage Zeit gehabt, um mich durchzuschlagen bis Charkow, und von Charkow habe ich schon eine Platzkarte gehabt bis herein nach Krakau. Von Krakau haben wir dann in den fahrplanmäßigen Zügen heimfahren dürfen.
Stalingrad entkommen
Ich komm´ also heim. Der erste Weg war zu den Eltern, die haben sich g´freut, na, das ist eh klar. Hab´ ich mir gedacht, mein Gott, kein Herschießen, keinen Beschuß brauche ich zu fürchten, kein Wachestehen, kann in einem warmen Bett vier Wochen lang schlafen und so. Selig war ich. In die Fabrik bin ich dann gegangen, zu den Kameraden, um sie zu besuchen. Das erste war, die Lebensmittelmarken holen vom Gemeindeamt und so. Und wie ich auf die Gemeinde komme, sagt mir die Sekretärin, mit der bin ich in die Schule gegangen: „Du hast aber ein Glück gehabt." Sage ich: „Wieso?" „Gerade haben sie es durchgegeben, daß die Sechste Armee in Stalingrad eingeschlossen ist." Sage ich: „Na ja, die werden sich schon wieder raushauen (befreien)." Und bin heim, und die Mutter hat so einen kleinen Volksempfänger gehabt, und sagt mir dasselbe: „Hast du ein Glück gehabt, jetzt gerade haben sie es durchgegeben, daß die ganze Sechste Armee eingeschlossen ist." Am 22. haben sie zugemacht. Und währenddem ich daheim war, haben sie es durchgegeben. Ja, habe ich mir gedacht, ich habe gesagt: „Die hauen sich schon wieder aussa (heraus)!" Habe gar nicht weiter viel gedacht.
Zurück nach Charkow
Als ich von meinem ersten Fronturlaub im Dezember ´42 zurückkam, nach Charkow, mußte ich mich an der Frontleitstelle melden. Und da wurde mir gesagt, daß sich dort die ganzen Angehörigen von unserer Abteilung, von unserer Brigade sammeln. Dann sind wir in Waggons hinein, in Güterwagen, und wieder nach Osten befördert worden, Richtung Stalingrad. Stalinow hat das geheißen. Dort sind wir ausgeladen worden, und da hat es geheißen, wir werden in den Kessel hineingeflogen. Jetzt war ich geschockt: Bin froh, daß ich draußen bin, warum soll ich jetzt hinein, nicht wahr?
Und dann habe ich einen Leutnant getroffen von unserer Einheit, den ich an unserer Sturmuniform erkannt hab. Und der hat gesagt: „Von welcher Batterie?" Sage ich: „Von der ersten Batterie." „Kommen Sie mit." Jetzt bin ich mit ihm mit. Da waren von unserer Abteilung noch 50 heraußen- die Brigade hatte ungefähr 600 Mann -, 50 waren heraußen, und die anderen von der Abteilung sind im Kessel drinnen alle umgekommen. Und von unserer Batterie, 125 Mann, da sind sieben heraußen gewesen. Da war ich dabei auch, die anderen sind alle umgekommen. Kein einziger hat überlebt da drinnen.
Na ja, wir haben uns gesammelt, und er sagt: „Und jetzt machen wir einen Rückzug bis Dnjepropetrowsk/Dnipropetrovs´k. Und wir werden wahrscheinlich zurückgehen nach Jüterbog, in Deutschland, werden neu aufgestellt und gehen voll ausgerüstet, mit neuen Waffen und allem, wieder an die Front zurück nach Rußland." Na ja, damit vergehen jetzt Monate, prima, nicht?! Da sind alle einverstanden gewesen. Ja, jetzt sind wir weg dort, und der Ruß´... fest im Vormarsch. Jetzt sind wir gegangen, er, der Leutnant, hat gesagt: „Wir müssen zu Fuß gehen." Wir sind alle Tage 25 Kilometer gegangen, im Winter! (lacht) Und da habe ich was erlebt, da habe ich mich auch geschreckt. Alle haben wir uns geschreckt.
Panzerketten
Wir sind gegangen, sind in so ein Russenhaus hinein, haben uns auf den Fußboden hingelegt und haben geschlafen da drinnen. Nach 25, 30 Kilometer ist man müde, nicht? Na ja, und um vier in der Früh hören wir Panzerketten rasseln vor den Fenstern. Da haben die Fenster gescheppert bei diesen Strohbuden da. Geht ein Unteroffizier raus und macht die Tür auf: „Schnell, wir müssen weg, schnell, das sind keine deutschen Panzer, das sind russische T 34!" Schnell raus. Jetzt haben wir die Leute in Schach gehalten, damit sie uns nicht verraten, und sind hinten, beim Hintertürl raus und querfeldein davon gerannt. Gerannt, gerannt und gerannt. Und der Leutnant hat noch geschrien: „Wir treffen uns in Dnjepropetrowsk!", wenn wir uns zersplittern sollten. Aber... wir haben keiner einen Marschbefehl gehabt, den hat nur er alleine gehabt, für die ganze Gruppe. Und wir haben uns wirklich, bis auf einen oder zwei haben wir uns wieder getroffen, abends. Da ist dann schon eine Eisenbahn gegangen ... ja, die war schon umgespurt auf die österreichische, die deutsche Spur, weil die Russen haben ja eine breitere Spur. Und da sind wir dann, ich weiß es nicht genau, etwa dreihundert Kilometer zurückgefahren. Wir haben mitfahren können... im Viehwaggon natürlich, nicht? Kalt war’s in der Nacht.
Die Front war weit weg
Und dann sind wir in so ein Dorf gekommen, und da ist mir vorgekommen, wie wenn der Leutnant Zeit schinden will. Da waren wir zehn oder zwölf Tage. Und wie wir in das Dorf hineinkommen, haben dort fast alle Deutsch gesprochen... Und ein Grammophon haben sie gehabt, jetzt haben wir getanzt und so, und dann haben wir noch gefeiert, und dann... das „Trinklied" haben wir den Frauen beigebracht, das haben sie nicht gekannt: „Wer im Jänner geboren ist". Wir haben gesungen und dann g´schunkelt, und dann war’s halt, es war halt... na, da haben wir den Krieg vergessen g´habt.
Die Front war weit weg noch, hat man kein Schießen gehört, und der Drill vom Kasernenhof war noch weiter weg. Der Leutnant, und auch die Unteroffiziere, Wachtmeister, das war alles gleich. Aber der Leutnant hat sich ein bißchen abgesondert, als Vorgesetzter hat er sich ein bißchen absondern müssen, nicht? Na ja, und dann hat er gesagt, wir müssen weg, die Russen sind schon bald da. Die Front kommt alleweil näher. Und so haben wir einen Zug erwischt, bis Dnjepropetrowsk, und in Dnjepropetrowsk hat sich er dann von der Armee einen Marschbefehl geholt nach Deutschland.
Zurück nach Rußland
Im Juni 1943, da waren wir dann aber nicht mehr im Südabschnitt, sondern im Mittelabschnitt, bei Orel, weil da hat der Ruß‘ so einen Einbruch gehabt, und da hat der Hitler geglaubt, er kesselt die zwei russischen Armeen, die auf das von den Deutschen besetzte Gebiet vorgedrungen waren, ein, und wir machen da ein paar Hunderttausend Gefangene. Aber das ist nicht gelungen. Da sind wir Ende Juni 1943 hingekommen, und da haben wir gekämpft, keinen Meter sind wir nach vor gekommen. Ja, da hat der Hitler eine Offensive angefangen, im Juni, ja, Ende Juni.
Und am 25. Juli – ich kann heute noch nicht glauben, daß ich da sitz´ und noch lebe – am 25. Juli mußte ich Essen mit´m Pkw, mit so einem kleinen Schwimmwagen, einem VW-Schwimmwagen, Essen zu den Panzern, also zu den Sturmgeschützpanzern, ganz nach vorne an die Front bringen. Gekocht wurde hinten, im Troß ... wir waren ja beim Troß, wir, die Werkstatt, die Küche und die Schreibzimmer und das alles ...Und es hat geheißen: „Nehmen Sie diesen Ladekanonier mit!" Ein ganz ein junger, vom Nachersatz, der ist erst ein paar Tage da gewesen, ist mit gefahren. Es hat geheißen: „Der muß mitfahren. Es sind Tote gemeldet worden und Verwundete..."
Ja, wir fahren – und ich finde unsere Panzer nicht. Ich finde sie einfach nicht. Überall kracht es, neben uns, hinter uns, und da schaue ich: Jessas, da rennen die Landser fluchtartig zurück... überall brennt es und kracht es! Jessas, und die Panzer, russische Panzer kommen auf uns zu! Ich drehe um und habe nichts mehr gewußt dann, ich war weg...
25. Juli 1943: ein Volltreffer
Stellen Sie sich vor, was ich da für ein Glück gehabt habe. Aber der Junge war tot, der war nicht einmal einen Tag in der Front, (Josef Harreiter verbessert sich) war nur ein paar Tage an der Front, war der schon tot... der ist tot gewesen!
Wir haben hinten einen Volltreffer gekriegt in den Wagen, in den Küchenwagen, und ich habe da - nur da (Josef Harreiter schaut zur Seite und zeigt die Stelle an der Schläfe) - einen Splitter hereingekriegt, da, weil ich so geschaut habe da - man greift es eh noch da, da drinnen ist er unter der Schädeldecke stecken geblieben, hat das Gehirn nicht beschädigt. Durch den Stahlhelm durch, wenn ich den Stahlhelm nicht gehabt hätte, hätte es mir den Kopf weg -, die Schädeldecke wegg´rissen. Flieg´ bewußtlos aussi aus dem Wagen und bleib´ am Wegrand liegen – haben sie mir erzählt. Ich hab´s ja nicht mehr g´wußt, aber der Sani, die Sanitäter – Sani haben wir immer gesagt, weil´s kürzer ist – der hat mir das erzählt, am nächsten Tag, wie ich aufwach‘ ... in einem großen Zelt, am Hauptverbandsplatz. Da war ich eingebunden, und Kopfweh hab‘ ich gehabt... Hat er, der Sanitäter, gesagt: „Du hast aber ein Glück gehabt!" Sage ich: „Wieso?" Sagt er: „Wir sind zurückg´fahren mit dem Sanitätswagen, und da sind tote Landser g´leg´n, und wir haben geglaubt, du bist auch tot. Aber du hast zufällig die Hand ein biß‘l (ein wenig) bewegt, und ich habe zufällig hing´schaut. Wenn ich nicht zufällig hinschaue und das sehe, und du nicht zufällig grad die Hand bewegst, denk‘ ich, na, der ist auch tot, und später wären die Russenpanzer gekommen, die wären drübergefahren über euch, und wo wären wir denn dann?" Habe ich gesagt: „Wo?" „Auf einer Gedenktafel als vermißt gemeldet, sonst nirgends", und da habe ich dann gesagt: „Ich danke schön!"
Mich haben sie halt gepackt, weil ich noch gelebt habe, an den Händen, rein ins Auto, und am Hauptverbandsplatz haben sie mich abgegeben.
Hitler: Vom Heiligen zum Verbrecher
Da bin ich dann zurück ins Lazarett nach Warschau. Da war ich dann - am 25. Juli ist mir das passiert - da war ich bis 23. Oktober im Lazarett. Gleich wie ich zurückgekommen bin, weil ich so viele Schmerzen gehabt habe, müssen sie mich noch operiert haben. Und die Schmerzen sind dann alleweil immer weniger geworden.
Na ja, und jetzt kriege ich wieder Urlaub, (lacht) Genesungsurlaub. Wie ich vom Genesungsurlaub zurückkomme, muß ich zum Chefarzt, der Chefarzt untersucht mich, und ich habe gejammert, daß ich noch immer so viel Kopfweh habe... ist eh nicht wahr gewesen. Mit dem Kriegführen habe ich keine Freude mehr gehabt. Da war ja mein Gedanke nur, den Krieg überleben, weil ich habe mein junges Leben nicht für so einen Verbrecher hergeben wollen. Gerade so habe ich mir gedacht, obwohl der Hitler heilig war für mich, amoi (einmal).
Na ja, und dann hat er mich wieder GVH geschrieben, also „garnisonsverwendungsfähig". Nicht KV, das war „kriegsverwendungsfähig", sondern GVH, „garnisonsverwendungsfähig".Na ja, was machen wir mit ihm?
Als Rekrutenausbildner bin ich versetzt worden nach Neiße in Oberschlesien. Habe ich also Kurse gemacht und alles, da war ich dann bis im - bis im September, ja... ´43 nein, ´44! Ja. Bis in den September, weil am 25. Juli ´43 ist mir das passiert. Ja, bis September ´44 war ich da in Neiße Rekrutenausbildner. Habe schöne Monate verbracht, und hab´ mir gedacht: Ich muß das Leben fortbringen, ich muß durchkommen durch den Krieg, ich will nicht, ich will nicht sterben. So einen Lebenswillen habe ich gehabt, und immer wieder an das Massaker gedacht...
Ardennen-Offensive
Na ja, und dann ... auf amoi (auf einmal)... krieg´ ich wieder einen Marschbefehl zu meiner Einheit, zu der selben Batterie, bei der ich war, bei der Sturmgeschützbrigade, erste Batterie. Ist die in Orel wieder kaputtgeschlagen worden - total kaputt alles, die meisten gefallen - und ist da wieder neu aufgestellt worden, und zwar nicht in Jüterbog, sondern in Magdeburg. Ich bin dann zu meiner Einheit zurückgekehrt, und wir sind, voll neu ausgerüstet, (Tonfehler, Josef Harreiter greift ans Aufsteckmikro) im November nach Westen. Dort sind wir bei der Ardennen-Offensive in der Eifel, bei Trier am 16. Dezember 1944 eingesetzt worden. Weil der Hitler hat geglaubt, er kann die Amerikaner aus Frankreich wieder hinaustreiben, ... ist aber nicht gelungen. Und da haben wir viel erbeutet, Lebensmittel: Dosen, Fleisch, und da jeder hat gleich gut ausg´schaut, Alkohol und alles, und da sind Feiern gewesen, jetzt beginn´ ma (beginnen wir) den Krieg... und die Fanatiker haben gesagt: „Auf unseren Führer! Der macht das schon, der weiß, wie wir die Feinde vernichten können!", und so haben sie geredet. Na ja, und es hat nicht lange gedauert, da war der Vormarsch weg und wir haben einen Rückzug machen müssen...
Österreich wieder ein eigenes Land?
Und dann sind wir zurück über Holland in die Nähe von Köln, Klesen hat das geheißen, eine kleine Ortschaft und da haben wir wieder neue Sachen gekriegt, weil durch den Einsatz haben wir viel verloren, sehr viel verloren. Und in Klesen sind wir mit unserer Einheit eine Woche gelegen und dann sind wir nach Fliestetten aber nur 6 km weiter in die nächste Ortschaft.
Und da sagt der Spieß zu mir, ich soll eine vergessene Kiste für einen Leutnant aus Klesen holen. Jetzt bin ich mit dem Pkw hing´fahren. Und wie ich nach Klesen hineinfahr‘, kommen die Tiefflieger, die Amerikaner. Ganz tief, so, und haben auf alles geschossen, mit den Bordwaffen... Und ich bin schnell in einen Hof rein gefahren und in den Keller hinunter. Und da waren viele Zivilisten unten. Hab‘ ich mit ihnen so gesprochen, und da haben sie gefragt: „Sie sind aus Österreich?" Sag´ ich: „Ja." Darauf sie: „Na was wird nach dem Sieg? Nach dem Krieg? Wird Österreich wieder ein eigenes Land? Sag‘ ich: „Wieso? Der Krieg ist ja nicht verloren!" „Doch, doch", hat einer gesagt, „ich sag’ Ihnen nur eines, wir wären alle froh, wenn der Amerikaner schon hier wäre." (flüstert) „Der Krieg ist nicht mehr zu gewinnen!" Haben sie gesagt. Das haben sie mir erzählt, da unten. Ich war ganz überrascht, nicht, weil die mir das anvertrauen. Die müssen ja meine Gesinnung erkannt haben. Jetzt bin ich da zu lang unten geblieben. Und wenn man länger als vier Stunden von der Einheit weg war, hat man sich strafbar gemacht. Und ich war aber acht Stunden fast weg.
„Ich bring‘ Sie vors Kriegsgericht!"
Und das Schlimmste war, weil der Chef, der Oberstleutnant den Pkw gebraucht hätte. Jetzt wie ich zurückkomm‘, fangt der Spieß zum Schreien an: „Ich bring‘ Sie vor‘s Kriegsgericht!" und so weiter. Furchtbar, „zur Strafe müssen Sie heute Nacht Wache machen. Sind Sie sich nicht bewusst, in dieser gespannten Lage, was Sie da getan haben?!"
Jetzt hab‘ ich nur mehr einen Gedanken gehabt: Abhauen. Gibt nichts mehr anderes für mich. Ja, auf d' Nacht zieh‘ ich zur Wache auf. Um zehn abends bin ich das erste Mal drankommen, da hab ich vorher meine Pistole voll mit Munition angefüllt und das Magazin und auch sonst noch ein paar Magazine eingesteckt. Alles Eßbare eingepackt in meinen Wäschebeutel, und das hab‘ ich mir schon vorher hingebracht, weil es schon dunkel geworden ist, wie ich Wache hab‘ stehen müssen... Und wie ich zehn Minuten gestanden bin, hab‘ ich das Gewehr an die Mauer angelehnt. Ich hab´ meinen Wäschebeutel genommen... und bin abgehauen.
Später bin ich durch einen kleinen Bach fünfzig Meter gegangen, Spuren verwischen, und dann drüben, auf der anderen Seite wieder hinaus. Und dann, ungefähr nach 10 km hab‘ ich einen Heustadel angetroffen. Und in dem war ich drei Tage drinnen. Da hab‘ ich mich ausgerastet, und dann war mein Vorrat aus, und Durst hab‘ ich schon gekriegt... und das hat mich aus dem Stadel herausgetrieben.
Und dann hab ich mir gedacht – die Pistole griffbereit: Wenn mich die SS fangt, ich wehr‘ mich. Aber die letzte Kugel gehört mir! Ich laß mich nicht fangen von ihnen.
Bei den Amis
Jetzt, was mach‘ ich? Bin ich zu einem Straßendamm gekommen, und da leg‘ ich mich hin und hör‘ da Fahrzeuge darüber fahren. Jetzt weiß ich nicht: Sind das Amerikaner oder sind das Deutsche?! Jetzt bin ich hinauf gerobbt und hab‘ geschaut. Amerikaner. Bin ich hergegangen, hab‘ meine Waffen weggeschmissen mitsamt der Munition, bin ganz hinauf und hab‘ mich hingestellt. Der erste war ein Jeep, der fahrt vorbei, hat mich nicht gesehen. Der zweite bleibt stehen. Ich heb‘ die Hände auf, in die Höhe. Kommt der heraus, setzt mir die Pistole an, und hat meinen Wäschebeutel gefilzt. Waffen haben sie nicht gefunden, auch nicht Munition. Die Karotten, die ich vorher eingesammelt hatte, haben sie weggeschmissen, die Amerikaner. Ich mußte mich auf die Motorhaube hinaufsetzen und die Hände verschränken. Und sie sind gefahren mit mir.
Im Lager Düren
Da haben sie uns dann in so ein Gehöft hinein getrieben. Das war bei Düren.
Na ja, da waren wir dann zwei Tage in dem Stadel drin... aber schon tausende Gefangene... und da haben wir amerikanische Dosen bekommen alle Tage, einmal mit Keks und einmal mit Gemüse. Und auf einmal kriegen wir vier solche Dosen, weil wir am nächsten Tag mit der Eisenbahn abtransportiert werden sollten. Ich habe gleich alle Dosen vor Hunger zusammengesessen.
Den Franzosen ausgeliefert
Na ja. Am nächsten Tag marschieren wir weg, über 2000 Mann, eine Kolonne. Da vor dem Bahnhof, in Düren, steht ein langer Güterzug mit ganz kleinen amerikanischen Zweiachser-Waggons. Und da müssen sich überall achtzig hinstellen. Zu einem jeden Waggon. Jetzt, wo so vierzig drin waren, die Hälfte, war der Waggon voll. Aber wir müssen auch noch hinein. Und wenn man nicht schnell war, haben sie uns mit den Gewehrkolben – die Franzosen haben uns da bewacht - haben sie uns die Gewehrkolben hineingestoßen, und wie wir drinnen waren, riegelt er die Türe zu. Es ist stockfinster drin, und wir haben fast keine Luft gekriegt. Jetzt schreit einer ganz hysterisch: „Macht auf, ihr Verbrecher, wir ersticken, ihr Mörder. Macht auf!"
Jetzt hat ein Franzos‘ die Tür aufgemacht. Steht einer draußen, der deutsch gesprochen hat, das muß ein Jude gewesen sein, und der hat gesagt zu uns: „Ihr seid mit den russischen Gefangenen viel grausamer gewesen!"
Dann hat er, der Jude, gesagt, - ich glaub‘ schon, daß es einer war, - der Franzos‘ soll Wasser bringen. Einen Blechkübel mit Wasser haben sie dann hingestellt zu dem Schlitz. Natürlich haben sich gleich alle drauf gestürzt, so ist das meiste verschüttet worden. Und dann hat er die Tür wieder zugeriegelt.
Verspottung
Im März 1945 waren wir in einem Zwischenlager im Freien untergebracht. Nach vierzehn Tagen haben wir - ungefähr 1600 Leut‘ – zu einem Bahnhof marschieren müssen und der Transport ging in das Hungerlager Rennes . Dorthin geht es, ist gesagt worden. Das haben nicht die Franzosen gesagt, das ist so durchgesickert, daß das große Hungerlager ist. In dem Lager waren ungefähr 300.000 Menschen. Ja, da hat sich keiner aus der Kolonne heraustreten getraut. Weil die Franzosen gleich geschossen haben. Und da sind sie gestanden am Wegrand in Zivil, ja:
(Josef Harreiter macht die spottenden Franzosen nach): „Eil itler, eil itler, wir kapitulieren nie. Wir kapitulieren nie. Sieg eil, eil itler. Wir danken unserem Führer. Sieg eil. Bomben aufs deutsche Land!" So haben sie sich lustig gemacht, die Franzosen...
... und dann wurden wir in offene Waggons verfrachtet. Bei den Unterführungen ist der Zug immer langsamer geworden und dann haben sie Steine heruntergeworfen auf uns. Fast jeder hat seine Platschern gehabt. Und die Franzosen haben gelacht dazu. ...
Ausgetrocknete Körper
Und da sind wir in Zelten drin gelegen von März bis 20. August 1945. Ohne einen Handgriff zu arbeiten. Jetzt hat‘s in der Früh den schwarzen Kaffee gegeben, ein gefärbtes Wasser, und um 10 Uhr die „Pletschensuppen" haben wir sie genannt. „Pletschen" nannten wir das Kraut, das dem Vieh verfüttert wird. Das wird so hoch, und da haben sie ein wenig Bindemittel hineingegeben, sonst gar nichts. Das Kraut war gekocht, und da hat es einen Liter Suppe gegeben. Da haben wir jeder eine Blechdose gehabt, so eine amerikanische. Ich sag Ihnen, wie es da beim verteilen der Suppe oft zugegangen ist! Jetzt hat einer immer rühren müssen, daß sie nicht zu dick oder zu dünn wurde. Ein paar Mal war die Suppe aus. Und da sind dann so die Gestalten gestanden mit ihren leeren Blechkannen, furchtbar. Da ist gerauft worden, oft. Und am Nachmittag hat‘s Brot gegeben. Am Anfang haben wir je vier Mann ein Weckerl Brot bekommen, ungefähr ein Kilo, und dann aber je sechs Mann. Das war für jeden dann so ein Scheiberl – Jetzt hat sich jeder eine Waage gemacht, mit einem Schnürl, so eine Art "Stanglwaag’". Damit hat man genau teilen können und es hat weniger Streit gegeben. Beim Suppenholen war der Wind so lästig. Da hat es den Sand in die Suppe hinein geweht. Aber es hat trotzdem wunderbar gut geschmeckt. Na und wir wurden immer magerer und magerer. Und dann sterben schon so viele. Die haben dicke Füße gekriegt, und dann ist das Wasser bis zum Herz, und wenn es beim Herz war, war es aus. Da von St. Pölten war einer, er war bei der Gemeinde angestellt, der ist neben mir gestorben.
Auf d‘ Nacht, am Abend, haben wir mit dem Hermann noch geredet, und in der Früh ist er tot und steif neben mir gelegen. Jetzt haben wir schon Angst gehabt: Die lassen uns verhungern, wir müssen sterben.
Na ja, und dann noch was... Da war ein großer Balken, die Latrine, das Klo. Da haben wir nur alle vier Wochen hingehen brauchen. Im ganzen Juli 1945 war ich nicht einmal am Klo. Das hat der Körper alles verbraucht, alles. Der hat das alles gebraucht, das Bisserl ... Ich war 24 Jahr alt, aber die meisten Älteren, die sind da gestorben. Und wenn wir dort gesessen sind, haben wir zwei Stunden gebraucht, bis wir so eine Nuß herausgedrückt haben, und dann haben wir wieder einen Monat Ruhe gehabt mit dem Klo gehen. Na ja.
Verlegung nach Vannes
Ja, das ist gegangen bis in den August. Im August ist dann ein Franzose ins Lager gekommen und hat gesagt, daß die Österreicher morgen mit einem Transport weggehen. Er hat aber nicht gesagt, daß es nach Hause geht. Jetzt haben wir natürlich alle eine Freude gehabt: „Jetzt geht’s heim, jetzt geht’s heim, jetzt geht’s heim!" Und dann ist gleich Leben hineingekommen, und alle waren gesprächiger. Ja, wir sind zum Bahnhof marschiert, auch wieder durch Ortschaften durch, aber da haben uns die Leute nicht mehr belästigt. Da hab‘ ich das Gefühl gehabt, daß manche sogar Erbarmen gehabt haben wegen unserem Aussehen. Sie haben uns ruhig ziehen lassen.
Muscheln retten unser Leben
Dann sind wir wieder eingeladen worden, aber wir sind nicht nach Osten gefahren in die Heimat, sondern nach Westen. Bis Vannes, zur Küste, zur Atlantikküste. Dort sind wir ausgeladen worden und kamen in so ein Gehöft hinein, und da war ein Pferdestall. Über dem Pferdestall war ein Aufbau, und da haben die französischen Soldaten drinnen gewohnt. Und wie wir da hinein marschieren - auch wieder 1600 Mann, wie meistens bei so einem Transport in den Waggons -, sind die hergegangen, die Franzosen, und haben - da unten war der Misthaufen von den Pferden - Kartoffeln, Brot und alles auf den Misthaufen runter geschmissen, und wir haben uns drauf gestürzt. Die haben sich ihr Theater mit uns gemacht. Na ja, und da war dann das Essen auch nicht viel besser, und dann haben wir überhaupt nichts gekriegt ein paar Tage lang. Ja, jetzt haben wir geglaubt: „Also, jetzt werden wir Verhungern."
Dann sind sie hergegangen und haben zum Meer getrieben, an die Küste, wo viele Muscheln waren. Das ist eine Steilküste gewesen, da waren Felsen und alles. Da war einer dabei, also, ein Bewacher, der war recht nett, der hat das sehr genau gewußt, wo die meisten Muscheln sind. Und wie wir das gleich gekonnt haben, das Muschelnaufmachen und die Schalentiere da raussaugen! Die sind nahrhaft, wir haben gleich eine Erleichterung empfunden, beim Aufstehen ist uns nicht mehr so schwindelig geworden. Einige Male sind wir hinaus marschiert, ja, das war unser ganzes Ding, unser ganzes Essen.
Schlecht getroffen!
Und dann hat es geheißen, von einem österreichischen Lagerführer, das war ein Tiroler, es können einige zu Bauern arbeiten gehen. Na, jetzt hab ich mich in der Früh schon um vier hingestellt zum Türl, wenn ein Bauer kommt und jemanden braucht, daß ich gleich drankomme.
Und wirklich wahr, kommt ein Bauer mit so einem kleinen Zeiselwagen, mit einem Pferd. Und der braucht zwei Gefangene. In dem Moment, in dem der Franzose aufgemacht hat, bin ich auch schon hinaus und war schon am Wagen oben. Wir sind mitgefahren, aber es war nicht gut getroffen. Komm’ ich hin, war dort ein Bauer, der hat einen Buben gehabt mit 15 Jahren, eine Tochter mit 20 und seine Frau. Der Bauer war so 50 Jahre, und ein alter Mann war da, der Bäuerin ihr Vater.
Ja, und ich hab‘ halt mit dem Alten arbeiten müssen, mit dem über 70-jährigen Mann, und mit dem Buben, net.
Die 20-jährige Tochter und ihre Mutter, die war ein bißchen über 40, die haben den Haushalt geführt, und da ist es halt ziemlich dreckig hergegangen. Heute brächte ich in so einem Haus keinen Bissen hinunter. Ich hab’ mich dort aber trotzdem gleich erholt.
Und wenn der Bub nicht da war, hab‘ ich mir die Edelkastanien, die hat es da gegeben, gepflückt. Und hab‘ sie mir geröstet am Feld, hab‘ ein Feuerl gemacht, wenn ich am Feld gearbeitet hab‘, und wenn das der Bub gesehen hat, der 15-jährige Bub - der hat sich als großer Herr und Anschaffer über mich gefühlt, na, wahnsinnig -, das Feuer ausgetreten und die Kastanien weggeschmissen: Das darf ich nicht machen. Ich hab‘ dem Buben gehorchen müssen, er war mein Vorgesetzter, weil der Bauer selber hat ja nichts gearbeitet.
Und auf ihren Großvater sind sie auch alle losgegangen, und der hat mir leid getan. Mit dem hab‘ ich im Hühnerstall geschlafen, bei den Hühnern, aber das waren nur arme Bauern, keinen Fußboden und nichts haben die gehabt. Ab und zu hat es Fleisch gegeben, aber meistens Fisch. Die Fische waren dann schon so..., also, Obst ist viel gewesen.
Endlich nach Hause?
Und ja, auf einmal hat es geheißen, es geht zurück ins Lager. Zwei Monate war ich dort, von 4. September bis Anfang November ´45. Im Lager hat es geheißen: „Ja, es geht nach Hause." Ist ein Franzose gekommen mit dem Lagerführer, mit dem Tiroler Lagerleiter. Der hat gesagt: „Alle, die vor ´38 österreichische Staatsbürger waren und nicht in der Russenzone wohnen und nicht bei der nationalsozialistischen Partei sind, sollen sich morgen für den Heimtransport melden."
Na, das war ungefähr die Hälfte. Aber wir waren von der Russenzone - Burgenland und’s Mühlviertel noch und Niederösterreich -, und es gibt kein Schwindeln, hat es geheissen, das wird überprüft. Wer schwindelt, kommt nur bis Bregenz und wird dann in ein Straflager nach Frankreich zurückgeschickt. Jetzt haben wir uns nicht getraut.
Und ich hab‘ mir gedacht, ich bin in der Russenzone, ... jetzt muß ich dort bleiben.
Ja, war ich zwei Wochen wieder im Lager, da war die Kost schon ein bißchen besser, na, und dann hat man schon an Körpergewicht zugenommen. Brot hab‘ ich da genug essen können bei dem Bauern und Milch und so was.
Gut getroffen!
Ja, und dann hab ich mich wieder hingestellt. Bin ich zu einem anderen Bauern gekommen, der gleich alt war wie ich, auch im Februar ´21 geboren. Sein Vater ist gestorben, und der hat mit seiner Mutter die Wirtschaft geführt. Und da waren seine drei Schwestern da, und ein Knecht, das war ein größerer Bauer. Und bei dem hat es mir gleich gut gefallen. Da waren die drei Madln (Mädchen), da war alles reinlich, und in der Früh hat es schon einen Honig gegeben und eine Butter zum Frühstück, also, davon war beim ersten Bauern keine Spur.
Und dort hab ich mit dem Marcel, dem Knecht, arbeiten müssen. Und der hat zufällig gut Deutsch gekonnt, weil er in Pommern, in Deutschland, den ganzen Krieg über in Gefangenschaft war, und dem ist es dort auch gut gegangen in Pommern, jetzt war er mir nicht zuwider.
Ich hab ihnen, wenn er nicht da war, halt schwere Arbeiten abgenommen. Wenn das war, haben sie mir Zigaretten gegeben dafür. Und die alte Mutter, ihre Mutter, die war wie meine eigene Mutter, eine gute Frau, wirklich eine gute Frau.
Und der Sohn war auch nicht zuwider, der hat mir wieder einen Anzug geliehen, dann bin ich mit in die Kirche gegangen an einem Sonntag, mit der ganzen Familie. Hab‘ ich mir gedacht: „Wenn ich da bei den Leuten bleiben könnte, bis es zum Heimfahren ist..."
Die letzte Zeit bei den Franzosen
Und dann hab‘ ich nicht arbeiten können, also bin ich wieder ins Lager gekommen, und da hab‘ ich dann bei den Franzosen, bei den Soldaten, Socken gewaschen und gestopft und alles, während die anderen im Straßenbau gearbeitet haben, Wellblechhütten aufgestellt, .... und die Soldaten waren auch recht nett zu mir. Da hab‘ ich meinen 25. Geburtstag gehabt, ´46, am 4. Februar, da haben sie mir einen Rausch angezüchtet. Na, und ich bin dann damit heimgewackelt, und da haben sich alle gewundert im Lager, wo ich einen Rausch her hab‘ (lacht)!
Heimkehr
Ja, und dann ist es bei uns auch zum nach Hause fahren gewesen. Da sind wir, 1000 Mann, eingeladen worden und mit der französischen Eisenbahn durch die Schweiz bis nach Imst hereingefahren. Von Imst haben wir 12 Kilometer in das Entlassungslager, ein ehemaliges RAD-Lager marschieren müssen. Dort hat man uns gesagt, es wird ein paar Wochen warten müssen, bis wir mit den Österreichischen Staatsbahnen von Imst bis nach Wiener Neustadt heimfahren können.
Es soll keiner wagen, hat es geheißen, in die von den Russen besetzte Zone abzuhauen, den wer von den Russen ohne Entlassungsschein aufgegriffen wird, der kommt sofort nach Sibirien. Und." Es darf keiner in die Ortschaft Nassereith hinein, weil dort sind die Franzosen. Wenn man da erwischt wird, kommt man nach Frankreich zurück", hat uns der Tiroler, der Lagerleiter gesagt. Na, da waren wir dann drei Wochen, da hab‘ ich dann einem Korbflechter geholfen, am Bach Ruten geschnitten, Körbe geflochten. Und mit den Bauern in der Umgebung von Nassereith haben wir dann Lebensmittel eingetauscht. Dann sind wir nach Hause gefahren, und am 6. Juni ´46 bin ich dann zu Hause angekommen.
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Ruth Deutschmann
Wien, 31.07.2001
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