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Hatto Georg Scheer
Wer clever war, kam leichter durch
Eltern
Meine Mutter, war, glaube ich, ein noch ärgerer Nazi als mein Vater, obwohl mein Vater im Jahr 1926 den Gau Tirol gegründet hat - er war der erste Gauleiter von Tirol.
Mein Vater war Geometer und hat in Eisenstadt eine Kanzlei gehabt, und in der Kanzlei war ein ... großes Bild ... an der Wand, und da waren die Gauleiter mit dem Hitler fotografiert. Und das war natürlich für ihn ein großer Stolz, daß er da mit fotografiert war. Mein Vater hat auch das Goldene Parteiabzeichen gehabt, während meine Mutter, die auch so lang bei der Partei war, es nicht gehabt hat. Jetzt haben wir (die Kinder) dann schon öfters gefragt: „Sag´ einmal, wieso hast du...", dann wie der Hitler schon da war, natürlich, „wieso hast du das Parteiabzeichen nicht?", „Na, das ist irgendwie übersehen worden", hat sie gesagt, „und mein Gott, ist ja nicht so wichtig, Hauptsache wir haben erreicht, was wir wollten..." und so weiter. Und irgendwie ist uns das komisch vorgekommen - ich spreche von „uns", weil wir vier Kinder in der Familie waren. Ich war der Jüngste. Wir haben das zwar nicht besprochen, aber es war doch irgendwie komisch. Es ist da etwas in der Luft gehangen, das wir nicht begriffen haben.
Man mußte da den Ahnenpaß erbringen, und ich weiß nur, daß meine Mutter einmal ganz aufgeregt aus dem heutigen Tschechien, aus Böhmen und Mähren, zurückgekommen ist, weil sie dort irgendein Dokument in irgendeiner Pfarre gesucht hat. Von Böhmen muß sie abstammen, weil sie mit Mädchennamen Dosudil geheißen hat, das ist ein echter schöner böhmischer Name... Na ja, das hat uns aber nicht zu denken gegeben. Sie hat halt das Goldene Parteiabzeichen nicht gehabt.
Gnadengesuche an den Führer
Und dann hab´ ich mich einmal hingesetzt und hab´ ihre Dokumente durchgeschaut. Da war so ein verschlossener Umschlag, und den hab´ ich aufgerissen. - Meine Tante hat mir über die Schulter geschaut und hat gesagt: „Ha, da werd´n deine Eltern aber ka (keine) Freud hab´n, wenn du des (das) anschaust!" - Das war erschütternd! Da waren x Gnadengesuche an den Führer von meiner Mutter, die unbedingt erreichen wollte, daß der Parteiausschluß rückgängig gemacht wird, weil sie sich da und da und da so verdient gemacht hätte. (Aber) wenn es ums jüdische Blut gegangen ist, um den Judenhaß, da war der Hitler unerbittlich, und da hast (du) machen können, was du wollen hast: Es ist nicht rückgängig gemacht worden, sie war aus der Partei ausgeschlossen - hab´ ich entdeckt. Sie konnte den Ariernachweis nicht erbringen. Ihre Großmutter war Jüdin.
Meine Mutter, eine Viertel-Jüdin, bei der SS
Aber im Jahr 1944 ist sie plötzlich bei der SS gewesen und war in Hirtenberg KZ-Aufseherin. Na ja, KZ-Aufseherin kann man nicht sagen, sie war in einem Zwangsarbeiterinnen-Anhaltelager. Heute gibt es noch die Munitionsfabrik von der VOEST in Hirtenberg, (und) dort haben diese Frauen gearbeitet. Ich war nie dort, ich hab´ mir das nie angeschaut. Ich weiß nur, daß sie einmal in Ravensbrück zur Schulung war. Ich hab´ sie später x-mal gefragt, ob sie denn da nie etwas mitgekriegt hat, daß da so viele Leute zu Tode gekommen sind und daß man die Leute vernichtet haben soll. Nein, das hat sie nie gesehen, hat sie gesagt: „Hin und wieder sind sie halt mit einem Wagerl zum Krematorium gefahren, weil sterben tut immer einmal irgendwo wer, aber sonst war eigentlich nix."
Die Nazis kommen ...
Und das war eben 1934... Man hat schon mitgekriegt, daß es in der illegalen Zeit nicht nur die Nazis gegeben hat. Es hat die Roten gegeben und die Kommunisten. Und die Heimwehrler mit dem Hahnenschwanz, das waren halt die, die das Sagen hatten, und die politischen Gegner haben da natürlich gleich einen Spottvers gehabt und haben gesagt:
„Heimwehrmann, Heimwehrmann,
bist ein armer Tropf,
was der Hahn am Hintern trägt,
trägst du auf deinem Kopf!"
(lacht) Und ich kann mich auch erinnern, wie es knapp vorm Anschluß war und der Schuschnigg noch seine Kräfte mobilisiert hat. Da sind auch so Parolen herausgekommen (denkt nach): „Österreich bis in den Tod... Rotweißrot, Österreich bis in den Tod!" haben sie da gerufen. Und die Nazis haben halt drüber gelacht und haben gesagt: „Werd’s schon seh’n, lang dauert des nimmer, dann san wir da!" („Ihr werdet schon sehen, lange dauert das nicht mehr, dann sind wir da.")
Illegal
Das war halt bei uns schon so, daß man dieses politische Engagement schon sehr, sehr stark gespürt hat. Und auch eine große Geheimnistuerei! Ich hab´ auch etliche Hausdurchsuchungen mitgemacht (erlebt), wie die Kiberer gekommen sind und halt da alle Laden durchg’stiert (durchsucht) haben, und wie sich die Eltern dann gefreut haben, daß die nichts gefunden haben. Und ja, es ist da meistens nur um Propagandamaterial gegangen.
Meine Schwester könnte davon mehr erzählen, die hat mir schon öfters erzählt, daß sie dann auch so Kurierdienste gemacht hat. Weil die doch etwas älter war..., (aber) konkret könnte ich das jetzt nicht wiedergeben, was sie da gemacht hat. Die Kinder sind schon eingesetzt worden - (aber) ich nicht, ich war zu klein. Mich hat man da nicht eingesetzt, aber gespürt hat man die Heimlichtuerei.
Dann war der Vater auf einmal vierzehn Tage nicht da, er war im Häf‘n. Wir sind ihm Essen-Bringen gegangen, … Wie gesagt, man hat schon was mitgekriegt! Was ein Kassiber ist, hab´ ich gewußt, weil die Mutter in den Kuchen, den sie ihm geschickt hat, einen Kassiber hinein gebacken hat. Ein Kassiber ist eine unerlaubte Nachricht, ein Briefl, den man hineinschmuggelt oder herausschmuggelt. Das nennt man Kassiber, eh heut´ auch noch. ... Er (der Vater) ist nur deshalb nicht nach Wöllersdorf gekommen, weil er vier Kinder gehabt hat. Also, aus Rücksicht auf die große Familie und die vier Kinder haben sie ihn nie nach Wöllersdorf geschickt. Man wußte aber, daß es dieses KZ in Wöllersdorf gibt, da hat es immer geheißen: „Ja, der ist in Wöllersdorf und der…" Das war eigentlich ganz normal, daß immer irgendwer irgendwo eingesperrt war von den Bekannten. Das hab´ ich als Kind mitgekriegt. So wie der Vater gesagt hat: „Jeder anständige Mensch ist schon einmal gesessen!"
Hitlerverehrung im Elternhaus
Meine Eltern waren so begeistert! Wir hatten - es gab damals sogenannte „Raumbilder", da konnte man mit so einem Gucker zwei Bilder anschauen, und die hat man dann dreidimensional gesehen. Und da hat er (der Vater) vom Nürnberger Parteitag, (was) weiß ich was für ein Jahr, ein ganzes Album gehabt. Und ich hab´ mir ganz begeistert die Bilder angeschaut. Von der Olympiade 1936 haben wir auch (solche Bilder) gehabt. Und da ist man selber bei dem Betrachten direkt mittendrin gestanden. Das war zwar schwarzweiß, aber man hat das Gefühl gehabt, man steht mittendrin. Für solche Spaßett´ln hat halt der Vater dann (doch) das Geld gehabt, und das war schon (lacht), das war wichtig. Oder: Mein Vater und mein ältester Bruder haben sie ein Hitlerbild gemalt! Das ist dann auch in seiner Kanzlei gehängt. Also, man muß sich einmal denken, wem fiele denn heut´ ein, einen Schüssel (zu malen)? (lacht herzlich) Na ja... also, dieser Fanatismus, der ist nimmer drinnen heute.
Hakenkreuze am Christbaum
Meine Mutter war (auch) so fanatisch. Ein Bekannter, der mit Blech umgehen konnte, hat ihr eine Ausstechform für Kekse in Form eines Hakenkreuzes gebastelt, und die Mutter hat dann Hakenkreuze ausgestochen, die an den Christbaum gehängt worden sind. Oben an der Spitze, anstatt eines Engels oder eines Sterns hat der Vater dann aus Sperrholz ein größeres Hakenkreuz ausg’sagelt (ausgesägt), und das war dann oben an der Spitze. Das war ja (die Gelegenheit), bei der die Mutter gesagt hat, Weihnachten hat nichts mit der Kirche zu tun, sondern das ist ein alter germanischer Brauch,den haben die „Pfaffen" nur an sich gerissen.
Der „Schneiderjud´"
Der Hauseigentümer des Hauses, wo wir auf der Hauptstraße in Eisenstadt gewohnt haben, der war Jude, das war der „Schneiderjud´". Man hat ihn der „Schneiderjud´" genannt. Der hat ein Textilgeschäft im Haus gehabt. Und eines Tages sagt mein Vater: „Mein Gott na, hätt´ ich nur einen Papagei, dem würd´ ich einlernen (beibringen): ‚Saujud´, Saujud´!‘ (macht es vor) zu schreien. Den stell´ ich auf den Balkon und der Jud´ ärgert sich..."
Also, kindisch, aber das war – muß ich noch dazu sagen – vor ´38, also bevor der Hitler gekommen ist.
Mein Vater war x-mal kurz eingesperrt, weil die Eltern ja illegal gearbeitet haben. Wenn sie im Radio dann einmal das Horst Wessel-Lied oder das Deutschlandlied gespielt haben, dann hat mein Vater Fenster, Türen aufgerissen und das Radio so laut wie möglich aufgedreht, damit sich der „Saujud´" ärgert. Dann hab´ ich einmal gefragt, ob uns der etwas getan hat, daß sie ihn so hassen, und da hat der Vater gesagt: „Weißt (du) Bub, das ist so: Die Juden sind das Ungeziefer der Menschheit. Der hat uns nichts getan, aber jede Laus beißt irgend(wann)einmal, und wenn nicht uns, dann einen anderen. Und weißt (du), die Juden, die sind zu faul zum Arbeiten, die tun die Leute nur bescheißen und betrügen, aber richtig arbeiten können die gar nicht."
Und es ist interessant, da kann ich mich noch erinnern, ich war neun oder zehn Jahre alt, da gab es ein Nazilied. Ich weiß nicht, ob man das in irgend einem Archiv noch ausheben kann - Das hat ungefähr so gelautet: „Ho Ruck nach Palästina,..." Also, es war damals schon der Gedanke, daß man die Juden nach Palästina schickt. Dieser Staat ist irgendwo den Leuten doch vorgeschwebt, und da hat es geheißen:
„Ho Ruck nach Palästina,
und da reißen wir ihnen die Hax´n aus,
dann kommen sie nimma (nimmer) rein."
Und da hab´ ich in meiner kindlichen Neugier das gesagt: „Papa, gehst du a (auch) Hax´n ausreißen?" So war dieser Judenhaß. Wenn man dann später drüber nachdenkt - entsetzlich.
6er-Nase, 6er-Locken
So mit Kaftan und Bejkeles sind ja die wenigsten von außen zu erkennen gewesen (Die wenigsten Juden haben Kaftan und Bejkeles getragen, an denen man sie hätte erkennen können). ... Aber der Vater hat uns schon sehr gut erklärt, wie man einen Juden erkennt: Man müsse nur „lauter Sechser malen", dann kann nur ein Jud´ (dabei herauskommen). Er habe eine Sechsernase, Sechserlocken, und (ich) weiß nicht, was sonst noch. Beim Kinn habe er auch irgendwas mit’m Sechser. Also, den Juden könne man an den Sechsern erkennen. Mein Vater war ein sehr guter Zeichner, und mein Bruder auch, mein zweiter Bruder, der Helge, der war ein begnadeter Karikaturenzeichner. Und der hat das können. Der hat so einen „Juden" hin gezeichnet, da hast sofort gesehen, aha, das is (ist) ein „Jud´"!
„Uniformmenschen"
Mit zehn, ab zehn Jahren waren wir ja schon bei der Hitler-Jugend, bei den Pimpfen, und gleich (am Anfang), wie ich schon erzählt habe, haben wir unsere provisorischen Uniformen gehabt mit den Schnürlsamthosen und den weißen Hemden, und später dann haben wir die richtigen HJ-Uniformen gekriegt, da waren wir stolz. Wir waren „Uniformmenschen", und wir haben das nicht als Gleichmachung empfunden; heute würde ich das als Gleichmachung empfinden und sagen, ich zieh´ doch keine Uniform an, ich wundere mich, daß die Leut´ von der Feuerwehr eine Uniform anziehen.
„Herrenmenschen"
Wir sind zu „Herrenmenschen" erzogen worden, wir sollten ja Führerpersönlichkeiten werden. Jeder Deutsche sollte ein „Herrenmensch" sein ... Andere Völker, vor allem die Slawen, bestanden aus „Untermenschen". In diesem Bewußtsein sind wir erzogen worden, das war für mich schon klar, daß ein so ein Krowot (Kroate) niemals den Stellenwert gehabt hat wie wir.
Hitler selbst war nicht nordisch ..., der war mehr ein Dinarier vielleicht... In unserem Bewußtsein war es so: Wir haben uns dann ja nimmer (nicht mehr) als Österreicher gefühlt. Österreich war ja verpönt, denn wir waren ja Ostmärker... Deutschland war für uns das Altreich, und wir waren die Ostmark. Die Piefke waren die aus dem Altreich (lacht).
Nähkommandos
Man muß sich das einmal vorstellen: Wie (es) soweit war, daß man gewußt hat, aha, der Anschluß wird stattfinden, da sind Hakenkreuzfahnen genäht worden. Sie können sich nicht vorstellen, was das für Nähkommandos waren. Ich weiß nicht, wie viele Frauen da waren. Mein Vater hat aus irgendeinem stärkeren Pappendeckel das Hakenkreuz ausgeschnitten und mit Druckerschwärze dann auf den weißen Kreis gebracht. Und die Frauen haben dann den Kreis hinaufgenäht auf die rote Fahne und auf die Armbinden. Das hat ja von irgendwo herkommen müssen, nicht. Dieser Fahnenaufwand war gigantisch. Es war jedes Haus beflaggt. Es hat sich wahrscheinlich keiner getraut, keine Fahne hinauszuhängen. Und da war auch hier schon dieser Zusammenhalt und diese Begeisterung, daß dieser Kampf jetzt endlich zum Sieg führt und so weiter … ah, das war schon beeindruckend, also das hab´ ich schon als Zehnjähriger bewußt mitgekriegt. Und ich fühl´ heut noch oft dieses - wenn ich so dran denke, oder auch jetzt - diese innere Aufgewühltheit. Das hab´ ich schon als Kind gehabt, also, da war man so von den Fanatikern mitgerissen, daß man das eben auch schon so fanatisch erlebt hat.
Hitler am Heldenplatz
Die ganze Heldenplatzg’schicht (Heldenplatzgeschichte) kann ich Ihnen erzählen. Angefangen hat sie, wie wir aus Eisenstadt weggefahren sind. Wie kalt es war mit der kurzen Hose! Mit so einem alten Lkw sind wir da halt nach Wien getuckert. Um vier in der Früh haben wir am Schloßplatz sein müssen, mit den weißen Stutzen (Kniestrümpfen), weißen Hemden. Einen Schulterriemen haben wir gehabt und eine schwarze Schnürlsamthose. Man hat uns auf den Lastwagen g’schupft (hinaufbefördert), und dann sind wir, die zwanzig Illegalen, ... so ein paar SA-Leute, alle in so provisorischen Uniformen, nach Wien kutschiert worden. Der Lastwagen hat sicher 20 PS gehabt. Zweieinhalb Stunden haben wir gebraucht für die 50 Kilometer nach Wien.
Und ich kann mich noch sehr gut erinnern: Bei der Votivkirche sind wir alle abgeladen worden, und da waren schon so viele Leute am Heldenplatz. Sie sind nicht alle aus Wien gekommen, man hat natürlich überall aus der ganzen Umgebung Leute zusammengetrommelt. Das machen sie ja heute bei Demonstrationen genau so. Mit dem Bus und von überall her führen sie die her. So war das dort auch. Und bei der Votivkirche ist ein Lastwagen nach dem anderen gekommen - Natürlich hat man uns nicht vornehm mit dem Bus transportiert, aber auch nicht mit dem Pferdewagen. Dort hat sich dann alles gesammelt, und dann sind wir halt nach ein paar Stunden langsam einmal zum Heldenplatz marschiert. Ich hab´ damals eine Mordsangst gehabt, daß womöglich der (Platz) schon überfüllt ist und wir nicht mehr hineinkommen. Man muß sich das einmal vorstellen: Alles war fahnengeschmückt! Die Leut‘ am Ring sind Spalier gestanden, und jeder hat „Heil!" geschrien. Jeder hat auf Hitler gewartet, und es war eine Stimmung! Nazilieder sind gesungen worden. Sowas muß man sich einmal denken (vorstellen), daß da so eine junge Seele schon enorm fanatisiert wird. Dann stehst (du) dort am Heldenplatz, und die Leut´ sind da, und jetzt … Das war ja ein Personenkult! Der Hitler war ja göttlich, der war ein Gott für uns!
Und wie der da also so vier Meter von mir, oder zwei, drei Meter (vor mir), vorbeigefahren ist - ich bin ja in der ersten Reihe gestanden, weil ich der Kleinste war -,… na, das bringst (du) nicht (weg), das war wirklich ein tolles Erlebnis. Und wie er (Adolf Hitler) dann seine Rede gehalten hat! Da weiß man halt noch seine abgehackte Redeweise und so, aber den Inhalt weiß man nicht – „Ich verkünde", oder (was) weiß ich, „der Welt" und so weiter, das läßt sich eh nachlesen, das gibt es ja in den Geschichtsbüchern. Aber die Stimmung, das war toll! ...Das hat alles Stunden gedauert. Wir haben nichts zum Essen gehabt... (aber) das hat uns nichts gemacht, das haben wir nicht gespürt. Ein paar Rot-Kreuz-Schwestern sind vielleicht mit ein paar Kannen Tee oder so was umeinanderg’rennt (herumgegangen).
Hinterher sind wir dann wieder zur Votivkirche, und dort war es dann direkt ein Volksfest. Da haben dann das Bundesheer, das ehemalige, und die Deutsche Wehrmacht Gulaschkanonen aufgestellt gehabt, es hat es dann Kracherl und was zum Essen gegeben und, … ja, es war herrlich! Und Parolen haben wir geschrien, Parolen:
„Ein Volk, ein Reich, ein Führer!"
Oder:
„Nicht die Zita, nicht der Otto,
Hitler ist unser Motto!"
Oder:
„Ein Volk, ein Reich, ein Führer,
das Volk wird immer dürrer,
die Juden immer fetter,
Heil Hitler, unser Retter!"
Das waren Sprüche … Also das ist dort pausenlos, bis der Hitler endlich gekommen ist, geschrien worden, und … oder:
„Ohne Würstel, ohne Bier stehen wir hier!"
Weil früher haben sie die Leute zu so Versammlungen geködert. Das tun sie eh heut´ auch noch (lacht), der Haider, wenn er so im Zelt ist, hält er sich auch die Leute mit den Würsteln und dem Bier (bei der Stange), also, (da) hat sich nicht sehr viel geändert.
Großauftrag von den Nazis
Dann, wie der Hitler da war, hat mein Vater den größten Auftrag seines Lebens bekommen. In Rust war eine Flak-Schule – Flak ist Fliegerabwehrkanone. Die haben auf die feindlichen Flieger schießen gelernt. Und da mußte er das Flak-Bahngebiet am Neusiedlersee vermessen. Da ist er dann immer von Offizieren mit dem Auto von daheim abgeholt, hingeführt und dann wieder heimgebracht worden. Da dürfte er, ich weiß es ja nicht, aber da dürfte er ganz schön Geld verdient haben. Die haben ja damals sehr gut bezahlt.
Volksabstimmung
Ja, daß da die Nazis mordsgewonnen haben, 99 Prozent, glaub´ ich, waren für „Ja"... Ich glaube aber nicht, ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht, daß das ein Wahlschwindel war. Man muß folgendes bedenken: 1933 ist der Hitler an die Macht gekommen. Und ruckizucki haben in Deutschland alle Arbeit gehabt, Millionen Arbeitslose gab es, viel mehr als heute. Und in Österreich war die Arbeitslosigkeit, die Not.
Und dann ist der Hitler zu uns gekommen. Jetzt hat man diesen wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland gesehen. War das ein Wunder, daß hier die Leute alle „Heil" geschrien haben?
Die (Gegner) haben auch geschrien, (aber) das war ja nur eine Minderheit. Natürlich, die Juden und die Zigeuner und die ausgesprochenen Gegner, die wirklich fanatisch auf der anderen Seite gestanden sind, die sind aber wirklich wenig gewesen. Wahrscheinlich werden auch die dann mit „Ja" gestimmt haben. Weil, das, was nachher gekommen ist, das war ja nicht zu erahnen, für niemanden. Es ist (zunächst) nur der Wohlstand gekommen.
Kampfredner und Volksempfänger
Da gab’s diesen kleinen Volksempfänger. 30 Mark, glaub´ ich, hat er gekostet, und dann haben viele Leut´ ein Radio gehabt, aber doch nicht (alle). Und wenn irgendwelche großen Reichstagsreden waren, dann wurden Gemeinschaftsempfänge veranstaltet, das heißt, in Eisenstadt hat es das Hotel „Zur weißen Rose" gegeben, und dort hat es einen großen Saal gegeben, da sind Kinofilme gespielt worden oder auch Gemeinschaftsempfänge, veranstaltet
worden, wenn der Hitler im Radio geredet hat oder der Goebbels. Wir haben bei der HJ auch Theater gespielt, aber keine politischen (Stücke) – „Des Kaisers neue Kleider" zum Beispiel, Ich war der Kaiser und hab´ mich ausziehen müssen (lacht). Da hat’s die sogenannten Heimatabende, Elternabende gegeben. Bei denen haben wir halt Theater gespielt, wie sie´s heut´ in der Schule oder sonst irgendwo machen.
Ja, da hat’s diese Gemeinschaftsempfänge sogar sehr oft gegeben. Für uns war das fad! …Die Reden haben uns nicht recht interessiert… Als wir älter waren, dann schon mehr, aber so mit 12, 14 Jahren, da war’s uns (zu) fad. Später dann ja. Und es waren viele Plagiierer (Plagiatoren) dabei, die die Art, wie der Hitler oder der Goebbels gesprochen hat, nachgeahmt haben. Diese Parteibonzen waren ja damals Kampfredner. Man hat nicht so wie heut´, etwas mitgeteilt, sondern das waren richtige... Kampfredner.
Der Führer braucht Soldaten
Und der Hitler hat auch viele Kinder gebraucht, weil er Kanonenfutter gebraucht hat. Also das war natürlich die zweite Seite, ... (seufzt), diese Bevölkerungspolitik mit Mutterkreuz und so weiter, daß man den Kinderreichtum auch belohnt hat mit einer Auszeichnung. Das haben die Leut´ aber ganz offen gesagt. Zumindestens hab´ ich das noch im Ohr, wie der Vater gesagt hat: „Natürlich müssen Kinder her, weil der Führer braucht Soldaten!" Daß das aber einfach nur Kanonenfutter zum Verheizen ist, das war, wenn man es hinterher, wenn man es sich heute, überlegt, fürchterlich!
Nur, die Uniform, wenn ich noch einmal darauf zurückkomme, die hat uns halt ein gewisses Selbstbewußtsein gegeben.
Pimpfenführer
Und dann, so mit 14 Jahren, war man natürlich schon ein ganz ein großer Pimpfenführer. Da hat man Heimabende gehalten, man hat mit den Leuten Sport betrieben, man hat mit den Leuten, also mit den Kindern, mit den Buben Heimabende gehalten, Lieder gesungen, und was sie heut´ auch machen. Es ist nichts anderes gewesen, außer, daß man den Lebenslauf des Führers im Schlaf können mußte - kann ich Ihnen heut´ noch aufsagen (lacht) -, und schon alles irgendwie auf die Weltanschauung hingetrimmt gewesen ist. Das ist in jedem totalitären Staat so.
Wir haben eine wunderbare Jugend gehabt in der HJ. Wir waren ja schon wer, wir waren ja schon Führer, wir haben ja schon was zu reden gehabt. Daß sich der Professor, wo ich eh in der Schul´ so eine Flasch´n (eine Niete) war, bei mir entschuldigen mußte, wenn sein Sohn nicht zum Heimabend kommen konnte, das ist mir dann hinterher eigentlich schon komisch vorgekommen aber damals war das selbstverständlich.
Ausbruch Zweiter Weltkrieg
Nur war auch die Kriegshetze, oder, wie soll ich sagen, die Kriegsstimmung im Volk so: Auch im Ersten Weltkrieg haben sich die Leut´ g’freut (gefreut), weil der Krieg ausgebrochen ist, und sie sind singend und mit Freude in den Krieg gezogen. Das war beim Zweiten Weltkrieg nicht so arg wie beim Ersten, aber ich glaube, daß die Leute damals, die ja letzten Endes den Ersten (Weltkrieg), den verlorenen Krieg, auch erlebt haben, vielleicht doch ein bißl Rachegedanken gehabt haben und gemeint haben, jetzt werden wir siegen, weil der Siegesgedanke war ja da bis zum Schluß.
Jubel über Kriegserfolge
Ja, und in der Zeit ist gejubelt worden, … Wir hatten daheim eine Landkarte an der Wand mit Stecknadeln, und da ist jeden Tag der Frontverlauf gesteckt worden, zuerst in Polen nach Osten – was wüßte denn ich (woher wüßte ich denn sonst), wo Krakau und Lemberg und alle diese Städte sind? Das weiß ich heute noch vom Wehrmachtsbericht und von der Landkarte, wo die Nadeln gesteckt waren - und dann an der Westfront. Das war schon ein Vergnügen jeden Tag. Wenn ich mir heute die Aktien anschau´ und die steigen, ist das so schön, wie die Kurve des Frontverlaufes damals. Manchmal haben wir noch Schnürln mitgespannt, damit eine schöne Kurve entsteht.
Beim Rückzug interessanterweise hat das nicht mehr stattgefunden.
Volk sucht Raum
Der Nationalsozialismus hat den „Lebensraum für alle Deutschen" angestrebt. Deutschland ist ja auch damals dicht besiedelt gewesen. Rußland hat, glaub´ ich, vier Menschen ...und Deutschland über 100 auf einem Quadratkilometer gehabt. So ungefähr hab´ ich das in der Schule gelernt. Jetzt haben sie Lebensraum gesucht. Und deshalb hätten wir ja die Ukraine womöglich noch einverleibt nach Deutschland, weil dort halt die große Kornkammer ist. Es sollten alle Gebiete, in denen Deutsch gesprochen wurde, in das Großdeutsche Reich, ins Tausendjährige Reich, einverleibt werden, und er (Adolf Hitler) hat ja auch schon viel einverleibt, ...
Österreich hat dazugehört. Nur Südtirol interessanterweise nicht. Südtirol war wirklich deutsches Gebiet, (aber) da war der gute Hitler mit dem Duce so gut befreundet, daß er auf Südtirol verzichtet hat. Die beiden haben sich immer wieder am Brenner getroffen, der Duce und der Hitler. Die sind mit dem Sonderzug zum Brenner gefahren, vom Norden der Hitler, vom Süden der Mussolini, und dort haben sie sich begrüßt, Hitler: „Ja, grüß dich, Julius!" Sagt der Mussolini: „Wieso sagst (du) denn Julius zu mir? Du weißt doch, daß ich Benito heiße!" „Ja", sagt Hitler darauf, „aber du hast ja auch an jeder Ecke eine Niederlage, so wie der Julius Meinl!" (lacht) Weil die Italiener halt nicht so gute Soldaten waren, sind solche Witze schon im Umlauf gewesen.
Erstes Gebot: Geheimhaltung
Aber wissen Sie, was man nicht gewußt hat, fast niemand: daß der Hitler mit der Eva Braun beieinander war. Jetzt muß ich Ihnen auch was erklären, weil die heutige Generation nie glauben will, daß wir dieses oder jenes nicht gewußt haben. Wir konnten es nicht wissen. Man muß ein Diktaturregime von einer Demokratie (unterscheiden). In einer Demokratie haben wir Presse- und Redefreiheit. Und die Journalisten, wenn irgendwo eine Schweinerei gemacht wird, decken sie auf. Die recherchieren so lang und sind so lästig, bis die da was herauskriegen. Im totalitären Regime, und noch dazu, wenn Krieg ist, ist Geheimhaltung das erste Gebot. Und wenn einer irgend etwas Geheimes ausgeplaudert hat, der ist erschossen worden. Das wußte man, daß da die Todesstrafe drauf steht, und dadurch konnten alle diese Schweinereien geheimgehalten werden.
Rationierung
… Es war ja alles rationiert. Du hast so und so viele Eier so und so viel Butter und so und so viel Gramm Brot und so weiter, gekriegt. Den Bezug gab es über Lebensmittelkarten. Schwarzhandel hat es kaum gegeben, das ist erst nach dem Krieg gekommen. Daß der eine oder andere vom Bauern einmal so ein Trumm (großes Stück) Speck mit heimgebracht hat, und so weiter, das war zwar verboten, aber man hat (es trotzdem) gemacht. Und da hat dann der Goebbels bei irgendeiner Rede einmal gesagt, na ja, es gibt keine Hühner, die so regelmäßig die Eier legen. Also, wenn da einer einmal eins abzweigt, ist das nicht so schlimm. ...Dem Bauern war ja vorgeschrieben, was er abliefern muß und so weiter. Und dann haben sie auch schwarz (illegal) de Sau’ g’schlacht’ (ein Schwein geschlachtet), und dann ist eine Kontrolle gekommen, und dann haben sie g’schwind die eine Hälfte von der Sau weg und die andere hingehängt, und dann haben die zwei Hälften auf einmal jedes ein Schwanzerl gehabt (lacht) - also so was ist auch passiert.
Fensterplatz im Massengrab
Das Eiserne Kreuz hast (du) gekriegt, wenn du tapfer warst, das EK I oder EK II - EK heißt Eisernes Kreuz -, und der Gefallene, hat das Birkenkreuz gekriegt, (ein Grabkreuz) aus Birkenholz... das ist ein geflügeltes Wort gewesen. Überhaupt war da ein gewisser Galgenhumor. Weil, mein Bruder hat immer gesagt, (der) eine zum anderen: „Gelt, und wenn du dann da draußen bist, reservierst du mir einen Fensterplatz im Massengrab!" Also, irgendwie war das makaber. Aber, das war eben der Galgenhumor, den die Leut´ damals gehabt haben. Keiner hat damit gerechnet: „Ich werd’ bestimmt zu Tod´ kommen, ich werd’ bestimmt fallen." Das war nicht der Grund solcher Witze, denn so hätte man ja nicht leben können!
In stolzer Trauer
Es ist schon sonderbar, wie die Mütter und Ehefrauen die Trauer über ihre Gefallenen in stolzer Trauer getragen haben. Das heißt - und das hat man jetzt vom Iran und von diesen Gebieten ja auch gehört, oder auch von da unten in Jugoslawien - daß man natürlich die Leute fanatisiert (hat). Wenn da einer im Krieg fällt, dann ist er halt als Held fürs Vaterland gestorben, und da war man stolz. Als mein Bruder gefallen ist, das war glaub ich ‘42 ... in Rußland vor Moskau, es war glaub ich ‘42, am 12. September, als da die Nachricht gekommen ist, hat meine Mutter keine Träne vergossen. Die hat das in der sogenannten „stolzen Trauer" verdaut.
Kriegsparolen
Manchmal hat man merkwürdige Parolen gesehen. Da ist zum Beispiel gestanden: „Räder müssen rollen für den Sieg...", und irgendwer hat dann ... dazugeschrieben: „Naziköpfe rollen nach dem Krieg". Für so etwas haben die ihr Leben riskiert. Gegen Kriegsende ist ja nimmer viel gefackelt worden, also, da hätte man sich nicht erwischen lassen dürfen.
Dann, wie ich schon gesagt hab, es gab jede Menge Sprüche. Daß das Gewehr die „Braut" des Soldaten ist, hat es schon im Ersten Weltkrieg geheißen. ... Parolen gab’s genug. Wie hat doch der Goebbels gesagt? „Wollt ihr Kanonen statt Butter?", nicht, das war doch auch eine große Parole, und die Leut’ haben „Ja!" geschrien, wenn diese großen Reichtagsreden gehalten worden sind.
Göring-Witze
Über den Hermann Göring haben besonders viele Witze kursiert. Der Göring hat zum Beispiel gesagt: „Meier soll ich heißen, wenn jemals ein feindliches Flugzeug Deutschland überfliegt!" Später haben´s zum Göring nur „der Meier" g’sagt, weil er gesagt hat, „Meier soll ich heißen". Oder, was hat’s (murmelt, denkt nach), na ja, das ist halt so ein bißl ordinär, das macht aber nichts: Angeblich hat der Göring gesagt: „Meine Offiziere fliegen wie die Vögel und vögeln wie die Fliegen." (lacht)
„Goldfasane"
Es gab ein richtiges Bonzentum. Die sogenannten politischen Leiter haben so eine braune Uniform angehabt, und die hat man die „Goldfasane" genannt, weil die so viel Lametta (Goldtressen) draufgehabt haben und Rangabzeichen und weiß ich was. Die hat man offiziell (spöttisch) „Goldfasane" genannt und (die) waren unbeliebt.
Von denen haben sich viele vor dem Einrücken gedrückt. Es ist ja nicht jeder gern zum Militär gegangen. Es hat eine sogenannte „UK-Stellung" gegeben. Wenn jemand (aus) kriegswichtigen Gründen UK gestellt war, hieß das, er war „unabkömmlich". Na ja, (die mit) einem leitenden Posten in einem Industriebetrieb oder Rüstungsbetrieb und so weiter, die haben auf diese Weise nicht einrücken müssen. Einem Wernher von Braun wird man auch keine Militäruniform angezogen haben, weil er ja wissenschaftliche Arbeit geleistet hat... Unter den politischen Leitern sind sich viele groß vorgekommen. Sie haben sich vor dem Einrücken gedrückt... sind aber trotzdem gerne in Uniform gegangen, also, es war schon eine Uniformzeit.
Freiwillig zur Luftwaffe
Ich hab mich freiwillig zur Luftwaffe gemeldet und bin später eingerückt als die anderen, die nicht freiwillig waren, aber das hat an sich keinen besonderen Wert gehabt. Ich war schon immer ein bißl ein Schlitzohr und hab´ mir gedacht: Wenn du zur Luftwaffe gehst, die haben’s schöner, da brauchst du erstens einmal nicht so wie die Infanterie (was) weiß ich wie weit marschieren (oder) dich da zusammenschießen lassen. Du steigst einmal mit dem Flieger auf, schießt ein paar Flieger ab, bist schon wieder daheim, bist ein großer Herr und gehst daheim auch noch mit der schönen Uniform!
Das war so die Vorstellung. Daß natürlich die wenigsten das überlebt haben, soweit hab´ ich als junger Mensch nicht gedacht. Du kannst ja nur einen Krieg führen mit jungen Leuten, mit jungen, dummen Buben geht das wunderbar. Die gehen erhobenen Hauptes in den Tod. Ich hab´ keine Ambition zum Sterben gehabt.
Zwei Brüder, einer war vermißt und der andere gefallen, und viele, viele Freunde und Bekannte, in der kleinen Stadt, in Eisenstadt. Die Liste der Gefallenen ist riesengroß. (Das) hat man gewußt, und trotzdem - ich weiß nicht, da komme ich wieder auf die Angst zu reden, die man nicht richtig empfunden hat. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß alle haben gehen müssen, ich weiß es nicht. Wie viele, viele Schicksalsschläge sind da ausgelöst worden! Ich finde es heute ja ungeheuerlich, daß es überhaupt jemanden gibt, der einem jungen Menschen befiehlt, sich dort hinzustellen und sich erschießen zu lassen! Das ist ja ungeheuerlich!
„Attentäter und Widerständler"
Zur Zeit des Attentates auf Hitler am 20. Juli war ich noch nicht beim Reichsarbeitsdienst (RAD), in Purk bei Ottenschlag. Ich bin am 8. August 1944 zum Arbeitsdienst eingerückt, und da verfolgte ich die Prozesse zu dieser Zeit. Mutter hat mir den „Völkischen Beobachter" nachgeschickt. Und da waren dann diese ganzen Verhandlungen und Diffamierungen und weiß ich was, drinnen, wie die Richter und der Staatsanwälte sie bezeichnet haben. Ich habe all das über die Attentäter und Widerständler mit Begeisterung gelesen. Ich seh´ mich heute noch auf dem Stockbett oben sitzen und den „Völkischen Beobachter" fressen! Und das hat dann den Ausschlag gegeben, denn da hab´ ich dann den anderen ein bißl was davon berichtet, bis einer gesagt hat: „Ich glaub´, die haben aber die Falschen umgebracht!"
Und da bin ich ein bißl aufmerksam geworden.
Nach meinem Rechtsempfinden war das ganz klar, daß die weg gehört haben, sie waren ja Verräter, schwere Hochverräter! Nach unserer Erziehung waren wir davon überzeugt, daß die weg gehört haben. Na, nachher natürlich, hinterher, hat man oft leicht reden, daß man sagt, na ja, nein, das hätt’ man ja wissen müssen und so weiter, alles Blödsinn, das hat man nicht gewußt und hat man nicht erahnen können!
Beim RAD war man kein Mensch
Mein Bruder Helge war vor mir beim Reichsarbeitsdienst (RAD) und hat dann, wie er abgerüstet hat, gesagt: „Na, das ist ein Sauverein!" Dieser Ausdruck „Sauverein" ist mir irgendwie hängen geblieben, denn das war er wirklich.
Beim Reichsarbeitsdienst war man kein Mensch, beim Militär dagegen bin ich als Mensch behandelt worden, vielleicht (auch deshalb), weil ich in einer mehr oder minder elitären Gruppe war als Offiziersbewerber. Beim Arbeitsdienst war man aus allen Gegenden zusammengewürfelt, und da durfte man keinen Schritt gehen, es mußte jeder Schritt gelaufen werden.
Die „Schwanzparade"
Das war ein Barackenlager, so im Geviert, mit einer Kommandobaracke, einer Offiziersbaracke, Mannschaftsbaracken, einer Latrinenbaracke und einer Küchenbaracke.
Die Latrine war der „Zwölfzylinder"... ein Plumpsklo mit sechs Löchern auf der einen und sechs Löchern auf der anderen Seite. Da sind sie halt alle gesessen, so war’s halt. Beim Militär (dagegen) haben wir ordentliche Duschen und ordentliche Klos gehabt.
(Beim) Baden am Freitagabend, oder am Freitagnachmittag, ist beim Arbeitsdienst alles nach dem Pfeiferl gegangen: Pfiff: „Stube sowieso raustreten!" Pfiff: „Zur Waschbaracke!" Alles natürlich im Laufschritt. Pfiff: „Ausziehen!" Pfiff: „Unter die Dusche!" Pfiff: „Warmes Wasser!" Pfiff: „Kaltes Wasser". Nein! Pfiff: „Warmes Wasser" Pfiff: „Einseifen!" Pfiff: „Warmes Wasser!" Pfiff: „Kaltes Wasser!", „Raus, ihr Schweine! Anziehen! Zurück in die Baracken! Im Laufschritt!" Das war das Bad am Freitagabend.
Dann gab’s natürlich auch noch die Untersuchung, ob man ordentlich gewaschen ist....die „Schwanzparade". Und um zehn war Zapfenstreich, da mußten wir schlafen. Um elf sind s’ auch wieder mit’m Pfeiferl gekommen, haben einen aus dem schönen warmen Bett außerg’holt (herausgeholt). So lange Nachthemden haben wir angehabt, so richtig schöne, g’schlitzte, wie’s Darmol-Mandl. Wir mußten uns in der Reihe aufstellen, und dann hat’s g’heißen: „Nachthemd hoch!" Dann mußte jeder die Vorhaut zurück(schieben), und wehe, es war einer dort nicht gewaschen, der ist exemplarisch bestraft worden, der hat Latrinen putzen müssen. Das bedeutete, tief in der Scheiße zu stecken. Es war unwürdig.
Einem sind sie draufgekommen, daß er onaniert hat. Na der hat was erlebt! Na, es war arg. Am nächsten Tag nach dieser Parade mußten wir uns alle auf dem Appellplatz versammeln, und da hat uns dann ein Sanitäter, ein Arzt, einen Vortrag gehalten. Der war eigentlich nicht einmal so unmenschlich, er hat uns in irgendeiner Form aufgeklärt und sich fast entschuldigt für die „Parade". Er hat uns gesagt, daß leider Gottes die jungen Männer nicht aufgeklärt sind, daß sie sich auch dort waschen, reinigen und sauber halten müssen. Es könnte ja eine Infektion (geben) und (was) weiß ich, is´ ja alles auch net ungefährlich.
Und außerdem sind sie draufgekommen, daß manche eine Vorhautverengung haben und die Vorhaut gar nicht zurückbringen, und da haben sie dann gefragt: „Ja, habt ihr noch nie gevögelt?" Bei so jungen Buam (Buben) idiotisch. Und denen hat man halt gesagt, sie müssen sich operieren lassen, das muß gemacht werden, aber das ist nur ein kleines Schnittchen und so weiter. Während des Arbeitsdienstes haben sie das nicht gemacht, das hat der dann wieder in seiner Zivilzeit machen lassen müssen. In der Weise gab es also einen Aufklärung über Hygiene und so weiter.
Der „Spatengriff"
Wir haben zuerst einmal den „Spatengriff" gelernt. Den kann ich heut´ noch. Der Spaten war die „Braut des Arbeitsmannes", so wie das Gewehr die „Braut des Soldaten". Der Spaten hat immer blitzblank sein müssen, und man hat mit dem Spaten präsentiert so wie der Soldat mit dem Gewehr. Es hat es einen Spatengriff gegeben. Man hatte eine Präsentierhaltung einzunehmen, „hoch an der Schulter" und so weiter...
Wir sind dort gegen alles mögliche ... geimpft worden. Immer in die linke Brust haben sie uns die Nadel eineg’stochn (hineingestochen). Dadurch war sie immer ein wenig angeschwollen. Beim Spatengriff muß man den Spaten immer daher hauen... (Hatto G. Scheer zeigt die Stelle auf der Brust), wo wir geimpft waren. Sie haben uns das immer wieder (so lange) machen lassen, bis sie es ordentlich gehört haben, alleweil auf die wehe Brust. Ist das nicht Schikane? Das war doch echte Schikane. Sowas hat’s beim Militär nicht gegeben. Kaum haben wir den Spatengriff können (gekonnt), hat es geheißen, der Arbeitsdienst wird bewaffnet, und wir müssen den Gewehrgriff lernen. Ich hab´ mich freiwillig zum Wachzug, zur Wache gemeldet, weil ich mir gedacht hab´: „Da hast (du) dann wenigstens ein bißl eine Ruhe und wirst nicht ununterbrochen geschliffen."
Aber ... der Wachdienstmann mußte den Spatengriff können, denn wenn irgend ein Oberer kommt, muß man präsentieren. Jetzt mußten wir auf die Schnelle (zusätzlich) auch noch den Gewehrgriff lernen, damit wir dann fähig sind, Wache zu schieben.
Reichsarbeitsdienst – Flughafen Seyring
Ich war in Seyring, ...beim Reichsarbeitsdienst. Da waren wir, glaub´ ich, fünf Mann, abkommandiert ...um Schienen abzumontieren von Feldbahnen. Der Seyringer Flughafen sollte nicht mehr weiter ausgebaut werden.
Wir haben hierfür Engländer gekriegt. Wir konnten uns mit unserem Schulenglisch (durchaus) gut unterhalten und waren (bald) fast befreundet mit denen. Da sind schwere Strafen darauf gestanden! Sie haben uns Schokolade gegeben. Die waren ja mit den Care-Paketen sehr gut versorgt. Die haben über das Rote Kreuz sehr viele Pakete gekriegt und sind in der Gefangenschaft sehr gut behandelt worden. Sie waren von der Britischen Airforce - Flieger auch noch! Und ich hab´ gesagt, ich will auch Flieger werden...
Also ja, das waren wirklich Freundschaften. Wir haben die auch so behandelt, wir haben gesagt: „Wißt’s was, bis dahin macht’s das, und dann braucht’s nix mehr tuan!"
Und dann sind aber die Flieger gekommen, und die (Engländer) haben sich gefreut, wenn die die Bomben hinuntergeschmissen haben über Wien, und dann haben sie gesagt: sie werden den Krieg gewinnen, und wir haben gesagt, wir werden ihn gewinnen - da hat halt jeder wieder für sich … das waren aber die Menschen! Und da hab´ ich mir auch gedacht, der Adolf (Hitler) müßte doch seine Freude haben, wenn er die Burschen sieht! Das sind blonde, fesche Kerle, nicht anders als wir auch.
Judentransport
In Seyring damals, wo wir diese Schienen verladen haben am Bahnhof, da hab´ ich (zum ersten Mal) einen Lastwagen voll mit Juden gesehen. Die haben den Stern (Tonstörung, Hatto G. Scheer greift sich aufs Mikro) gehabt, Männer und Frauen sind irgendwohin transportiert worden. Da hab´ ich mir gedacht, na gut, die werden sie irgendwo zu einer Arbeit schicken. Hab´ mir da eigentlich nicht viel dabei gedacht. Die einheimischen Juden waren eh alle verschwunden, irgendwohin, die sind ja ausgewandert. Die meisten, die das Geld gehabt haben, durften ja auswandern.
Und am Bahnhof ... war da ein Zug mit Viehwaggons. Da bin ich dann näher hin(gegangen). Da haben ein paar Finger außeg’schaut (herausgeschaut). Ich habe gemerkt, daß das ein Menschentransport ist.... Das war ganz bestimmt ein Transport in irgendeines dieser Lager.
Aber da konnte man nicht hineinsehen. Man hat nur ein Jammern gehört, und einmal (haben) ein paar Finger heraus geschaut bei einem Schlitz. Das hat mich erschüttert. Aber man hat halt nicht gewußt, was die Ursache war und warum man die da transportiert und warum man die eingesperrt hat.
Ich wußte nicht, in welchen Zusammenhang ich es bringen sollte. Ich hab´ mir halt gedacht: „Das müssen lauter Saboteure oder Verräter oder sonst was sein...
... Ich war nur sehr still… und hab den anderen davon nichts erzählt, was ich da gesehen hab. Da waren ja ein paar so Arbeitsdienstmänner auch da. Es war das einzige Mal, daß ich da mit so etwas konfrontiert worden bin.
Die „Volksschädlinge"
Ich könnte nicht sagen, daß wir eine schlechte Jugend hatten, es ist nur so: Heut´ (zögert), heut´ ist es – ich weiß nicht, bei der heutigen Generation besteht die Ansicht, dass von uns, die wir damals gelebt haben, jeder eigenhändig mindestens einen Juden umgebracht hat. So ist es nicht. Wir wußten von diesen Greueln überhaupt nichts. Wir wußten nur, daß sogenannte „Volksschädlinge" inhaftiert gehören. „Volksschädling" – ich weiß nicht, wie man das definieren soll, ich hab´ mir damals keine Gedanken gemacht. Das war halt einer, der versucht hat, gegen das Regime zu arbeiten in irgendeiner Form, ob der jetzt ein illegaler Kommunist war oder was, ich weiß es nicht. Die hat man halt dann nach Dachau geschickt, und Dachau war als KZ allgemein bekannt.
Ich kann nur sagen, wie ich es gesehen hab. Für mich war Dachau ein Gefängnis in Form eines Barackenlagers. Nicht ein KZ, wo d' Leut um'bracht´ werden (wo die Leute umgebracht werden), sondern, ja, ein Barackenlager, wo halt die Leut´ und die Volksschädlinge, natürlich auch Kriminelle, Kriminelle hat´s dort auch gegeben, untergebracht worden sind.
Einberufung
Nachdem ich bereits meinen „Luftfahrerschein" hatte – „Luftfahrerschein" nennt man den Segelfliegerschein - und ich vom Arbeitsdienst bereits abgerüstet hatte, Anfang November ´44, habe ich eine Einberufung bekommen.
Kanonenfutter
Wir waren da in Quappendorf ja nur Kanonenfutter. Ich war Kompaniemelder und hab´ ein Fahrrad gehabt, und auf dem Fahrrad hab´ ich zwei Panzerfäuste hinauf gebunden gehabt, weil ich mir gedacht hab´, Panzer abzuschießen wäre schon eine G’schicht, weil da kriegst (du) gleich eine große Auszeichnung und so. Aber wie das soweit war, da hab´ ich das Radl mitsamt den Panzerfäusten weggeschmissen. Wir sind im Wald gelegen, und die haben da „hineingetrommelt" (geschossen), und der Wald hat dann gebrannt. Von Kämpfen war da überhaupt keine Spur. Wir haben ja nichts tun können. Was sollst du denn mit der blanken Waffe und mit der Panzerfaust? Das war nichts...! (lacht)
Heimatschuß
Na ja, und so hab´ ich mich direkt zum Kriegsgeschehen hingedrängt. Und ..., wie wir da in dem Spreewald gelegen sind, haben sie mich als Trottel bezeichnet, weil ich hätte da weiter krank sein können und ich hätte ja nicht in das aussichtslose Berlin müssen. Da waren dann schon Gespräche, daß man gesagt hat: „Welche Chance haben wir?" Und da hab´ ich gesagt: „Du hast nur die Chance, daß du heraus kommst (aus Berlin), wenn du verwundet bist!"...Ich hab´ das Glück gehabt.
Die haben mit der Stalinorgel in den Wald hineingepfeffert (geschossen), da blieb kein Auge trocken. Also, da hatte man Glück, wenn man lebend herauskam. Ich hab es von ... sechs in der Früh bis halb zwei Mittag ausgehalten. Ich hab überlebt (lacht) und dann ...den „Heimatschuß" gekriegt.
Dann bin ich mitten im Trommelfeuer gelegen und bin so dagelegen und hab´ mir gedacht, wo tut's am wenigsten weh, wenn's dich erwischt? Und dann hab ich halt einmal einen Schlag auf die Hand gekriegt, und dann hab´ ich mir denkt (gedacht): „Aha, jetzt ist die Linke hin", und dann hab´ ich mir denkt (gedacht): „Jetzt ist die Rechte a (auch) hin." Zum Glück war nur die Linke beschädigt, die Rechte net (nicht). Das war ... (an meinem) Geburtstag, am 17. April 1945. Da bin ich am Oderkanal, am Oderbruch bei Quappendorf verwundet worden. Damit haben sie mich hinterher gepflanzt: „Hast die linke Hand aus’m Graben außeg’halt´n, damit’st an Treffer kriegst?!" („Hast du die linke Hand aus dem Graben gehalten, um getroffen zu werden?!"). Na ja, so war das.
Es sind von unserer Kompanie nicht sehr viele übrig geblieben. Das war ein Wahnsinn, das war wirklich ganz schlimm. Von dem ganzen Bataillon haben sich zwei Tage später, glaube ich, 20 Mann und zwei Offiziere gesammelt. Da waren natürlich viele versprengt und verwundet und so weiter, aber es sind wahnsinnig viele gefallen.
Keine Zeit für Angst
Wie ich dann im Krieg war, und wie sie wirklich, wirklich scharf geschossen haben und nicht mit Knödeln oder mit Kartoffeln, da... wenn man so mittendrin ist - hat man keine Zeit für die Angst, und hinterher, ja, (da) hat man sie dann ein bisserl, aber ... - ich weiß nicht - so richtig Angst, so richtig die Hosen g'strichen voll haben wir eigentlich nie g'habt. Obwohl, natürlich, ... ich hab´ relativ wenig Fliegerangriffe mitgemacht, aber doch etliche.
Scheu und Abscheu
Und es war natürlich auch oft dermaßen chaotisch. Ich hab´ mir das auch gedacht, wenn ich da vor Berlin gefallen wäre, ja, die (Familienangehörigen) hätten’s vielleicht einmal erfahren, weil man noch im deutschen Gebiet war. Aber ich hab´ keinem eine Erkennungsmarke abgenommen. Es war ja eigentlich die Pflicht, wenn man einen Gefallenen da hat (sieht), daß man dem die Erkennungsmarke (ab)nimmt, und dann weiß man (offiziell), der ist gefallen. Aber dazu war keine Zeit, (es) war nicht möglich. Und ich hätte auch nie daran gedacht (es zu tun), vielleicht hätte ich auch gar nicht den Mut dazu gehabt. ... Den Toten ist man schon ein bißl, wie soll ich das jetzt erklären, mit Ekel begegnet. Nein nicht mit Ekel, aber so ähnlich. Man hat keine Beziehung zu ihnen gehabt.
Und ich bin auch kein Samaritertyp, das muß ich dazu sagen. Es gibt Leut´, denen macht das überhaupt nichts, weil sie überall helfen wollen, ob es ein Lebender oder ein Toter ist, und das kann ich nicht, das hab´ ich nie können (gekonnt). Ich hab´ mir nicht einmal meine Hand selber verbunden, aber nicht, weil ich es nicht können hab´, sondern weil ich mein Verbandspack’l nicht gefunden hab´, und dann ist ein anderer gekommen und hat mir sein Pack’l gegeben, und dann haben wir’s halt eingebunden, …ja, so war das.
Beim Volkssturm
Das mit dem Volkssturm hab ich nie so richtig begriffen... Auf der einen Seite waren die Kinder dabei, dann aber auch die Alten: "Lieb Vaterland, magst ruhig sein, es rücken schon die Krüppel ein!", nicht wahr? So war’s dann zum Schluß. Den Spruch kannten sie schon im Ersten Weltkrieg. Und da merkt man dann langsam, wie es um das Kriegsgeschehen oder um den Kriegsausgang steht, wenn auf einmal die letzten Kräfte zusammengesammelt werden.
„Können wir den Krieg noch gewinnen?"
Man muß sich vorstellen, was dieser Goebbels mit seiner Propaganda angerichtet hat. Ich war ja bedauerungswürdig, so a junger Bub, nicht einmal 17 ½ Jahre alt. Da hab´ ich einen bluatig´n (blutigen) Verband g'habt und war halt in einer abgetragenen Luftwaffenuniform (unterwegs). Ich bin zu Fuß durch Berlin. Im Garten daneben, nicht weit von mir (entfernt), hat eine Granate eingeschlagen. Und da kommt ein alter Mann, der hat so ein kleines Lieferauto gehabt..., zu mir g'rennt, weil er nicht gewußt hat, ob mir was passiert ist oder nicht und sagt dann: „Wie schaut´s denn draußen aus? Können wir den Krieg noch gewinnen?" Das müssen Sie sich vorstellen! Und da hab´ ich gesagt: „Nein, hier bestimmt nicht. Sollte Goebbels' Wunderwaffe noch kommen und vielleicht London oder New York oder sonst was mit einem Streich zusammen hauen, dann könnten wir vielleicht den Krieg noch gewinnen, aber es schaut nicht so aus, als wäre es so."
Kriegsende
Am 1. Mai 1945 bin ich nach Travemünde gekommen, das weiß ich noch, und da sind im Hafen von Travemünde Nebelboote gelegen. Das sind kleine Boote, die mit Geleitzügen mitgefahren sind und die dann, wenn irgendeine Feindgefahr war, alles vernebelt haben. Und da sind die Besatzungen schon abg'haut (geflüchtet). Am ... 8. Mai war der Krieg aus, und am 1. Mai bin ich da hingekommen. Und am 2. und 3. Mai bin ich stehlen gegangen. Da haben wir die Schiffe geplündert. Die Besatzungen waren schon weg. Da hat's Lebensmittel gegeben! Käse und Brot und was weiß ich was alles, und Sekt, Sekt hat's auch viel gegeben. Na, hab´ ich halt ein bißl geplündert. Am 3. Mai waren dann die Engländer da, und ich bin zur Entwaffnung zu spät gekommen, weil ich stehlen war (lacht). Aber es hat mir nichts gemacht, weil ich das sowieso (als) sehr diskriminierend gefunden habe, wie man jetzt als Besiegter dasteht. Waffen hab´ ich eh keine gehabt, aber man mußte sich da aussackeln (entwaffnen) lassen und so. Das hat mir nicht gepasst. Ich mußte das nicht über mich ergehen lassen....
Und da war dann der Krieg wirklich aus. Am 4. Mai hab´ ich im Zimmer zu meinem Kumpel gesagt - er konnte nicht aufstehen, weil er eine sehr arge Beinverletzung gehabt hat: „Jetzt is's mir fad, jetzt geh´ i a Madl (Mädchen) kennenlernen!" Ich bin dort nur ein Stückl von dem Strandhotel weg die wunderschöne Promenade entlang, und dann sind (tatsächlich) zwei dahergekommen, nicht, und das hat geklappt (lacht). So war das.
Wir haben es nicht gewußt ...
(seufzt) Ich muß Ihnen ehrlich sagen, die Enttäuschung der Eltern habe ich nicht mitkriegen können, die war nicht da! Vielleicht deshalb, weil jeder geschaut hat, daß er seine Haut rettet. Die Mutter hat doch zu tun gehabt,
daß sie aus Ebensee rauskommt. Die KZler waren nicht zimperlich (mit dem Wachpersonal nach der Befreiung). Ob die was angestellt hat oder nicht, die hätten sie gelyncht! Wie sie es gemacht hat, daß sie von dort unbeschadet weggekommen ist, weiß ich nicht. Das hat sie auch nie erzählt. Und der Vater, ich weiß auch nicht ... wie sich das abgespielt hat. Nur, ich hab´ mir auch gedacht, die Leute haben doch nicht nur ihr Hab und Gut, sondern (auch) ihre Ideale verloren! ... Es wurde darüber nicht gesprochen, das einzige, was ich von der Mutter mitgekriegt habe, war das, daß sie einfach diese ganzen Greuelmeldungen oder was sie als Greuel bezeichnet hat, negiert hat, das hätte es alles nicht gegeben.
Und solche gibt es viele, viele ältere Menschen, oder solche, (die damals) schon älter waren, die sagen, das habe es nicht gegeben. Ich bin nicht dieser Meinung, ich glaube, daß es das gegeben hat. Aber daß man es nicht gewußt hat, das kann ich hundertprozentig bestätigen. Und außerdem, welche Schuld hätten wir, wenn wir es gewußt hätten?
„Entnazifizierung"
Mein Vater, der brave, ehrliche Mensch, hat sich nach dem Krieg dann registrieren lassen. Es war ja dann diese sogenannte wunderschöne „Entnazifizierung" Es mußte sich jeder Parteigenosse bei den Amerikanern melden und zugeben, was er gemacht hat, (und auch wenn) er nichts gemacht hat, die Zugehörigkeit allein hat ja schon genügt. Mein Vater war dadurch ein belasteter Nationalsozialist.
Meine Mutter, die Clevere, die ist gar nicht registrieren gegangen. Die war ja auch bei der Partei, ist (aber) nicht gegangen. Ich war auch so clever. Ich bin auch nicht gegangen.(Dazu muß ich sagen:) Nachdem ich vom Reichsarbeitsdienst nach Eisenstadt zurück gekommen bin, das war Ende 1944, sind ein Freund von mir und ich, ehrenhalber, auf Grund von besonderen Verdiensten, 17-jährig schon in die Partei aufgenommen worden.
Da war ich schon so weit, daß ich das als Affentheater gesehen hab´. Hab´s aber auch über mich ergehen lassen, warum nicht, also war ich auch Parteimitglied. Aber so deppert (dumm) war ich nicht, daß ich mich in Linz, wo mich keiner gekannt hat, registrieren hätte lassen. Der Herr Papa ist natürlich gegangen, mit dem Erfolg, daß er fast zwei ganze Jahre eingesperrt war. Eineinhalb Jahre in Glasenbach, dort gab es das amerikanische Lager für die belasteten Nationalsozialisten, und dann fast ein halbes Jahr in Wien im Landesgericht.
Ich hab´ ihn einmal besucht. Er war total am Boden. Mein Vater hat dieses ganze Kriegsende und (den) Zusammenbruch und alles nicht richtig verkraftet. Er ist daran, glaube ich, zugrunde gegangen. Die Mama hat das verkraftet, aber sie hat sich nie darüber gewundert, (daß) wir uns nicht darüber wundern, daß sie jetzt einfach sagt, sie war nicht bei der Partei.
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Ruth Deutschmann
Wien, 13.07.2001 |