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Name : Irma Trksak
Geburtsdatum : 02. Oktober 1917
Geburtsort/ Land : Wien
Beruf : Lehrerin, Sekretärin
Angaben zum Leben vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg
Irma Trksak: „Ich wurde am 02. Oktober 1917 in Wien geboren. Vater Stefan und Mutter Anna sind als junge Leute vor dem Ersten Weltkrieg aus der Slowakei nach Wien gekommen, um hier Arbeit zu suchen. Der Vater, gelernter Schuster und Sozialdemokrat, arbeitete sich nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg in einer Eisfabrik vom Hilfsarbeiter zum Maschinisten hoch. Unsere Familie war arm, aber nicht elend, denn wir hatten einen Verdiener, das war mein Vater. Wir waren sechs Personen, zwei Erwachsene und vier Kinder. Wir hatten nie Hunger, mein Vater war nie arbeitslos, aber wir hatten natürlich keinen Überfluß.
Ich, Irma, eine ältere Schwester, Anna, und zwei jüngere Brüder, Stefan und Jan besuchten in Wien tschechische Schulen und wuchsen dreisprachig (tschechisch, slowakisch, deutsch) auf. Ich maturierte am tschechischen Comensky-Realgymnasium (im 3. Bezirk) - damals in einer Arbeiterfamilie keineswegs eine Selbstverständlichkeit, schon gar nicht für ein Mädchen. Nach der Matura schloß ich ein Jahr Ausbildung an der Pädagogischen Akademie in Prag an. Mit dem Abschluß erhielt ich in Wien eine Anstellung als Lehrerin an der tschechischen Volksschule. Daneben unterrichtete ich an der slowakischen Sprachschule.
Nach dem „Anschluß" Österreichs an Hitler-Deutschland wurden diese Schulen geschlossen. Ich begann ein Slawistik-Studium an der Universität Wien. In dieser Zeit setzt meine Widerstandstätigkeit ein, zunächst in einer Zensurstelle für Briefe in slawischen Sprachen und dann in meiner Gruppe im „Tschechoslowakischen Turnverein". In diesem Verein hat sich alles abgespielt. Wir waren durch ihn getarnt, wir konnten - im Rahmen dieses Vereins - in die Lobau gehen, haben Spaß gemacht, gesungen, sind gewandert – und konnten dabei beraten, wie wir unsere Widerstandstätigkeit ausüben. Ohne daß die Nazis uns draufgekommen sind.
Meine Beweggründe zur Widerstandstätigkeit hatten ursprünglich nichts damit zu tun, daß die deutschen Faschisten gekommen sind sondern mit der Gewalt, der Brutalität des Regimes - den Verhaftungen und Verfolgungen. Aber am meisten getroffen war ich dadurch, daß sie uns als (tschechoslowakische) Minderheit aufgelöst haben.
Als Slawen kamen wir im Dritten Reich an die 3. Stelle nach den Juden, Roma und Sinti. Wir hatten kein „deutsches Blut in unseren Adern", wir waren minderwertig, wir waren verurteilt nach dem was Hitler in „Mein Kampf" geschrieben hat."
Im Frühjahr 1939 ist Irma Trksak an einem Brandlegungsversuch beteiligt und im Oktober darauf an einem zweiten in der Lobau. Im September 1941 wird sie von der Gestapo verhaftet. Ein Jahr lang ist sie im berüchtigten Wiener Polizeigefängnis Roßauer Lände, das auch von der Gestapo genutzt wird, inhaftiert.
Ende September 1942 wird sie mit einem Transport nach Ravensbrück geschickt. Dort trifft sie auf Rosa Jochmann, Sozialdemokratin und weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Symbolfigur für den unermüdlichen Kampf gegen Faschismus und Unterdrückung. Im KZ Ravensbrück arbeitet sie für Siemens, wird Stubenälteste und nach einem Verrat in das – ganz in der Nähe liegende - Vernichtungslager Uckermark überstellt.
Am 28. April 1945 wird sie mit ihren Leidensgenossinnen in einem der sogenannten Todesmärsche von der SS Richtung Westen getrieben, um so den sich nahenden Russen zu entkommen. Ihr gelingt die Flucht. Einen Monat später kann sie - nach einem abenteuerlichen Marsch über Polen und der Tschechoslowakei - in Wien ihre Eltern in die Arme schließen und erfährt vom Tod ihres Freundes und ihrer zwei Brüder.
1946 ist sie Zeugin im Hamburger Prozeß, der den Verantwortlichen der Konzentrationslager Ravensbrück und Uckermark von den Engländern in einem Militärgericht gemacht wird.
Irma Trksak: „Nach dem Krieg wurde ich Vertragsangestellte auf der tschechoslowakischen Gesandtschaft (Sekretärin des Kulturattachés), arbeitete ein Jahr in der Redaktion einer tschechischen Wochenzeitung und blieb anschließend eine zeitlang zu hause. Später übernahm ich dann verschiedene Tätigkeiten in der Privatwirtschaft. Seit der Pensionierung bin ich Sekretärin der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück und Mitarbeiterin des KZ-Verbandes in Wien."
Irma Trksak ist ledig, sie hat einen Sohn.
Irma Trksak:
Auf den Spuren von Rosa Jochmann: Verzeihen? „Vielleicht." Vergessen? „Nie!"
Prolog
Also wir haben versucht, uns nicht in das Elend zu fügen. Wir haben rauf geschaut über die Mauer des Lagers (Anmerkung: Ravensbrück) zur Sonne, und wenn wir ein Vogerl gesehen haben, waren wir glücklich. Es war ja die hohe Mauer, wir haben nichts gesehen, nur die Wipfel von den Bäumen, und nur wenn wir rausmarschiert sind, haben wir den See gesehen und die Sträucher und so weiter. Aber drinnen war alles trostlos, es war ganz schrecklich.
Und es ist ein ewiger Alptraum, der mir bleibt. Das kann man nicht vergessen, wirklich nicht. Das bleibt einem, das bleibt einem genauso wie die eingebrannte Nummer bei den Auschwitzern, sag ich immer, das bleibt drinnen. Nicht eingebrannt, nicht tätowiert: aber doch als „Brandmal" sagen wir,... ja!
Ich war als Böhm´ keine Außenseiterin
In dem Milieu, in dem ich aufgewachsen bin, das war in der Minderheit. Es war eine sehr große Minderheit der Tschechen und Slowaken in Wien, da war ich keine Außenseiterin. Vielleicht für die Wiener Kinder, mit denen ich nicht so viel Kontakt hatte wie mit jenen, mit denen wir in einem Haus gewohnt haben.
Es kam auch vor, daß wir von den deutschsprachigen Kindern manchmal ein bißchen geneckt wurden, oder „überfallen", wenn wir, unter uns Kindern, gerauft haben, das kam auch vor. Aber ich habe das niemals als Fremdenfeindlichkeit empfunden, sondern die Kinder haben eben ein bisserl „geperscht" wie man so sagt.
Denn wir hatten ja alle Rechte, offiziell. Wir waren der anderen Bevölkerung gleichgestellt, es gab ja andere Minderheiten auch, Kroaten und Slowenen im Süden und so weiter. Also von Amtswegen waren wir gleichgestellt, hatten überhaupt keine Schwierigkeiten, und unsere Schulen hatten alle das Öffentlichkeitsrecht - hier in Wien.
Wir waren arm, aber nicht elend
Also wir haben die Härte der Arbeitslosigkeit nicht so erlebt wie andere Kinder, die ich gekannt habe. Natürlich, wir waren auch arm, aber wir waren nicht elend, sag ich immer... Wir mußten sparen, sechs Menschen und ein Verdiener, also, es war nicht so leicht, aber wir mußten nicht hungern. Meine Freundin, deren Vater Gewerbetreibender war, die war viel schlimmer dran als wir, und die kam immer am Nachmittag zu uns und hat eine Jause bekommen. Wir haben immer versucht, jemandem zu helfen, und so habe ich meine Freundin immer eingeladen, und die hat mit uns dann eine Jause eingenommen.
Aber meine Schwester hat das (Anmerkung: die schlechte wirtschaftliche Lage) schon empfunden, weil sie war Kunstgewerblerin. Sie hat Teppiche knüpfen gelernt, also echte Teppiche knüpfen, und wer hat sich damals schon einen Teppich leisten oder kaufen können? Und da wurde sie dann arbeitslos und ist dann nach England gegangen, erst als Aupair, so wie auch jetzt Mädchen gehen, um Sprachen zu lernen. Aber meine Schwester ging, um zu überleben, um zu verdienen, und erst später dann, weil das schlecht bezahlt wurde, ist sie ganz einfach in Dienst gegangen in England. Und blieb dort bis nach dem Krieg.
Tschechische Sozialdemokraten
Ich habe immer wieder betont, daß mein Vater bei den tschechischen Sozialdemokraten war, und die waren ja nicht so in den Schutzbund involviert wie die Wiener. Also ich kenne kaum Tschechen, die im Schutzbund waren und dann beteiligt waren an den Vorbereitungen und an den Kämpfen (Anmerkung: Februarrevolte 1934). Was damals mißlungen ist, das haben wir natürlich schon alles mitbekommen, aber nicht persönlich erlebt.
Februar 1934
Den Februar ´34 habe ich nicht in Wien erlebt, weil ich da gerade auf Skikurs in Annaberg (Niederösterreich) war. Aber mein Vater hat mich nachher zu all diesen Häusern geführt, Schlingerhof, Goethehof, Karl-Marx-Hof, und hat mir gezeigt, was angestellt wurde, wie also gegen die Arbeiter geschossen wurde, gekämpft wurde. Und es gab ja auch Verurteilungen und sogar drei, so viel ich mich entsinnen kann, Todesstrafen, wo die hingerichtet wurden, die Anführer dieses sogenannten Aufstandes damals.
Illegale Arbeiterzeitung
Also informiert hat mich mein Vater sofort über die Vorgänge, die damals passiert sind. Und nachdem die Sozialdemokraten verboten waren in dieser Zeit und Deutsch nach Brünn geflüchtet ist, ist die illegale „Arbeiterzeitung" von Brünn nach Wien geschmuggelt worden. Mein Vater hat sie in der Fabrik – er war in einer Eisfabrik beschäftigt - bekommen, und wir Kinder haben sie sogar verteilt und den Menschen in die Türen gesteckt, und so haben wir schon eine kleine politische Arbeit geleistet. Aber wir sind nicht aufgeflogen, und mein Vater auch nicht. In dieser Zeit wurden wir nicht verfolgt.
Die Vereine der Tschechischen Sozialdemokratischen Partei
Also ich war Mitglied in mehreren Vereinen. Ich war Mitglied des Turnvereines, des tschechischen Arbeiterturnvereines, da war ich noch nicht einmal schulpflichtig, bin ich schon in diesen - mit meiner Schwester, die war um drei Jahre älter - turnen gegangen. Und dieser Verein gehörte zur Tschechischen Sozialdemokratischen Partei.
Die Systemzeit
Während der Systemzeit, so nannten wir die Zeit von ´34 - ´38, waren schon fast alle Vereine - auch unsere - verboten. Und so haben wir dem Verein einen anderen Namen gegeben und andere Statuten und haben damit einen neuen Verein gegründet. Das war dann nicht mehr der Arbeiterverein, sondern der Tschechoslowakische Turnverein. Damit wir existieren konnten, haben wir die sozialdemokratische Idee sozusagen ausgelassen, und es wurde ein reiner Turnverein.
Und in dem habe ich gewirkt und geturnt bis Hitler kam, der dann alle Vereine verboten hat. Überhaupt alle tschechischen Vereine. Und er hat sogar unsere tschechischen Schulen zugesperrt. Die Schüler mußten von heute auf morgen in die deutschsprachigen Schulen gehen, und wir Lehrer wurden entlassen, und das war für mich der erste Anlaß und der erste Gedanke, etwas dagegen zu tun.
Weil ich das als schreckliches Unrecht empfunden habe, die Rechte, die wir jahrelang hatten, daß die ganz einfach, mit einem Federstrich, zunichte gemacht wurden – sozusagen.
Man hat nur die Jubelnden gezeigt
Also, wenn ich mich an die Wochenschauen erinnere, wo sie die jubelnden Menschen am Heldenplatz gezeigt haben - es waren nicht nur Wiener, die wurden ja damals aus der ganzen Umgebung mit Lastautos hergebracht, und die Kinder wurden verpflichtet, Spalier zu stehen und mit den Fahnen zu winken. Also, es war freiwillig, aber es war auch inszeniert, sagen wir, diese ganze Geschichte, und da pflege ich immer zu sagen:
„Aber die Menschen, die zu Hause gesessen sind und gebangt haben und Angst hatten, wie es jetzt weiter geht, die Menschen hat man nie gezeigt." Man hat nur die Jubelnden gezeigt. Aber die, die gewußt haben, was auf sie zukommt - die schon damals die Idee gehabt haben, etwas dagegen zu machen, sich das nicht gefallen lassen, die diese Gewalt verurteilt haben - auch das, was nachher noch alles passiert ist, mit den Juden, mit den Verhaftungen, mit den Funktionären aller Parteien, die damals erlaubt, oder nicht erlaubt waren, die hat man nie oder nur selten gezeigt.
Zum Beispiel die Funktionäre der Vaterländischen Front wurden als Erste nach Dachau geschickt, und die Funktionäre der verbotenen Parteien, die man auch gekannt hat, natürlich, die hat man auch gleich nach Dachau deportiert.
Wenn man das alles gleich nach dem Einmarsch verfolgt hat, hat man gewußt: „Jetzt muß etwas dagegen geschehen, jetzt müssen wir uns wehren, jetzt müssen wir etwas tun." Es war natürlich nicht von heute auf morgen, daß wir gleich parat waren, etwas zu tun. Man hat überlegt und hat sich dann formiert, hat kleine Gruppen gebildet und hat überlegt, wie werden wir vorgehen? Und wenn ich jetzt zurückdenke, so wundere ich mich, daß so viele Menschen die selben Ideen hatten wie wir.
Niemand hat an die Gefahr gedacht
Vereint hat uns der Impuls, etwas zu tun, das spontane Bedürfnis, sich zu wehren, sich das nicht gefallen zu lassen - und niemand hat an eine Gefahr gedacht, niemand hat, zumindest am Anfang, gedacht, wir werden verhaftet. Wir hatten keine Erfahrung in Konspiration, vielleicht hat auch deswegen niemand daran gedacht, daß wir einmal verhaftet werden könnten – am Anfang!
Später, als wir dann gehört haben, die Menschen werden deportiert in die Lager, dann versuchten wir schon, ein wenig vorsichtiger zu sein, aber die ganze Vorsicht hilft nichts, wenn sich Spitzel einschleusen in die Gruppen, mitarbeiten, beobachten und das dann anzeigen. Da nützte die ganze Konspiration nichts mehr, als sich solche Menschen dann in unsere Gruppe hineingedrängt haben.
Also das war der Anfang, wie es begonnen hat, dieses Leid, das über so viele Menschen gekommen ist. Wenn man nur an die Juden denkt, was sie mit denen angestellt haben: die Synagogen gesprengt, angezündet, die Bethäuser zerstört, die Menschen Straßen reinigen lassen von den Parolen, und wie sich das dann entwickelt hat, bis zur Kristallnacht. Die Geschäfte zertrümmert und geplündert und so, das war ja nicht von heut´ auf morgen, das war eine Entwicklung, das war von März bis November, nicht?!
Die Kristallnacht war ja erst im November, und im März haben die schon so vielen Menschen so Furchtbares zugefügt. Und das haben wir ja alles miterlebt und gesehen und als wahnsinnig ungerecht empfunden.
Todesstrafe für „Rote Hilfe"
Erst einmal waren die (Leute) froh, daß sie Arbeit haben, dann war es zu spät. Da war die Bespitzelung, die Hauswarte, Blockwarte und wie sie hießen bespitzelten die Menschen. Jeder, der eine Äußerung dagegen gemacht hat, war schon ein Feind, ja. Wenn man nicht mit dem Hitlergruß gegrüßt hat, wurde man schon verhaftet und als Feind bezeichnet, nur um zu zeigen, was für Kleinigkeiten dazu geführt haben, daß Menschen verhaftet wurden. Es wurden Leute hingerichtet, weil sie 5 Schilling oder 5 Mark für die „Rote Hilfe" gespendet haben, zum Beispiel. „Rote Hilfe", das war die Hilfe für die Frauen jener Männer, die eingesperrt waren. Das war schon ein Grund für die Todesstrafe, also bitte.
Ich hab bei Juden eingekauft
Ich sage immer, mein erster Widerstand war folgender: Ich habe damals sehr viele Juden unterrichtet in Tschechisch oder Slowakisch, weil das erste Land, in das sie geflüchtet sind, das war die Tschechoslowakei – die hat ja damals noch existiert, nur noch eine ganz kurze Zeit, aber doch. Und da hab ich den Menschen (Schülern) die Grundbegriffe beigebracht, wie sie sich was kaufen können, wie sie grüßen, wie sie die ersten Worte mit der Bevölkerung dort sprechen sollen und so weiter.
Und da hatte ich sehr viele jüdische Schüler - sie sind dann meine Freunde geworden - unterrichtet. Und wie ich da im 4. Bezirk war, - dort hab´ ich einen Schüler gehabt, und da bin ich nach Hause gegangen und sehe ein Geschäft mit dem Judenstern. „Jude – Arier kaufen nicht bei Juden", das war auf jedem Geschäft eines Juden draufgeschrieben - und da habe ich mir gedacht: „Ich werde ihnen zeigen, daß ein Arier sehr wohl bei einem Juden einkauft" und bin hineingegangen und hab´ mir 10 dag Grammeln gekauft, das vergesse ich bis heute nicht.
Und die Menschen, die da aufgepaßt haben, ob ein Arier hineinkommt, haben jetzt zu streiten begonnen, und sie haben mir eine Tafel mit der Aufschrift umgehängt: „Diese arische Sau kauft bei einem Juden", und sie haben aufgeregt diskutiert: „Sie ist a Jüdin!" „Sie ist keine Jüdin!" „Doch, sie ist eine Jüdin!" Ich hab´ währenddessen die Tafel von mir runtergenommen und bin schnell weggegangen, denn das war schon strafbar: „Kontakt zum Feind", „Unterstützen der Juden", war schon ein Grund, daß man einen verhaftet hat. Aber damals wurde ich noch nicht verhaftet.
Also ich habe viele Sachen gemacht, wovon die Gestapo keine Ahnung hatte, und eines davon war das. Ich sag´ immer, das war mein erster spontaner Widerstand, also nicht geplant, sondern spontan gegen diese Ungerechtigkeit: man brandmarkt die Menschen mit dem Judenstern, man erlaubt nicht den Kontakt mit den anderen, mit denen wir zusammen gelebt haben. Ich hab´ jüdische Freunde gehabt, ich hab gar nicht gewußt, daß das Juden sind, zum Beispiel. Das war kein Thema, bist du Jude oder bist du das oder das...
„In mir war immer so ein Widerstand"
Eine Frau war für die Nazis so etwas wie eine „Gebärmaschine", die viele, viele Kinder bekommt, damit das 1000jährige Reich gegründet werden kann, daß sie genug Kanonenfutter haben. Also man hat uns - vielleicht weil wir politisch unbelastet waren, wir waren ja keine Mitglieder einer Partei - nicht ganz ernst genommen. Vielleicht hat man deswegen die Bedeutung unserer Arbeit nicht erkannt. Also wir haben fast dasselbe gemacht wie die Männer - nicht allein, mit den Männern. Wir haben ja keine Erfahrung gehabt, als junge Frauen damals. Und die Einstellung der Nazis, die uns Frauen Widerstandstätigkeit nicht zugetraut haben, hat uns vielleicht sogar das Leben gerettet, sag´ ich immer.
Ich wurde nie geschlagen, zum Beispiel - ich wurde ausgeführt in Ketten, ich wurde stehen gelassen mit dem Gesicht zur Wand und beschimpft und so weiter – das alles. Aber ich wurde nie geschlagen, das muß ich schon sagen, nie.
Aber diese Ungewißheit war - nicht so wie schlagen, aber doch nicht weit weg davon, weil man ja nie gewußt hat, was weiter geschieht. Wenn man in der Nacht geholt wird und verhört wird und wieder zurückgebracht wird und immer wieder - fast ein ganzes Jahr lang hat das bei mir gedauert, weil die Gruppe war so groß, daß sie also immer gedacht haben, sie werden noch etwas erfahren, nicht wahr.
Und das ist natürlich schon zermürbend, aber ich habe das nie gezeigt. In mir war immer so ein Widerstand,... aber ich habe immer die Unbekümmerte gespielt, und weil mir das anscheinend gelungen ist, bin ich vielleicht nicht ärger behandelt worden...
Tragische Schicksale
Eine Frau hat sich von meiner Gruppe das Leben genommen. Sie hat sich erhängt in der Zelle, die hat ganz einfach den Druck nicht mehr ausgehalten, weil sie zugeben mußte, was ihr Mann – das war mein Komplize -, was ihr Mann gemacht hat,... und dann hat sie sich erhängt in der Zelle.
Wir haben schon ganz tragische Schicksale in der Gruppe gehabt. Zwanzig sind hingerichtet worden, Männer, ohne Gerichtsverhandlung. Wir sind im September verhaftet worden, und im November sind sie bereits in Mauthausen erschossen worden, zwanzig, auch junge, ganz junge Burschen waren darunter, nicht nur Männer, sondern auch junge Burschen sind erschossen worden. So war das, tragisch alles.
Niemals vergessen
Und wenn ich jetzt – ich weiß nicht, wie lange ich noch Zeit habe, um etwas dazu zu sagen, zu dem Ganzen - wenn man mich frägt: „Warum nimmst du das auf dich? Warum erzählst du immer darüber? Warum gehst du auch noch in die Schulen, sprichst zu den Schülern?" So sage ich immer, ein bißchen poetisch: „Beim ersten Schritt in die Freiheit hab´ ich einen Schwur geleistet, nicht alleine, mit den anderen: Daß wir alles daransetzen wollen, daß so was nie wieder kommt, daß man Menschen verfolgt, weil sie anders denken, weil sie eine andere Farbe haben, eine andere Religion, weil sie gegen die Gewalt sind, weil sie ganz einfach so leben wollen, wie sie sind, sie selbst sein und nach ihren eigenen Regeln leben wollen." Auch deswegen wurden Frauen verhaftet, die vielleicht nichts anderes gemacht haben, als daß sie so leben wollten, wie sie waren, auch das waren Gründe für die Verhaftung.
Und daß, wie ich immer wieder sage: „Daß niemals vergessen wird, niemals diese Zeit vergessen, das bedeutet, die jungen Menschen sollen das als Mahnung aufnehmen, was geschieht, wenn die Freiheit und Demokratie zerschlagen werden und wenn die Gewalt Oberhand bekommt und siegt."
Es ist bestimmt schwer für mich. Wenn ich darüber rede, muß ich immer an diese Menschen, an diese Opfer denken, und die sollte man auch nie vergessen und immer daran denken, daß ohne sie ein neues Österreich nicht entstanden wäre. Ohne die vielen (Opfer), nicht nur in Österreich, sondern überhaupt in ganz Europa. Und auch nicht ohne die Alliierten natürlich,... alle zusammen haben es bewirkt, daß wir wieder ein freies Land wurden. Und nicht die Ostmark geblieben sind, die wir waren damals. So, das hätte ich gesagt (lacht). (im Sinn von: So, das wäre ich jetzt losgeworden...)
Meine „Verbrechen"
Ich sag immer, ich habe drei - in den Augen der Nazis - drei Verbrechen auf meinem Kerbholz.
Erstens einmal sind es die Flugblätter, die wir verfaßt haben, bevor der Krieg war. Wo wir versucht haben, die Bevölkerung aufzuklären, was es bedeutet, daß Hitler jetzt da ist. Es ging ja nicht nur darum, daß er uns Arbeit gegeben hat. Warum hat er uns Arbeit gegeben? „Er gibt den Leuten Arbeit, weil er alle Fabriken auf Munitionsfabriken umrüstet, wo Waffen und Munition erzeugt werden."
Ad zwei hat er Straßen gebaut: „Damit seine Panzer schneller rollen können in Länder, die er erobern will, unterjochen will, ausrauben will - Länder, in welchen er Teile der Bevölkerung mordet." Das war, bevor der Krieg ausgebrochen ist, also das war „Vorbereitung zum Hochverrat", zum Beispiel.
Das zweite war dann das Schreiben von Kettenbriefen an die Soldaten, wozu wir ihre Feldpostnummern herangezogen haben. Es ist zu lang zu erklären, wie wir an sie herangekommen sind - jeder Soldat hatte eine Feldpostnummer. Wir haben durch Freunde, die auch eingerückt waren, diese Nummern erfahren, und da haben wir die Soldaten dann aufgeklärt, indem wir ihnen geschrieben haben: „Was will Hitler mit diesem Krieg? Das ist nicht Eurer Krieg. Ihr seid Bürger eines anderen Staates. Wir sind Österreicher und keine Deutschen. Ihr wurdet gezwungen einzurücken!" Aber nicht jeder ist ein Held, und Fahnenflucht wurde mit dem Tod bestraft, also forderten wir sie auf, sie sollten versuchen, zumindest nicht brutal zu sein, nicht zu schießen, wenn es geht, oder nicht zu kämpfen, also in dem Sinne... Wir haben den Soldaten klarmachen wollen, welche Ziele Hitler mit diesem Krieg verfolgt. Daß das ein reiner Eroberungskrieg ist, daß er überall vordringt, um sein 1000jähriges Reich zu gründen, das hatte er ja vor. Zum Glück haben bei uns - in Österreich - die 1000 Jahre nur sieben (!) Jahre gedauert. Zum Glück. Das war „Zersetzung der Wehrkraft".
Und als Drittes haben wir auch versucht - ich sag´ immer –„Sand zu streuen in das Getriebe der Kriegsmaschinerie". Wir haben Kontakte aufgenommen zu Eisenbahnern, wo wir wiederum verläßliche Leute ersucht haben, sie sollen die Fahrpläne nicht einhalten, daß das Kriegsmaterial nicht so schnell an die Front kommt, daß die Transporte mit den Häftlingen nicht so schnell in die KZs kommen, daß sie ein bißchen Chaos erzeugen - das dann später sowieso vorhanden war. Damit sich das alles verzögert, die ganze Geschichte, daß das nicht so schnell geschieht, und wir haben sogar ganz kleine - wenn man das jemanden erzählt, der wirklich Sabotage gemacht hat, wird er lachen darüber, aber wir haben auch ganz kleine - Sabotageakte gemacht.
Wir haben zum Beispiel Depots angezündet, wo Kriegsmaterial eingelagert war, also Uniformen oder Räder, die sie requiriert haben. Oder: Sie haben den Leuten ja alles weggenommen, Skier haben sie den Leuten weggenommen, man durfte keine Skier haben, keine Räder haben, das haben sie alles requiriert, das war in Depots. Und da haben wir versucht, in diesen Depots Schaden anzurichten, und wenn schon nicht alles abgebrannt ist, so zumindest teilweise.
Wir haben in der Lobau - um aufmerksam zu machen, da sind Menschen, die was tun – Strohtristen angezündet oder Heu, und dann hat man darüber geredet und in den Zeitungen darüber geschrieben. Wir wollten die Leute zum Nachdenken bringen, daß es doch nicht so reibungslos geht, wie die Deutschen es uns vormachen wollten. Die haben nur immer gesiegt, gewonnen, die haben Flugzeuge abgeschossen und Schiffe versenkt, die haben angeblich immer Erfolge gehabt und nie Mißerfolge, und trotzdem waren die Mißerfolge da! Und deswegen wollten wir die Leute dazu bringen nachzudenken - zwischen den Zeilen in den Zeitungen zu lesen, um die Situation richtig einzuschätzen. Also das war unser Ziel, und ich glaub, ein bißchen was ist uns schon gelungen mit diesen Aktionen, die wir gemacht haben.
Das waren die drei Hauptgründe, also Hauptsachen, die wir gemacht haben, in unseren Gruppen... Und da haben wir uns teilweise in den Wohnungen getroffen bei manchen, oder wir haben uns draußen getroffen, meistens in der Natur. Wir haben einen Ausflug gemacht, und bei dem Ausflug wußte man schon: der Treff ist dort, und so hat man sich – nicht in großen Massen, damit das nicht auffällt – in kleinen Gruppen immer irgendwo in der Natur getroffen.
Aufgedeckt
Wenn es notwendig war, haben wir uns natürlich auch in den Wohnungen getroffen, um die Matrizen zu schreiben und abzuziehen. Das konnten wir nicht im Freien, das haben wir dann alles bei meinem Freund in der Wohnung gemacht. Dort haben wir die Matrizen geschrieben und abgezogen, und das war das Pech, diesen Abziehapparat hat man dann gefunden. Den hat er eingegraben – sie (seine Familie) haben einen Schrebergarten gehabt, beim Steinhof - in der Nähe - und die Stelle war frisch, man hat das Gerät gefunden, und das war schon ein Beweis.
Man konnte nicht sagen: „Ich hab nichts gemacht" - die Flugblätter waren da, die wurden gestreut, die wurden an die Arbeiter verteilt. Wir haben sie - wo es nur möglich war - verteilt, diese Flugblätter, und wie kannst du dann sagen, du hast nichts gemacht, wenn jetzt dieses Stück da ist, das sie gefunden haben.
Also, da war es schwer zu leugnen, nicht. Wir wußten schon von den anderen, wenn man leugnet, was sie schon wissen, daß sie Leute bis zum Tode geprügelt haben, also, das hat dann keinen Sinn mehr gehabt. Und der Wille zum Überleben war ja auch hier, man wollte sich ja nicht nur opfern und totschlagen lassen...
Obwohl ich wieder, immer wieder sage: „Mich haben sie nicht geschlagen." Ich war so ein kleines liebes Mädchen und (lacht), also vielleicht hat das auch eine Rolle gespielt, wahrscheinlich ja. Ich glaube, daß das auch ein Grund war.
>Verhaftung und Gefängnis
Ich hab´ schon vorhin erwähnt, ich war Werkstudent im „Tagblatt", komm´ abends nach Hause, die Gestapo war da, hat gesagt: „Wir haben ihnen einige Fragen zu stellen", und die Fragestellung hat vier Jahre lang gedauert. Sie haben mich gleich mitgenommen. Aus.
Die erste Zeit durfte ich keinen Kontakt zu meinen Eltern haben, erst später - viel später - durften sie mir die Zahnbürste reinbringen und Wäsche, daß ich Wäsche wechseln konnte. Ich war fast das ganze Jahr in Einzelhaft – oben, wo die Männer waren. Also, jeder war in einer Zelle, und wir waren - von meiner Gruppe - drei Frauen oben, sonst nur Männer, und fast alle haben zu meiner Gruppe gehört, damals, als ich auf der „Roßauer Lände" war. Im Rückblick kommt mir die Situation fast unmöglicher vor als zur Zeit, wo ich drin war. Man war voll damit beschäftigt darüber nachzudenken, was ist jetzt mit dir geschehen, es war diese furchtbare Zeit, wo man nur drei Schritte hin- und drei Schritte zurückgehen konnte, wo wir überhaupt nicht aus der Zelle durften.
Man hat uns ein Lavoir mit Wasser hineingebracht, nicht einmal in den Waschraum durften wir gehen, weil wir ja unter lauter Männer waren.
Und wir drei Frauen durften überhaupt nicht - das ganze Jahr nicht - aus der Zelle. Also, man hat uns das Wasser gebracht. Ich hab´ ein (!) Jahr nicht gebadet, erst bevor wir nach Ravensbrück gekommen sind, sind wir zu den Frauen runter gekommen in den Frauentrakt, und da hab´ ich zum ersten Mal geduscht. Sonst durften wir uns nur - stellen Sie sich vor - wir durften uns keine Haare waschen, ein (!) Jahr lang habe ich keine Haare gewaschen. Also, ich hab´ ja keine Läuse bekommen, weil ich mich nirgends angesteckt hab´, aber es gab auch Wanzen in dem Gefängnis. Immer hab ich sie nicht erschlagen, aber immer hab´ ich furchtbare Schimpfer bekommen, wenn ich eine Wanze erschlagen habe (lacht), auf der Wand. Man konnte die doch nicht rennen lassen!
Verbotener Kontakt
Ohne zu lesen, ohne was zu machen – (erregt) nichts, nichts, nichts - in der Zelle. Keine Zeitung, keine Bücher, nichts - den ganzen Tag nur auf und ab gehen. Aber wir waren ja so - in dieser Einsamkeit, war man so – erfinderisch, so haben zum Beispiel die Zellennachbarn mit uns Kontakt aufgenommen: Da war in der Zelle eine Schraube, wo sein Bett und mein Bett zusammengekommen sind. Er hat schon immer geklopft, aber ich hab keine Ahnung gehabt, daß man sich mit Klopfen zu verständigen versucht. Bis ich dann draufgekommen bin - es waren immer die selben Klopfzeichen - daß das Buchstaben sind. Und dann hab ich das gelernt, also auswendig:
A ist einmal, B ist zweimal, C ist dreimal und so weiter, und so hat er geklopft, und ich hab´ zurückgeklopft, und so haben wir uns verständigt... Wir haben uns gekannt, er war vom 21. Bezirk, er wurde aber hingerichtet. Er hat nicht überlebt, dieser junge Bursch, er war noch jünger wie ich.
Und so hat man wenigstens ein bißchen Ablenkung gehabt, hat das Gehirn angestrengt, hat Gedanken ausgetauscht mit jemandem anderen. Man hat nicht nur immer über sich nachgedacht - über sich, über das was war, und über das was kommt - über die ungewisse Zukunft, und so weiter. Man hat ja nichts gewußt, wir haben nicht gewußt, daß wir ins Lager kommen. Keine Ahnung, überhaupt nichts.
Wir wurden nur immer geholt zum Verhör und sonst nichts. Und niemand hat uns gesagt, was weiter ist, nicht. Und er hat leider nicht überlebt, mein Nachbar, mit dem ich so geklopft habe.
Unter Kontrolle vom „Wastl" und der Gestapo
Wir wollten natürlich auch mit einem anderen menschlichen Wesen Kontakt aufnehmen, außer mit dem, der reingeschaut hat jede halbe Stunde: Einmal hat der Aufseher vom Gefängnis hineingeschaut und einmal ein Gestapo-Mann. Wir wurden ja auch von der Gestapo bewacht, denn der (vierte) Stock „gehörte" der Gestapo. Da waren lauter Häftlinge, die von der Gestapo verhört wurden.
Und das kann man sich nicht vorstellen, wenn man also zum ersten Mal in diese Zelle kommt und aufs Klo muß. Und jetzt weiß er nicht, daß du am Klo bist, und ich weiß nicht, daß er hineinschaut. Also, einmal war’s eine halbe Stunde, dann hat man schon ausgerechnet, wann er ungefähr wiederkommt. Also, der „Wastl" – so nannte man ihn, diesen Aufseher - und der Gestapo-Mann.
Erst ist man raufgesprungen, hat sich zugedeckt, und dann hab ich mir gedacht: „Schau rein, mir ist das ganz wurscht, (Tonstörung: Irma Trksak klopft auf´s Ansteckmikro) was kann ich dafür, daß ich herinnen sitze?!"
Also, das war das Erniedrigendste, was es überhaupt gibt. Diese intimste Sache eines Menschen, jetzt vor einem Mann - noch dazu als (Tonstörung: Irma Trksak klopft auf´s Ansteckmikro) Frau. Also das war schon ganz erniedrigend - aber man hat sich innerlich immer gesagt: „Dir macht es nichts, mir macht es nichts, laß sie, laß sie. Sie sind deine Feinde", (lacht) und so hat man sich immer versucht, allein zu bekräftigen. Und was ich auch immer gemacht habe war, den Anschein zu erwecken, daß mir das alles nichts ausmacht. In Wirklichkeit hat es mir natürlich schon was ausgemacht, daß ich in der Zelle bin und eingesperrt. Und damit ich es leichter ertragen hab´, hab´ ich gesungen - aber das war auch nicht erlaubt.
Geweint hab ich auch
Gesungen hab ich Volkslieder und alles mögliche, mit dem Hintergedanken: „Ah, denen werde ich es nicht zeigen, daß mich das alles so wahnsinnig belastet." Und geweint hab ich natürlich auch, aber nie, wenn der es gesehen hat. Nur wenn ich im Bett war. Natürlich hat man auch geweint. Das war ja nicht so einfach – bin ich doch schon ein bißchen behütet aufgewachsen in einer wunderschönen Familie mit Geschwistern und Eltern, und dann ganz allein – das war nicht so einfach, nicht wahr. Immer umgeben von Menschen, von lieben Menschen, von Freunden, und dann: „Jetzt bist du ganz alleine in dem Loch da oben."
Das war also ganz schwer, und dann nach einem Jahr - im September bin ich verhaftet worden, und im September des darauffolgenden Jahres bin ich, sind wir auf Transport gegangen. Die Männer sind alle nach Mauthausen gekommen, und die Frauen - wir waren elf von meiner Gruppe – sind auf einen Transport nach Ravensbrück gekommen.
In Ravensbrück
Nun, nach längerer Zeit unterwegs auf dem Transport haben wir in verschiedenen berüchtigten Gefängnissen - in Prag auf Pangrac, in Leipzig, am Alexanderplatz, das Gefängnis dort existiert nicht mehr - Station gemacht, bevor wir nach Ravensbrück gekommen sind.
Also den Anblick, den vergeß´ ich bestimmt nicht bis zu meinem Lebensende. Ich hör´ noch die SS brüllen und fluchen, die Frauen weinen, und das Ärgste natürlich war wiederum diese Entwürdigung: Die Frauen, vom Kind bis zur Greisin, müssen sich nackt ausziehen, im Bad alles abgeben, und die SS-Männer spazieren mit ihren Gewehren zwischen uns und lachen darüber, wie die Frauen ausschauen, lachen über die alten Frauen und machen Bemerkungen, und das war so entwürdigend. Manchen Frauen hat man die Haare geschoren, und damals waren Haare - das war der schönste Schmuck der Frau. Also, wenn sie eine Laus gefunden haben, zum Beispiel: weg mit den Haaren. Die Frauen mit Glatzen - entstellt natürlich, alle. Oder die Frauen, die ein Verhältnis mit einem Polen gehabt haben oder mit einem Ukrainer, denen hat man auch die Haare geschoren. Obendrein haben sie 25 Stockhiebe bekommen, wenn sie Folgen hatte, diese Beziehung.
Und dann der Blick auf die Lagerstraße, das vergeß´ ich auch nicht. Da waren die Frauen, die sich schon aufgegeben haben - aber das wußten wir nicht. Das waren so abgemagerte Skelette voller Krätze und Schmutz und so hoffnungslos - in ihren Augen war schon - fast wahnsinnig waren die - es war erschreckend, sie anzusehen und mein erster Gedanke war:
„Ob ihnen das gelingen wird, daß ich auch so weit komme, daß sie mich in die Reihen dieser Frauen einordnen können?" Wie die ausgesehen haben – sie konnten natürlich nicht mehr arbeiten, und die SS hat ihnen eine Bezeichnung gegeben, das waren die (ironisch) „Schmuckstücke".
Die SS hat sich für uns verschiedene Namen ausgedacht, und das waren die „Schmuckstücke" – (ironisch) also, das waren die „Schmuckstücke".
Lob der Rosa Jochmann
Aber es war ein Glück, nach der Quarantäne bin ich auf den Block von der Rosa Jochmann gekommen, die war eine Wienerin, eine ehemalige Sozialdemokratin, eine Widerstandskämpferin, die schon länger drinnen war, und die hat uns - weil sie gewußt hat, wir sind Wiener Tschechinnen, politische Häftlinge, - hat sie uns auf ihren Block genommen, wo vorwiegend politische Häftlinge aus allen Ländern waren. Da waren alle Nationen vertreten:
Französinnen, Tschechinnen, Polinnen, Deutsche, Österreicher, alle - von allen Nationen, und ich kann ruhig sagen, das war ein großes Glück, wenn man auf so einen Block gekommen ist, wo ein politischer Häftling „Blockälteste" war, die geschaut hat auf Ordnung und freiwillige Disziplin, wo sich die Häftlinge untergeordnet haben, daß man miteinander leben kann. Gedrängt in einer Baracke, die konstruiert war, ich weiß nicht für wieviele, ich kann das nicht abschätzen,... Und da waren plötzlich 200 in einem Schlafsaal, in dreistöckigen Betten, zu dritt auf zwei Strohsäcken und so weiter, eng beieinander, nicht, also da mußte man schon eine Disziplin haben, um das alles zu ertragen, überhaupt, dieses Leben ... Sie (Rosa Jochmann) hat niemals den Häftlingen Brot weggenommen - was auch passiert ist. Auf manchen Blocks ist es passiert, daß die Blockälteste einem das kleinere Stück´l gegeben hat, und das andere hat sie für sich und ihre Freundinnen aufgespart. Auch das hat’s gegeben, weil ein Häftling ist auch nur ein Mensch, und der Wille zum Überleben - und der Hunger war so schrecklich, daß es auch zu so was gekommen ist, aber bei ihr war das nicht. Sie hat offen vor allen das Brot geschnitten, und jeder hat seine Ration bekommen. Jeder hat seine Ration Steckrüben bekommen - das, was die Kühe und Schweine fressen, das haben wir bekommen - als Suppe zum Beispiel. Aber wir haben es bekommen, so daß wir doch etwas im Magen hatten.
Und überhaupt, es gab keine Streitereien, Raufereien, keinen Neid - kein Neid ist aufgekommen. Sie hat so eine Persönlichkeit gehabt, sie war wie unsere Mutter, und so haben wir uns untergeordnet in dieser riesen Familie, und ich glaub´, das war auch der erste Schritt zu meinem Überleben!
Dieses Glück, das ich hatte, gleich bei der Ankunft - was nicht jeder hatte, nicht? Es gab Typhus, es gab Krätze, es gab Läuse, es gab alles mögliche unter den Häftlingen. Eine hat die andere angesteckt, die Läuse haben Typhus übertragen, sind tausende Menschen gestorben an Typhus, ja, weil keine Medikamente und nichts da war.
„Du rettest dein Leben, aber arbeitest für den Krieg."
Und das zweite war das Glück, daß ich bei Siemens gearbeitet habe. Das war unter Dach, also nicht bei jedem Wetter - beim Regen und beim Schnee und Frost - draußen, sondern unter Dach. Obwohl es wieder zweischneidig war: Einerseits war man geschützt, andererseits war ich unglücklich, daß ich doch für den Krieg gearbeitet habe, da wurden für U-Boote und für Flugzeuge und für die „Wunderwaffe" die Bestandteile erzeugt, und immer wieder hat man sich gesagt:
„Auf einer Seite rettest du dir das Leben, daß du jetzt nicht bei jedem Wetter draußen bist - wo du dich erkältest, wo dir die Beine abfrieren oder die Hände, oder was – ad zwei hilfst du aber mit für den Krieg." Also es war immer ein Zwiespalt.
Und wie dann Siemens immer größer wurde - es haben 3.000 Frauen dort gearbeitet - und Siemens die Zeit sparen wollte, die wir fürs hin und her gehen gebraucht haben, haben sie ein eigenes Lager errichtet, und ich habe ersucht - weil ich schon so lange dort war –, ob ich nicht Stubenälteste werden kann. Das war nicht, weil ich die Älteste war, sondern eine Funktion.
System der Erniedrigung
Ich hab´ also das Essen ausgeteilt, das Brot geschnitten, ich hab´ mir das Vorbild von der Jochmann genommen (lacht) und hab´ für Ordnung gesorgt, damit gefegt wird und die Klos geputzt werden und so weiter. Ursprünglich hatten wir keine Klos, wir hatten nur eine Latrine - vier Stangen überdacht -, und da hat die SS wieder zugeschaut, wenn wir aufs Klo gehen. Also das ist, (erregt) das kann man überhaupt nicht beschreiben, das war wissenschaftlich ausgetüftelt, was sie uns angetan haben, um uns zu dezimieren, zu erniedrigen und uns der Menschenwürde zu berauben. Ja, also, das war alles System, alles war System, das Stehen, das Zählen, das ewige Appellstehen - in der Früh Appell, abends Appell, Arbeitsappell - immer nur in Fünfer-Reihen gehen, immer im Gleichschritt. Und da mußten die Deutschen noch diese Soldatenlieder dazu singen. Das war alles ausgetüftelt, solche Systeme gab es ja fast in allen Lagern, aber jedes Lager hatte irgendeine Besonderheit zum Beispiel, das „Vernichten durch Arbeit".
Wir mußten auch Arbeiten machen, die nichts gebracht haben - das war zum Beispiel Sand von einem Haufen auf die Lore geben, wegschieben, dort ausschütten, wieder reingeben, und wieder zurück. Den ganzen Tag - man hatte Blasen auf den Händen von dem Schaufeln, die Lore konnte ja eine allein nicht schieben, und wenn zehn oder mehr notwendig waren, dann mußten eben die diese Lore auf den Schienen schieben und dann den Inhalt mit der Walze unnütz glattwalzen. Die Walze existiert noch in Ravensbrück, die ist dort ausgestellt.
Also unnütze Arbeit verrichten, um uns gefügig zu machen für weitere Arbeiten für den Krieg. Die Frauen haben in den Munitionsfabriken gearbeitet in der ganzen Umgebung, nicht nur bei Siemens, unzählige Lager hat’s noch in der Umgebung gegeben, wo die Frauen gearbeitet haben.
Die Regel bleibt aus
Bei den meisten Frauen ist die Regel ausgeblieben, weil wir ja fast nichts zu essen bekamen, wir haben ja nur diese Rüben bekommen. Es war auch seelisch bedingt. Ich kam ins Gefängnis, und ich bekam keine Regel mehr. Der seelische Streß und die Anspannung - vielleicht ist es die Natur, die die Frau schützt. Also, ich habe die Regel im Gefängnis und auch im Lager nicht gehabt. Und die Frauen, die die Regel hatten: Nichts, es rann also runter, und wenn die Möglichkeit war, haben sie sich gewaschen mit kaltem Wasser und so weiter. Ich weiß nicht, aber ich glaube, dann haben wir auch irgendwas ins Essen bekommen. Das vermutet man, daß sie uns auch etwas beigemengt haben. Natürlich gab’s Frauen, die auch noch die Regel hatten, aber da haben sie halt versucht, irgendwo ein Stück Fetzen zu erwischen, oder irgendwas, damit sie sich helfen können. Aber wenn Sie in so einem Schlafsaal geschlafen haben - wo die Frauen zusammengepfercht gelegen sind, wo es nach Blut, nach Tränen, nach Schweiß, nach Ausdünstung gerochen hat, wo es unerträglich war, denn die Frauen haben geweint, geschrien, Alpträume gehabt - und dann versuch einmal zu schlafen! Du hast nie ausschlafen können, kaum bist du vor Erschöpfung eingeschlafen, wurdest du wieder gestört, weil eben 200 Frauen in so einem kleinen Raum waren.
Mensch bleiben als Ziel
Und als ich dann Stubenälteste war - ich pflege immer zu sagen: „Ich hab nicht nur von dem Stück Brot gelebt und von den Rüben, sondern auch von der Hoffnung, daß wir raus kommen, daß wir frei werden, daß wir in einer Freiheit und Demokratie leben!" - da haben wir Pläne gemacht und uns gefragt: „Wie wird das, wenn wir raus kommen?" Und wir haben natürlich auch versucht, uns ein bißchen kulturell zu betätigen. Wir haben gesungen, die Schauspielerinnen haben Gedichte vorgetragen, wir haben versucht, also nicht nur etwas für den Magen (lacht) zu machen, um zu überleben, sondern auch etwas zu tun, um Mensch zu bleiben.
Das war immer mein Ziel - ob ich jetzt in Freiheit war, oder dort war – Mensch zu sein und Mensch zu bleiben und dich nicht so weit bringen zu lassen, daß du ein Tier wirst, wie sie´s ja vorhatten.
Wir waren ja weniger wie ihre Hunde, die haben sie besser gepflegt als uns. Uns haben sie überhaupt nicht gepflegt, nur gequält und geschlagen und getreten und weiß ich nicht was noch alles.
Und weil ich das erlaubt habe - und wie immer wird alles durch Verrat bekannt, und das war alles nicht erlaubt -, bin ich dann strafweise dieser Funktion enthoben worden und bin in das Vernichtungslager gekommen, und zwar in das ehemalige Jugendlager Uckermark, das haben sie aufgelöst und haben dort ein Vernichtungslager für alte, kranke, versehrte und gebrechliche Frauen gemacht.
Uckermark
Und da wurden tagtäglich Selektionen durchgeführt, und abends wurden die Frauen weggeführt, und in einer provisorischen Gaskammer wurden sie erstickt. Wir wußten das nicht, wohin sie kommen, aber nachher haben wir das von den Männerhäftlingen erfahren, was, wie das geschah. Also es gab auch in Ravensbrück, wenn nicht eine richtige, so doch eine provisorische Gaskammer, wo sie die Frauen erstickt haben, die unnütze Fresser waren.
Sie haben sie auch mit Gift vergiftet, sie haben sie gezwungen, Pulver zu nehmen, haben ihnen gesagt, sie werden keine Durchfälle und Koliken und Krämpfe haben, wenn sie das Pulver nehmen. Und die Frauen sind - sie sind nicht gestorben, sie sind verreckt, sag´ ich immer, das kann man sich nicht vorstellen, wie die Frauen sich gewunden haben in Schmerzen, in Krämpfen, in Koliken. Sie waren nicht mehr menschlichen Wesen ähnlich, und man hat ihnen auch tödliche Injektionen mit Gift ins Herz gegeben, in der Uckermark.
Und als Stubenälteste mußte ich den Frauen helfen aufzustehen, denn sie mußten - obwohl man gewußt hat, daß sie vergast werden - noch in Reih und Glied stehen. Man hat sie jeden Tag gezählt, man hat jeden Tag welche ausgesucht.
Wir haben das abends gehört - nicht gesehen, wir durften nicht raus -, wie sie sie raufgeprügelt haben, raufgezerrt, wie sie geschrien haben, wie sie sich gewehrt haben. Das haben wir also alles mitgehört.
Und ich war auch als Zeuge im Hamburger-Prozeß gegen diese, gegen diese Menschen, die das dort gemacht haben. Und sie wurden fast alle zum Tod verurteilt, also in diesem Prozeß, den die Engländer gemacht haben, gegen diese Menschen.
Und wenn man mich immer wieder fragt, warum ich das alles erzähle, dann sag ich: „Deswegen; daß das nie wieder kommt. Daß es nie mehr ein Ravensbrück, ein Mauthausen, ein Dachau - und wie die Lager alle heißen - gibt, damit das nie wieder vorkommt!" Das ist mein Anliegen, solange ich noch sprechen kann und denken kann, und solange ich noch lebe.
Der Todesmarsch
Also ich sage immer, daß wir „befreit" wurden. Aber wir wurden ja nicht befreit, wir wurden vom Lager auf die sogenannten Todesmärsche getrieben, nicht wahr? Es wurden Kolonnen zusammengestellt, und drei Tage lang hat man die Frauen in Fünfer-Reihen nach der deutschen Ordnung rausgetrieben. Gegen den Westen zu, die Russen sind ja immer näher gekommen - und die Nazis haben nichts mehr gefürchtet als die Russen. Die haben eine panische Angst gehabt vor den Russen und so sind wir... ursprünglich hat’s geheißen, sie werden das Lager in die Luft sprengen, aber es kam nicht dazu. Warum, das werden wir nie erfahren, warum sie das nicht getan haben.
Und wir wurden also drei Tage lang in Kolonnen rausgetrieben. Und wir haben vereinbart, wenn es möglich ist, unabhängig von einander, werden wir versuchen zu flüchten. Also die erste Gelegenheit wahrnehmen, um zu flüchten, damit wir das erzählen können, was da geschehen ist! Eine wird doch von uns überleben, von uns Freundinnen.
Also in der Früh haben sie uns rausgetrieben, gegen den Westen zu, gegen die Front. Es wurde ja noch gekämpft, das war der 28., 29. und 30. April (1945), da wurde noch gekämpft, am 1. Mai war Schluß. Also während wir rausgegangen sind, wurde noch gekämpft, die Russen gegen die Deutschen. Also da, und dort im Westen waren ja die Alliierten, nicht - die Amerikaner, die haben ja auch gekämpft.
Also, sie haben uns an die Westfront - alles an die Westfront getrieben...
Tausende Frauen sind noch durch die Bombardierung auf die Transporte gestorben, weil die haben ja nicht gewußt, die Alliierten, daß das gerade Häftlinge sind, die da marschieren, das konnten ja auch Soldaten sein, oder?! Ich weiß nicht wie viele, das ist unergründlich (nicht mehr zu eruieren), wie viele es sind, aber an der Schwelle zur Freiheit sind sie noch gestorben.
„Ich hab´ mich selber befreit"
Die erste Nacht, bevor’s finster war, hab ich mich niedergesetzt hinter einem Strauch und wenn er - einer der Bewacher - gefragt hätte... aber die war zu diesem Zeitpunkt schon in einer „Pfeif drauf!"-Stimmung, die SS.
Erst haben sie mit den Gewehren und mit den Hunden uns bewacht, und dann hat man gespürt, wie sie auch schon Angst bekommen haben und immer lockerer wurden und nicht mehr so geschaut haben und niemanden mehr erschossen haben - nix, gar nix mehr. Früher haben sie ja die Leute, die geflüchtet sind, auf der Flucht erschossen, nicht, das war ja eine Rechtfertigung für sie.
Und ich bin gehockerlt, bis die Kolonne weg war, und dann bin ich in den Wald gelaufen. Es war schon finster, und ich hab´ gespürt, (Tonfehler, Irma Trksak greift auf´s Ansteckmikro) daß ich nicht alleine bin, aber man hat ja nichts gesehen. Und in der Früh haben wir dann gesehen, daß wir insgesamt acht(!) waren.
Also ich sag´ immer: „Ich hab´ mich selber befreit." Die Russen sind näher gekommen, aber befreit, quasi, daß jemand gesagt hat: „Du bist frei", das hat niemand zu mir gesagt. Ich bin also geflüchtet, nicht ich allein, viele sind unterwegs geflüchtet...
Zurück nach Österreich
Na es war sehr abenteuerlich, wir haben Schlechtes und Böses erfahren mit den Russen, mit der Besatzungsmacht. Aber nach einem Monat Marsch sind wir dann doch nach Hause gekommen.
Wenn Sie mich fragen, was ich gegessen hab: Ich weiß es nicht, was wir gegessen haben unterwegs. Wir sind in ein leeres Haus reingegangen, wenn wir was gefunden haben, haben wir die Möglichkeit zu kochen wahrgenommen, ein paar Nudeln, ein bisserl Reis haben wir uns dann gekocht, und am nächsten Tag sind wir weiter. Wir haben niemanden angetroffen, sind immer von einem Haus zum anderen, wir sind immer durch Gegenden gegangen, wo fast keine Menschen waren. Also, von der Bevölkerung haben wir nichts bekommen. Es waren immer leere Häuser.
Das war ein Chaos, die einen sind nach Westen, die anderen nach Osten, in den Gräben waren umgekippte Wagen mit Hausrat, mit Bettzeug, mit Tuchenten, verendete Pferde, alles war auf der Straße: Flüchtlinge, Soldaten, Deserteure, Kriegsgefangene, wir - alles war auf der Straße, es war ein Durcheinander ganz einfach, und bis wir dann... In Soldin haben wir eine Gruppe slowakischer Kriegsgefangener getroffen, die haben uns dann zu sich, also in ihre Obhut genommen, und dann ist es uns schon besser gegangen, die haben dann was zum Essen organisiert...
Wir sind dann über Polen und die Tschechoslowakei nach Bratislava, und dann hat uns ein Russe mitgenommen bis Schwechat.
Ankunft daheim
Und von Schwechat sind wir dann zu Fuß weiter, es blieben nur mehr zwei über, eine Freundin von mir und ich. Ich hab´ sie noch begleitet in ihre Wohnung, und ich komm´ dann nach Hause, und unser Haus stand nicht mehr. Total ausgebombt, das Haus war weg. Ich habe nicht gewußt, wo meine Eltern sind, aber bei der Fabrik (Anmerkung: neben der das Haus gestanden ist) - mein Vater war Maschinist in dieser Fabrik – war noch jemand, der aufgepaßt hat. Der hat mir gesagt, wo sie ungefähr wohnen. Dann hab´ ich sie gefunden, und dann hab´ ich erst erfahren, daß ein Bruder von mir einrücken mußte und gefallen ist. Einer (der zweite Bruder) ist in Mauthausen gestorben und mein Freund ist...
Dann hab´ ich erst die Tragödie erfahren, wen ich alles verloren habe. Also, das
war auch nicht so einfach... freudig schon, daß ich meine Eltern gefunden habe, aber durch den Verlust der anderen Lieben war die Freude schon getrübt, daß ich überlebt habe und die anderen nicht. Das war schlimm. Die Freude der Befreiung war also getrübt durch diese schrecklichen Nachrichten, die ich dann erfahren habe...
Epilog
Meinen Bruder haben sie zwei Jahre später (nach meiner Verhaftung) erwischt. ... Da waren noch offene Straßenbahnen, und er ist am Trittbrett gestanden und hat Flugblätter bei sich gehabt. Und durch den Fahrtwind sind die auf die Straße geflogen, und dabei wurde er erwischt und verhaftet. Er hat es leider nicht überlebt, mein Bruder, der ist in Mauthausen gestorben. Also, besser gesagt: verhungert, er hat offene TBC50 gehabt und ist nicht mehr zurückgekommen. Er hat es viel schwerer gehabt, weil er in Flossenburg51 war, und da waren vorwiegend kriminelle Häftlinge, und die Kriminellen haben sich oft nicht gut zu den politischen verhalten, das hab´ ich nur vom Erzählen, das hab´ ich nicht erlebt. Er hat dort ein schweres Leben gehabt, man hat ihm sogar das Essen gestohlen, und er erkrankte dann an TBC und kam nach Mauthausen. Aber dorthin kam er nur mehr zum Sterben, er war nicht mehr zu retten, er war schon sehr schwer dran (krank).
Das hab ich erst nach 15 Jahren erfahren, wie er gestorben ist, das hat mir dann ein Tscheche erzählt, der dort war. Mein sterbender Bruder hat mir von ihm noch Grüße übermitteln lassen, und er hat damals gesagt: „Gib mir kein Brot mehr, mir hilft das nichts, weil ich kann das eh net (nicht mehr) essen." Der die Grüße übermittelt hat, der hat in der Brotkammer gearbeitet, und wollte ihm helfen, aber er hat es abgelehnt und hat gesagt: „Ich kann’s eh net essen." Nach 15 Jahren hab´ ich es dann erst erfahren ... im Russenkrankenlager ist er gestorben, also nicht mehr zurückgekommen.
Und mein Freund war im Außenlager in Klagenfurt, in der Nähe von Klagenfurt. Der hat (im Lager) einen Sender konstruiert, er war ja Techniker, und das war sein Verhängnis. Also, er hat nicht überlebt dadurch, daß er das gemacht hat.
Häftlinge haben auch im Lager Widerstand geleistet. Also, speziell die Männer, in manchen Lagern haben sie sogar Waffen erbeutet von der SS, aber bei den Frauen war das unmöglich...
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