Interviste austria
  • Josef Harreiter
  • Helmut Heuberger
  • Stefan Hollenthoner
  • Emil Kikinger
  • Therese Kobencic
  • Maria - Theresia Kohlbeck
  • Erika Nemschitz
  • Erwin Rudolf Mayr
  • Fredy Pietsch
  • Hatto Georg Scheer
  • Rautgundis Süß
  • Irma Trksak


  • Ich bereue nichts

    Ich über mich

    Ich bin geboren in Innsbruck, mein Vater war Historiker, war Professor an der Universität, und war blind (Anmerkung: Er hat im Ersten Weltkrieg sein Augenlicht verloren). Das war entscheidend für unser Familienleben. Er ist als Blinder erst Professor geworden. ... So bin ich in einem Haus mit Wissenschaft und Kunst aufgewachsen ... . Und das waren auch die Richtungen, die ich selbst im Studium ungefähr einschlagen wollte. Daß ich Naturwissenschaftler geworden bin, hängt mit den Bergen zusammen. Denn mein Vater, der war ja, so lange er gesehen hat, ein begeisterter Kletterer, und der hat mich völlig „infiziert". Bergsteigen und dann Klettern wurde für mich der Himmel auf Erden. Ich war dann im Krieg sehr schwer verwundet, und da hieß es: „Die Berge können Sie vergessen!" Sie dann trotzdem wieder zu gewinnen, das war natürlich ein Erlebnis, unvorstellbar.

    Aus deutschnationalem Milieu

    Mein Vater war immer schon – er hat mich da sehr wesentlich geprägt - historisch und vor diesem Hintergrund politisch äußerst interessiert. So waren auch politische Gespräche von klein auf fast eine Selbstverständlichkeit. Ich war auch von klein auf immer politisch interessiert. Und so kann ich gar nicht sagen: „.Also, bis dahin war ich Kind und dann kam die Politik, die etwas völlig Neues war." Das war nie etwas Neues. Wir haben in der Schule schon, ... diskutiert. Ich kann mich erinnern, da hat es ... die Verschiedensten gegeben: die Roten und die Schwarzen und die „Hakinger" – so haben die geheißen -, die, die da neu dazugekommen sind, vom Hakenkreuz, also die Nazi. Darüber gab es auch schon Gespräche, so harmlose Gespräche in der Schule. Und genau so wie Religion von klein auf eine sehr ernste Rolle für mich gespielt hat, so hat Politik immer eine sehr ernste Rolle für mich gespielt, und da war ich ... sehr stark geprägt durch meinen Vater, der nie versucht hat, mich wohin zu bringen, mir etwas einzureden, sondern der mir einfach auf alle Fragen geantwortet hat, die ich an ihn gestellt habe. Und so bin ich natürlich auch ganz in die Richtung gekommen, von der er herkam. Er kam ganz aus dem großdeutschen Milieu und hat das auch mit großer Selbstverständlichkeit vertreten. Er war im Ersten Weltkrieg gewesen und erlebte dann plötzlich das „neue" Österreich, und das war für ihn natürlich nicht dasjenige, in dem er aufgewachsen war. Das war ein vom Gegner gemachtes. Dagegen war man, und dagegen war zunächst ja alles in Österreich. Alle Parteien wollten eigentlich jetzt, wo sozusagen die ganzen Problemgebiete am Balkan und so weiter nicht mehr vorhanden waren zurück zum Deutschen Reich. Bis 1866 war man ja in Deutschland, war man ein Bestandteil Deutschlands, ein sehr loser zwar, aber man war es. Und so war das Deutschnationale ... für mich sehr selbstverständlich. Österreich ist erst dann, durch das Dollfuß-Regime, plötzlich sehr sichtbar geworden...

    „Wir sind die besseren Deutschen!"

    In den 20er Jahren, Anfang der 30er Jahre, wäre kein Österreicher auf die Idee gekommen zu sagen, er sei kein Deutscher. Das war früher anders (als heute), man hätte nicht gewußt, wovon man redet. Ja, es war sogar so, daß Schuschnigg, der ja auch noch ein Deutschnationaler irgendwo war, gesagt hat: „Wir sind die besseren Deutschen!" Und dann in der Dollfußzeit hat man als ein Gegenstück zum „deutschen Menschen" den „österreichischen Menschen" ... erfunden und der war halt ein tanzender und spielender Wiener, so ungefähr (lacht), und das war uns so fremd wie nur möglich, das war mit Tirol und Vorarlberg überhaupt nicht verbindbar (lacht). Also, das fanden wir einen besonders lächerlichen Nationalismus, der da aufgezogen wurde. Aber, für uns hat eben dieses Regime Österreich zementiert. Das wollten wir überwinden. Hinter diesem Regime stand schützend Mussolini. Den haben wir natürlich gehaßt, den Unterdrücker Südtirols,...

    Südtirol hat für mich von klein auf eine Rolle gespielt .. Meine Mutter ist in Klausen geboren, ein guter Teil meiner Ahnen kam aus Südtirol, ... und Südtirol war für mich immer der bessere Teil des Landes und der wichtigste. Und so ist die Südtirol-Frage für mich als roter Faden durch mein ganzes Leben gegangen.

    Großdeutsche und Nationalsozialisten

    „Hakinger" – das (Wort) ist mir vor gar nicht langer Zeit plötzlich wieder eingefallen, ja, die „Hakinger" (lacht). Die waren ja die Konkurrenz von den Großdeutschen, die haben die Großdeutsche Partei in Österreich praktisch verdrängt. Aber das habe ich gar nicht so mitgekriegt. Mein Vater war Großdeutscher. Und die Großdeutschen sind halt mit den Nazis mitgegangen, und viele waren dann tief enttäuscht. Das darf man nicht vergessen, darum war die Situation in Österreich ja vollkommen anders als in Deutschland. Darum sind so viele Intellektuelle bei uns mit den Nazis mitgegangen, viel mehr als draußen in Deutschland im Verhältnis, weil sie sich mit dem Ziel, dem Anschluß, identifiziert haben, und plötzlich hat sich der Weg geteilt, hin zum Anschluß bzw. zum autoritären Nationalsozialismus.

    Wenn ich mit Leuten aus Deutschland von den 30er Jahren rede, da muß ich wieder ganz von vorne anfangen, da war diese Frage nicht da, in Deutschland. Daher war ja der intellektuelle Widerstand in Deutschland viel stärker als bei uns.

    Ziel: Anschluss an Deutschland

    Mein Vater wollte unbedingt den Anschluß. Er sagte: „Gut, der Anschluß an Deutschland wird uns von" - den Alliierten, wie man heute sagen würde – „von der Entente verwehrt, aber den müssen wir haben." Und er hat gesagt: „Der Hitler und seine Partei, die haben die Schlagkraft, die werden den Anschluß vielleicht schaffen, daher unterstütze ich die." ... Dabei hat er nie etwas von einem autoritären System wissen wollen. - Ich habe kein anderes gekannt, denn als ich flügge geworden bin, war dann auch bei uns eins. Und so ist er, trotz Ablehnung des Nationalsozialismus und auch von Hitler persönlich, der NSDAP beigetreten, um die Anschlußbewegung zu unterstützen. Ich ging als Zwölfjähriger (1935) schon zur Hitler-Jugend, habe da durch Freunde Zugang gefunden...

    Eine politische Familie

    Ja! Also, ich wurde sozusagen gekeilt, wie man so sagt, und zwar von meinem ältesten Freund, ... der war dazu gegangen und hat mich gefragt, ob ich auch wolle. Und da ich ja für die großdeutschen Ziele und so weiter schon voll Feuer gefangen hatte, habe ich gesagt: „Dann gehe ich dazu!" Das war sozusagen ein Freundeskreis, der sich da gefunden hat.

    Meine Schwester war übrigens beim illegalen BDM, obwohl sie in einer katholischen Jugendgruppe war, zum Beispiel. Gegen dieses Österreich – es ging eben vor allem gegen dieses Österreich (und) für Deutschland, das war eigentlich das um und auf. Mein Bruder war damals in Deutschland im Internat, der war außerhalb dieser Fragen, hat aber später dann auch beim Widerstand mitgeholfen, also, es war immer die ganze Familie (lacht).Die ganzen weltanschaulichen Sachen ... die waren nicht das Tragende dabei. Und wie gesagt, vieles, die Verfolgung der Juden, die Verfolgung der Kirche, das haben wir immer abgelehnt und haben auch immer gewarnt davor. Aber es hat uns andererseits nicht abgehalten von der Partei. Mein Vater war nie, wie ich schon sagte, wirklich Nationalsozialist, ich war es trotzdem, aber ich habe halt gefunden, das sind die anderen Seiten, die muß man in Kauf nehmen, aber... – ja! So war es halt.

    Ich war „Illegaler"

    Das war vor 1938 streng verboten! Wenn man aufgeflogen wäre, wäre man sofort von der Schule geflogen und wahrscheinlich aus allen österreichischen Schulen. Das wußte ich schon. Und zweimal bin ich bei Razzien knapp durch gerutscht. Einmal durch einen Zufall, weil ich gerade nicht dabei war, und das andere Mal dadurch, daß ich meinen Decknamen immer konsequent verfolgt habe, und die, die dann gesungen haben, meinen Namen nicht wußten - das hat mich auch in anderen Zusammenhängen gerettet. Also das war mit vollem Risiko, von Anfang an. Das war völlig klar. Als Bub nimmt man das nur halb so ernst. Passiert dann doch etwas, ist es natürlich böse. Aber, mein Gott, ich habe gewußt, meine Eltern werden mich halt dann in Deutschland irgendwo in eine Schule stecken. Also, ich habe nicht das Gefühl gehabt, dann ist das Leben zu Ende. ... Ich war ein sehr kindlicher Mensch, sehr lange, bin ein ausgesprochener „Spätblüher" gewesen. Ich war auch als Soldat eigentlich noch ein Kind, bin fast noch als Kind zurückgekommen, trotz aller Schrecklichkeiten.

    Wir waren nicht allein!

    Man durfte sich ja nicht deklarieren, nicht? Ich meine, wenn ich den Mund aufmache, dann haben sie mich, ... ich war doch in einer verbotenen Organisation. Wir sind zum ersten Mal öffentlich aufgetreten, das war noch vor dem Umbruch, das war so zur Zeit des ersten Abkommens von Schuschnigg mit Hitler. Da sind wir in Innsbruck aufmarschiert und haben einen Fackelzug gemacht, und da haben wir plötzlich gesehen, wie viele Nazis da schon sind, und das war natürlich eine tolle Sache, da waren wir offiziell noch verboten. Dann kam der Seyß-Inquart herein als Minister, und da waren wir nur noch halb verboten, sozusagen, das war eine Übergangszeit. Mit Fackeln, mit weißen Hemden sind wir durch die Straßen marschiert, und das war ungeheuer, das war natürlich größtes Aufsehen und positives Aufsehen, und es war nicht so, daß die Leute nichts wissen wollten von uns. Aber wie gesagt, das autoritäre System hat es ja gar nicht zugelassen, daß man sich da auseinandersetzt, offen.

    Eine Dummheit Hitlers

    Es ist ja ... eine Dummheit von Hitler gewesen, daß er den Einmarsch befohlen hat. Kenner der Situation haben dringend gesagt, er soll es nicht tun, denn die Situation ist reif und wir sind zur Übernahme bereit, da braucht gar kein Militär einzumarschieren. Aber es war offenbar eine Machtdemonstration, die er wollte. Das hat sich dann als ein Glücksfall für Österreich gezeigt, weil wir ja sozusagen „besetzt" wurden, aber es wäre überhaupt nicht nötig gewesen...

    Jüngster Kameradschaftsführer

    Ja, und dann, im Jahr ´37, da war ich 14, da hat man mich dann zum Kameradschaftsführer gemacht. War für mich selber eine Überraschung, aber gut. Da sind dann wieder sehr viele verhaftet worden. Jedenfalls, ich wurde dann Kameradschaftsführer, und (lacht) ich habe da 17jährige unter mir gehabt. Ich war praktisch ein Kind, aber es ist sehr gut gegangen. Und als Kameradschaftsführer habe ich den Umbruch erlebt. ... Es waren Tage höchster Ekstase für mich...

    Einmarsch der deutschen Wehrmacht

    Ich meine, der Heldenplatz war der Heldenplatz. Wie viele Menschen unglücklich hinter den Vorhängen saßen, das sah man nicht, aber so viele Menschen habe ich nie wieder beisammen gesehen, auf der Straße, wie damals... Wieder ein lustiges Erlebnis vom Einmarsch der Truppen: Mein Bruder und ich stehen schreiend und begeistert, denen zuwinkend, an der Straße, und da geht ein bayerischer Landser vorbei und hat gesagt: „Halt’s Maul, wirst schon sehen, was herauskommt." (lacht) Aber, wie gesagt: Ich war begeistert, und für mich war es auch gar keine Frage, mich in den Krieg zu melden, aber zur Verteidigung des eigenen Landes, das war es. Die große Eroberung eines Lebensraumes und so weiter, das war für mich überhaupt kein Thema. Und das haben wohl die meisten auch so empfunden, die mit mir waren...

    Die Partei ist nicht Deutschland

    Ich war schon vor ´38 Kameradschaftsführer bei der Hitler-Jugend, und ... nach dem Umbruch habe gesehen, jetzt werde ich sofort die Karriereleiter hinaufsteigen. Und dann hat mich eigentlich das Werkl nicht mehr so gefreut, denn jetzt mußten alle dazu. Davor haben wir es gewagt dazu zu gehen, und das war ganz etwas anderes. Und jetzt war das so eine Staatsjugend, wo die Leute mehr oder weniger ungern dabei waren. Das hat mich überhaupt nicht mehr interessiert. Ich habe also zu verhindern gewußt, daß ich über den Scharführer hinaus noch weiter aufsteige. Ich hätte das mühelos gekonnt, aber das hat mich nicht mehr ... interessiert. Dann kam ja auch schon bald der Krieg.

    Hitler, mein Idol

    Das erste Mal, da kam Adolf Hitler wenige Tage nach dem Anschluß nach Innsbruck. Ich sehe ihn nur vom Bahnhof aus, ganz klein, den braunen Fleck oben auf dem Balkon vom Hotel Tirol, und ich bin vor Schreien und Begeisterung fast übergeschnappt. Dann haben wir als Führer den Kordon gebildet, wie er seine erste Rede in der Ausstellungshalle in Innsbruck hielt. Und das war dann schon eine große Sache für mich. Da war ich eben meinem Idol nahe.

    Ein großer Beginn

    Obwohl es dann Ärgerlichkeiten gegeben hat, hat man das Gefühl gehabt, er ist der große Mann, er hat es gemacht, er ist der Wundermensch. Und bis ´38, bis gegen den Krieg hin, war es ja so: Wo er sich zeigte, da kam alles herbeigeströmt, und hat „Heil!"geschrien, und weiß der Teufel was. Ich meine, er erschien ja wie ein Wundertäter, hat ja Deutschland aus seiner entsetzlichen Lage befreit. Daß er das gar nicht allein war, und daß schon vor ihm weit vorgearbeitet war, das hat man mit der Zeit erst erfahren. Aber er hat jedenfalls diese Welle voll genutzt, und plötzlich war Deutschland wieder etwas. Plötzlich gab es Arbeit, auf wessen Kosten ist eine andere Frage, aber sie war da. Und in Österreich: Plötzlich gab es Arbeit, gab es Wohnungen, ging was weiter, ganz plötzlich. Also, man hat das Gefühl gehabt: ein großer Beginn, nicht wahr?

    Nach dem Umbruch

    Wenn ich Ihnen noch ein kleines Erlebnis aus den Tagen nach dem Umbruch erzählen darf. Wir hatten einen Lehrer, der war sehr, sehr pro Vaterländische Front..., und der galt für uns als gefährlich, obwohl wir nie erfahren haben, daß er jemanden wirklich eingetunkt hat, aber wir haben das Gefühl gehabt, der ist gefährlich. In den Tagen nach dem Umbruch waren wir, glaube ich, zu dritt unterwegs, und dann sahen wir ihn von weitem mit dem Fahrrad daherkommen. Dem wollten wir es zeigen, also haben wir uns hingestellt und gesagt: „Heil Hitler!" Und der hat so ein bißchen müde und traurig gesagt: „Heil Hitler..." und ist weitergefahren. Und ich bin danach todunglücklich gewesen und habe mich geschämt, weil ich das Gefühl gehabt habe: „Mein Gott, was soll’s, ich meine, was hat er uns getan, was habe ich ihm nun getan?" ... aber zuerst haben wir ihm herrlich gezeigt: ... Wer ist er jetzt. ...

    Fast 100% für Hitler

    Die Wahl über den Anschluss schien uns selbstverständlich, und natürlich ging man hin und hat gewählt. Aber wir haben selber das Gefühl gehabt, daß es zu fast 100 Prozent ausgegangen ist, das schien uns etwas verdächtig ... aber wir waren absolut überzeugt, daß das eine positive Wahl wird. Nur wie gesagt, diese ganz hohen Prozentzahlen, wie sie ja typisch sind für autoritäre Systeme, die haften dem Ganzen natürlich doch ein bißchen an. Aber mein Gott, wenn man auf dieser Seite stand, dann spürte man den Druck nicht, also habe ich die andere Seite der Medaille ja gar nicht kennengelernt. Ich habe nicht gewußt, wie diese Wahlen liefen... Aber man hat aus dem Ergebnis heraus das Gefühl gehabt: Oha, also, das ist schon „überprachtvoll".

    Hitler und Mussolini

    Dann kam die Sache mit Südtirol, ... dieses Umsiedlungsabkommen. Hitler hat ja gesagt: „Gut, wir fordern Südtirol nicht zurück, die Brenner-Grenze ist garantiert, also holen wir die Südtiroler heraus." Und da wurde dieser unselige Umsiedlungsvertrag gemacht, der heute noch in den Herzen der Südtiroler eine ungeheure Tragödie bedeutet. Da fuhr der Hitler wieder zu einem Treffen mit Mussolini, und dann war er am Bahnhof Innsbruck, und ich war wieder im Kordon, als HJ-Führer. Und man merkte schon am nahenden Schreien: Jetzt kommt er, jetzt kommt er, jetzt kommt er, jetzt kommt er. Und ich sah ihn kommen und habe ihn mit größter Aufmerksamkeit angeschaut und studiert und sah ihn an mir vorbeigehen. Und dann habe ich bemerkt, ich habe ja gar nicht geschrien. Und habe mich gefragt, warum. Ich wußte es nicht. ... Aber es war so. Ich kann es wirklich nur so als Erlebnis wiedergeben. Waren da schon erste Zweifel in mir? Ich kann es nicht sagen. Von ihm habe ich mich am schwersten gelöst, wie ich mich von dem Ganzen gelöst und eingesehen habe, daß die, die Deutschland geführt haben, die Gegner Deutschlands waren, auf kurzen Nenner gebracht, und das war für mich ein ungeheuer schwerer, schwerer Schritt...

    „Mein Kampf"

    Ich habe ihn von A bis Z gelesen. Es war ein sehr mühsames Buch (lacht) muß ich sagen. Ich glaube, ich war einer der wenigen, der es wirklich gelesen hat. ... Ich habe es interessant gefunden, aber ich habe es nicht als sehr hochwertig empfunden. Gut, es hat meine Hitler-Anbetung nicht beeinträchtigt, aber es hat sie auch nicht besonders gefördert. Ich meine, ich war mit vielem nicht einverstanden darin, aber gut: Man nahm vieles in Kauf und dachte, es wird nicht so heiß gegessen wie gekocht, und so weiter...

    Die umgekehrte Front

    Vielleicht ist da ein Erlebnis auch noch wesentlich, weil mir das einfach vor Augen geführt hat, daß ich jetzt plötzlich Glied einer Staatsjugend bin, einer befohlenen. Mein Gefolgschaftsführer war einer meiner besten Freunde, und der hat mich dann einmal bei sich in der Wohnung gehabt und es war auch noch ein Schulkamerad von mir da, den ich gut kannte, der sehr katholisch war, „a Schwarzer" , wie man gesagt hat, die ich aber sehr geschätzt habe, und der später Geistlicher geworden ist. Der war da schon etwas verdächtig, als Gegner, und mein Freund und Gefolgschaftsführer hat den verhört. Und ich sah, wie der andere etwas gequält da saß und versuchte, den Fragen irgendwie auszuweichen. Ich habe mich da plötzlich in seiner Rolle gesehen und mir gesagt: „Mensch. Das ist ja genau die umgekehrte Front jetzt. Der steht hinter dem, was er denkt, und darf es nicht sagen." Das war eine der Sachen, wo ich plötzlich gesehen hab‘, die Hitler-Jugend, in der ich vor ’38 war und in der ich jetzt bin, das sind zwei ganz verschiedene Dinge.

    Abschied von „Österreich"

    Also, für mich hat ja Österreich nichts bedeutet, daher habe ich mich vom Namen „Österreich" sehr leicht verabschiedet. Aber ich fand die Auslöschung des Namens überflüssig. ... Für mich war es nicht der Untergang, aber ... ich kann mich nicht erinnern, daß ich es besonders toll gefunden habe.

    Blinde Flecken

    Also, man hat das Gefühl gehabt, das ist eine sehr dunkle Sache gewesen. Das hat auch mein Vater immer so empfunden. Man hat ... das Gefühl gehabt, da sind Abgründe, an denen man besser vorbeigeht. Ist natürlich auch nicht ehrlich, aber es war so. Genauso wie man später, wenn Leute verschwunden sind... - wir waren ja auch befreundet mit Juden... wenn die wegkamen...

    Gut, die mit denen, wir wirklich befreundet waren... Ich hatte einen Firmpaten,

    der war Dreivierteljude. Er ist Ordinarius in Musikgeschichte gewesen und war

    sofort draußen, und mußte dann in einer Schraubenfabrik arbeiten. Seine

    Schwester, die Klavierlehrerin war, ein wunderbarer Mensch, ist in Auschwitz

    umgekommen. Mein Vater hat das Menschenmögliche versucht, um sie zu

    retten... Aber schließlich haben sie sie dann nach Auschwitz gebracht, und wie

    wir später erfuhren ist sie dort verschollen, also umgekommen.

    Reichskristallnacht

    Ich höre immer meinen Vater, wie er nach der Reichskristallnacht sagt: „Ab heute muß ich mich schämen, ein Deutscher zu sein."

    So war es. Ich habe es auch schrecklich gefunden, aber ich war nicht so

    betroffen wie mein Vater. Vor allem wußten wir von Freunden im Ausland, daß

    die Stimmung vollkommen umgeschlagen hat, und daß man Deutschland von

    einem Tag auf den anderen völlig anders gegenüberstand, in Frankreich, in

    England. Das Münchner Abkommen, das war ja dann der letzte ...

    Pyrrhussieg, kann man fast sagen, von Hitler. Und dann, als die Tschechei

    drankam, da war meinem Vater klar, daß das Krieg bedeutet.

    ... Das Echo aus dem Ausland war so - unglaublich eisig:.. jetzt wußten die

    anderen, jetzt haben sie sich, mit München ... noch einmal reinlegen lassen.

    Aber ich habe ja selbst gehört, wie Hitler beim Sudetenland gesagt hat, das ist

    meine letzte territoriale Forderung in Europa, und dann marschiert er in der

    Tschechei ein, unter Vorwänden, wie halt die Sowjets in Afghanistan

    einmarschiert sind. Das hat uns schon sehr ernst gestimmt. Ich meine, es haben

    ja viele von Anfang an gewußt, daß Hitler den Krieg bedeutet. Das hatten wir

    nicht geglaubt, aber nun wußten wir: Das wird Krieg. Und da hat mein Vater

    natürlich auch schon das Verhängnis voll aufziehen sehen, wenn er sagte:

    „Keine Chance für Deutschland in einem solchen Krieg."

    Kriegsausbruch

    Als der Krieg ausbrach, war ich noch in der Schule. Ich war zwischen 15 und 16 Jahre alt und wollte mich sofort an die Front melden ..., nicht um Eroberungen auszuführen. Gegen Unrecht mich zu wehren - ... davon waren meine politischen Aktivitäten eigentlich immer bestimmt. Hier ging es mir um die Landesverteidigung. ...

    Es hat schon beeindruckt. Begeisterung war es nicht, aber irgendwo eine Art Aufbruch. Mein Vater war zutiefst deprimiert. Aber ich habe mir gedacht: „Na ja, wir werden es schon schaffen!" Und dann stand man am nächsten Tag in den Lebensmittelläden und hat plötzlich diese ganzen Bezugsscheine da gehabt..., es war ja alles minutiös vorbereitet. Dann las man auch, was man nicht mehr kriegte, und dafür kriegte man andere Sachen. ...

    Dann kamen die ersten Freunde an die Front, und es wurde ernst. Aber da wollte ich eben selbst auch hin.

    Hitler hat vielleicht gehofft, er überrumpelt die Westmächte noch einmal mit Polen, ...und ich meine, er war dann doch sehr entsetzt, wie die Engländer und Franzosen ernst gemacht haben. Daran sieht man eben, daß Hitler doch immer Provinzler war und sich nicht klar war über die Konsequenzen und gehofft hat, er könne den Westen aus dem Krieg heraus halten: Schnell die Polen über den Haufen rennen, und dann haben wir es wieder (lacht), aber dann war es eben anders. In dem Sinn war er überrascht von der wirklichen Entschlossenheit der anderen, die sich ja zunächst kaum in Kriegshandlungen niederschlug.

    Nicht zur Waffen-SS

    Es schien sich für mich mit 17, 1940, die Chance aufzutun ... in die Waffen-SS einzurücken. Die ganzen Hitler-Jugend-Führer von Innsbruck wurden ... zusammengerufen, zur Anwerbung für die Waffen-SS. ... Da wurde ausgeschieden, man hat einfach gesiebt nach bestimmten Gesichtspunkten, und ich merkte: Da will ich nicht dazu, obwohl ich begeistert war für Hitler, im Gegensatz zu meinem Vater. ...

    Aber zur SS wollte ich nicht. Ich wußte von der Röhm-Geschichte. Ich wußte, daß die SS groß damit geworden ist. Ich wußte vom HJ-Streifendienst schon, daß Leute verhört werden. Das waren die Schattenseiten, wo ich das Gefühl hatte, daß die „große Sache" auch ihre Schattenseiten hat. ... Zur SS wollte ich nicht, und ich sah mehr und mehr kommen: „Ich werde nicht dazu gehen, und ich muß mich erklären!" Und dann, Gott sei Dank, bei der letzten Siebungskurve hat es mich von selbst „hinausgetragen". ... Alle meine Freunde, die sich damals gemeldet haben, sind gefallen.

    Zur „Elite-Einheit"

    Ich bin ein Jahr später, nach der Matura, eingerückt, habe mich freiwillig gemeldet und habe mich ... zu den Panzerjägern, also zur Panzerabwehr gemeldet, bei den Gebirgsjägern, und kam dann schließlich an die Front nach Rußland. ... Die 3.Gebirgsdivision war, kann man sagen, eine ziemliche „Elite-Einheit", eine Art Feuerwehr an den Schwerpunkten. Wo irgendwas Besonderes los war, sind wir, als der Heeresführung unmittelbar unterstellt, hingesteckt worden. Und wenn die Russen gemerkt haben, wir sind da, haben sie es nicht weiter versucht und sind in der Nachbarschaft durchgebrochen, und dann haben wir schauen müssen, daß wir nicht eingeschlossen werden.

    Der Horizont – eine Feuerfront

    Ich habe den Ausbruch des Rußlandkrieges in Ostpreußen erlebt. Und zwar habe ich zufällig gerade die Wache gehabt, wie es losgegangen ist. Es war ungeheuerlich. Da sind tagelang die Truppen herumgezogen, und man wußte nicht, was los ist, man hatte das Abkommen mit Rußland und: „Hach, was ist los, geht es gegen Schweden?" Ich hatte die Nachtwache, und dann war von einer Sekunde auf die andere plötzlich von Horizont zu Horizont eine Feuerfront, und über uns hinweg brausten die Flugzeuge. Da wußten wir natürlich, was los war. In Ostpreußen war ich im Arbeitsdienst, und ein Klassenkamerad und ich ... waren die einzigen Österreicher. Der einzige, der sonst aus dem süddeutschen Raum kam, der war aus der Pfalz, aus der bayerischen. Sonst waren es Mecklenburger, Pommern, Ostpreußen, Gott sei Dank waren auch ein paar Hamburger dabei. Die haben nicht so großschnäuzig dahergeredet (lacht), aber die anderen haben immer nur darum gestritten, welche die besten sind.

    Der erste Fliegerangriff

    Eines meiner ersten Kriegserlebnisse war ein Fliegerangriff in Reval. Wir waren von Norwegen herüber nach Reval gekommen und sind von dort dann in Richtung Leningrad weiter gefahren und erlebten da einen Fliegerangriff. Eine Bombe schlug ganz dicht bei uns ein. Also, das ganze Haus hat es gehoben, ungefähr so (zeigt circa 30 cm), das riß mich mitten aus dem Schlaf, völlig ungeschützt. (Pause) Und das Heulen und das Schießen und ich... Das war die Reaktion von einem kleinen Kind, ich hab‘ mich also wirklich unter die Decke verkrochen, ich wollt‘ mich überhaupt nur schützen. Und da hab‘ ich das Gefühl gehabt, um Gottes willen, wie wird das an der Front werden, wenn du eine solche Angst kriegst. ... Ich hab‘ das Gefühl gehabt, ich würde nur versagen und weiß Gott was...

    Panik: „Russische Panzer von hinten!"

    Eines meiner schrecklichsten Erlebnisse, mein Gott, wo man einfach den Menschen kennengelernt hat, war: ... Wir sind um Weihnachten ´42 in der Ukraine eingeschlossen worden, und das war bewußt in Kauf genommen, um einfach die Russen zu binden, die da an breiter Front durchgebrochen waren am Don. Wir sind einen Monat im Kessel gesessen und haben uns dann, oh Wunder, durchgeschlagen. Also es ist mir heute noch ein Rätsel, daß wir da heraus gekommen sind. Und, da erinnere ich mich, ... wir waren schon fast draußen, da kam plötzlich der Alarm: „Russische Panzer von hinten!" Für mich waren nun Panzer kein Schreck, wir waren ja „abgerichtet" darauf, und wir wußten, wie hilflos die bis zu einem gewissen Grad sind, wenn man sie kaltblütig angeht. Aber für die Landser war ein Panzer ein solcher Schreck, vor allem, wenn die Panzer in der Ebene ankommen, wo man ihnen nicht entkommt, daß eine Panik ausgebrochen ist. Und da habe ich zum ersten Mal eine wirkliche Panik entsetzlichsten Ausmaßes erlebt, wo jeder versucht hat, auf ein Fahrzeug zu kommen, und die Leute heruntergefallen sind, und der nächste ist drüber gefahren. Da sind Verwundete am Straßenrand gelegen: „Nehmt mich mit!" Da sind sie drüber gefahren, also, es war furchtbar. Jeder hat nur sein Leben zu retten versucht, und da ist es wirklich über Leichen gegangen, ich ..., war vollkommen außer mir.

    Es hat aber auch Offiziere gegeben, die dann solche Fahrer sofort herausgeholt haben. ... Also, man hat schon versucht, das wieder zu stabilisieren, aber da habe ich gesehen, wie es eben sein kann im Krieg.

    Hornhaut für die Seele

    Dann, wenn man die Gefechte erlebt, das entwickelt sich sehr sachlich, und man kriegt ein bißl so was wie eine Hornhaut. Man registriert noch, aber man verarbeitet es schon fast nicht mehr emotionell, denn ob man Angst hat oder nicht, es geht ja weiter, also … man muß handeln, man kommt dem ja nicht aus. Das ist wie eine Schutzschicht vielleicht. Ich kann es nicht anders nennen, weil der Krieg, wie ich ihn dann aktiver erlebte, eben viel, viel sachlicher, viel alltäglicher, obwohl schrecklich war. Natürlich, jeden Moment konnte man selber daliegen und - vorbei ist es!

    Das wußte man ganz genau. Ich meine, ich hab‘ es dann auch erlebt. Gerade nachdem wir ausgebrochen sind, als russische Panzer in unser Dorf kamen und wir ein paar abgeschossen haben, mit unserer Kanone. ... An dem Tag habe ich zwei Besatzungen verloren. Ich hab‘ gerade einen neuen ... Stellungsplatz ausgesucht, komme zurück, und - Volltreffer in mein Geschütz! Die ganze Mannschaft lag da, und der Fahrer und ich, wir waren die einzigen, die heil waren. Wir brachten die Kameraden nur zum Verbandsplatz, und dann wurde eine neue Mannschaft zusammengestellt.

    Und dann haben wir wieder einen Einschlag gehabt, da war ich allerdings exponierter, da stand ich oben auf dem Wagen und warf die Munition hinunter. Ich war bei dem Einschlag am gefährdetsten, mich hat es wunderbarerweise nicht erwischt, aber drei waren wieder verwundet. Es hat ihnen nichts Schweres gefehlt, aber weg waren sie. ... Ja, aber das überwand man, und weiter ging’s. ... Was sollte man auch tun, nicht, ich meine, der Gegner war da, und der schlief nicht, und wir waren da und konnten auch nicht schlafen. Das war ein Spiel, das man nicht abbrechen konnte wie ein Fußballspiel.

    Kriegswende, verwundet

    Und so habe ich den Krieg an der ganzen russischen Front erlebt, zuerst bei der Belagerung von Leningrad, dann ... im Mittelabschnitt. Da ist nichts besonderes passiert. Dann sollten wir in den Kaukasus kommen, wurden aber plötzlich dort hinein geschoben, wo die Russen durchgebrochen sind. Es war der Beginn von Stalingrad,... der Durchbruch an der Don-Front. Und dann sind wir da hineingestopft worden, ... um die Front wieder aufzurichten.

    Ich war mit meinem Geschütz sehr selbständig. Wir hatten nur wenige Panzerabwehrkanonen ... eine ziemlich alte Ausrüstung, und die meisten Kanonen, die wir hatten, waren für die russischen Panzer eigentlich ungeeignet. Ich hatte die letzte Kanone, ... die gegen russische Panzer Chancen hatte. Als Reserveoffiziersanwärter war ich Geschützführer und wurde dann einfach Infanterieeinheiten als Panzerschutz zugeteilt. Ich konnte also sehr selbständig agieren. Das waren die besten Zeiten, die ich beim Militär erlebt habe: Weg vom Haufen und selber handeln. Und da hatten wir gerade einen Frontabschnitt zu verteidigen. Es war ein kurzes Feuergefecht gewesen, und dann war wieder Ruhe. Ich ging in einen Unterstand des Kompaniechefs hinüber, um mich mit ihm zu besprechen, wie wir es weiter machen, und auf dem Weg bin ich dann von einem Maschinengewehr getroffen worden. Habe mich nicht schnell genug hingelegt (lacht). Da bin ich halt im Schnee gelegen und konnte mich nicht mehr rühren und habe nur gemerkt,... jetzt ist es ernst. Sonst habe ich ja immer das sichere Gefühl gehabt, ich komme durch, aber da habe ich einen Moment gezweifelt, ob ich es überlebe. Das ging dann sehr rasch wieder vorüber, und ich war dann wieder absolut überzeugt, daß ich durchkomme, aber das war kindisch und völlig irrational.

    Zuerst kam ich ins Feldlazarett. Und die erste Erinnerung vom ersten Feldlazarett, in dem ich gelandet bin: Da haben wir zwei Ukrainerinnen gehabt als Schwestern, die haben uns geholfen. Das waren zwei entzückende Mädeln, und die sahen mich Burschen ... stöhnend daliegen und haben geweint. Und das hat mich wahnsinnig ergriffen.

    Aufgewacht durch Stalingrad

    1943! Im Februar ´43. Also, es war gerade um die Zeit von Stalingrad. Und wir bekamen dann im Lazarett ... die Freßpakete, die Weihnachtspakete von den Stalingrad-Leuten, die nicht mehr durchkamen. Na ja, das war schon eine Erschütterung, das Stalingrad. Vor allem war mir klar, was da passiert war. Also, da fing ich schon ein bißchen an aufzuwachen im Krieg....

    Nazi-Witze

    Unter dem Hitler..., gab es den schönen Witz:

    Gegen das Kriegsende, da hat sich ein Berliner Beamter in Wien mit einem Wiener angefreundet, und sie reden miteinander, und da sagt der Berliner (Helmut Heuberger im Berliner Jargon): „Tja! Den Krieg verlieren wir wohl!" Dann sagt der Wiener: „Ja, ja, aber wann?" Sagt der Berliner: „Tja, da haben wir wohl was falsch jemacht. Woran liegt es wohl?" Dann sagt der Wiener: „Na ja, ich glaube, der Fehler war der: Ihr habt gemeint, wir sind blöd, und wir haben gemeint, ihr seid gescheit." (lacht)

    Da gab es auch die schöne Geschichte:

    Der Himmler wollte das Doktorat machen, und da legte man ihm beim Rigorosum die Frage vor: Wer hat Wallenstein ermordet? Da sagte Himmler spontan: „Ich einmal nicht." (lacht) Man wagt dann nicht, über dieses Rigorosum zu entscheiden, und gibt es also zur Entscheidung weiter. Man gibt es dem Göring, und der sagt: ... „Na ja, also, ich war es auch nicht!" Dann gibt man es dem Goebbels, der sagt: „Na ja, wenn der Himmler sagt, er war es nicht, wer weiß, ob er es nicht doch war..." (lacht) Dann gibt man es zum Schluß schließlich Hitler, und da sagt der: „Ist ja schließlich scheißegal, wer den alten Saujuden umgebracht hat." (lacht)

    Da gab es auch den schönen Spruch:

    „Selig die Halbgebildeten, denn ihrer ist das Dritte Reich." (lacht)

    Dann hat es geheißen, nachdem der Hess hinüber geflogen war:

    „Wie muß die deutsche Weihnachtsgans sein?" „Fett wie der Göring, braun wie der Hitler, einen Schnabel wie der Goebbels und durch wie der Hess." (lacht)

    Wir waren besondere Witzesammler immer. ... Mein Vater und ich vor allem, nein, überhaupt in der Familie war man immer scharf auf Witze.

    Als Verwundeter im Viehwaggon

    Diese russischen Helfer, die wurden immer „Pan" gerufen, polnisch „Herr",

    eigentlich lächerlich, aber: „Pan! Die Schale!", und, „Die Flasche!", und so weiter.

    Und die kamen mit unglaublicher Geduld. Ich hatte schon von meinem Vater,

    vom Ersten Weltkrieg, gehört, daß ... niemand so zart mit den Kranken

    umgegangen ist, wie die russischen Krankenträger. ... Also die erste Zeit, da

    ging es mir noch ziemlich schlecht, und dann wurden wir in Güterwagen wieder

    ein Stück weiter transportiert. Einmal war eine Brücke gesprengt, da mußten wir

    auf Lkw´s umgeladen werden, dann hinter der Brücke wieder weiter, da haben

    sie mich vergessen im Wagen, und ich konnte mich ja nicht rühren. Ich merkte

    plötzlich, es wird immer stiller, und ich bin allein da (lacht), und dann habe ich zu

    rufen angefangen. Na ja, schließlich haben sie mich gehört und geholt, und dann

    ging es halt mit dem Viehwaggon weiter, im Viehwaggon auf Stroh – war nicht

    sehr schön, aber mein Gott. Ich weiß noch, dann kamen wir ins erste ordentliche

    Lazarett hinter der Front, und lagen stundenlang auf den Gängen herum. Dann

    kam der erste Oberarzt, der war sehr nett und hat sich zuerst einmal ein bißchen

    gekümmert um mich. Ich habe ihm nur gesagt: „Bitte, versprechen Sie mir, daß

    Sie mich hier nicht weggeben auf Transporte, bevor ich nicht in einen richtigen

    Lazarettwagen kann." Ich hatte diese entsetzlichen Viehwaggons so satt, die

    zugigen und harten, aber gut, Schmerzen hatte man sowieso. Ich war nicht

    zimperlich, aber ich hatte einfach so genug. Das Versprechen hat er auch

    gehalten dann! ... Bei mir konnte nichts gemacht werden. Der Schuß war da, und

    es konnte eigentlich nichts repariert werden, man konnte nur abwarten, bis es

    besser wird. Und dann kamen die Läuse noch in den Verband, einfach furchtbar

    (lacht)! Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, um vier Uhr bin ich endlich

    eingeschlafen, dann um fünf, halb sechs haben sie einem schon das

    Thermometer wieder unter die Achsel gebohrt, (lacht) dann war es wieder vorbei

    mit dem Schlaf. Aber, mein Gott, als junger Mensch hält man ja etwas aus, und

    das gehört halt dazu. Ich habe mich nicht aufgeregt darüber, aber es war schon

    nicht schön. Andere haben natürlich viel schrecklicher gelitten und haben viel

    fürchterlichere Schmerzen gehabt. Also, und dann kam ich mit dem ersten

    Lazarettzug zum Glück bis Schlesien, in allen polnischen Städten haben sie

    versucht uns unterzubringen, aber überall waren die Lazarette voll, und so sind

    sie zum Glück gleich bis Schlesien durch, und von dort hat mich dann, im

    Moment, als ich, wie es hieß, sitzend transportfähig war, meine Schwester nach

    Innsbruck geholt. Dort war ich in einem weiteren Lazarett, und von dort aus fing

    ich dann an zu studieren. Ich bekam später einen regulären Studienurlaub, und

    so kam wieder ein neuer Lebensabschnitt.

    BBC und Dolchstoßlegende

    Aber, dann kommt ja die Frage des Widerstandes. Nun, ich war an der Front mit Überzeugung dagestanden. Ich habe gewußt, wenn wir nicht hier stehen, haben wir die Russen daheim. Dabei hatte ich gegen die Russen nie irgendwie einen Haß oder eine Abneigung. Mein ältester Freund, der einzige, der den Krieg überlebt hat, war ein Halbrusse. Ich bin mit russischer Kultur aufgewachsen. Als ich die ersten Toten sah, die ersten toten Russen, habe ich gesagt: „Mein Gott, da weinen jetzt auch Mütter und Freundinnen!" Und das hat mich tief bewegt. ... Ich habe den Krieg plötzlich anders gesehen: Da sind ja auch auf der anderen Seite Menschen. Die schwere Verwundung hat mich dann nach Hause gebracht. Zunächst war ich in Schlesien im Lazarett, und dort hatte ich Verwandte. Die haben mich auch besucht, und dann hat mich meine Schwester heim geholt, und ich habe gemerkt, meine Schwester und mein Vater reden schon etwas „ketzerisch", und ich habe das Gefühl gehabt, also: der „Dolchstoß" ist keine Legende. ... Als ich auch noch merkte, daß mein Vater den BBC hörte, sagte ich: „Um Gottes Willen, was machst du da? Du fällst ja dem Führer in den Rücken!" ... . Da hat er gelacht: „Ich möchte wissen, wo meine Buben sind!" Der BBC hat einem umfangreiche Informationen gegeben, wo die ganzen Truppenteile stehen. Aus den Wehrmachtsberichten hat man dagegen nichts erfahren. Ich hatte mich immer gewundert, wie genau mein Vater wußte, wo ich jeweils war (lacht)...

    Und dann erzähle ich vielleicht doch die Geschichte von meiner Cousine.

    Vom Mut der Hanna Reitsch

    Ich hatte eine sehr prominente Cousine, ... die Fliegerin Hanna Reitsch, die ja berühmt als Segel- und Testfliegerin war und eine glühende deutsche Patriotin. Ihre Mutter war Tirolerin, ihr Vater „a Preiß". Die Reitsch-Kinder haben immer gesagt: „Wir sind Tiroler Preußen!" (lacht) Mit Hanna war ich sehr eng befreundet. Sie hat mich im Lazarett in Schlesien besucht. Da war gerade Stalingrad, ... die erste tiefe Erschütterung. Für meinen Vater war es die konsequente Weiterentwicklung, er hat Deutschland im Krieg nie eine Chance gegeben. Aber nun habe selbst ich gesehen: „Hoppla, das könnte ja vielleicht auch anders ausgehen." Da habe ich mit Hanna Reitsch gesprochen, und die sagte: „Ja, und in Tunis, in Nordafrika, kommt das nächste „Stalingrad". Die Amerikaner sind gelandet, und wir werden es nicht aufhalten können. Sie fangen auch an, unsere Städte mit den Fliegern zu zerstören. Wir haben ihnen nichts mehr entgegenzustellen. Unsere Luftwaffe ist praktisch soweit, daß wir dem nichts entgegenzustellen haben." Und dann habe ich sie auch gefragt - so nach Wunderwaffen und so weiter.

    Als sie bei der Überreichung des EK I bei Hitler war, da hat der ihr von den Wunderwaffen vorgeschwärmt, sie wußte aber sehr genau, wo, in welcher Entwicklungsphase, die standen, und sagte: „Aber mein Führer, Sie sprechen von den Enkeln eines Embryo!" Daraufhin hat man ihr gesagt, also, das wird das letzte Mal sein, daß man sie zum Hitler vorlädt. Er war unangenehm berührt, und das hat sie mir auch erzählt.

    Es gibt kein Entrinnen

    Dann ging die Frage weiter: „Ja, wie sollen wir eigentlich diesen Krieg noch gewinnen?" Das war eigentlich die entscheidende Frage: Können wir unter diesen Umständen diesen Krieg noch gewinnen. ... Hanna Reitsch war ja weiß Gott keine Gegnerin des Systems, sie war für mich absolut kompetent und unglaublich sachlich, so emotionell sie als Frau auch war, und da wußte ich: Da gibt es kein Entrinnen mehr! Und dann: „Ja, aber: Warum macht Hitler nicht Schluß? Jeden Tag fallen Tausende!" Und das war der Ansatzpunkt für mich, mich vom Führer abzuwenden.

    Vom Schicksal der Juden

    Ja. Und ein Segelfliegerfreund von Hanna, der nach Schweden ausgewandert war, ich weiß sogar den Namen noch, der hat ihr die Nachricht zukommen lassen, daß es da Todeslager gäbe, wo systematisch die Juden umgebracht werden. Da ging sie sofort zu Himmler und sagte: „Also, Reichsführer, wie ist das? Das habe ich gehört und das weiß man." Und dann sagte er nur: „Aber Hanna, wie können Sie so etwas glauben?" Und dann hat sie ihm geglaubt: „Na ja, wird halt doch wieder eine Verleumdung sein." Aber sie wollte es ernsthaft wissen. ...

    Über die (Familie) Reitsch haben wir so einige Leute kennengelernt. Und da lernten wir auch einen General kennen, der ´38 beim Umbruch hereinkam, mit Reitsch befreundet war, der uns auch besuchte, und der dann erster Stadtkommandant von Warschau wurde. Als der merkte, daß da hinter dem Rücken des Militärs plötzlich mit den Juden aufgeräumt wird, ... sie also jedenfalls weggebracht werden und so weiter, da ist er sofort scharf dagegen eingeschritten, und sofort, sofort, war er weg. Er kam dann zu einer Strafkompanie in Frankreich, wo er zugrunde gegangen ist. Das haben wir schon im Krieg erfahren, und das hat uns doch sehr geschockt.

    Aber, wie gesagt, auch da hat man nicht den Eindruck gehabt, daß die Juden wirklich... Daß den Juden Schlimmes zugefügt wird, das wußten wir von Österreich schon, darüber haben wir uns keine Illusionen gemacht, daß da Schreckliches passiert. Aber daß sie ausgerottet werden, das hatte man weder gewußt noch geglaubt. Es haben übrigens die Alliierten auch viel später geglaubt, als sie es hätten glauben können. Wenn die, bei der Konferenz von Evian (Konferenz auf den Bermudas), wo man es ihnen ganz klar zugespielt hat, reagiert hätten... Nein, die sollen uns nicht zu sehr als die frühen Alleswisser hinstellen. Aber, ich meine, so war es halt bei uns, und viele waren völlig fassungslos am Kriegsende, als sie von diesen Dingen erfuhren. Völlig fassungslos. ... Man redete zwar immer groß, der Goebbels hat ja die Schraube immer höher gedreht, aber man hat ja nie geglaubt, daß das wirklich zur Realität wird. Genau so, man kann sagen, im „Kampf" steht ja schon alles drinnen! Ja, mein Gott, da ist viel Propaganda und viel Theaterdonner, man hat es nie so ernst genommen, nicht?!

    Hitler, kein Idol mehr

    Die Partei bedeutete mir nicht mehr viel, aber Hitler war noch immer das Idol für mich. Ich sah dann, daß sich die Frage auf Hitler konzentriert: Wer führt den Krieg weiter? Soll er ihn weiter führen? Wenn er es nicht weiß, daß der Krieg verloren ist, dann ist es falsch, daß einer oben steht, der unwissend ist. Oder er weiß es, dann ist er ein Verbrecher.

    Die Loslösung von meinem Idol hat mich in eine enorme Krise gestürzt... Dieser Zusammenbruch des Idealismus kam für Millionen erst ´45. Davon wird heute gar nicht geredet. Dieser Zusammenbruch bedeutete eine völlige Neuorientierung in einer Welt, die plötzlich ganz anders ist.

    Ich hatte das Gefühl, ja, wenn das so ist, dann muß ich was tun, ich kann nicht einfach zuschauen, wie das halt passiert. ... Ich hatte gegen das österreichische Regime vor 1938 gekämpft, weil ich den Anschluß wollte, und jetzt mußte ich auch da was tun.

    Zusammenbruch einer Begeisterung

    Das war so ungeheuer schwer, plötzlich zu sehen: Ja, da ist die Führung, da ist das Land, das gehört doch zusammen! Und das rückt plötzlich auseinander. Wo ist das Schicksal des Landes, und wo ist das Schicksal der Führung? Und plötzlich diese Trennung, das war ein qualvoller Prozeß in mir. Also, ich habe ungeheuer unter diesem Quasi - Zusammenbruch meiner Begeisterung für Hitler und Deutschland, für dieses Deutschland, gelitten. Es waren wirklich viele, viele Schritte zu gehen. Man glaubt gar nicht, wie schwer die waren, aber ich habe einfach gesehen: Ja – entweder so oder so! Ich meine, mach‘ dir nichts vor, Helmut, nicht wahr?

    Für mich war Hitler ein zu Tötender geworden

    Zunächst das Kapitel Hitler. Er war für mich fällig. Ich war ja fertig mit Hitler, also,

    das war für mich das konsequente Ende, das ich kommen sah. Dabei muß ich

    sagen, als ich mich zum Widerstand entschlossen hatte, habe ich sofort

    nachzudenken angefangen, ob ich nicht über meine guten Nazi - Beziehungen ...

    eine Möglichkeit hätte, an Hitler heranzukommen, um ihn umzubringen. Ich habe

    es mir ernsthaft überlegt, nur, ich wußte, es war mir von vornherein klar, daß ich

    das nicht überleben könne. Aber wenn ich die Chance habe, an ihn

    heranzukommen, dann würde ich das selbstverständlich tun. Und den Plan habe

    ich mir dann immer wieder ernsthaft überlegt, aber auch gesehen, also, da

    reichen meine Beziehungen einfach nicht, daß ich da in die Nähe Hitlers

    kommen könnte. Denn ein Minimum an Chance müßte sein, und dann habe ich

    den Gedanken fallen gelassen. Jedenfalls, für mich war Hitler ein zu Tötender

    geworden, denn er stand im Weg, er hat die Schalthebel in die falsche Richtung

    bewegt, und der war jetzt der Feind geworden.

    Der gebrochene Fahneneid

    Das war für mich, selbst, als ich mit Hitler gebrochen hatte, ein Riesenproblem, denn ich hatte den Fahneneid ja freiwillig geleistet. Ich wußte damals, ich schwöre ihn jetzt mit Überzeugung. Und der Fahneneid war ja ausgeweitet auf Hitler ad personam, nicht? War ja so, daß man ihn nicht nur dem Land, sondern eben auch dem Führer geleistet hat. Damals hatte ich das mit Überzeugung getan: ... „Eid ist Eid." Ich meine, natürlich war es mir eine Hilfe, daß ich (mir) sagte: „Ich habe ihn, den Führer, nur als die Spitze Deutschlands gesehen, und heute sehe ich den Zerstörer Deutschlands in ihm." Übrigens ein Problem, das auch Stauffenberg beschäftigt hat, und mit Stauffenberg habe ich mich viel beschäftigt, gerade auch damit, daß er einerseits die Führung behielt und andererseits das Attentat machen mußte. Das hat mich sehr interessiert, weil ich ja eben selbst so ein bißchen Pläne wälzte und...

    Frontenwechsel?

    Dann kam die Sache mit Fritz Molden. Fritz Molden hatte Hitler ja von Anfang an bekämpft. Er kam ganz woanders her, und er hat sich zur Wehrmacht gemeldet, um ins Ausland zu kommen, genauso wie Otto. Damit waren sie der politischen Szene zu Hause entzogen. Auf sehr abenteuerliche Weise ist es dem Fritz gelungen, einen Selbstmord vorzutäuschen und dann in die Schweiz zu kommen, um von dort aus die Widerstandsbewegung O5 aufzubauen. Zu dem Zweck fuhr er immer wieder nach Österreich, in deutscher Uniform, unter Decknamen. Er brauchte in Innsbruck einen Stützpunkt, und er wußte, daß wir ja eigentlich auf der anderen Seite standen. Er hat aber das Gefühl gehabt, daß wir ihn sicher nicht anzeigen. Er hat dann bei meinen Eltern vorgefühlt, wovon ich zunächst nichts wußte. ... Er hatte zwei französische Offiziere mit, wovon der eine, ich glaube, Adjutant von De Gaulle war, die mußten sich irgendwo umziehen. Da hat Fritz den Vater gebeten, ob er sein Arbeitszimmer in der Universität zur Verfügung stellt, was mein Vater auch gemacht hat. Da hat Fritz gemerkt, daß er bei uns nicht in Gefahr ist. Und dann kam er öfter. Natürlich sind wir sofort ins Gespräch gekommen. Wir waren von klein auf befreundet miteinander. ... Wir kamen aus völlig gegensätzlichen Lagern, aber haben uns in entscheidenden Fragen sehr gut verstanden. Ich merkte, der arbeitet für den Widerstand, und ich sah diese Notwendigkeit mehr und mehr auch für uns kommen. –

    Eigentlich war der Weg von Fritz zunächst nicht der meine, denn er kämpfte ja für die Unabhängigkeit Österreichs, und die war für mich uninteressant. Ich wollte ja Deutschland, ich war für Deutschland an der Front, und für mich war es Deutschland. Also, für mich richtig wäre eigentlich Stauffenberg gewesen. Aber zu seinem Kreis hatte ich keine Verbindung.

    Der Weg zum Widerstand

    Ich sah den Zeitpunkt kommen, daß der Fritz mich fragen würde, ob ich bei ihm mitmachen wolle. Und dann kam der Augenblick, und ich sagte: „Ja, Fritz, du kennst ja meine Vorstellungen, meine Anschauungen – glaubst du, daß ich da hineinpasse? Ich sage dir gleich, ich werde keine Befehle blind ausführen. Wenn man mir nahe legt etwas zu tun, werde ich vorher mein Gewissen prüfen, und wenn ich es dann für richtig halte, werde ich es tun. Ich werde sicher auf keinen Deutschen schießen, außer aus Notwehr. Und ich werde überhaupt Menschenleben nicht zu vernichten versuchen, um Menschenleben zu erhalten." Auf dieser Basis haben wir uns voll gefunden. Ich wollte eigentlich nur ein kleines Rädchen in dem ganzen Club sein. Ich begann aber eine Rolle zu spielen, als in der entscheidenden Phase so viele verhaftet wurden. Ich hatte von der HJ her (lacht) noch die Erinnerung, daß es sehr gut ist, wenn nicht jeder weiß, wer man ist, so daß ich einer der wenigen war, die den Decknamen wirklich absolut konsequent durchgezogen haben. Das hat mir ein anderes Mal dann auch noch geholfen.

    Ich war ein etwas exotischer Stein (lacht) in diesem Spiel, und als dann plötzlich sehr viele Fäden abrissen, weil die Leute verhaftet waren, und ich noch sehr viele Zusammenhänge wußte, war ich eine immer wichtigere Schaltstelle. Dadurch habe ich eine etwas führende Rolle in der ganzen Sache gespielt, die ich gar nicht spielen wollte. Ich war zunächst einfach der „Briefkasten" für die Moldens in Innsbruck, und dann war ich halt der „O5-Häuptling" in Innsbruck, und dann kam der Zusammenschluß mit der Organisation von Gruber, die sehr effizient und weiter war als die unsere, und so ging das dann Schritt für Schritt weiter.

    Widerstandsorganisation O5

    Die Widerstandsgruppe um Fritz Molden hatte ja schon Kontakt mit Amerikanern, die schon vor dem Kriegsende in Österreich waren. Solche Verbindungen hatte ich nicht, aber ich hatte einmal mit einem französischen Geheimdienstler Kontakt, und der kam über die O5 in unsere Wohnung. Es begann zunächst etwas blöd, denn er wußte das Kennwort nicht, und daher habe ich ihn zunächst abblitzen lassen. Und der wollte Funkverkehr machen. Ich habe ihm unsere Wohnung quasi zur Verfügung gestellt, der hat dann plötzlich seine Drähte zu spannen angefangen, und da hat sich dann meinen Eltern etwas das Gefieder gesträubt, (lacht) kann man so sagen. Ich habe gemerkt, das Zusammenarbeiten mit den Alliierten fällt mir ungeheuer schwer. Denn ich habe gewußt, ja, gut, die wollen ja ganz etwas anderes. Das ist ja doch der Feind, denn die wollen uns ja nicht nur „befreien", ... nein, die wollen unser Land niederwerfen, nicht? Und da schien mir das Paradoxe des ganzen Widerstandes wieder doppelt schrecklich. Also, ich war unglücklich über diese Geschichte und war dann froh, wie es überstanden war, und hatte überhaupt keine Lust auf eine Fortsetzung. Die Verbindung mit den Alliierten, das war ein notwendiger Kontakt, es war ja nicht anders möglich, aber das war mir schrecklich.

    Und ich glaube, in Wien den Sowjets die Kanäle zu erschließen, da hätte ich mich verweigert... Denn ..., das war ja der gleiche Verein wie wir. Denn, nichts gegen die Russen, aber gegen die Sowjets alles. Ich meine, der Stalin ist für mich das andere Gesicht dieser Art von Diktaturen, nicht?

    Kriegsende in Tirol

    Wir haben in Tirol zunächst Luftlandemöglichkeiten für die Amerikaner vorbereitet, was schon sehr konkret ausgearbeitet war. Da war auch der frühere Staatssekretär Steiner entscheidend als Offizier beteiligt, mit dem ich seit damals befreundet bin. Wir haben dann Innsbruck, noch in den letzten Tagen, durch die unglaubliche Frechheit besonders von Gruber in unsere Hand bekommen, und die Stadt den Alliierten bereits als die „Herren von Innsbruck" übergeben.

    Die Amerikaner, die kamen, das waren die falschen. Vorbereitet auf Innsbruck waren die, die von Süden her vorstießen, die waren aber später dran. Die, die in Innsbruck einmarschierten, kamen aus dem Norden, aus Baden-Württemberg, und begriffen überhaupt nicht, was Österreich ist und haben uns, vom Widerstand, sofort kaltgestellt. Wir wollten mit unserer Organisation Plünderungen und so weiter verhindern, sie haben uns aber vollkommen ausgeschaltet, zunächst. ... Das traurige Geschäft war erfüllt. An dem Abend, an dem die Amerikaner einmarschiert sind, bin ich weinend heim gegangen, weil ich den unglaublichen Widersinn fühlte, daß ich gegen die eigenen Leute gehen mußte, um für mein Land was zu tun.

    Also, das war für mich eine solche Qual. Mir ging es nicht um Österreich, ich meine, ich bin gerne in Österreich und bin Österreicher, und das ist kein Problem für mich, aber für mich war es Deutschland! Deshalb war ich eben sehr rasch von der Politik weg umso mehr und bin dann ins Studium eingestiegen, und das war dann mein weiterer Weg.

    Epilog

    Das Kriegsende selber war für mich dann nicht mehr so dramatisch, denn es war erwartet. Und die innere Katastrophe lag ja schon hinter mir, die ja die viel größere war. Jetzt wußte ich nur, ja, „Jetzt ist", hat der Vater immer gesagt, „alles hin". Und jetzt müssen wir halt schauen, wie wir weiterkommen. Wir sind selber schuld daran, wir haben mit geholfen, jetzt ist es halt so, und das müssen wir jetzt halt auslöffeln, aber ich habe nichts bereut. Ich habe es auch nicht bereut, daß ich aus Überzeugung für den Anschluß gekämpft habe. Ich meine, ich habe für das falsche Regime gekämpft, das war mir inzwischen klargeworden.

    Aber die Sache selber... Ich wußte jetzt nur, der Hitler hat den Anschlußgedanken sicher in den Abgrund geführt und fertig gemacht. Also, ein Grund mehr, ihn nicht zu lieben.... Das mit Österreich ist recht schön, und ich bin sehr gern da, aber wie gesagt, sehr fromme Gefühle habe ich halt Österreich gegenüber nicht...

    Ja, mein Gott, da hat man die Fahnen herausgehängt, und es war schon eine gewisse freudige Stimmung, daß der Krieg zu Ende ist, in den ersten Tagen. Dass ich dann offen als Widerständler auftrat, haben einige Bekannte, vielleicht nicht ganz zu Unrecht, geschmacklos gefunden,... Aber gut, das Entscheidende war für mich vorher passiert, und alles andere war eigentlich eine logische Konsequenz daraus, der ich mit Schaudern entgegengesehen habe.

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    Copyright © 2001 by Ruth Deutschmann, Wien
    Ruth Deutschmann
    Wien, 31.07.2001




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