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Begeisterung – Ernüchterung – Erinnerung
Vorurteile abbauen
Wie ich bereits in meinem Prolog geschrieben habe, wollte ich, daß nicht nur meine Kinder über den Zweiten Weltkrieg Bescheid wissen sondern vielleicht auch die Generationen, die heute oft leichtfertig und überheblich über eine Zeit ein Urteil fällen, die sie selbst nicht erlebt haben, und mit der sie sich auch zu wenig beschäftigt haben. Vorurteile – auf gut Deutsch gesagt – wollte ich bekämpfen. Vielleicht gelingt es mir. Aber ich sehe es an meinen eigenen Kindern, daß es nicht sehr leicht ist, ... so etwas hinüberzubringen. Es heißt dann immer: „Das hätte ich nicht gemacht, und das hätte ich nicht gemacht." Wenn ich heute, mit meinem heutigen Wissen, meiner Erfahrung heute, damals entscheiden hätte können, wäre mein Leben auch anders geworden. Aber leider waren die ganzen Zeitumstände so, daß es halt so geworden ist, wie es jetzt ist.
Ich muß noch sagen, ich bin Gott dankbar, daß ich diese Zeit überlebt habe. Von meinen Jahrgangskollegen sind nur mehr vier übergeblieben. Die meisten unserer Jahrgänge hat der Krieg weggerafft. Das ist natürlich das Problem und deswegen hab ich mich da (Anmerkung: Zum Projekt „Memoriali XX Secolo"-Austria) gemeldet.
Elternhaus
Mein Name ist Stefan Hollenthoner. Ich bin am 17. Juni 1923 geboren und zwar in Lockenhaus, das liegt im mittleren Burgenland. Lockenhaus hat zu dieser Zeit ungefähr 1200 Einwohner gehabt. Meine Eltern hatten eine Landwirtschaft, eine Bäckerei und einen Gemischtwarenhandel, wie das halt damals war, nicht besonders groß. Wir hatten den Hof und ... Tiere - Pferd, Kühe, Hund, Katzen, Hühner, alles, was man in der Landwirtschaft so hat. In dieser Umgebung bin ich aufgewachsen, in einer Ortschaft, die an und für sich keine Industrie hatte. Es war nur ein Sägewerk da, das zur Fürst Esterhazyschen Guts- und Forstverwaltung gehörte, die in diesem Gebiet dominierend war. Und eine Ziegelei, eine kleine, aber sonst war an und für sich nichts an Industrie hier.
Ständestaat
Meine Eltern waren eigentlich Rückwanderer von Amerika. Mein Vater war von 1913, meine Mutter von 1914 an in Amerika, meine Schwester ist 1915 dort geboren und sie sind, nachdem die Brüder meines Vaters gefallen bzw. gestorben sind, auf einen Brief meiner Großmutter hin nach Hause zurückgekommen.
Mein Vater hat vor dem Ersten Weltkrieg bessere Zeiten gesehen und nicht ahnen können, wie es daheim nach dem Ersten Weltkrieg ausschaut. Er hat sich dann politisch sehr betätigt, ist später Landtagsabgeordneter geworden, von ´27-´34, und hat sich dann auf Grund der ganzen Entwicklung in Österreich von der Politik distanziert. Er hat sich praktisch politisch nicht mehr betätigt, aus verschiedenen Gründen. Vor allen Dingen hat ihm der Ständestaat, in dem Sinn wie er dann aufgebaut worden ist, nicht mehr gepasst.
Ich selbst habe dann, bis ich sechs Jahre alt war, in Lockenhausen den Kindergarten besucht und dann sechs Klassen Volksschule. Weil ich körperlich sehr schwach war, hat mich meine Mutter nicht früher in die Schule fort geschickt und so kam ich dann erst mit 12 Jahren nach Eisenstadt ins Bundesrealgymnasium. Das war damals untergebracht in der heutigen Kaserne, die Hälfte war Kaserne, die andere Hälfte war Gymnasium und Internat. Dort habe ich vier Jahre verbracht und hab´ natürlich dort auch mit 15 Jahren den Anschluß erlebt. Ich muß dazu sagen, daß wir ja ganz anders erzogen worden sind als die Jugend heute.
Vormilitärische Jugenderziehung
Wir haben damals schon, wie der Ständestaat installiert wurde, vormilitärische Jugenderziehung „genossen". Uns hat man natürlich eigene Abzeichen gegeben auf denen: „Seid einig" gestanden ist, also, einen Wimpel mit: „Seid einig".
Es hat sogar nach dem Dollfuß-Mord im ´34-Jahr ein Märtyrerlied für ihn gegeben – ich weiß nicht, ob das bekannt ist – das hat geheißen:
„Ihr Jugend hält die Reihen dicht,
ein Toter führt uns an.
Er gab für Österreich sein Blut,
ein wahrer deutscher Mann.."
und so weiter und so fort. Ich kann die erste Strophe noch auswendig. Und diese vormilitärische Jugenderziehung hat natürlich dazu geführt, daß wir für den Anschluß begeistert waren, die Jugend kann man ja leicht begeistern. Wenn ich heute an die Discos denke, und wenn ich an den Michael Jackson denke und so weiter, dann ist das dieselbe Begeisterung, nur auf einer anderen Ebene.
Flieger-HJ
Nun ist Deutschland einmarschiert. Es hat die HJ gegeben, die Hitler-Jugend, also die HJ. Und da hat es Unterabteilungen gegeben, unter anderem hat man in Eisenstadt die Flieger-HJ gegründet. Also, was war für einen Buben in meinem Alter begeisternder als Flugzeuge zu bauen?! Wenn wir mit unseren Gleitern mit Gummizug am Hetscherlberg in Eisenstadt waren und wenn wir 15 oder 20 Meter fliegen haben dürfen, dann war das schon ein Erlebnis. Meistens ist etwas in Bruch gegangen, dann haben wir es wieder zusammengeflickt und so weiter. Man hat natürlich auch Lager gemacht ... mit Lagerfeuer, mit Übernachten und mit Spielen, bis alle schön langsam herangeführt wurden zum Einsatz fürs Militär. Und ich war begeistert, ...
´39 hab ich nach vier Klassen die Schule abgebrochen, weil ich Flugmotorenmechaniker werden wollte. Und da hat es nur eine Ingenieursschule gegeben in Deutschland, in Sachsen, in Mittweida, und die hat vorgeschrieben, zwei Jahre Praxis als Tischler, Schlosser, Mechaniker und anschließend fünf Semester in der Schule, dann ist man als Ingenieur herausgekommen.
Dadurch daß ich zwei Jahre zu spät ins Gymnasium kam, ob ´s heute gut ist oder schlecht kann man schwer sagen, ist es passiert, daß ich praktisch mit 16 Jahren von der Schule abging, meine zwei Jahre Praxis machte und dann, 1941, 18jährig, stellungspflichtig war.
Der Krieg war zu der Zeit schon zwei Jahre im Gang. Und durch Sondermeldungen war die Begeisterung in der Bevölkerung zum Teil da.
Der Anschluß Österreichs
... Beim Einmarsch der Deutschen in Österreich hat mein Vater, der ja christlich-sozialer Abgeordneter war, zu mir gesagt: „Paß auf Bub, ich will nicht schuld sein, daß dein Leben einmal irgendwie schief geht. Du weißt, ich kann mit dem nicht mitgehen, wie es jetzt da ist. Wenn du mitgehst, ich bin dein Vater, du bist mein Sohn, aber zu Hause wird über Politik nicht gesprochen." Und das haben wir gehalten, eisern.
Und dadurch ist praktisch kein Spalt zwischen mir und ihm entstanden. Ich mein´, ich war damals, die ersten zwei Jahre nach dem Anschluß, von 16 bis 18, zu Hause... als HJ-Führer. Ich kann mich noch erinnern mit welcher Begeisterung wir bei der Auferstehungsprozession ´38 neben dem Himmel mit den Fackeln gegangen sind in Uniform. Das kann man sich ja heute alles nicht vorstellen.
Freiwillig gemeldet
Und wie gesagt, ich hab´ dann an die Schule in Mittweida wegen der Aufnahmeprüfung geschrieben: „Ich bin jetzt 18, ich hab´ meine zwei Jahre Praxis hinter mir." Und dann hat man mir zurückgeschrieben, wenn ich schon gemustert bin, dann soll ich schauen, daß ich meine zweijährige Dienstpflicht bei der Wehrmacht hinter mich bringe, weil man reißt mich aus der Schule heraus, egal ob ich ein oder zwei Semester habe, wenn mein Jahrgang einrückt. Und nachdem ich außerdem Angst gehabt hab´, ich versäume eventuell noch was vom Krieg, hab´ ich mich freiwillig gemeldet, als Kradschütz. Gott sei Dank, hat man mich nicht als Kradschütz genommen, sondern ich wurde zur Marine einberufen. Und zwar hat man damals in Österreich 300 Leute - in Linz sind wir zusammengeführt worden - 300 Leute zusammengesucht, die alle etwas mit Mechanik zu tun gehabt haben, ob sie Schlosser oder Mechaniker oder sonst irgendwie in der Branche tätig waren.
Und alle sind wir nach Brake in Oldenburg gekommen, da waren es insgesamt 1800 Mann, von ganz Deutschland zusammengezogen.
Infanterieausbildung
Von Brake sind wir nach zwei Tagen nach Beverloo gekommen, zur Infanterieausbildung. Beverloo war einer der größten Truppenübungsplätze in Europa. Es liegt in der Nähe von Leuven (Löwen) in Belgien. Dort haben wir also dann sechs Wochen strenge Infanterieausbildung gehabt. Es war... jedenfalls, dort habe ich ... das erste und letzte Mal beim Militär geweint. Wir hätten dort etwas herrichten müssen und ein Hamburger, nach der Figur ein Boxer mit eingeschlagener Nase, das war auch ein Rekrut, hat mir etwas angeschafft und ich hab´ gesagt: „Mach es dir selber." Und der hat mir einen Faustschlag gegeben. Daraufhin sagten die anderen: „Meld´ das sofort dem Unteroffizier." Na und ich hab´ es gemeldet und dann war kein Zeuge mehr da, weil der inzwischen gesagt hat: „Wehe, wenn einer sich rührt, den vermöble ich." Und das war für mich eine große Lehre. Ich hab´ dann nie mehr eine Meldung gemacht. Ich hab´ das alles geschluckt und hab´ geschaut, daß ich irgendwie durchgekommen bin.
Marineschule Kiel-Wick
Jedenfalls war die Infanterieausbildung vorbei. Wir kamen dann auf die Marineschule Kiel-Wick. Und zwar sind damals zur Ausbildung von den 1800 Mann 900 nach Kiel-Wick und 900 nach Wilhelmshaven gegangen, um eine dreimonatige Ausbildung für sämtliche Schiffsmotoren, die damals gängig waren, zu machen. Wir haben sie im Modell als auch im betriebsfertigen Zustand gehabt und wir haben sie natürlich auch auseinander nehmen müssen und wieder zusammenbauen. Für die drei Monate haben wir als Wohnung das Wohnschiff „New York" gehabt, das war ein Hapag-Dampfer. Da hab´ ich meinen ersten Dampfer gesehen. Um 2.00 Uhr in der Früh sind wir hingekommen, das war ein Koloss mit 22.000 Tonnen. Also, Sie können sich vorstellen, wie wir geschaut haben, wie wir da rauf gekommen sind. Das war unser Wohnschiff. Nachher kamen wir kurzfristig nach Wenduine, dem belgischen Badeort vis-a-vis vom Kanal, der Straße von Dover, und kurz darauf im Jänner ´42 nach Brest in Frankreich zu einer Wachkompanie. Wir haben dort die militärische Bewachung des Hafengeländes über gehabt. Ich hatte das Glück, daß ich zum Bahnhof abkommandiert wurde und da Auskunftsperson war. Brest ist ein Kopfbahnhof. Wir mußten die Züge nach deren Ankunft durchgehen, um zu kontrollieren, ob jemand was liegen lassen hat. Auch militärische Sachen sind manchmal liegen geblieben. Und nach neun Monaten Ausbildung, in der Wachkompanie, untergebracht in einem ehemaligen Kloster, sind wir nach Swinemünde abkommandiert worden, und sind das erste Mal auf unser Boot, das nachher fast zwei Jahre meine Heimat war, gekommen.
Es war ein Landungsboot, ein Marine-Fährprahm, die offizielle Bezeichnung war „Marine Fährprahm, Bootsnummer F211". Und die waren eingesetzt in Norwegen, von Sizilien nach Afrika rüber, und im Schwarzen Meer, für Transport, Nachschub und für die Rückzüge, die dann später notwendig waren. Damals hat ja noch keiner daran gedacht, daß es dazu kommen könnte...). Wir haben dann die Ausbildung am Boot gemacht. Da haben wir auch ein bißchen fahren müssen, damit wir das Boot kennenlernen.
Abkommandiert ins Schwarze Meer
Auf einmal hat es geheißen, wir werden abkommandiert in das Schwarze Meer, und sind dann an einem 13. - bei der Marine verpönt –, am Freitag dem 13.11. 1942 abgefahren in Richtung Kiel. Wir sind bei Rügen vorbeigefahren nach Kiel über den Kaiser-Wilhelms-Kanal - heute heißt er Nord-Ostsee-Kanal, so viel ich weiß - nach Hamburg. In Hamburg hat man uns die Aufbauten abgeschnitten, die Geschütze weggenommen, abmontiert, alles runter auf Eisenbahnen verladen, auch die Motore. Und wir sind dann die Elbe hinauf geschleppt worden. Es war eine sehr schöne Fahrt bis Dresden. In Dresden sind wir eine Zeitlang gelegen und auf einmal hat es geheißen vor Weihnachten: „Ab über die Autobahn nach Ingolstadt". ...
Es war toll. Diese Reise ist durchgeführt worden von der Deutsch-Amerikanischen Petroliumgesellschaft – hat´s damals noch geheißen, ... auf einem Tieflader mit 38 Achsen, wobei die letzten Achsen lenkbar waren. Auf der Seite, in einer Kabine, ist ein eigener Lenker gesessen. Vorn waren, auf einer Deichsel fünf Hanomak Diesel und hinten haben vier angeschoben, die waren synchron geschaltet - immerhin war das Boot 50 m lang. Und dann ist´s in Dresden los gegangen, und nach 48 Stunden waren wir in Ingolstadt. Wir durften nicht an Bord bleiben, weil die Differenz zwischen den Aufbauten und den Autobahnbrücken nur 20 cm war. Das war alles ausgemessen und es ist alles tadellos gegangen.
Mit dem Marine Fährpram auf der Donau
In Ingolstadt hab´ ich Weihnachten wieder einmal erlebt, zu zweit, das waren nicht besonders schöne Weihnachten. Und dann sind wir in die Donau geworfen worden und sind runtergeschleppt worden nach Linz. In Linz sind wir zusammengebaut worden und haben den Eisstoß abgewartet, ´43 im Frühjahr. Und dann sind wir bis Sulina runter geschleppt worden, da wir mit eigener Kraft nicht mehr weiter konnten, weil beim Greiner-Strudel etwas schief gegangen ist. Das war die erste Hürde, wo drei Boote von uns hängen geblieben sind.
In Wien sind die zehn Boote dann zu zwei „Päckchen" mit je fünf Prahmen zusammengeschlossen worden und mit einem Schlepper bis nach Sulina runter gebracht worden. Die Fahrt war sehr schön. Es hat unten in Bulgarien Faschingserlebnisse gegeben, die werde ich nie vergessen.
So sind wir bis Sulina gekommen. Von dort aus haben wir die erste Fahrt rauf Richtung Odessa gemacht, und haben uns dann weiter hinauf getastet. Dann sind wir auf die Krim rüber, Sewastapol und von dort aus ist praktisch die Fuhr gegangen, der Nachschub nach Kuban.
Saboteure in den eigenen Reihen
Wir haben dann ziemlich viel Nachschub, Verpflegung, Munition,... vorerst von Kertsch nach Taman, dann von Genitschesk im Asowschen-Meer nach Temrjuk zum Kuban-Brückenkopf gebracht. Mitte August ´43 entdeckte ich erste Anzeichen von Sabotage. ... Wir fuhren unter Lebensgefahr Presshafer - sogenannte Marketenderware für Pferde - und Sprudel – Mineralwasser - nach Temrjuk unter ständigen Angriffen von russischen Flugzeugen, während die dringend benötigte „Muni" – Munition - in Genitschesk lag. Auf der Fahrt mit 100 Tonnen Sprudel, bei der Hitze, gab es ein ständiges Geknatter, weil die Flaschen in die Luft gegangen sind. Wie wir angekommen sind, hätten uns die Landser bald erschlagen, weil wir ihnen statt Munition Sprudel gebracht haben. Wir haben aber gewusst, wir konnten nichts dafür, denn da hat es in der Befehlskette einen Sabotageakt gegeben. Aus diesem Grund haben wir unter Lebensgefahr die Sprudel rüber geführt, statt der „Muni", die aufgrund des Sabotageaktes in Genitschesk liegen geblieben ist.
Ernüchterung
Man wollte mich zu dieser Zeit auf einen Unteroffizierslehrgang schicken, aber ich hab abgelehnt. Hat man mich gefragt, ob ich keinen militärischen Ehrgeiz hab´. Aber den hab´ ich zu dieser Zeit längst verloren gehabt, also, da war nichts mehr ... Unter anderem hab´ ich an Bord einen Kameraden gehabt, der ein Studienkollege vom Horst Wessel war. Da ist natürlich auch politisiert worden, und der war dann auch nicht mehr begeistert. Der hatte auch schon zu viel gesehen...
Kuban Brückenkopf
Nun, im Herbst ´43 ist der Kuban-Brückenkopf aufgelöst worden. Also, ich muß sagen, das war ja noch ein geordneter Rückzug. Man hat zum Beispiel auch eine Brücke rüber gebaut von Kertsch nach Kuban. Ich weiß nicht, das waren so 1,5 km oder 2 km. Und als dann der Rückzug abgeschlossen war, hat man sie gesprengt. Ja, und wir, die Marine, sind mit allen Einheiten zu Hilfe gekommen und haben dann weitere Einheiten der deutschen Wehrmacht rüber geführt, die 1.GD zum Beispiel, die 1.Gebirgsdivision. Die war ja drüben am Kaukasus. Die haben wir rübergebracht. Wir haben aber auch Kriegsmaterial rüber geführt und auch unter anderem Zivilisten mitgebracht. Einmal – daran kann ich mich noch gut erinnern - haben wir sogar den ganzen Laderaum voll mit Kühen gehabt. Also, es ist alles rüber gekommen, was möglich war. So ist der Kuban - Brückenkopf geordnet aufgegeben worden.
Tod der Kameraden
Da sind wir praktisch gefahren zwischen Sewastopol und Kertsch hin und her bis die Russen in „Gamischbarum" - hat das geheißen -, einen Brückenkopf gebildet haben. Und da waren natürlich russische Vorposten-Schiffe, die auch dort gefahren sind, und da hat es zwischendurch immer wieder leichte Gefechte gegeben. Einmal, da kann ich mich erinnern, von dort an ist der Krieg dann immer furchtbarer geworden, haben wir ein russisches Boot „aufgebracht", so ein Vorpostenboot und die zeigen die weiße Fahne. Und wie eines unserer Boote hinfährt und die Besatzung übernehmen will, sind die mit den MP´s raus aus der Luke und haben unsere Leute niedergemetzelt.
Es klingt hart, wenn ich sage, daß vom russischen Boot auch nicht viel über geblieben ist... Man kann sich das ja gar nicht vorstellen: die eigenen Kameraden! Man muß zuschauen, wie die so ums Leben gekommen sind. Jedenfalls hat man dann vom 9.10. auf 10.10.´43 alle Boote von Kertsch abgezogen und nach Sewastopol runter verlegt.
„Führerbefehl: Die Krim wird geräumt."
Im ´44-er Jahr war Sewastopol unser Stützpunkt. Und da ist es dann eigentlich furchtbar geworden, insofern, daß es geheißen hat, im Frühjahr 1944: „Führerbefehl: Krim wird geräumt." Da haben wir Material und Wehrmachtsangehörige und Verwundete runter geführt bis Odessa. Dann - „Führerbefehl: Die Krim wird gehalten." Dann wieder Material rübergeführt. Und so ist das gegangen bis endlich das endgültige Kommando gekommen ist: „Die Krim wird geräumt." Nur war das damals schon ziemlich spät für einen einigermaßen geordneten Rückzug. .. Sewastopol liegt irgendwie in einem Talkessel. Das, was unsere Truppen bei der Einnahme von Sewastopol ´42 gemacht haben, das haben die Russen 1944 dann natürlich umgekehrt auch gemacht. Sie sind oben gestanden auf der Höhe und haben praktisch alles, was sie gehabt haben, runter geschossen, aus vollen Rohren.
Wir mussten dann, von Varna aus, die Krim räumen. Zurückfahren nach Odessa konnte man nicht mehr. Das war schon alles nicht mehr in deutscher Hand. Vorher haben wir noch Cherson geräumt, dann Varna, und dann kam Sewastopol.
Flucht aus Sewastopol
Ich hab´ jetzt ein Buch bekommen, wo ehemalige Kriegsteilnehmer russische und deutsche, über Sewastopol schreiben. Und mein Sohn hat mir bestätigt: „Papa, was du geschrieben hast, das stimmt."
Das war die Hölle, es war furchtbar, in das Sewastopol reinzufahren.
Wir sind reingefahren, haben das Boot hingestellt, sind in den nächsten Bunker gelaufen, weil ja ständig Beschuß war, und haben gesagt: „Wer will, kann rauf aufs Boot." An den Bordwänden haben wir Seile hängen gehabt, damit sich jemand, wenn er im Wasser geschwommen ist, anhängen und man ihn rausholen kann. Und es sind, normalerweise hätte man nur drei Panzer mit á 40 Tonnen laden können und 300 Mann Besatzung, so war das geplant, aber wir haben 4 bis 500 Leute aufgeladen, so viel gegangen ist. Ein jeder wollte runter von der Krim. Es war verständlich. Und nachdem die Einfahrt etwas eng war, sind wir sogar mit Panzergeschützen, mit PAK, beschossen worden, auch beim Rausfahren.
Es war die Hölle
Ich will nur sagen, einmal haben wir bei so einer Rausfahrt an Bord 70 Tote gehabt und darunter waren sechs Mann von unserer eigenen Besatzung. Man muß sich vorstellen: eine Hitze mit 30 Grad. Die Toten zwei Tage nach Varna zu führen war unmöglich. Was ist uns übriggeblieben, so hart es klingt, wir haben sie einfach ins Wasser schmeißen müssen. Es ist gar nicht anders möglich gewesen. ... Abgesehen davon, sind wir dann nach Varna gekommen in die Werft. Unser Boot hat, ich hab ´s dann gezählt, 156 Einschüsse gehabt.
Von Kleinen, im Durchmesser von zwei, drei Zentimetern, bis zur Größe von zehn Zentimetern. Und dann waren wir in Varna, sind wir in der Werft gelegen. Wir wurden dann wieder hergestellt und sind dann nur mehr Kurzstrecken zwischen Konstanza und Varna gefahren. Alles andere war schon von den Russen besetzt. Wir sind dann nur Kurzstrecken zwischen Konstanza und Varna gefahren.
Verrat der Bulgaren
Die Russen sind immer näher gekommen, haben dann im August Rumänien eingenommen gehabt und sind vor Varna schon patrouilliert... Auf einmal hat es geheißen: „Da der Durchbruch über die Donau nicht mehr geht, eventuell über die Türkei zur Internierung fahren, oder Sprengen."
Und am 28. August ´44 ist die Schwarz-Meer-Flotte vor Varna vor der Drei-Meilen-Zone gesprengt worden. Es waren über 200 verschiedene Einheiten von Schnellbooten, Torpedobooten, Fähren, also, alles was so herumgefahren ist, von unseren Booten, ich war selbst beim Sprengkommando dabei. Die Bulgaren haben uns vorher versprochen, wir können abbauen und mitnehmen was wir wollen, wenn wir vom Sprengen zurückkommen, und dann mit den, uns bereits zur Verfügung gestellten, Güterwaggons abfahren. Nur musste von jeder Einheit ein Boot, oder ein Schiff den Bulgaren übergeben werden, dafür können wir dann wegfahren. Wir haben natürlich schwer, so viel wie möglich, Lebensmittel eingepackt, Matratzen draufgelegt und Waffen mitgenommen. Und wie wir zurückgekommen sind vom Sprengen, hab´ ich gesehen, daß wir rund herum vom bulgarischen Militär eingekreist waren und es hat geheißen: „Was Sie noch an Handfeuerwaffen haben, da auf einen Haufen, und ab ins Internierungslager!"
Internierungslager
Da sind wir natürlich ohne Waffen, ohne allem gewesen, waren aber nur drei Tage im Internierungslager. Oberhalb von Varna war das gelegen. Ich sehe heute noch: sie haben uns einen riesigen Topf scharfe Paprikasuppe hingestellt. Sie können sich meine deutschen Kameraden vorstellen, was die zu einer Paprikasuppe gesagt haben. Ich war ja Paprika ein bißchen gewöhnt, aber die überhaupt nicht. Die ist drei Tage gestanden, dort mitten am Platz, ist nur immer warm gemacht worden, bis halt... Ich hab´ jedenfalls die Paprikasuppe gegessen, so mancher hat sie nur hinuntergewürgt,...
Nach drei Tagen hat es auf einmal geheißen – es waren ja ständig diplomatische Verhandlungen hin und her – 1000 Mann, die nachweisen können, daß sie mindestens drei Monate vorher in Varna waren, dürfen ausreisen.
Ein Zug ohne Lok
Und wir haben natürlich dann die Boote „aufgestockt", statt 14 Mann haben wir auf einmal 20 Mann Besatzung gehabt und so weiter. Nur damit so viele als möglich raus können, wir haben draußen schon die Positionslichter der Russen gesehen. Man hat uns dann auf den Zug verladen, zum Teil auf geschlossene Waggons, zum Teil waren es auch offene Güterwagen. So sind wir losgefahren. An der bulgarisch-jugoslawische Grenze hat man die Lok abgekoppelt. Sie ist zurück gefahren und wir sind gestanden. Und wir haben einen Zug gehabt, aber keine Lok. Jetzt haben wir wenigstens zwischendurch, ... wenn nicht gerade keine Flugzeuge geflogen sind, die uns gesucht haben, ... den Zug geschoben, in ein Tal rein, wo man nicht Einblick nehmen konnte, so daß wir halbwegs geschützt waren. Dann ist eine Abordnung von uns, wo ein Lokführer und ein Heizer dabei war, eine Lok suchen gegangen. Und nach zwei Tagen haben sie wirklich eine daher gebracht. Das war ein „Hallo": „Jetzt haben wir endlich eine Lok!"
Wir haben dann erfahren, daß in der gleichen Zeit die Diplomatenzüge unterwegs waren. Die haben auch nur für zwei Züge eine Lok gehabt. Da ist die Lok immer zurückgefahren, hat die letzten Waggons hinten geholt, - bitte, ob ´s wahr ist, weiß ich nicht, aber es dürfte wahr gewesen sein - ... hat sie vorne hingestellt, ist dann ... wieder zurückgefahren und hat den letzten Teil geholt... und hat sie so etappenweise hinauf Richtung Heimat gebracht.
Quer durch Jugoslawien
Wir sind mit unserer Lok gefahren und immer nur stehengeblieben, wenn wir irgendwo ein Häuschen gesehen haben. Dort haben wir die Fenster und die Türen herausgerissen, damit wir irgendetwas zu Heizen haben. Und einmal haben wir diesen Diplomatenzug ohne Lok überholt. Die haben geschrien: „Jetzt kommt endlich unsere Lok!" Aber nix da, wir hätten sie bis zum Letzten verteidigt, obwohl wir eigentlich fast keine Waffen gehabt haben, nur das, was wir durchgeschmuggelt haben. So sind wir bis Niš hinauf gekommen. Da war die Eisenbahnbrücke gesprengt, also sind wir wieder gestanden. Wir haben erst einmal übernachtet und am nächsten Tag hat es geheißen: Wir marschieren durch 40 km Partisanengebiet bis wir wieder zu einem Anschluß kommen... Wir sind dann die 40 km durch das Partisanengebiet marschiert und haben Glück gehabt. Es ist ein Panzergeschütz vorne gefahren, das hat drei Mal geschossen, ist dann wieder zurückgefahren und wir sind allein weiter marschiert. Dann sind wir mit dem Zug zum Teil und zum Teil mit Lkw´s weiter nach Belgrad.
Der „Soldatenklau"
Und da wollte ich mich mit einem Freund abseilen, und da hat uns der „Soldatenklau" erwischt. Die Feld- oder Wehrmachtsgendarmerie hat versprengte Soldaten überall zusammen geklaubt und hat neue Einheiten zusammengestellt und die wieder Richtung Front „befördert". Und da haben wir zwei natürlich unsere Leute gesucht und erfahren, die sind in der Zwischenzeit rüber, mit der Fähre über die Donau ins Banat und dort werden sie wieder mit dem Zug weitergeführt. Na, haben wir zwei gesagt, es ist gescheiter wir schauen, daß wir mit denen nach Hause kommen, als allein... Gehabt haben sie uns schon, die Männer vom „Soldatenklau". Wir sind als letzte marschiert und haben gesehen, daß die Fähre gerade abgelegt. Da hab´ ich gesagt: „Jetzt laufen, rüberspringen!", und wir sind noch rüber gekommen und auf der Fähre „gelandet"
Vom Banat nach Waren-Müritz
In „Groß-Wetschek", hat das geheißen, so viel ich mich erinnern kann – Volksdeutsche waren dort - da haben wir unsere Kameraden wieder gefunden und wurden in einer Schule untergebracht. Dann sind wir auf offenen Güterwagen über Budapest hinauf gebracht worden nach Waren - Müritz. Es hat drei Wochen gedauert, bis wir dahin gekommen sind. Wir haben nichts gehabt, keine Waffen, die Uniform war dreckig und speckig, bis da hinauf. Wir haben überhaupt nichts mitgehabt, - außer ja, organisierte Ware, Zigaretten hab´ ich mitgehabt, die aus einer Zigarettenfabrik in Niš stammten, die war „zum Plündern da". Es ist niemand in der Nähe gewesen.
Von Waren-Müritz hat man uns nach Wolgast gebracht. Das liegt oben vis-à-vis von Peenemünde, auf der Insel Usedom. In Peenemünde wurde damals die V2 Rakete hergestellt. Ich hab´ genügend Abschüsse erlebt davon.
Drückeberger– Einheit
Wir sind dann in eine Einheit gekommen, die war so eine typische Drückeberger-Einheit. „Ausbildungseinheit" haben sie sich geschimpft, um eine Daseinsberechtigung nachzuweisen. Sie verstand sich als Einrichtung zur Ausbildung des „schwimmenden Personals. Und da wollten sie uns erzählen, wie man sich bei einem Fliegerangriff benehmen muß, bei einem U-Boot-Angriff, beim Auffahren auf Minen und so weiter. Dabei haben die Ausbildner dort noch nie so etwas miterlebt gehabt! Das war typisch, nicht? Man hat dann die Bootseinheiten auseinander gerissen, weil man gewusst hat, wenn da Widerstand kommt, dann kommt er geschlossen. Damit das ja nicht passiert, hat man neue Einheiten zusammengestellt und das war ihr Glück. Da hat einer, ich hab´ selbst das Gespräch gehört, einer unserer Unteroffiziere, zu einem der Lehrer gesagt: „Ich bitte dich, hör mit dem Blödsinn auf, was du denen erzählst, das haben die alles schon zwei bis drei Mal mitgemacht. Es ist keiner dabei, der nicht einmal mit dem Boot abgesoffen ist, es ist keiner dabei, der nicht schon x Fliegerangriffe mitgemacht hat, es ist keiner dabei, der nicht U-Boot-Angriffe mitgemacht hat." Darauf der Lehrer: „Also, weißt du, ich hab geglaubt, es kann nicht möglich sein, daß nach einer Minenexplosion zum Beispiel noch was überbleibt." Darauf unser Unteroffizier: „Du siehst, die, die da, sind übergeblieben!"
Letztes Aufbegehren
Man hat uns dann, wie wir nach zwei Jahren Aufenthalt am Schwarzen Meer herauf gekommen sind, einen Sonderurlaub gewährt, für das was wir dort mitgemacht haben. Und wie ich zurückgekommen bin, hat man angefangen uns zu der 9. Marine-Infanteriedivision zusammenzustellen. Man hat uns erzählt wir marschieren jetzt nach Ostenpreußen rein, wir sind die dritte Auffanglinie. Das sehe ich heute noch, man hat uns aber vorher nur unbrauchbare Waffen gegeben, das war furchtbar, das einzige war die Panzerfaust, die richtig gebrauchsfähig war, aber sonst, holländische Gewehre mit russischer Munition, damit war nichts anzufangen. Ich kann mir vorstellen, daß das lächerlich klingt: eine Örlikon, das ist eine 2cm-FLAK, die haben wir auf ein Pflugrad aufmontiert und sind damit zum Einsatz gefahren! Einmal liegen wir in Stellung und sehen aus dem Wald Panzer rauskommen: „Aha, unsere kommen zurück." Dabei waren es die Russen. Jedenfalls haben wir versucht mit der Örlikon zu schießen, da ist das Pflugradl auseinander gebrochen und wir sind gegangen, nicht.
Wir haben uns dort nicht sehr lange aufgehalten. Also, bitt´ schön, ein bißchen Widerstand geleistet und bald zurück. Hinten sind dann schon SS-Einheiten gestanden, die wieder gesagt haben: „Kehrt marsch. Sofort wieder zurück, oder..." Da sind wir gependelt, hin und her gependelt, immer weiter zurück... Und dann auf einmal, Anfang April 1945, hat man uns auf Christof verlegt, das ist eine Insel oben an der Odermündung. Und zwar ist die vis-a-vis von Cammin. Und wir haben 150 m zu den Russen zur Front gehabt und 1500 m zu unseren Einheiten auf der Insel Wollin.
Passierscheine zum Überlaufen
Dort hab´ ich dem Führer seinen Geburtstag, den letzten erlebt, den 20. April 1945 ... Wir haben in Erdhöhlen gehaust... . Und am Abend haben die Russen mit Lautsprechern versucht, uns zu locken: „Kameraden kommt zu uns, die schönsten Frauen Moskaus stehen euch zur Verfügung. Jeden Tag gibt es Pudding. Ihr bekommt das und das." Wir haben Passierscheine bekommen, alles mögliche... damit wir die Front überschreiten hätten können. Sie sind natürlich auch rüber gekommen, mit Stoßtrupps, und haben versucht Posten zu kapern, und wenn sie einen gekapert haben, hat er am nächsten Tag schon über den Lautsprecher mitgeteilt: „Kameraden, es ist wirklich so, mir geht es wunderbar, kommt´s auch rüber." und so fort. Das war ein Psycho-Krieg... Zum Beispiel haben sie uns am Abend Walzer vorgespielt, Musik, und auf einmal hat es geheißen: „Damit ihr nicht aus der Übung kommt, setzt jetzt die ‚Ratsch-Bumm‘ ein." Die „Ratsch-Bumm" war ein Geschütz. Wir haben „Ratsch-Bumm" gesagt, weil es „Tschak, Tschak" gegangen ist, Abschuß und Einschlag waren fast gleichzeitig. Sie hat nur auf kurze Entfernung geschossen.
Wir hätten Berlin befreien sollen
Dann, am 21. April 1945, sind wir abgelöst worden von einer Einheit von Verwundeten. Und wir hätten Berlin befreien sollen. ... Also, mit dem Zug sind wir gefahren bis Oranienburg. Dort war ein KZ, Sachsenhausen - ich weiß nicht, ob Sie einmal davon gehört haben - das war schon geräumt, und dort haben wir Stellung bezogen. Weiter sind wir nicht gekommen, in der Zwischenzeit hat sich der Ring um Berlin geschlossen. Sie müssen sich vorstellen – es war Ende April – und wir sind drin gesessen in diesem Kessel. ... Wir sind dann marschiert und wollten aus der Umklammerung rauskommen. Wir hätten noch rauskönnen, haben unsere Kommandostelle gesucht und die haben gesagt, wir müssen nach vorne, und wie wir das zweite Mal zurückkommen sind, war das Kommando weg. Es ist getürmt, und wir haben nur einen Leutnant gehabt und waren 400 Mann.
Und so sind wir halt marschiert... raus hat jeder wollen...Ich bin mir vorgekommen wie ein Stier hinter dem Zaun, wie wir marschiert sind. Plötzlich hat es geheißen: „Urräh", „Urräh", und sie, die Russen, haben geschossen. Dann sind wir wieder zurück gegangen. So sind wir im Kreis gegangen und haben immer wieder durchzukommen versucht. Wir sind dann raufgekommen bis ... Neuruppin hat es da geheißen. Dort ist seinerzeit eine getarnte Produktion von „Werfa" gewesen, wir haben gesagt „Stuka´s zu Fuß", das waren diese Werfergranaten mit Raketenantrieb, die durch Rohre abgeschossen worden sind. Die waren sehr gefürchtet beim Feind.
Bauchschuß
In der Nacht, da haben die Russen einen Angriff gemacht, den wir abschlagen konnten, aber in der Früh waren auf einmal die meisten von unseren 400 Mann weg, sie sind wahrscheinlich davon gelaufen. ... Jeder hat Angst davor gehabt,... nach dem ganzen Jammer, den man mitgemacht hat in den letzten Tagen, hier noch irgendwie liegen zu bleiben. Ich hab´ da neben mir einen gehabt, der hat ... der hat in Afrika einen Bauchschuss gekriegt. Er ist nach Italien gekommen, und dort haben sie ihn innerhalb der sechs Stunden operiert. ... Ihm ist nichts erspart geblieben. Eines Tages passierte es. Es war furchtbar. Er hat eine Panzerfaust auf das Panzerschild von russischen Soldaten abgeschossen und gleichzeitig haben die mit einem PAK-Geschütz auf ihn gefeuert und ihn am Bauch getroffen. Er hat diesen Bauchschuß nicht überlebt und die Russen waren auch tot. Er war Ingenieur bei Dessau, zwei Kinder hat er gehabt, hat er mir erzählt.
Das Kriegsende naht
Es war dann so: Auf einmal hat unser Leutnant, der auch schon verwundet war in der Zwischenzeit, so daß wir ihn tragen mußten, gesagt: „Kinder, stellt´s mich nieder, wir haben einen russischen „Sani" (Sanitäter) gefunden in einem Loch, in dem der sich versteckt hatte. Den schicken wir jetzt als Parlamentär . Wer will kann hier bleiben. " Und dann hat er es sehr feierlich gemacht und gesagt „...Ich entbinde euch eures Eides. Schmeißt die Papiere weg... haut die Gewehre zusammen, und wer mit mir in die Gefangenschaft gehen will, der kann gehen, und wer nicht will..."
Er hat es uns auf einer Karte gezeigt, daß in Perleberg - so hat das glaube ich geheißen - noch die Deutschen gestanden sind, „Schaut, daß ihr dort hin kommt, und nehmt die nordwestliche Richtung." Zu fünft haben wir uns zusammengeschlossen. Nebenan waren die Seen der Brandenburgischen Seenplatte. Und da sind wir aus dem Sperrgebiet über den Zaun hinaus und haben uns im Schilf versteckt. Dann haben wir auf einmal schon gehört: „Urräh", die Russen haben angegriffen. Was aus denen, die zurück geblieben sind, geworden ist, das entzieht sich meiner Kenntnis.
Auf der Flucht vor den Russen
Wir sind gewandert die Nacht durch. Also, das war furchtbar, die Russen haben dann da die Dörfer eingenommen, wie so üblich gebrandschatzt und Frauen vergewaltigt. Und wir sind in der Nacht marschiert und wollten noch über..., da waren zwei Seen mit einer kleinen Brücke, dort wollten wir rüber, aber die Russen sind da schon gesessen. Wir haben dann ein Boot gefunden, in der Finsternis haben wir nicht gesehen, daß es ein Loch hat, sind wir wieder, völlig durchnäßt, ausgestiegen.
Wir sind dann eben gewandert. Auf einmal sehen wir eine Truppe mit Leuten, mit drei Traktoren und Anhängern. Und die haben gesagt: „Habt´s Russen gesehen?" „Na, habt ihr welche gesehen?" „Na." Und während wir noch so geredet haben... ist eine russische Abteilung dahergekommen, sechs Mann hoch mit einem Leutnant und einem Feldwebel, mit der MP und der sagt: „Hitler kaputt, Wojna aus, du pascholl rabotti nach Haus." Und die sind auf die Anhänger von den Traktoren rauf gesprungen. Wir wollten auch hinauf, aber da hat er die Uniform gesehen und hat gesagt: „Stoj, Germanski Soldat, stoj." Da sind wir dann wieder da gestanden, wir fünf.
Sie sind hinausgefahren aus dem Wald und wir sind zurückgeblieben
In russischer Hand
Den ganzen Krieg hab ich immer die Hoffnung gehabt, ich komm nach Haus. Wie der aber gesagt hat, wir sollen in den Wald hineingehen, und „Germanski Soldat disziplina", drei vorne und zwei hinten, und sie sind mit der MP daneben gestanden, und er mit der gezogenen Pistole, habe ich mir gedacht: „Stellst dich hinten hin, daß du nicht hörst, wie der hinter dir fällt, weil jetzt ist es aus." Aber wir sind marschiert, marschiert, marschiert bis zu einem Försterhaus, dort ist der Leutnant reingegangen und der Feldwebel ist draußen geblieben, um uns zu bewachen.... Ich konnte mich mit ihm deutsch unterhalten, denn der Feldwebel war Lehrer, Deutschlehrer in Nikolajew . Ich kannte ja den Ort von früher... und so hatten wir einen Anknüpfungspunkt und haben uns auf Deutsch eben über Nikolajew. unterhalten können.
Als wir da so gesessen sind, hab´ ich gesagt: „Was ist, was wollt ihr mit uns? Wann machst du Bumm-Bumm?" „Ah nix, Germanski Soldat nix Bumm-Bumm," hat er gesagt: „Du, Stab Quartiera, Papiera nach Haus." Er meinte, er wolle uns zum russischen Stab bringen, der Papiere ausstellt, damit wir nach Hause könnten. Da haben wir uns angeschaut und es hat sich jeder gefragt und daran gezweifelt, ob das wohl auch so sein könnte... Dann ist der Leutnant heraus gekommen, und wir sind noch mitgegangen bis auf die Vormarschstraße.
Die Russen wollten unbedingt noch vor den Amerikanern über die Elbe kommen, - wurden dann aber gestoppt -. In diesem Vormarsch sind wir mitten drin gestanden. Der Leutnant ist mit drei Mann vor uns gegangen. Der Feldwebel hat seinen vorbeifahrenden Kameraden in den Panjewagen immer gesagt, sie sollen uns was zu essen geben. Da haben wir herrlich gelebt, die Russen haben uns eingepökeltes Fleisch, Zigaretten, Kisten Zigarren runter geworfen, also, wenn der geschrien hat, haben wir schon etwas gekriegt. So sind wir marschiert, mit nassen Socken, bis mir das Blut schon heraus gekommen ist, 60 km an dem Tag.
Volkssturm in Aktion
Im Wald haben uns HJ-Buben „befreit". Sie haben dem Russen, dem Feldwebel, das Gewehr weggenommen, und haben zu uns gesagt: „Kameraden, ihr seid befreit." Da hab ich dann gesagt: „Bitt´ euch Buben", hab ich gesagt, „geht´s z´Haus, der Krieg ist vorbei, schmeißt`s alles weg, vor allem die Waffen." Da hat der eine gesagt: „Ja, wollt ihr denn nicht befreit werden?" Hab ich gesagt: „Wir sind schon einmal befreit worden." Jetzt, haben wir besprochen, was wir mit dem Feldwebel tun sollen. Wir können ihn nicht auslassen, an einen Baum binden, genau so unmöglich. Ihn umlegen, das hat uns widerstrebt, also, was sollen wir tun? Wir haben dann gesagt, wir vertrauen ihm und gehen mit ihm weiter. Und den Hitler-Jungen haben wir gesagt: „Verschwindet und geht nach Haus..." und die waren schwer beleidigt, weil sie uns nicht befreien konnten. Und ich hör´ noch wie der Feldwebel zu uns gesagt hat, wie sie verschwunden sind: „Das dumme Buben, ich kaputt schiskojeno, aber du, du auch kaputt."
... „Pascholl!"
Wir kommen aus dem Wald raus, auf einmal kommt ein russischer Kapitan daher und der Feldwebel fragt ihn, was er mit uns machen soll. Ich hab´ nur seine Geste gesehen, aber verstanden hab´ ihn nicht. Der neben mir aber, mit dem bin ich dann später nach Schleswig-Holstein mitgegangen bin, der war von Litauen und hat Russisch gekonnt, der ist blaß geworden. Und ich hab gewußt, daß der gesagt hat: „Leg sie um".
Aber da hat sich dann dieser Feldwebel für uns eingesetzt bis zum Letzten. Ja, er hat praktisch Befehlsverweigerung gemacht. Der hat gesagt, das tut er nicht, denn wir hätten ihm das Leben gerettet. Er hat geschildert, was da passiert sei mit den „dummen Buben" und daß er so etwas nicht mache. Daraufhin hat uns der Kapitan angeschaut und hat uns weitergehen lassen. Beim Gut „Adlerhorst" sind wir dann aus dem Wald heraus gekommen.
„Adlerhorst" hat das das Gut geheißen. Da waren Polner, Zwangsarbeiter dort, Polacken. Die haben uns gleich umzingelt ... Der Kapitan reißt uns die Uniformen runter, schreit die an, sie sollen uns etwas zum Anziehen bringen, hat Benzin verlangt, hat die Uniformen dort angezündet und hat gesagt: „Du Germanski, Russki Kommisari, Germanski Soldat sapserab. Du nach Haus, pascholl nach Haus." Und ist mit dem Feldwebel weg.
„Stoj, Germanski Soldat"
Wir haben dort von den Polen Overalls bekommen und sie angezogen. Ich habe meine Blasen aufgeschnitten, Wasserstoff gefunden und ihn in die Wunden hineingeschüttet. Das war sehr „angenehm", denn wir mussten die ganze Nacht wieder marschieren. Da haben wir ausgemacht, wir gehen halt langsam vor, Schleichwege... Als erster ist einer mit einem gefundenen Rad voraus gefahren, wir haben gesagt, der soll dort beim Wald warten. Dann kommen wir zwei, ich und der aus Schleswig-Holstein, nach, und zum Schluß kommen die anderen, wobei einer von denen nur mehr ein paar Kilometer von zu Hause weg war, also, der war schon fast zu Hause. Wie wir zwei weg sind, hören wir auf einmal: „Germanski Soldat, stoj." Hab ich gesagt zum anderen: „Schorsch, gehen wir weiter, jetzt ist es wurscht, denn entweder schießt er oder er schießt nicht. Ich weiß nicht, hat er uns gemeint, oder meint er die anderen zwei, die noch hinter uns sind." Jedenfalls sind wir glücklich davon gekommen und waren jetzt nur mehr zu dritt. Unterwegs haben wir dann Räder gefunden.
Rückzug
Das was sich in den Straßengraben bei den Rückzügen abgespielt hat, das war furchtbar. Ich hab dann an die Bibel denken müssen, wie wir vor Havelberg, hat das geheißen, waren, hab ich mir gedacht: „Mit Mann und Roß und Wagen, hat sie der Herr geschlagen." Das war furchtbar, wie es dort ausgesehen hat. Alles weggeworfen, alle Sachen, nicht, es hat dort natürlich auch Verwundete gegeben. Und nachdem wir einmal einen – das hab ich vergessen zu sagen – dem Gesicht nach war es ein Deutscher in russischer Gefangenenuniform, tot gefunden haben, sind wir nicht mehr Schleichwege gegangen, sondern sind mitten unter den Russen mit.
Die haben eine Gaudi gehabt, zuerst sind wir zu dritt auf einem Fahrradl gefahren, dann haben wir ein zweites gefunden, dann haben wir ein drittes gefunden. Und so sind wir praktisch über die Havel mit einer Fähre. Da war das Zwischenstromland dort hat General Schörner noch gekämpft. Von der einen Seite haben die Amerikaner reingeschossen, von der anderen Seite die Russen, bei denen wir waren. Es war ein Durcheinander, die einen sind zurück, die anderen sind voraus... die Flüchtlinge sind zum Teil wieder zurück, und die anderen sind so... Wir haben viele schäbig grinsen gesehen, derweil wir noch die Uniform angehabt haben, wie wir mit dem Feldwebel gegangen sind. Dabei hat man es auf 100 Meter gesehen, daß das ein ehemaliger Kamerad ist, der nach Hause marschiert.
Zwischen den Fronten
Nun wir sind bei Havelberg mit einer Fähre über die Havel, und da war die Elbe dann, und drüben sind die Amis gestanden, bei Hindenburg..., und herüben waren die Russen. Da waren die Elbschiffer. Und wir haben uns die ganze Zeit, wenn uns ein Russe gefragt hat, als holländische Zwangsarbeiter ausgegeben, die nach Hause wollen. Ein paar holländische Brocken haben wir ja gewusst... . Das selbe sagten wir auch zu einem Elbschiffer, der mit seinem Schiff dort ankerte, mit der Bitte, er soll uns rüber bringen. Da hat er gesagt, das kann er nicht, die Amerikaner patrouillieren und würden schießen, wenn ein Boot die Elbe überquert... . Es ist dann ein amerikanisches Boot bis zur Mitte gefahren, wir haben gewunken, sie sollen uns holen. Die haben nur den Kopf geschüttelt, haben uns nicht geholt. Und er, der Elbschiffer hat gesagt: „Na, wenn ihr Holländer seid, da unten liegt die holländische Flotte, geht’s zu euren Landsleuten." Da sind wir wieder gestanden. Dann ist ein Russe dahergekommen, und hat geschaut ob wir etwas haben. Wir hatten noch ... einen Kilo Zucker, den wir irgendwo gefunden hatten. Den haben wir ihm gegeben und dafür von ihm ein Bündel gepreßten Tabak bekommen. Wir haben ihm erzählt, daß uns der verfluchte Deutsche... nicht rüber bringen will und daß wir holländische Zwangsarbeiter seien und haben gesagt: „Wir wollen nach Hause und der bringt uns nicht rüber". Der russische Soldat muß unser Kauderwelsch und unsere Gesten verstanden haben. Jedenfalls ist er hingegangen und hat von dem Elbschiffer einen Schnaps verlangt. Der hat darauf geantwortet, er habe keinen. Daraufhin sagte der Soldat: „Du drei Hollanski hinüber", wobei er seine Aufforderung mit der Maschinenpistole unterstrichen hat. Der Schiffer hat gezittert, aber uns war das mehr oder weniger gleichgültig und ist mit uns ins Boot gestiegen. Niemand hat geschossen und wir sind rüber gekommen. Wir haben uns höflich bedankt und darüber aufgeklärt, daß wir deutsche Soldaten auf dem Weg nach Hause sind. Darauf hin hat er gesagt „Ja, wenn ich das gewusst hätte...." „Mußt es halt drüben erzählen, vielleicht kriegst du einen Orden..."
Bei den Amis
Dann sind wir nach Hindenburg gekommen. In Hindenburg haben wir geschaut, wo wir übernachten können und haben jemanden gefragt. Hat der gesagt: „Ja, die Amerikaner haben da einen Saal requiriert und da können Flüchtlinge übernachten." Und wie wir hingekommen sind, ich seh´s heute noch... (ein amerikanischer Soldat, ein Japaner, und ein Sergeant waren vor dem Saal). Meine Englisch Kenntnisse, zwei Jahre hab ich Englisch gelernt in der Schule,... (waren nicht besonders). Hab´ ich ihn gefragt, sehr bescheiden: „Please have you a place to sleep for us?" Er hat´s verstanden, und hat gesagt: „Go on." ... Vor dem Einlaß kontrollierte er noch unser kleines Pappkarton-Kofferl, dort war ein Bündel drinnen, der Presstabak, den uns der Russe (vorher für den Zucker gegeben) hat. Und da sind wir rein und unter amerikanischer Bewachung haben wir die erste Nacht herüben überlebt verbracht.
In der Früh haben wir gefragt, wohin der Weg geht. Wir wollten ja heraus nach Schleswig-Holstein. Der Schorsch, mein Kamerad, wollte z´Haus und ich hab gesagt: „Heim nach Lockenhaus, das schaff´ ich bestimmt nicht" in dem Durcheinander der letzten Kriegstage. Dann habe ich gesagt, daß ich zu ihm gehen will bis sich da alles beruhigt hat. „Gut", hat er gesagt. Dann haben wir durchgefragt, den Weg nach Osterburg. Die Route sollte über Salzwedel, Lüneburg, Harburg und Hamburg bis zum Kaiser-Wilhelm-Kanal führen.
So haben wir uns mit den Rädern aufgemacht. Unter anderem hat uns einmal ein amerikanischer Soldat aufgehalten und kontrolliert. Er hätte uns nicht geglaubt, dass wir Holländer sind. Deshalb haben wir angegeben, politisch verfolgte Zwangsarbeiter zu sein, die nach Hause wollen. Er hat uns das nicht geglaubt. „Du so jung, du German Soldat." Ich sagte daraufhin nur: „Ja, wenn du glaubst.". Er hat dann nur noch geschaut, ob wir etwas haben. Die Amerikaner waren ja auch auf Souveniers aus... Ich hab nur mehr einen Tintenkuli gehabt. Das war alles. Sonst haben mir die Russen ja schon alles weggenommen. Da hab´ ich gesagt: „Do you are a gentleman?" Ich hab geglaubt, er zerspringt mir, so hat er zurück gegebrüllt. „Go on, go on!", hat er geschrien, aber er hat uns ziehen lassen.
Und wir sind weggegangen, hinauf in Richtung Lüneburg, Harburg, Hamburg. In der Zwischenzeit hat man dort polnische Zwangsarbeiter befreit. Die Lager wurden geöffnet und die Insassen zum Teil als Polizisten eingesetzt. Wir haben dann nach ein paar Wochen gehört, daß sie alle wieder entwaffnet werden sollten und wieder ins Lager zurück müßten, denn es habe schwere Übergriffe gegeben. Das kann man sich gar nicht vorstellen.
Hamburg, eine tote Stadt
Endlich sind wir in Hamburg angekommen. Also, wenn ich daran denke, Hamburg! Ich habe viele tote Städte gesehen, aber so eine tote Stadt! Hinein bis zum Hauptbahnhof waren nur ausgebrannte Mauern und Ruinen. Wenn wir eine Katze oder einen Hund gesehen hätten, hätten wir uns schon gefreut. In den Vorstädten sah es kaum besser aus. Es war alles ausgebrannt und bombardiert. Am Bahnhof angekommen, sahen wir uns einer Sperre von Engländern und deutschen Polizisten gegenüber. Und da hatten wir jetzt keinen Ausweis, keine Papiere, nichts. Natürlich haben die den Auftrag gehabt, jeden, der da ohne Papiere durchgehen will, gefangen zu nehmen, um ihn in ein Lager zu bringen. Als da gerade der Engländer mit einem, der vorbei wollte, eine Debatte geführt hat, sind wir zu dem deutschen Polizist gekommen. Wir haben zu ihm gesagt: „Bitte, laß uns durch. Wir brauchen nur mehr ein paar Kilometer bis nach Hause. Schau weg." Er hat weg geschaut und wir waren durch.
Im unbesetzten Deutschland
Wir sind dann ins unbesetzte Deutschland gekommen. Während wir unterwegs waren ... haben wir von den Leuten noch etwas zu Essen bekommen, die selber in Not waren. Aber im unbesetzten Deutschland, wo keine Not war und wenig Kriegseinwirkung, haben wir nichts mehr gekriegt. Wir haben interessanterweise ein paar Mark gehabt. Lebensmittelkarten haben wir auch noch gehabt, so daß wir uns wenigstens einen Wecken Brot kaufen konnten. Und dann sind wir rauf über Itzehoe, über den Kaiser-Wilhelms-Kanal, bis Burg im Dithmarschen rauf... Dort war der Schorsch zu Haus. Da hat er eine Landwirtschaft gehabt.
... Das letzte Gefecht war am 1. Mai 45. Da waren wir noch schwer „erbost" und enttäuscht darüber, daß die Russen nicht einmal den 1. Mai still halten. Und am 7. Mai sind wir dann dort oben in Burg gelandet. Wir sind täglich ... 180 Kilometer bis 200 Kilometer mit dem Rad gefahren. Bergauf haben wir geschoben. Das war eine Tortour. Alles war schon wund, Aber wir sind, wie gesagt, rauf gekommen. Daß das möglich war, das glaubt uns heutzutage keiner mehr ...
Österreicher oder Deutscher?
Am 20. Mai 1945 hat es geheißen: alle Männer von 16 bis 45 müssen sich melden. Und weiter hat es geheißen: Österreicher und Sudetendeutsche kommen in ein Lager...
Wir konnten uns entscheiden, ... , ob wir die deutsche Staatsbürgerschaft - wir waren ja deutsche Staatsbürger - behalten wollen, oder die österreichische wieder wollen. Das war dann die Entscheidung: Bist du jetzt Österreicher oder bist du Deutscher? Die meisten haben sich für Österreich entschieden. ... Das Lager war nicht weit weg von Burg. Da bin ich immer hin und her gependelt zwischen dem Lager und dem Bauernhof von Schorsch, dem ich beim Arbeiten geholfen habe. Ich hab´ bei ihm 13.000 Stückl Torf gestochen. Torf wurde zum Heizen gebraucht und für den Winter auf Vorrat gelegt.
„Entwaffnete"
Ende Juni ´45 sind wir auf einmal abkommandiert worden nach Jever in Ostfriesland. Dort an der Grenze, am Ems-Jade-Kanal, sind die Engländer gestanden. Und nach hinten, nach Ostfriesland, sind die ganzen Gefangenen gekommen. Also, die haben zu uns nicht „Gefangene" gesagt. Sie haben uns als „Entwaffnete" beschimpft. Die Engländer haben Ostfriesland unter deutscher Selbstverwaltung gelassen. Da war kein englischer Soldat dabei. Die sind nur am Kanal gestanden. Ausbrechen konnten die Gefangenen ja nicht.
Die Tiere waren damals alle auf der Weide draußen. Es war ja Sommer. Die Ostfriesen haben ja viel Weidevieh. Also war Platz genug in den Stallungen. In ihnen haben wir gelebt.
In dem Areal konnten wir uns frei bewegen, auf den Feldern Ähren klauben und sie gegen Brot eintauschen. ... Geröstet und zerrieben waren die Körner auch ... eine willkommene Aufbesserung in der täglichen Suppe. Sie wurden aber auch als Zuspeise genossen. So haben wir gelebt.
Auf einmal hat es geheißen: Wenn nachgewiesen werden kann, daß Eltern oder andere nähere Angehörige von einem Gefangenen in der englisch besetzten Zone in Österreich – also in der Steiermark - leben, kann er entlassen werden.
„Die Meineidschreiber"
Jetzt waren viele Burgenländer unter uns. Denen sind ganz einfach eidesstattliche Erklärungen unterschrieben worden, daß ihre nächsten Angehörigen in der Steiermark leben.
Solche Erklärungen sind ja als die erforderlichen Nachweise anerkannt worden.
Wir haben gewußt, daß bald der letzte Transport abfahren wird.
Da hab´ ich mich hingesetzt und meinem Freund einen Brief diktiert, so als hätte es ein Brief meines Vaters vom Februar 1945 sein können: „Lieber Sohn, Deine letzten Nachrichten sagen, daß Du irgendwo im Osten bist. Und wir flüchten – die Russen kommen immer näher – in die Steiermark, wir wissen noch nicht wohin, aber beim Bürgermeister in Langenwang hinterlassen wir Nachricht." Ich mußte den Trick anwenden, weil es so Plakate gegeben hat, so 1m² groß, auf denen gedroht wurde: „Wer unwahre Angaben macht: 9 Jahre belgische Kohlengruben."
Diesen Brief hab ich schön alt gemacht und hab´ ihn bei der eidesstattlichen Erklärung dann als Beweis vorgelegt. Darum haben sie uns „Meineidschreiber" geschimpft, wir uns selber auch... So wurden wir „Meineidsteirer"
Die letzte nervliche Belastung war dann nur noch das Kreuzverhör bezüglich einer eventuellen Zugehörigkeit zur „SS". War die bestanden ging es dann nach Wilhelmshaven rauf, wo wir in den Flugzeughangars untergebracht wurden.
Wir waren 1800 Mann...
Da auf einmal in der Früh, kommt ein deutscher Oberfeldwebel daher... und sagt: „Kameraden, ich habe eine ‚freudige‘ Mitteilung zu machen. Es können nur 900 fahren, weil 900 steigen in Kassel zu. Wer meldet sich freiwillig zum Hierbleiben?" Können Sie sich das vorstellen?
Jetzt haben wir die ganze Prozedur schon durchgehabt, die Entlassung vor den Augen gehabt. Und jetzt ist das gekommen. Da sich keiner meldete, ließ er abzählen.
... Wir waren aufgeteilt in 48 oder 45 Mann-Blöcken für die Waggons, und einer, Karl Rössler aus Stoob hat gesagt: „Geh, wart auf mich." Ich war vielleicht beim vierten Waggon dabei, wie er, der Oberfeldwebel, abgezählt hat. Wir wurden namentlich aufgerufen. Und da hat er gesagt: „Wart auf mich bis ich dran komm, daß wir gemeinsam fahrn" ... Als ich sah, daß bereits ein Großteil eingeteilt war, da hab ich gesagt: „Karl, jetzt bete. Wenn ich da bleiben muß wegen dir, ich bring´ dich um." Sagt er: „Ich kann ja nichts dafür ..., das hab ich ja nicht gewusst." Sag ich: „Das ist mir egal," Mir sind mir die Nerven durchgegangen. ... Wir waren zum Glück im vorletzten Waggon dabei. Na, dann habe ich gesagt: „Gott sei Dank", ich weiß, nicht, was passiert wäre.
Hollenthoner unbekannt
Wir sind dann runter gefahren bis Kapfenberg. Und in Kapfenberg sind wir endgültig entlassen worden. Ich war im Gemeindeamt in Langenwang und hab zur Sicherheit nach meinen Eltern gefragt. Wegen der falschen eidesstattlichen Erklärung wollte ich mich absichern und auf alle Fälle das Spiel weiter spielen. .. Ich fragte also den Gemeindebediensteten, ob meine Eltern da seind, oder eine Nachricht hinterlassen hätten. Der hat gesagt: „Hollenthoner ist mir vollkommen unbekannt." Hab´ ich gesagt: „Aber, mir sind sie schon bekannt." Darauf er: „Aber hier sind sie bestimmt nicht." ... Da machte ich ein scheinbar betrübtes Gesicht und sagte: „Nun gut, ich werde sie schon finden!" Am nächsten Tag sind wir dann ins Demobilisierungsamt nach Bruck gegangen und haben uns den Stempel auf den Entlassungsschein geben lassen. Wir haben 40 Mark gekriegt und die Lebensmittelkarten. Und dann sind wir mit dem Zug weiter gefahren. Die meisten haben Entlassungspapiere gehabt, bis auf ein paar. An der Demarkationslinie – am Semmering - haben die Russen und die Engländer gemeinsam kontrolliert. Die meisten, die wir drinnen im Waggon gehabt haben, haben noch nie einen Russen gesehen. Das war eine Aufregung: „Um Gottes Willen...!" Sag ich: „Das werde ich euch gleich zeigen wie das geht." Der russische Kontrollor ist herein gekommen - der Engländer vorher hat gar nicht hingeschaut – und hat gesagt: „Papiera". Darauf hab ich ihm zur Antwort gegeben: „Pan, nix Papirossi (Zigarette)?" Daraufhin hat er eine Blechschachtel mit Machorka, mit russischem Tabak, herausgenommen. Er hat mir Papier (Zeitungspapier) gegeben, und so hab´ ich mir eine gewuzelt. Und ich hab´ zu den anderen gesagt: „Und jetzt greifts alle zu." Auf einmal hat der Stielaugen gekriegt, ist auf seine Dose hingefahren und war draußen bei der Tür. Das war die ganze Kontrolle. Sag ich: „Aber macht es nicht bei jedem, das kann auch schief gehen. Sie sind oft wie Kinder. Manchmal sind sie sehr großzügig, aber dann können sie, wenn sie sich auf den Schlips getreten fühlen, natürlich auch wieder brutal sein."
Bombentrichter
Da bin ich mit einem (Otto Sandtner) mitgegangen, der war in Wiener Neustadt daheim. Und Neustadt – werden Sie ja wissen – war total ausgebombt. Ich glaub´, ich hab´ einmal eine Statistik gelesen, aß hier nur 52 Häuser stehen geblieben sind. Und er hat gesagt: „Paß auf, da herauß´n habe ich mir ein Einfamilienhaus gebaut," das war um zwei Uhr in der Früh beim Verschubbahnhof, „wir steigen gleich da aus." Wir gehen rüber und finden einen Bombentrichter in seinem Einfamilienhaus. Und er schreit: „Meine Frau, mein Kind!" und stürzt, läuft in den Trichter runter, fängt dort zu graben an. Sag ich: „Bist du verrückt? Jetzt um zwei in der Früh...?" „Ja, meine Frau und mein Kind!" Sag ich: „Paß auf, ist da irgendwo in der Nähe ein Bekannter den du fragen kannst? Frag doch vorher einmal, was los ist. Sind sie wirklich da unten begraben, helfe ich dir graben, aber was soll das bringen, um zwei in der Früh her zu gehen und da drin in dem Trichter herum graben?" Na, wir sind dann fragen gegangen. In der Nähe war zufällig eine Tante zu Hause und die sagte:„Ja, deine Frau und dein Kind sind bei deinen Eltern in Karl (in Burgenland). Alle sind gesund." Nur das Haus war kaputt...
Heimkehr
Sein Vater, der Vater von Otto Sandtner, hat auch noch in Wiener Neustadt gewohnt, dort haben wir übernachtet. Und am nächsten Tag hab ich gefragt: „Wie komm ich nach Lockenhaus?" Da hat es geheißen, ja, ein Zug geht bis Horitschon bis zur Molkerei. Bin ich nach Horitschon gefahren. In Horitschon bin ich ausgestiegen – und wenn Sie die Strecke kennen - es ist eine schöne Strecke von Horitschon nach Lockenhaus, die bin ich zu Fuß gegangen. Überall hab ich gefragt, was in Lockenhaus los ist, kein Mensch konnte mir etwas sagen. In der Dämmerung bin ich dann eine Abkürzung durch den Wald gegangen, und wie ich raus komme aus dem Wald, hab´ ich runter geschaut und gesehen, unser Haus steht noch.
Jetzt hab´ ich einmal tief durchgeatmet und bin runter. Ich hab´ dann später erfahren, also, selber gesehen, daß 600 Russen im Dorf einquartiert waren. Und ich bin rein, und ich seh´ das noch heute, da hat ein Mädchen mit einem Russen geschäkert. Die hat mich erkannt, hat mich angesprochen, ich hab´ keine Antwort gegeben und bin weiter gegangen und wollte bei uns ins Haus rein gehen, kommt ein Russe raus. Wir haben einen Major einquartiert gehabt, und sein Bursch ist heraus gekommen. (Da ich geschockt war, hab´ ich mir das Haus einmal von draußen angesehen). Wir haben eine 19 Meter lange Straßenfront gehabt, also, drei Fenster waren mit roten Tüchern verhangen und drei hatten Vorhänge. Da hab ich mir gedacht, ich geh´ einmal rein. Und bin rein in die Küche, und wie gesagt, es war schon die Dämmerung, na ja, die Möbel, das kenn´ ich noch alles, das ist da.
Meine Eltern waren zu diesem Zeitpunkt draußen im Garten. Und es hat sich später raus gestellt, daß mein Vater, gerade als ich gekommen bin zu meiner Mutter gesagt hat: „Ich hab´ heut´ geträumt, der Bub kommt z‘Haus." Und meine Mutter hat gesagt: „Sei nicht so blöd, was glaubst d´, wo der ist, die letzte Nachricht war vom Osten, wie soll der kommen." Na, und sie geht rein und hat geglaubt, daß der Putzer vom Major in der Küche drinnen ist und hat gesagt: „Ivan bist das du?" Ich hab mich nicht rühren können und in der Dämmerung hat sie mich nicht gesehen... Und sie sagt: „Ivan rühr dich." Und ich hab nur gesagt: „Mutter." Und dann war ich zu Hause.
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Ruth Deutschmann
Wien, 31.07.2001
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