Geburtsdatum : 12. Juli 1928
Nach der Pflichtschule begann 1942 meine Lehrzeit als Werkzeugmacher, die ich wegen des Krieges erst 1947 abschließen konnte. Im Herbst 1944 habe ich mich bei der Musterung freiwillig zum Reichsarbeitsdienst (RAD) in Laa a/d Thaya und gleichzeitig zur Kriegsmarine gemeldet. Wegen verschiedener Vergehen, die ich zusammen mit meinen Freunden, wir waren die „Schlurf" von Herzogenburg, gegen das Hitlerregime begangen hatte, waren hochrangige Nazis auf uns aufmerksam geworden. Als uns gedroht wurde, beim nächsten Vorkommnis strafweise in ein Lager nach Polen zu kommen, schien es mir besser die Flucht nach vorne anzutreten und so schnell wie möglich von Herzogenburg wegzugehen.
Zwei Wochen nach dem RAD bin ich nach Wilhelmshaven eingerückt, absolvierte meine Ausbildung in Brake (zwischen Bremen und Bremerhafen) und wurde von dort dem Festungsregiment Emden zugeteilt, wo ich auch das Kriegsende erlebte.
Ich wurde in Ostfriesland interniert und bin im März 1946 mit einem Rot-Kreuz-Zug wieder zurück nach Österreich gekommen.
Im März 1952 habe ich geheiratet und habe mit meiner Frau Leopoldine drei Kinder."
Emil Kikinger war in seiner Jugend ein begeisterter Leichtathlet und hat zwischen 1957 und 1965 die Jugendfußballmannschaft in Herzogenburg aufgebaut und trainiert. Sportlich fit hält sich der inzwischen zweifache Großvater hauptsächlich mit Radsport.
Handschriftliche Aufzeichnungen von 1928-1946.
Also durch das, daß wir als Schlurf verschrien waren, waren wir sowieso unten durch bei denen.
Ich bin eigentlich bei meinen Großeltern aufgewachsen. Ich war ein sogenanntes „Kind der Liebe", wie man sagt in Österreich. Meine Mutter hat mich als lediges Kind geboren, und ich war dann bei meinen Großeltern in Herzogenburg in einem Vierkanthof, einem alten Bauernhaus, da haben 24 Leute gewohnt. Ganz unterschiedliche politische Orientierungen haben die Leute gehabt, es waren Kommunisten drin, aber hauptsächlich Sozialisten, und ÖVPler könnte man heute sagen, solche, die der Heimwehr angehört haben. Ich bin dort als Kind aufgewachsen. Die meisten Leute waren dort arbeitslos, und da bin ich herumgesessen und hab vieles gehört ...zum Beispiel vom Spanischen Bürgerkrieg.
Der Großvater war „ausgesteuert". Was das heißt? Da haben sie keine Arbeitslose mehr gekriegt. Da ist er (der Großvater) zur großen Halde. Da haben sie das taube Gestein mit den „Hunten", den Kippwagen, ausgeleert. Riesige Halden waren das. Und da ist mein Großvater hingefahren mit dem Rad, hat sich den ganzen Tag große Säcke angefüllt - im Sommer. Und das haben wir im Winter zum Heizen gehabt. Und da hat er sich beim Rad - oben bei der Lenkung - einen Prügel angebunden. Und dann ist er die sieben Kilometer gegangen. Da hat er die Kohle, - sicher 80 Kilo - heimgeführt. Da hat er mich nicht mitgenommen, weil es dabei oft Streitereien gegeben hat.
Und da waren große Alleen mit Mostbirnbäumen. Er hat sich eine Presse gebaut und daraus selbst Most gemacht.
Ins Wirtshaus hat er nicht gehen können - dazu hat er kein Geld gehabt. Nur bei einem richtigen Feiertag hat er sich ein Bier geleistet. Da hat er mich einmal geschickt. Und ich hab so einen Durst gehabt. Beim Brunnen im Vierkanthof hab ich das Bier dann mit einem Schöpfer Wasser verlängert und hab gedacht: Hoffentlich schaut er jetzt nicht beim Fenster heraus¼
„Du Rotzbua, du elendiger", hat er dann gesagt. Aber er hat mir nie etwas getan. Er hat mich nie geschlagen. Einmal hat er sich so ein Staberl gerichtet gehabt, da war ich aber auch wieder schlauer, hab ich ein Messer gehabt und hab das Staberl angeschnitten bis zum Ende, und das hat er (deswegen) nur einmal verwenden können, denn wie er hergehaut hat, da ist es gleich zerbrochen. Er hat einen Zorn gehabt, aber dann hat er gelacht und gemeint: „Das ist ein Strizzi!
Das war im ´34er Jahr, da haben wir auf den Turm (Kirchturm) in Herzogenburg, geschaut - der war 72 Meter hoch. Am Sonntag vor der Messe, die begann um 9 Uhr zirka, hat mein Opa gesagt: „Da schau hinaus, da ist eine Hakenkreuzfahne." Da haben die Nazis oben eine Hakenkreuzfahne installiert - am Turm - und das genau zu der Zeit, wo die meisten Leute vor der Kirche versammelt waren – wie´s so am Land ist. Und da hat sich dann die Hakenkreuzfahne entrollt. Die war mindestens, ich schätz, na, die war ziemlich groß, 15 Meter!
Da kann ich mich erinnern, in den ´30er Jahren, einer (von den Bewohnern des Vierkanthofes) war ein Heimwehrführer, der hat einen langen Säbel gehabt und so eine Kappe mit einem Hahnenschwanz.
Ich habe das alles beobachtet. Die haben eine Versammlung gehabt und haben mit dem Auto über einen kleinen Berg - außerhalb von St. Pölten – drüberfahren müssen. Und da haben ihnen ein paar Nazi aufgelauert, und haben den Heimwehrführer bis auf die Unterhose ausgezogen. Nur mit der Unterhosen ist er heimgekommen, auf einmal in der Früh. Wir haben den Hof so gut übersehen von uns aus – und da hat der Opa gesagt: „Da schau, komm her, komm her, da kommt grad der Heimwehrführer herein, in der (lacht) Unterhosen!"
Dann haben sie, die Nazi, Schraubenmuttern, so große Schraubenmuttern, zusammengebunden mit Schnüren und haben sie über die elektrischen Leitungen drübergeworfen, und die haben dann so rotiert und dann einen Kurzen erzeugt. Das war 1937 schon. Und das hat mich ja alles interessiert, und so hab ich allerhand mitgekriegt.
Illegaler. Und da hab ich ja die Streitereien oft mitgehört. Aber nur innerhalb der Familie. Natürlich. Später war das so, da hat man gesagt, man muß die eigenen Eltern denunzieren, also anzeigen. Aber das hat mein Onkel natürlich nicht gemacht.
Meine Begegnung mit Hitler, es war so: Durch Lautsprecher ist verkündet worden: Der Führer kommt, der „heißgeliebte Führer" - hat es geheißen.
Das war im ´38er Jahr und wir haben gesehen, wie die Deutsche Wehrmacht einmarschiert ist. Da sind Lautsprecherwagen herumgefahren und sie haben die Leute aufgefordert, zum Rathausplatz zu kommen. Und da sind wir auf diese großen, offenen Lastkraftwagen hinaufgeklettert und mit nach Kapelln gefahren auf der 1er-Bundesstraße.
Damals war ja noch keine Autobahn,... da sind schon Tausende Leute gestanden und haben „Heil Hitler" geschrien. Mit Lautsprechern haben sie verkündet, wo der Führer nun ist und daß er immer näher kommt. Da ist er dann gekommen. Dem hat die Hand schon weh getan, weil er immer so (zeigt den Hitlergruß) hat stehen müssen. Am Trittbrett sind seine Bewacher gestanden, die SSler. Ich glaube vier oder sechs.
Die Leute sind zu ihm hin. Die haben so viel geschrien. Hin und wieder hat jemand seine Hand erwischt, wie er so an uns vorbeigekommen ist. Die waren schon selig, wenn sie das Auto erwischt haben. Richtige Tränen haben sie gehabt in den Augen. Wie gesagt, die Leute haben keine Arbeit gehabt und haben sich erhofft, daß der Hitler Wunder wirkt.
Ich glaub, das Auto hatte überhaupt keinen Staub ansetzen können, weil es so viel angegriffen wurde von den Leuten. Ja, die Leute haben dazumal geglaubt,
er kommt als derjenige, der uns Arbeit bringt.
Da hat man dann gehört, daß der und der gefallen ist. Da war eine große Tafel in Herzogenburg. Eine Stadt von 5000 Einwohnern, und über 200 Gefallene. Der eine war bei der Marine, der andere war bei der Luftwaffe, die meisten halt bei der Infanterie.
Na ja, und das war der erste Widerstand, das hat ihnen nicht gepaßt. Lange Haare, „Schlurf" hat das geheißen, und da kann ich mich jetzt noch erinnern, da sind dann Lieder aufgetaucht, ich weiß nicht, von wo die hergekommen sind, das weiß ich nicht mehr. Von Wien, die meisten waren von Wien. Die Lieder waren Widerstandslieder. Ich kann sie heut noch.
Das (er sucht in seinen Unterlagen), das ist von den Schlurf:
Emil Kikinger singt:
„Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei",
kennen Sie das Lied nicht? Das ist ein Schlager –
(singt):
„Ich kenn eine goldene Stadt
die sehr viele Schlurfe hat
und sie trägt den Namen Wien
denn da sind sie alle drin.
Die Haare bis in das Genick
in der Papp´n (Mund) an Mordstrumm Tschick
sieht man sie zur späten Nacht
denn sie halten für Amerika Wacht.
Refrain:
Es geht alles vorüber
es geht alles vorbei
zuerst geht der Hitler
und dann die Partei.
Es geht alles vorüber
die HJ wird vergehen
doch der Schlurf der wird immer
und ewig bestehen."
So was zu singen war streng verboten, was glauben Sie!
Hinrichtung wegen 5 Mark
Und da war auch der Widerstand gegen die Nazis, in der Eisenbahnerwerkstatt in St. Pölten, da sind einige hingerichtet worden. Aber die haben nichts gemacht.
Da war zum Beispiel der Wallner, die Frau Wallner hab ich kennengelernt, der ihr Mann ist hingerichtet worden (sie hat mir das später erzählt). Der hat fünf Mark, nur fünf Mark, das sind 35 Schilling nach dem heutigen Geld, hat er gespendet für eine Familie, wo der Mann eingesperrt war. Die sind anscheinend nicht unterstützt worden, da sind sie (Leute, die helfen wollten) mit einer Liste herum gegangen in der Werkstatt, und er hat fünf Mark gespendet, weil er sich erbarmt hat, wahrscheinlich wegen der Kinder.
Die (Anmerkung: Nazis) haben es dann herausgepreßt aus ihnen, haben sie gefoltert, daß man die Liste hergegeben hat. Und da war der (Name Wallner) oben. Wegen fünf Mark (!) ist er dann geköpft worden, in Wien...
(nachdenklich) Na ja.
Mordsglück
Für was die Leute alles geköpft worden sind. Ich hab mir ein Buch gekauft. Das da, ich hab´s gelesen. Für was für Kleinigkeiten, daß die Leute geköpft worden sind. Da hab ich mir gedacht. Da hab ich a (ein) mords..., ein „Mordsglück" gehabt. Weil, die können nie sagen, daß ich ein Freund von ihnen war. Weil alleweil, irgendwas hab ich alleweil gedreht, was denen nicht gepasst hat. Aber es war vielleicht alleweil grad noch an der Grenze. Oder es haben nicht die Richtigen erfahren. Das kann sein, die Richtigen (...und deswegen ist mir nichts passiert.)
A Watsch´n für den Fähnleinführer
Dann ist noch etwas, ich war noch in der Lehrwerkstatt bis ´42 (Anmerkung: bis 1944), und da ist in die Lehrwerkstatt ein Brief gekommen, wir müssen zum Ortsgruppenleiter. Der Ortsgruppenleiter, das war ein ganz hoher Nazi, das war der höchste Nazi in der Ortsgruppe, also in Herzogenburg. Und da haben wir zum Ortsgruppenleiter müssen, und der hat uns natürlich sauber zusammengehaut.
Da ist nämlich inzwischen etwas passiert. Regelmäßig einmal in der Woche war Heimabend von der Hitler-Jugend, und da hat man so Nazilieder lernen müssen und vom Krieg, alles super für den Krieg, und da ist man so richtig aufgeheizt worden. Und wir sind aber nicht auf den Heimabend gegangen, weil wir das Ganze nicht gemocht haben. Wir sind rüber ins Kaffeehaus gegangen und haben Billard gespielt, und da sind Franzosen dort gewesen, welche gearbeitet haben. Die Franzosen, das waren für uns Ausländer, was ganz was Neues.
Früher hat´s ja das nicht gegeben, daß die Leut´ mit den Autos rumgefahren sind. Da ist nur hie und da ein Ausländer nach Herzogenburg gekommen. Und die Franzosen waren fesche Burschen, wirklich wahr, das hat uns gefallen. Schöne, lange Haare haben die gehabt, und bei uns waren alle so abrasiert und abgeschnitten, so häßlich.
Da haben wir mit denen Billard gespielt und nachher waren wir im Kino. Da waren nur wir Jugendlichen - zusammen mit den Ausländern, also gemischt sind wir rausgegangen...
Und am Ausgang vom Kino ist der Fähnleinführer gestanden, voll in der Uniform – weil es wäre ja Heimabend gewesen, aber wir haben den Heimabend eben sausen lassen –, mit seiner weißen Schnur (Teil seiner Uniform) und er hat ein Notizbuch in der Hand gehabt und hat alle der Reihe nach aufgeschrieben, die im Kino waren und da war uns klar, daß wir wieder bei irgendeinem Groß´n (Anmerkung: Nazi) gemeldet werden... und wir haben noch debattiert ... daß wir schon den und den schwarzen Punkt (bei den Nazis) haben und jetzt wieder einen...und da hat irgendeiner g´sagt: „Rennen wir ihm nach und nehmen wir ihm das Notizbüchl (Notizbuch) weg. Und in der St. Pöltner-Straße, 400 m sind wir gerannt,... haben wir ihn erwischt und haben gesagt: „Du, gib uns das Notizbüchl!"
Da hat er gesagt, das gibt er nicht her, weil er meldet uns. Und das weiß ich auch noch genau, der kleinste von uns - der Fähnleinfüher war, ich glaube, 1,85 groß oder 1,90m, so groß war der – und der kleinste von uns, der ist hinauf gesprungen und hat ihm eine Watsch´n gegeben. Na, das war, was schlechteres gibt´s ja gar nicht, als wenn du dich an so einem Nazi vergreifst..
Und da haben wir so herumgestritten, das hat der Vallini gehört, ein Belgier, der Albert Vallini, der in der Schweißerei beim Grundmann war, und der hat schon ganz gut Deutsch können. Es war ja nach dem Kino um Zehne, um 22 Uhr so was wird´s gewesen sein,... und er ist raus auf die Straße gekommen und hat gesagt, das weiß ich noch genau: „Was ist los?" hat er gesagt, so gebrochen, „was ist los?"
Haben wir gesagt: „Albert, gar nix, dem wollen wir das Notizbüchl wegnehmen, weil der hat uns aufgeschrieben, weil wir im Kino waren und net (nicht) im Heimabend." Und der Albert, ... der hat gesehen, daß der von der HJ da steht, der hat sich denkt, da mischt er sich gar net ein und hat sich auch nicht eingemischt, ist wieder rein gegangen und ... wir haben uns auch aufgelöst ... So war das.
„Ihr werd´s schon noch schauen"
Aber nach zwei Tag ist in die Lehrwerkstatt ein Brief gekommen, wir müssen zum Ortsgruppenleiter. Und da hat unser Lehrmeister natürlich gesagt: „Was ist denn da los, was habt´s ihr denn schon wieder angestellt?!" Na, haben wir gesagt: „Wir wissen´s auch nicht." Hat er gesagt. „Ihr werd´s schon noch schauen."
Na, sind wir zum Ortsgruppenleiter (Forstmeister Prügel), der hat ein Protokoll gehabt, ein so ein langes Protokoll, zwei Seiten... Was der, der Nazi angegeben hat, war „Überfall auf einen Fähnleinführer mit Hilfe eines Ausländers", also das war gar nicht wahr... mit Hilfe eines Ausländers... und der hat uns furchtbar zusammen gehaut, der Ortsgruppenleiter, und hat gesagt: „Jetzt müßt´s nach St. Pölten, euch melden."
Und dort, was der war, das weiß ich nicht... Franz Hörhann, hat er geheißen, der hat a braune Uniform angehabt und so einen Riemen und eine Pistole, war ein ganz ein (Anmerkung: hochrangiger Nazi) und der hat gesagt:
„Judenseife"
„Ich sag euch das eine", hat Hörhann gedroht, „wenn noch einmal etwas vorkommt, dann kommt ihr in ein Lager nach Polen". ... Wir haben ja schon gewußt, damals, was ein Lager war, das waren die KZ. Was heute manche erzählen, daß sie von dem nicht gewußt haben, die lügen. Die meisten Leut´ lügen. Weil wir in der Lehrwerkstatt – das fällt mir auch noch ein: Da haben wir eine Seife gekriegt. Eine anthrazitfarbene Seife. Da haben wir Lehrlinge gesagt, das ist eine „Judenseife". Wir haben gewußt, die Juden werden vergast und von den Knochen haben sie die Seife hergestellt. Und die haben wir in der Lehrwerkstatt gehabt. Im ´42er Jahr haben wir gewußt, was die mit den Juden aufgeführt haben.
Verlorene Jugend?
Man fühlt das gar nicht so. Ich hab mich ja zur Marine gemeldet. Weil ich, was soll ich sagen - ein Binnenländer, der hat Sehnsucht nach dem Meer. Und dann hab ich so Literatur, so Bücher darüber das gelesen... Wie soll ich sagen, ich hab halt zur See fahren wollen. Und da hab ich dann, weil es nicht anders zu machen war, wie sie mit der Drohung daher gekommen sind (Anmerkung: uns in ein Lager nach Polen zu schicken, siehe „Wir mochten keine Nazi-Lieder") und so war das einfach naheliegend, daß ich mich zur Marine melde, daß ich von da weg komm, und zugleich mein Wunsch in Erfüllung geht. Aber so weit hab ich nicht gedacht, daß ja die Deutschen zu der Zeit, im ´44er Jahr, gar nicht mehr mit den Schiffen hinausfahren können haben. Weil da haben ja die Engländer und die Amerikaner schon alles im Griff gehabt. Die haben sogar gewusst, wann ein Schiff auslauft. Warum? Weil in Deutschland waren so wenig Männer, und die haben gewußt wie es unten war, bei den U-Boot-Bunkern in Frankreich. Die haben gewusst, wann das U-Boot auslauft, genau die Zeit, alles. Weil da haben so viel Franzosen und Ausländer gearbeitet. Weil die Deutschen zu wenig Leut gehabt haben. Die haben Freundinnen auch gehabt, wie es da war in Frankreich. ... Von 40.000 U-Boot-Leuten sind 30.000 gefallen. Die haben die höchsten Verluste gehabt. Und wenn die U-Boot-Leute gewusst haben, daß sie hinausfahren, haben sie gefeiert. Und wenn einer trinkt, dann erzählt er viel und die Französinnen und die Männer haben da auch mitgefeiert und haben alles herausgehört und die haben sofort gewusst, wann das U-Boot auslauft. Im´44er Jahr waren die schon sehr stark mit der Luftwaffe. Kaum waren die draußen, haben sie einen Bombenteppich herunter gehaut. Ein U-Boot nach dem anderen war dann kaputt.
Zu dieser Zeit war das, wo ich mich (zum Reichsarbeitsdienst und zur Kriegsmarine) gemeldet habe. Ich hab ja zuerst eine Ausbildung gehabt.
Aber als Bub weiß man, kriegt man das alles nicht mit. ... Die ganze Kriegszeit, das erlebt einer, der schon Familienvater ist, wahrscheinlich ganz anders, wie wenn du 16 Jahre alt bist. Das erlebt man anders, man hat keine solche Angst. Angst, die der andere hundertprozentig hat.
Reichsarbeitsdienst
... Und mir hat das überhaupt nicht mehr gefallen, das Ganze, hab ich mich gleich freiwillig zum RAD, zum Reichsarbeitsdienst gemeldet. Aber ein Arbeitsdienst war das nicht, es war eine militärische Ausbildung – furchtbar. Da haben wir runterspringen müssen, zwei, drei Meter, mir hat ja das nichts gemacht, ich hab das alles können, aber da waren manche so patschert...
Und da hast du raufrennen müssen, zum Beispiel in voller Ausrüstung und runterspringen. Und da sind zwei Mann gestanden von den Ausbildnern, und der, der sich nicht getraut hat, der nie einen Sport gemacht hat, für den war es ja viel, mit dem Gewehr, dem Stahlhelm und Patronengurt runterzuspringen, der hat gleich an (einen) Tritt gekriegt, daß er runtergefallen ist. Und oben warten hast auch net dürfen, bis daß der unten weg war... Jeder hat sofort runterspringen müssen und wenn er auf den unten drauf g´hupft ist, war das wurscht. Das war der Arbeitsdienst... es war a rein militärische Ausbildung.
Die SS braucht Nachschub
Und wie der Arbeitsdienst aus war, sind SSler gekommen, in Laa an der Thaya war das. Sind SSler gekommen, das war am vorletzten Tag und da haben´s die Burschen, die sich noch nicht freiwillig gemeldet gehabt haben zu irgendwas, zur Luftwaffe oder zur Marine oder eben zur SS auch vielleicht, die haben´s so lang g´schliffen, bis sie sich freiwillig gemeldet haben. Zur SS. Aber ich hab a Glück g´habt... Ich hab an Bewerbeschein g´habt für die Marine und da hab ich g´sagt:" Ich hab mich beworben für die Marine." Und da haben sie gesagt: „Na, wo ist denn der Beweis?" Das war ein einmaliges Glück. Hab ich gesagt, „im Spind hab ich ihn", bin reingerannt, hab ihn wirklich mitg´habt, und bin mit dem Bewerbeschein aussi (hinaus). Haben sie gesagt: „Ja, in Ordnung. Hat sich schon gemeldet für was." Und haben mich in Ruh lassen.
Einrücken
Und dann bin ich eben vierzehn Tage drauf zur Marine gekommen. Da hab ich auch wieder Glück g´habt, da war ein Korvettenkapitän am Wehrbezirkskommando, der hat nur eine Hand g´habt und er hat g´sagt: „Du hast dich freiwillig gemeldet", hat er g´sagt, „Willst du an die Nordsee oder an die Ostsee?" Und... politisch war ich ja interessiert und da hab ich mir denkt, wah, Ostsee, da kommen die Russen schon... „Na", sag ich, „da möchte ich lieber an´d Nordsee."
Bin ich an´d Nordsee kommen, nach Wilhelmshaven, aber im ´44er Jahr hat kein deutsches Schiff den Hafen mehr verlassen können...und da ich bin zur Marineinfantrie gekommen, zum Festungsregiment Emden... Na ja, und die Ausbildung, die war auch nicht einfach, aber für mich war das nicht zu schwierig, eben durch den Sport, muß ich sagen...
Zwetschkenknödel zum Abschied
Beim Einrücken (Ende 1944), da hat mir meine Tante fünfundzwanzig Zwetschkenknödel mitgegeben, in einer Pappendeckelschachtel. Und der Bäcker hat mir zwei Salzstangerln mitgegeben.
Wie ich im Barackenlager Rüstersiel, bei Wilhelmshaven angekommen bin, waren schon lauter Deutsche da. Und da haben sie gesagt: „Mensch, was hast du da?" Ich darauf: „Zwetschkenknödel". Und sie: „Was ist denn das?"
Die Deutschen haben, wenn ich nach der Schrift geredet hab, wollen, daß ich im Dialekt red´, das hat ihnen gefallen. Bei der Kompanie war ich der einzige Österreicher. Da hab ich mir auch nichts gefallen lassen.
Kriegslieder
Und außerdem, die Ausbildner! Die haben schon gewusst, wie sie einen Jungen nehmen können. ... Da hast du ja nur gehört „Sieg!", „Die Fahne ist mehr als der Tod", das ist hundertmal in den Liedern vorgekommen. Beim deutschen Militär ist viel gesungen worden. Alles nur vom Sieg und Sieg und Sieg, und „wir werden siegen" und wir „werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt." So haben die Lieder geheißen. Da wird man richtig aufgepulvert. Ein anderer, der älter ist, na ja, vielleicht nicht, aber als junger Bua (Bub)... Für das Kriegsspielen hab ich mich nicht begeistern können. Ich wäre gerne auf ein Schiff gekommen ... auf ein Frachtschiff, ja. Daß ich die ganze Welt kennen lern. Aber ein Krieg ist ja ganz was anderes. Das Wichtigste wär zu dieser Zeit halt gewesen: Weg von daheim und auf a (ein) Schiff. Aber, das wäre nur ein Kriegsschiff gewesen. Da mußt du froh sein, wenn alles so gut vorbei gegangen ist.
Auf den Spuren des „braven Soldaten Schwejk"
Einmal, kann ich mich erinnern, hat es geheißen, Gewehr reinigen. Da haben wir einen Getreidesilo bewachen müssen. Da hat es so gestaubt vom Getreide drin. Und da war dann das Gewehr zu reinigen. Da hab ich mir gedacht: Der kann mich gern haben, ich hau mich wieder hinein, hab mir das Kappl heruntergezogen, und hab wieder geschlafen. Und die anderen haben alle Gewehr geputzt.
Ich hab ihnen nichts gesagt. Ich hab vorn beim Gewehrlauf einen Papierstoppel hineingestopft. Ich war so blöd. Ich hab mir gedacht, so kann der Lauf nicht verdrecken. Und dann sind wir angetreten. Und nach der Reih´ hat man das Gewehr so halten müssen (zeigt es) und er hat durch den Lauf geschaut. Und ich hab vorher den Stoppel heraus genommen und nicht damit gerechnet, daß da Millionen von Staubkörnern hineingekommen sind. Der Lauf hat geglänzt, aber wenn man hineingeschaut hat, da hat man jedes Körndl drin gesehen.
Und ich hab das Gewehr so gehalten und gesehen, daß er ein ganz rotes Gesicht bekommen hat. Hab ich mir gedacht, was hat er denn? Hat der zum Schreien angefangen! Hat er mich gefragt, ob ich das Gewehr gereinigt hab. Aus dem, was er gesagt hat, hab ich schon gewußt, da ist was im Laufen. Hab ich gesagt: „Naa". Und er darauf: „Warum?" Da hab ich gesagt, ich hab einen Stoppel hineingegeben und geglaubt, das genügt. Hat er geschrien: „Wenn wir jetzt an der Front wären, würde ich sie erschießen lassen!"
Das Gewehr war ja die „Braut des Soldaten". Hab ich nicht verstanden, daß das die Braut sein soll. Ja. Na, das war ein strenger Ausbildner. Der hat gesagt. „Wenn ich lache, lacht der Teufel. Da hat niemand mitzulachen!"
Am meisten hab ich ihn fertiggemacht.
Sacharin für „Negerschweiß"
Wie ich fort (eingerückt) war, hab ich nur einmal eine Nachricht bekommen. Einen Brief. Und wissen Sie, was da drin war? Sacharin. Ich glaub, hundert so kleine Dinger. Das weiß ich noch genau. Da haben wir einen Kaffee gehabt! „Negerschweiß" haben wir gesagt zum Kaffee, weil er so schwarz war. Keine Milch nicht und keinen Zucker. Das war der „Negerschweiß". Und da hab ich mir den zuckern können, eine Zeit lang halt.
Da hab ich also Post gekriegt. Und da ist auch eine traurige Nachricht drin gestanden. Der Eichinger Josef, das war mein „Leibfriseur". Der war ein Jahr älter als ich. Dem hat es die Hand weggerissen. Der hat die Hand verloren. Und der war dann nachher bei uns im Betrieb Portier, weil er nur eine Hand gehabt hat. Mit 17 Jahr die Hand verloren, auch im Krieg. Das war die einzige Nachricht.
Widerständige Lieder
Da hat es einmal das Deutschlandlied gegeben, diese Hymne, die ja praktisch aus Österreich stammt. Die hat ja der Haydn geschrieben. Der Haydn, und das Deutschlandlied war zuerst die (österreichische) Kaiserhymne. Und das haben die Deutschen dann übernommen.
Da sind sie so ein großes Volk, und haben nicht einmal eine eigene Hymne. Und das ist (von uns) verarscht worden. Entschuldigen Sie den Ausdruck.
(Emil Kikinger singt):
„Deutschland, Deutschland über alles
über alles in der Welt,
wenn es bald zu unsrem Nutzen
brüderlich zusammenfällt
Von der Maas bis an die Memmel
von der Etsch bis an den Belt
Deutschland, Deutschland über alles
wenn es nur zusammenfällt."
Das ist von einem amerikanischen Schlager, die Melodie. Das war ja doppelt, doppelt verboten, nicht, das haben sie (Anmerkung: die Nazis) gar nicht hören wollen (singt):
"Sie will nicht Blumen und nicht Schokolade
sie will nur immer Heringsauce mit Marmelade
das ist die Lieblingsspeise der Berliner
und so einen Scheißdreck frißt kein echter Wiener.
Und wenn ich sage, daß ich mal verreise
stellt sie sich stundenlang am Bahnhof an
und wird mir das zu dumm
so kehr ich wieder um
weil ich das auch zu Hause haben kann."
Das ist auch von einem anderen Lied, ein längeres Lied ist das:
(singt:)
„Ja, was is denn heit nur los?
Was is denn heite g´scheh´n
daß wir in unserm Wean
jetzt lauta Piefke seh´n?
Den Schaffner den i frag
der schwitzt vor lauta Plag
und sagt ma glei den Grund zu diesen Feiertag:
‚Heit kumman Piefke auf Urlaub nach Wean‘!
Jetzt da auf amoi haums d´ Weaner Stadt so gern.
Sie fressen die Schnitzel und saufen dazua,
reißen des Mäu auf und kriag´n goa net gnua.
Hinter an Bam steht der „Hermann" (Anmerkung: Göring) und lacht,
und sagt zum „Adolf" (Anmerkung: Hitler) ‚Heast, leiwand host des g´macht!‘
Der Petrus vom Himmi schaut owa und flennt:
‚Weana Leit, Weana Leit, eich hot´s da´rennt‘!
Jetzt waß i gaunz bestimmt,
warum da Piefke kimmt
in unserem schönen Laund,
da gibt´s nu allerhaund:
‚Vahungat wa scho Wean
waun mia net kumma wean‘ –
den Bledsinn kaun ma scho an alle Eckn´ hean.
‚Heit kumman Piefke auf Urlaub nach Wean‘!
Eintopf am Sonntag, und wochentags auch
Hering in Gemüs und Zitronensaft darauf.
Ana, der frißt des, und drei wean glei hin
bei so ana Kochkunst do liegt ka Kunst darin. –
Erscht der Kaffee, hearst, des is a rechta Graus,
machst a klans Schluckerl spuckst eam eh glei wieda aus.
Der Petrus vom Himmi schaut owa und flennt:
‚Weana Leit, Weana Leit, eich hot´s da´rennt‘".
(Ja, was ist denn heut´ nur los?
Was ist denn heut´ geschehen
daß wir in unserem Wien
jetzt lauter Piefke sehen?
Den Schaffner, den ich frage,
der schwitzt vor lauter Plage
und sagt mir gleich den Grund für diesen Feiertag:
‚Heut´ kommen Piefke auf Urlaub nach Wien!‘
Jetzt auf einmal haben sie die Wiener-Stadt so gern.
Sie fressen die Schnitzel und saufen dazu
reißen das Maul auf und kriegen gar nicht genug.
Hinter einem Baum steht der Hermann und lacht
und sagt zum Adolf: ‚Hörst du: Gut hast du das gemacht!‘
Der Petrus vom Himmel schaut herunter und flennt:
‚Wiener Leut´, Wiener Leut´, euch hat es erwischt!‘
Jetzt Wiener Leut´, Wiener Leut´, euch hat es erwischt!‘
Jetzt weiß ich ganz bestimmt
warum der Piefke kommt:
In unserem schönen Land
da gibt´s noch allerhand.
‚Verhungert wär´ schon Wien
wenn wir nicht gekommen wären!‘ -
den Blödsinn kann man schon an allen Ecken hören.
‚Heut´ kommen Piefke auf Urlaub nach Wien!‘
Eintopf am Sonntag, und wochentags auch,
Hering in Gemüse und Zitronensaft rauf.
Einer, der frißt das, drei sterben gleich hin
in so einer Kochkunst liegt keine Kunst drin.
Erst der Kaffee, hörst du, der ist ein rechter Graus:
machst du einen kleinen Schluck, spuckst du ihn gleich wieder aus.
Der Petrus vom Himmel schaut herunter und flennt:
‚WienerLeut´, Wiener Leut´, euch hat es erwischt!‘)
Da kann ich noch eines, das hab ich bei der Marine gelernt.
(singt):
„Am sechsten, kurz vor Mitternacht!
Da gab es plötzlich einen Krach.
Es kam ja wie erwartet schon,
17 Minuten vor der Invasion.
Auf dem Schnellboot hält man Wacht,
auf Überraschung wohlbedacht.
Auf Englisch jazzt das Grammophon,
17 Minuten vor der Invasion.
Schwarz wie Kohle bis zur Sohle
ist der Neger Jim.
Seine beste weiße Weste
trägt der Neger Jim."
Das ist ein amerikanischer Schlager. Von wem das ist, weiß ich nicht. Hab ich bei der Marine gelernt.
Es ist schon gut, daß man weiß, daß das existiert hat, daß ein kleiner Widerstand da war. Ja, wie ich vorher schon gesagt habe.
Kriegsende
(Anmerkung: Loppersum bei Emden (Ostfriesland), zwei Tage nach Kriegsende: Emil Kikinger marschiert mit seinen Kameraden in voller Ausrüstung in ein großes Barackenlager und ergibt sich. Die Gruppe muß Gasmaske, Gewehr und alle spitzen Gegenstände in eine große Grube werfen.)
Das Kraftfutter hat uns gut getan
Die Gefangenschaft war wenig interessant für mich. Na ja, Gefangenschaft, da muß ich sagen, das war eine reine Internierung. Der Ems-Jade-Kanal war bewacht von den Engländern. Das geht von Emden bis nach Wilhelmshaven. Da hat man sich ja frei bewegen können. Aber nur über den Kanal, da sind welche erschossen auch worden, die es nicht ausgehalten haben, Verheiratete, die eine Familie gehabt haben. Da ist in der Nacht unregelmäßig der Scheinwerfer so (zeigt in eine Richtung) und dann wieder plötzlich zurück (geschwenkt worden). Und wenn einer geglaubt hat, jetzt ist der Scheinwerfer eh drüben, und oft ist er länger drüben geblieben, er kann dort wo es dunkel war fliehen, dann hat ihn der volle Scheinwerfer erwischt. Dann haben sie (Anmerkung: die Engländer) mit dem MG auf ihn geschossen... Da haben sie keinen hinüber gelassen.
Aber ich war damals so ein Bua (Anmerkung: 17 Jahre alt). Ein Monat oder zwei spielen da keine Rolle, daß ich wieder da hinunter komm in den Betrieb (Anmerkung: Arbeitsstelle daheim), wo ich vor meinem Einrücken ja doch nicht glücklich war. Bin ich da oben geblieben. Ohnedies die meisten. Waren ja doch nur ein paar, die haben zur Familie heim haben wollen. Aber, wenn du so ein Bua bist, da tut das nichts...
Ja, da waren wir untergebracht (in Kuhställen). Wie es in Ostfriesland üblich ist, waren die Kühe die meiste Zeit draußen auf der Weide, so haben wir dann in den Boxen bei den Bauern geschlafen, drei, vier Mann. Und in der Nacht, da haben wir nicht viel zum Essen gehabt, sind wir halt hinaus. Und das Obst war noch gar nicht reif. ... Da haben wir uns die Hosen zusammengebunden, unten mit einer Schnur. Da haben wir die Hosen dann bis oben hin mit Äpfel oder Birnen angefüllt. Aber alles war noch grün... Jedenfalls, das eine Jahr haben die Ostfriesen kein Obst gehabt. Weil wir einen Hunger gehabt haben...
Da haben sie so große Kisten stehen gehabt, wo wir geschlafen haben, und da haben sie ein Kraftfutter für die Schweine drin gehabt. Da haben wir Erbsen und alles gestohlen auf den Feldern, Erdäpfel und Erbsen und vom Kraftfutter haben wir immer ein Schäuferl voll dazugegeben. Das war ganz schön gut. Aber der Bauer hat die Kiste einmal aufgemacht, da hat hübsch was gefehlt. Ja, alles haben wir nicht genommen.
Na ja, wenn man einen Hunger hat, was soll man machen?! Erbsen und Kartoffel, na, und da haben wir halt ein Schäuferl von dem Kraftfutter nachgelegt, das hat uns gut getan. Gefangenschaft, so schlimm war das nicht für mich.
Tausend Zigaretten für ein Hakenkreuz
Die kanadischen Truppen, die wir gehabt haben, waren freundliche Leute. Die Engländer waren dagegen weniger beliebt. Die waren auf Uhren aus und Fleck haben sie wollen, Hakenkreuz-Fleck, also eine Fahne. Da war einer bei uns, der Hans, der war schon älter.
Ich war ja erst sechzehn Jahr, ich hab in die Kaserne nach Wilhelmshaven hinein fahren dürfen und hab dort verschiedene Arbeiten gemacht. Vor den alten Landsern haben sie nach dem Krieg immer noch Angst gehabt. Aber wir waren so Buben. Haben sie, die Kanadier, uns mit dem Jeep abgeholt und wir sind hinein in die Kaserne geführt worden. Da haben wir Geschirr abgewaschen und da haben wir Butter und alles, was nicht angenagelt war, haben wir halt gefladert. Da haben wir Butter und Brot genommen... Die haben ein Brot gehabt! Was wir am liebsten essen, das Scherz´l, die letzte Rinde, das haben sie weggeworfen. Die haben nur das Weiche gegessen und das Harte haben sie weggeworfen. Aber das hat ja uns geschmeckt! Das haben wir natürlich mitgenommen, natürlich auch für die anderen Landser. Dafür haben die uns wieder Geld gegeben.
Und Nichtraucher war ich auch. Da hab ich mir leicht getan. Da hab ich Zigaretten eingetauscht für Esswaren. Ist mir gut angestanden das Nichtrauchen. Wirklich.
Ach, ja, wegen der Fahne! Hab ich dem gesagt: „Hans! Mich hat ein Kanadier angeredet, der will unbedingt eine Hakenkreuzfahne. Als Souvenir, nicht?" Sagt er: „Hakenkreuzfahne?!" Und der ist mit einem Mädl (Mädchen) gegangen, einer Ostfriesin. „Du, weißt du was? Von meinem Madl", hat er gesagt, „der Vater war bei der SA. Die haben so eine Armbinde. So eine Hakenkreuz-Binde, so eine breite. Vielleicht hat er die noch." Na, und dann, wie er zum Madl (Mädchen) gefahren ist, hat er ihn gefragt. Hat der die wirklich versteckt gehabt. Da war ihm wahrscheinlich leid drum, daß er das vernichtet. Hab ich ihm gesagt: "Weißt du was, die trennen wir auseinander und die soll sie (die Freundin vom Hans) bügeln. Und ich geh zu dem Kanadier - tausend (!) Zigaretten hat mir der gegeben. Für die „Fahne"! Na ja, war ja ohnedies wie eine Fahne, aber das war nur so eine Armbinde, wie ich sie da oben (zeigt auf ein Foto) habe. Eine Armbinde, so breit, und ein schwarzes Hakenkreuz. Der hat eine Freud gehabt! Wir haben auch eine Freud gehabt, tausend Zigaretten! Da hab ich was gekriegt dafür!
Tschick haben wir auch gesammelt. Das Schwarze weggeschnitten. Die haben Zigaretten angeboten, die Kanadier. Wenn sie gesehen haben, daß du Nichtraucher bist, da hast du keine mehr gekriegt. Da haben wir also immer zwei Zug gemacht, und dann haben wir sie verschwinden lassen. Wir haben nur ein paar mal angezogen und haben sie wegg´haut. In der Kaserne hab ich die dann zusammengesammelt, hab das Schwarze weggeschnitten. Und dann hab ich sie in so englische Dosen oder was hineingegeben. Dafür hab ich 80 Mark gekriegt! Für so eine Dose mit Tabak!
Ein Fetzen in Rot-weiß-rot
1946, im Mai, da sind wir heimg´fahren. Ich war der einzige Österreicher in der Kompanie. 7000 Mann sind wir zusammengekommen auf einem Flugplatz (Anmerkung: in Wittmont in Ostfriesland, Nähe Wilhelmshaven) und sind da im Hangar zusammen gewesen, im Stroh. Daneben waren Bauern. Eines schönen Tages ist da ein Lazarettzug gestanden.
Da (nach Kriegsende) hat man wieder sagen dürfen, wir sind Österreicher,
zuerst waren wir nur Ostmärker.
Ich hab da von einem Bauern – ich weiß auch nicht, was das war – von einem Bauern hab ich da einen Fetzen bekommen, aber der war rot-weiß-rot. Und den hab ich beim Lazarettzug beim Fenster da – i bin im oberen Stock gelegen – und hab die „Fahne", den Fetzen halt, rot-weiß-rot, beim Fenster eingezwickt und hab sie hinaus hängen lassen.
Und wie wir nach Göttingen gekommen sind, die Stadt war ganz ausgebombt, da sind wir stehen geblieben. Warum weiß ich nicht. Das Gleis ist halt repariert worden. Das war eben so - immer wieder Aufenthalte, einmal da und einmal da. Da ist ein Gendarm dazu gekommen. Der hat gesagt, ich muß sofort die „Fahne" da entfernen. Und ich: „Was, „Fahne"? Das ist ja nur ein Fetzen. Das is ja nur ein Sack!" Rauh war das. Aber rot-weiß-rot. Wenn ich die „Fahne" nicht heruntergebe, hat er gesagt, verhaftet er mich.
Hab ich die „Fahne" also herunter gegeben. War ja keine Fahne. Na ja, ausgeschaut hat sie schon danach. Er hat gesehen, lauter Österreicher – und da hab ich sie weggeben müssen. …
Im Mai ´46 sind wir dann nach Haus gekommen.
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