|
|
Name : Maria-Theresia Kohlbeck-Kaltenbrunner
Geburtsdatum : 05. Juni 1923
Geburtsort/ Land : Wien
Beruf : Stenotypistin
Maria-Theresia Kohlbeck-Kaltenbrunner: „Po-li-tik, ein Wort, das im Duden steht, doch da schaue ich nicht hinein, denn schreiben kann ich das Wort, fehlerfrei. Po-li-tik, ein Wort, das im Fremdwörterbuch steht, und dort lese ich: griechisch-französisch, Beschäftigung mit der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten. Politisch ist gleich staatsklug, weitschauend, umsichtig.
Worauf beziehen sich diese Eigenschaften?
Großmutter sagte über Politik: ‚Früher hatten wir den Kaiser, heute haben wir den Präsidenten; für uns ändert sich nichts, zahlen müssen wir immer, so oder so.‘ Mein Vater drückte sich viel gröber aus, er behauptete, Politiker wären staatlich zugelassene Gauner, und dazu diene auch die Immunität. ‚Zu allem Überdruß wählen wir sie noch, und daher fühlen sie sich wie Herrgötter auf Erden.‘
Für mich ist Politik ein leeres Wort; mich erschüttert nur, was im Namen der Politik geschieht."
Angaben zum Leben vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg:
Maria-Theresia Kaltenbrunner, geboren 1923 in Wien, verbringt Kindheit und Jugend in sehr bescheidenen Verhältnissen, da ihr Vater 1924, mit erst 39 Jahren, als Eisenbahner in Pension geschickt wird. Er ist ein Opfer des Beamtenabbaues, zu dem sich die österreichische Regierung unter Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel zwecks Sanierung des Staatshaushaltes im Auftrag des Völkerbundes verpflichten mußte.
Im Alltag der Familie Kaltenbrunner spielt Politik nur eine untergeordnete Rolle. Die Mutter hält sich an das, was der Vater vorgibt, und dieser kommentiert das politische Geschehen nur selten, dann aber pointiert. Zum Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Österreich sagt er nur: „Die braune Brut hat uns gerade noch gefehlt."
Der Vater wird die wichtigste Bezugsperson von Maria. Den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich erlebt sie als Handelsschülerin, 1939 beginnt sie in der Stadlauer Malzfabrik als Stenotypistin und Buchhalterin zu arbeiten, 1942 wird sie dienstverpflichtet zur Luftfahrtforschung nach Leopoldau im Nordosten Wiens, wo sie in der Buchhaltung tätig ist. Im März 1943 wird sie nach Polen zum Torpedo-Waffenplatz Gotenhafen („Hexengrund") versetzt. Dort arbeitet sie als Schreibkraft in der Entwicklung und Erprobung des Lufttorpedos und lernt technisch zeichnen. In ihr Aufgabengebiet fällt auch das Überbringen der in ihrer Abteilung entwickelten Steuerungsunterlagen nach Wien.
Sie, die von sich sagt: „Ich bin mehr Beobachter der Ereignisse" erlebt den Krieg ohne Angst. Ihr Lebensmotto: „Angst ist in meinem Lexikon ein Fremdwort." Der Familienname Kaltenbrunner entpuppt sich während des Krieges als eine Art Schutzschild für ihren Vater und sie. Beide neigen dazu, das zu sagen, was sie sich denken, und geraten dadurch mitunter in gefährliche Situationen. Da sich so mancher aber nicht sicher ist, ob sie nicht doch mit dem SS-General Kaltenbrunner verwandt sind, läßt man sie ungeschoren.
Im Jänner 1945 wird, auf der Flucht vor den Russen, der gesamte Torpedo-Waffenplatz zum Seefliegerhorst Lübeck-Travemünde verlegt, mit dabei Maria Kaltenbrunner, die zu Kriegsende in englische Kriegsgefangenschaft gerät.
Die von den Deutschen in Anbetracht des verlorenen Krieges in der Trave versenkten Lufttorpedo-Unterlagen werden von den englischen Besatzern gehoben, und Maria Kaltenbrunner muß in der Gefangenschaft für die Royal Navy die vom „Hexengrund" stammenden Unterlagen (Schriften und Pläne) ins Englische übersetzen.
Im August 1945 wird sie in Lübeck-Travemünde aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, bleibt aber dort, weil ihr die Rückreise nach Wien unmöglich erscheint, und beginnt als Hilfskraft in der NAAFI-Kantine der Royal Army zu arbeiten. Erst Ende 1945 gelingt es ihr über Umwege, ihre Eltern darüber zu informieren, daß sie lebt und daß es ihr gut geht. Im Juni 1946 fährt sie schließlich mit einem Urlaubsschein zurück nach Wien und bleibt dort auf dringenden Wunsch der Mutter.
Da sich alle ihre Arbeitszeugnisse in Lübeck-Travemünde befinden, muß Maria Kaltenbrunner in Wien einen Überbrückungskurs besuchen, um ihre Qualifikation als Bürokraft erneut bescheinigt zu bekommen.
Im Jänner 1947 beginnt sie im Bundesministerium für Inneres zu arbeiten und bleibt dort bis zu ihrer Pensionierung im Juni 1979.
Maria-Theresia Kohlbeck-Kaltenbrunner war 43 Jahre verheiratet und hat drei Töchter. Ihr Hobby ist die Literatur, seit dem Ableben ihres Mannes im Jahr 1992 schreibt sie Kurzgeschichten.
Maria-Theresia Kohlbeck-Kaltenbrunner: „Krieg... da fällt mir wieder mein Vater ein, der war auch gegen den Krieg und der hat immer gesagt: ‚Wenn der, der die Kriegserklärung unterschreibt, an vorderster Front stehen müßte, er würde seinen Bleistift weglegen.‘"
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
„Angst war in meinen Lexikon ein Fremdwort"
Prolog
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Ich war immer gewohnt, alles zu sagen, was mir spontan eingefallen ist.
„Ich stamme aus ganz ärmlichen Verhältnissen."
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Ich heiße Maria Kohlbeck, mein Mädchenname war Kaltenbrunner, und ich bin am 5. Juni 1923 in Wien geboren. Also, ich komme aus ganz bescheidenen Verhältnissen, meine Ferien habe ich fast ausschließlich bei meiner Großmutter am Bauernhof im Weinviertel verbracht. Ab meinem zehnten Lebensjahr habe ich die Ferien dann in einem Kinderheim verbracht, in Rohrbach an der Gölsen. Ich habe nur Volksschule, Hauptschule und Handelsschule besucht, während der Volks- und Hauptschule war ich Klosterschülerin.
Ruth Deutschmann:
Wie alt waren Sie da und wie ist es dann mit Ihnen weitergegangen?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Vierzehn. Da war ich vierzehn, dann zwei Jahre Handelsschule, dann habe ich angefangen zu arbeiten, na, und dann war eh schon der Krieg. Und, im Krieg habe ich zuerst in einer Lebensmittelfirma gearbeitet, von dort wurde ich dienstverpflichtet zur Luftfahrtforschung nach Leopoldau. Dort war ich kurze Zeit... und über kurz oder lang hat man mich weiter dienstverpflichtet nach Polen, nach Gotenhafen.
Kindheit in den 30er-Jahren
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
...aber bis ich zur Schule gekommen bin, war ich fast ausschließlich bei der Großmutter, mit den Eltern. Denn wie ich ein Jahr alt war, ist mein Vater (Anmerkung: mit 39 Jahren) in Pension geschickt worden. Das war da mit dieser Seipel-Doktrin, da hat man die Eisenbahner so stapelweise in Pension geschickt, nicht wahr (räuspert sich). Natürlich hat es uns geholfen bei der Großmutter zu sein, die Pension von meinem Vater war winzig klein, und wenn wir bei der Großmutter waren, haben wir ja praktisch umsonst gelebt, und die Pension haben wir uns aufheben können.
Februar 1934: Bürgerkrieg in Österreich
Ruth Deutschmann:
Stichwort Februarrevolte: Haben Sie Erinnerungen daran? Wurde da daheim darüber geredet oder...
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Ich habe nur insofern Erinnerungen (räuspert sich), daß keine Schule war und ich mit meinem Vater am Boden oben gewesen bin, und da haben wir diese Leuchtspuren gesehen, wie der Goethe-Hof beschossen wurde... wir waren in Stadlau, und da hat man nach Kaisermühlen hinüber gesehen...
Und (räuspert sich), also, es war schöner am Boden oben als in der Wohnung, weil wenn man in der Wohnung beim Fenster raus geschaut hat, dann hat man gesehen, wie sie immer wieder auf Tragbahren Leute durch die Gasse getragen haben. Weil es war daneben die Bahn, und da sind auch welche umgekommen. Wie das ganze (Anmerkung: die Revolte) zugegangen ist, ich weiß es nicht.
Juli 1934: Tod von Bundeskanzler Dollfuß
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Diese Begräbnisfeierlichkeiten habe ich im Kinderheim mitgehört. Da sind wir ja alle dann im Speisesaal gesessen und haben Radio gehört... Nein, in unserer Familie hat es keines (Anmerkung: kein Radio) gegeben...
Ruth Deutschmann:
Hat man mit dem Bundeskanzler ein Bild verbunden, hat man ihn als Kind, als Jugendliche in Ihrem Alter, Sie waren damals elf Jahre alt, wahrgenommen?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
An sich nicht. Ich habe nur gewußt, meine Mutter und der Bundeskanzler sind gleich alt. Das war alles, was ich mit dem Bundeskanzler in Verbindung gebracht habe... (Anmerkung: Dollfuß war Vater. Sein Tod regte Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner damals als Kind zur Feststellung an:) Meine Mutter will ich eigentlich nicht verlieren...
Ruth Deutschmann:
Und das Lehrpersonal in der Schule, ist das auf den Tod von Bundeskanzler Dollfuß eingegangen?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Nein, eigentlich nicht, nein. Das ist so sang- und klanglos vorbeigegangen, es ist eigentlich nichts gewesen... Er hat auch zu wenig Eindruck auf mich gemacht, (räuspert sich). Mich hat diese Februarrevolte bei weitem mehr geprägt, weil wie ich dann in die Schule gekommen bin, hat es Kinder gegeben, deren Vater tot war, und das hat mich mehr erschüttert. Für mich war der Bundeskanzler, na mein Gott, irgendeine Person. Egal, ich habe mich damit noch nicht so sehr beschäftigt gehabt.
März 1938: Der Umbruch - „Hurra! und Trara!... mir war das wurscht!!"
Ruth Deutschmann:
Haben Sie die politische Situation wahrgenommen, wurde im Elternhaus darüber geredet oder bei Verwandten?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Es ist daheim kaum über Politik gesprochen worden. Kaum. Nein. Ab und zu hat der Vati irgendeine Bemerkung gemacht, aber, wie ich Kind war habe ich die gar nicht aufgenommen. Ich habe erst dann etwas bewußt wahrgenommen, wie der Umbruch war. Dann schon. Wie der Umbruch war, das hat mich dann irgendwie schon erschüttert, und wir haben auch in unserer Klasse Schülerinnen gehabt, die gleich am nächsten Tag in, was weiß ich, in BDM-Uniform in die Schule gekommen sind. Da waren drei, und die sind gleich mit der BDM-Uniform in die Schule gekommen, und „Hurra!" und „Trara!" – Mir war das wurscht... Ich habe das gar nicht so richtig wahrgenommen, weil, zu Hause ist wirklich kaum über Politik gesprochen worden.
Hitler in der Mariahilfer Straße: Ein Kaufhausbummel ist interessanter...
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
März ´38, Einmarsch der Deutschen beziehungsweise der Führer kommt: Da sind wir auch mit der Schule auf die Mariahilfer Straße gegangen, um den Führer zu begrüßen (räuspert sich). Nur bin ich nicht auf der Straße geblieben, man ist dann eh im Trubel verloren gegangen, sondern war in den Kaufhäusern auf der Mariahilfer Straße. Es war so wunderschön, beim Herzmansky zum Beispiel spazieren zu gehen: keine Leute, man hat sich alles anschauen können, keiner hat einen gefragt „Was willst du denn eigentlich?" Alle sind beim Fenster gestanden (Anmerkung: und haben auf den, unten auf der Mariahilfer Straße vorbeifahrenden Hitler geschaut), und wir sind zu zweit oder zu dritt im Kaufhaus spazieren gegangen. Wir haben eh gemerkt, wann wir wieder in die Schule zurück müssen... und dann ist man halt wie so ein verlorener Haufen wieder zurück in die Schule marschiert...
März 1938: Hitler spricht am Heldenplatz - die Eltern jubeln auch?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Nein, nein, meine Eltern waren überhaupt nicht begeistert (räuspert sich). Das wäre meinen Eltern gar nicht eingefallen, das wäre ja, was weiß ich, was für eine Straßenbahnfahrt gewesen, und dafür noch einen Fahrschein ausgeben? Nein, so viel Geld haben wir nicht gehabt (lacht). Auch nicht für den Zweck, für den Zweck schon gar nicht! Mein Vater hat sogar einmal eine Bemerkung gemacht und hat gesagt: „Na, die braune Brut hat uns gerade noch gefehlt!"
April 1938: Volksabstimmung zum Anschluß Österreichs - Nachbarn verschwinden...
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Ja. Und dann war diese, diese Volksabstimmung, und da hat mein Vater zuerst gesagt, er stimmt auch mit „Nein", und daraufhin hat meine Mutter gesagt: „Ich weiß nicht, ob man sich das überhaupt trauen soll." Und wie er dann zurückgekommen ist von dieser Abstimmung hat er gesagt: „Die war nicht geheim. Ich hab‘ das Gefühl gehabt, die Umschläge waren gezinkt."
Und am nächsten Tag ist ein Auto vorgefahren, nur weiß ich nicht, war das die SA oder SS, ob das Braune oder Schwarze waren, und haben ein Ehepaar aus unserem Haus, das mit „Nein" gestimmt hat und das auch offen zugegeben hat, abgeholt, und wir haben nie wieder was von ihnen gehört, waren verschwunden.
„Wir singen das nazistische Weihnachtslied!"
Ruth Deutschmann:
Sind Sie dann auch ein BDM-Mädchen geworden?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Man mußte! Man ist in der Schule gefragt worden, ob man beim BDM-(Anmerkung: Heimabend) war. Da habe ich eine ehemalige Schulkollegin gehabt, die dann so quasi meine „Führerin" gewesen ist, und Weihnachten hat sie gesagt: „Wir singen das Weihnachtslied." Haben sie angefangen zu singen „Hohe Nacht der klaren Sterne, die wie weite Brücken stehen", und ich habe ganz allein, ganz laut, darüber gesungen „Stille Nacht, heilige Nacht". Und da hat sie mich zur Rede gestellt. Habe ich gesagt: „Du hättest müssen sagen: ‚Wir singen das nazistische Weihnachtslied.‘ Wenn du sagst das Weihnachtslied ist das bei mir immer ‚Stille Nacht‘. Und das müßtest du auch wissen, denn du warst acht Jahre mit mir im Kloster." Und schon war ich in eine andere Gruppe versetzt. Aber es ist nichts passiert!
Ruth Deutschmann:
Wie hat das nazistische Weihnachtslied, wie hat der Text gelautet?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
„Hohe Nacht der klaren Sterne, die wie weite Brücken stehn über einer tiefen Ferne, drüber unsere Herzen gehen. Mütter, euch sind alle Herzen"... so ähnlich... „alle"... was weiß ich... „Sterne aufgestellt. Mütter, tief in eueren Herzen schlägt das Herz der ganzen Welt."
Ruth Deutschmann:
Und das wurde gesungen zur Melodie von „Stille Nacht"?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Ja, an Stelle von „Stille Nacht", aber das hat mir nicht gefallen. Und da war ich noch zu sehr Klosterkind, für mich war Weihnachten - „Stille Nacht".
„Ich deutsches Schwein kaufte bei einem Juden ein."
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Ach, ja, das war dann ´38: Also, ich glaube es war, wie ich von der Schule nach Hause gekommen bin. Da wollte ich noch irgendwie auf dem kleinen Marktplatz bei uns was holen, und da bin ich an einem Geschäft vorbei gekommen, an einem Textilgeschäft, das früher einem Juden gehört hat, oder war er noch da, das weiß ich nicht. (räuspert sich)
Jedenfalls bin ich dort vorbei gekommen, und da ist eine Frau gestanden, und der war ein Plakat umgehängt, und da ist drauf gestanden: „Ich deutsches Schwein kaufte bei einem Juden ein." (räuspert sich) Daneben ist ein SS-Mann gestanden, und jeder, der vorbei gegangen ist, den hat er dann aufgehalten, und der sollte diese Frau anspucken.
Und ich habe auch da wieder – Ich habe manches Mal einen Vorteil gehabt: Zum einen habe ich einen „guten" Namen gehabt in der Nazizeit - Kaltenbrunner, das war ein SS-General, aber ich habe mit ihm überhaupt nichts zu tun gehabt. Und dann war ich sehr klein.
Und wie er mir das gesagt hat, habe ich die Frau angeschaut, ihn angeschaut, und bin davon gelaufen. Aber er ist mir nicht nachgelaufen. Ja, das war auch ganz fürchterlich.
„Die Nazis machen noch mehr Pomp als der Kaiser."
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner
Für mich ist die Politik erst greifbar geworden mit so markanten Sachen wie Februarrevolte, Tod von Dollfuß, Einmarsch Hitlers. Aber dazwischen... es hat ja auch mein Vater nicht viel geredet über den Krieg. Das einzige, was er gesagt hat, da ist zum Beispiel einmal der Hermann Göring mit der Bahn gekommen und ist in die Lobau jagen gegangen, und das war das einzige Mal, wo mein Vater sich die Mühe genommen hat, sich einen von diesen nazistischen Politikern anzuschauen. Weil, er war ein Eisenbahner, und es war ja nicht weit, das war ja, was weiß ich... wenn’s zehn Minuten waren bis zum Bahnhof... So ist er zum Bahnhof marschiert, und sein ganzer Kommentar war, wie er zurückgekommen ist: „Der macht noch mehr Aufsehen, und die machen noch mehr Pomp als der Kaiser." An das kann ich mich auch noch erinnern. Und darum habe ich gedacht, ich glaube, der Kaiser war ihm fast mehr wert als das ganze... (Anmerkung: was dann später gekommen ist, 1. Republik, „Ständestaat", Anschluß an Deutschland)
Und zahlen müssen ja wirklich immer wir (Anmerkung: die „Kleinen"), das hat ja die Großmutter auch gesagt.
Die prügelnden Männer von der SS
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Dann hat man uns Kinder einmal schön brav (Anmerkung: halb gezwungen) zu so einer Rede geführt, und da hat da vorne so ein SS-Mann gesprochen, und ein paar Reihen vor mir ist ein junger Mann gesessen, und der ist dabei eingeschlafen. Und da sind gleich so zwei SS-Männer hin und haben ihn geschlagen, und er mußte sich an den Rand der Reihe setzen. Natürlich hat es nicht lange gedauert, ist er wieder eingeschlafen. Haben sie ihn wieder geschlagen und getreten und haben ihn so quasi, so halb gehend, halb schleifend aus dem Saal gebracht. Und da wollte ich natürlich aufspringen und hin rennen, ich war immer gewohnt, alles zu sagen, was mir spontan eingefallen ist, und da hat mich dann die Kollegin in die Rippen geboxt und hat gesagt: „Willst du auch zertreten werden? Setz dich nieder!"
Kriegsbeginn und dann Stalingrad
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Mein Vater hat gesagt: „Habe ich eh gewußt: Wenn er (Anmerkung: Hitler) die
Arbeitslosen braucht, rüstet er nur für den Krieg." Also, man hat das gar nicht richtig wahrgenommen. Es war, nein, es ist einfach so hingenommen worden. Oder genau so: Erst ein Sieg nach dem anderen, nicht wahr?
Und wie dann Stalingrad gewesen ist, dann hat mein Vater gesagt: „Na, jetzt ziehen wir uns zurück. Jetzt haben wir uns zu Tode gesiegt." Der hat immer nur so irgendwelche Sachen hingeworfen, aber in der Familie selber ist er darauf nicht richtig eingegangen.
„...die Nazis haben schon mit dem Krieg gerechnet."
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Ich hab‘ das Gefühl, die (Anmerkung: Nazis) haben – da gebe ich meinem Vater recht - die haben schon mit dem Krieg gerechnet, und das war dann schon alles vorbereitet. Weil sonst kann man das nicht in der kurzen Zeit... nein. Ich hab‘ das Gefühl, die haben schon mit dem Krieg gerechnet. Das war schon vorbereitet. Nur eines frage ich mich: Hat sich wirklich niemand was zu sagen getraut?
Aber in gewissem Sinn stimmt’s, ich wollte ja auch aufspringen, und die Schulkollegin hat mich in die Rippen gehaut und hat gezischt: „Willst du auch zusammengetrampelt werden?"... Und ich bin dann sitzengeblieben. Stimmt, ich bin sitzengeblieben, ich habe mich nicht mehr gerührt... Es ist schwer, man kann das nicht sagen.
Und es stimmt ja auch: Hat wer irgendwas lauter gesagt, war er nächsten Tag weg!... Sie sehen ja: Die (Anmerkung: Nachbarn) haben mit „Nein" gestimmt, nicht wahr, Sonntag stimmen sie mit „Nein", Montag werden sie abgeholt, und man hört nie mehr was von ihnen... So war das... Das muß von langer Hand irgendwie vorbereitet gewesen sein: Am 13. März marschiert der Hitler ein, am 14. März kommen drei schon in BDM-Uniform... Aber eigenartigerweise kein einziger Lehrer. Das kann ich mich jetzt auch erinnern: Lehrer ist keiner in Uniform gekommen. Die sind immer noch so in zivil gewesen wie vorher.
Die erste Arbeit
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Gearbeitet habe ich in der Stadlauer Malzfabrik, und dann bei „Graf Suppenwürfel". (Anmerkung: Auf dem Gelände war da noch die Firma) Dr. Wander, mit der Ovomaltine.
Begonnen haben wir um acht Uhr. Dann war, ich weiß nicht, war eine halbe oder eine Stunde Mittagspause, ich kann mich gar nicht mehr so richtig erinnern. Jedenfalls bin ich dann noch geschwind nach Hause gelaufen und habe gegessen, und dann bin ich wieder in die Fabrik zurück, und um fünf am Abend war dann Schluß...
Und dann war ja die erste Nazizeit, da sind dann so Sportfeste organisiert worden, und solches Zeugs, das ist aber nur, glaube ich, in Zusammenhang mit den Nationalsozialisten gewesen, weil es ist ja dann auch immer, was weiß ich, gesungen worden: „Deutschland, Deutschland über alles", zum Beispiel, nach der Melodie vom Haydn, was mich heute noch stört.
Es ist dann dort gesagt worden: „Das war immer die deutsche Hymne." Habe ich gesagt: „War nicht die deutsche Hymne, die habt ihr uns gestohlen. Haydn hat das komponiert für Kaiser Franz II. bzw. Franz I." Nicht?! Der hat ja - Franz II. war ja römischer Kaiser deutscher Nation, er hat die deutsche Kaiserwürde (verbessert sich) oder die römische Kaiserwürde zurückgelegt, war dann nur mehr österreichischer Kaiser, Franz I. Und für den ist die Hymne komponiert worden, da hat sie noch geheißen: „Gott erhalte, Gott beschütze unsern Kaiser, unser Land." Nicht? Und wir haben dann gesungen, in Österreich: „Sei gesegnet ohne Ende, Heimaterde wunderhold", nicht wahr.
Und die Deutschen haben mit derselben Melodie gesungen: „Deutschland, Deutschland über alles."
Sparen für einen Volkswagen
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Es hat in der Firma Nazis gegeben, die sind dann auch gleich zu einem gekommen: Da sollte man ansparen auf ein Auto, wenn der Krieg fertig ist, also zu Ende ist, daß man dann genug angespart hat, und dann bekommt man einen Volkswagen. Ein Großteil hat angespart. Ich habe gesagt, ich weiß noch gar nicht, ob ich einen Führerschein habe, wenn der Krieg aus ist. Und wenn der Krieg aus ist, kauf‘ ich mir alleine ein Auto. Da brauch‘ ich jetzt noch nicht sparen. Das hat man mir zum Teil übel genommen. Aber man hat es zur Kenntnis genommen...
Ich habe das Gefühl gehabt, nachdem mein Vater gesagt hat, er (Anmerkung: Hitler) braucht jeden Groschen und es gibt keine Arbeitslosen, weil die Leute für den Krieg arbeiten müssen, hab‘ ich so in meinen Gedanken gehabt: Das Ansparen ist auch nur für den Krieg, er (Anmerkung: Hitler) braucht das Geld...
Hab‘ nicht gespart auf einen Volkswagen. Hat eh keiner einen gekriegt.
Winterhilfswerk
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Ja, und dann haben wir auch fürs Winterhilfswerk sammeln müssen, und da ist man immer belobigt worden, wenn man viel mehr Geld gebracht hat, als (die Abzeichen) wirklich gekostet haben. Und da im Winter, war ja saukalt, so gut ausgerüstet waren wir natürlich nicht, und da habe ich dann eine Kollegin „erwischt", die genauso gedacht hat wie ich, wir waren uns beide einig: Als erstes sind wir zu unseren Chefs gegangen. Und statt daß die da, was weiß ich, 20 Pfennig reingeschmissen haben, hat uns jeder gleich fünf Mark gegeben. Habe ich mir ausgerechnet: Aha, fünf Mark, da kriegen wir so und so viele Abzeichen. Die habe ich dann in die Tasche gesteckt. Und so haben wir es gemacht. Und wie wir sie verkauft gehabt haben, haben wir von den Überschüssen immer nur ein bißchen was verkauft, und wenn wir genug gehabt haben, sind wir dann abliefern gegangen. Hat aber nie gestimmt! (lacht) Weil, wir haben immer etwas von dem Überschuß im Sack gehabt, damit wir schneller heim kommen. Damals haben wir es nicht erzählt, heute darf ich es erzählen! (lacht).
Karten und Marken
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
(seufzt) Eigentlich habe ich es nicht empfunden. Weil, zuerst hat meine Mutter eingekauft, und wie ich dann in der Militärdienststelle war, habe ich keine gebraucht. Und Kleiderkarten haben wir ja dann keine mehr gekriegt. Es hat ja auch für Kleider Karten gegeben, die „Kleiderkarte".
Man durfte ja nur so und so viel einkaufen zum Anziehen, also was man halt auf diese Karten gekriegt hat. So und so viel Stoff oder so und so viel das... und ein paar Schuhe und, und solches Zeugs...
Es hat auch Lebensmittel-Reisemarken gegeben. Und ich habe eine Tante gehabt, die hat in Marchegg so eine kleine Milchhandlung gehabt, und da hat sie ein bißchen Butter verkauft, ein bißchen Milch, vom Bäcker ein Brot und, und Honig, den sie selber geschleudert hat. Und wenn die so Reisemarken für Milch gekriegt hat, dann hat sie sie in einen Briefumschlag gesteckt und hat sie mir (nach Gotenhafen) geschickt. Hat sie gesagt: „Unser", wie hat der geheißen,... „Ortsvorsteher kennt sich eh nicht aus mit den Marken, der kommt gar nicht drauf, daß ich ein paar abgezweigt habe." (lacht) Also, so was hat es auch gegeben...
Wachsame Kollegen
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
„Stadlauer Malzfabrik", von dort bin ich dann dienstverpflichtet worden zur Luftfahrtforschung nach Leopoldau. Ich habe mich dort nicht wohlgefühlt.
Da habe ich wieder nur so ein bißchen Buchhaltung machen müssen. Was ich nicht so gerne gemacht habe. Ich habe lieber Stenogramme aufgenommen und die in Reinschrift übertragen. Mir hat es dort nicht gefallen... Hat mir meine Mutter ein Schmalzbrot mitgegeben, hat’s geheißen: „Der letzte Schmalz-Aufruf war vor drei Wochen! Wieso können Sie noch ein Schmalzbrot haben?" Hat mir meine Mutter ein Ei mitgegeben, hat es auch geheißen: „Der letzte Ei-Aufruf war vor drei Wochen." Dann habe ich einmal gesagt: „Na, hält sich ein Ei nicht drei Wochen?" Dann war Ruhe. Aber ich war ja dort nur von, ja, von Anfang Dezember bis März (Anmerkung: 1943). Es war ja nur ein Zwischenspiel.
Und dann war ich schon in Polen... Aber ich muß nebenbei bemerken, mich hat das gar nicht erschüttert, ich habe gefunden: „Na, schaust du dir halt ein bißchen was an, fährst du nach Polen."
Ruth Deutschmann:
Wer hat da darauf geachtet, ob Sie jetzt ein Ei oder ein Schmalzbrot essen?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Na, wer hat da drauf geachtet? (räuspert sich) Ein Herr und eine Dame sind bei mir im Zimmer gesessen. Der Herr hat sofort, wenn ich mein Brot ausgepackt habe, da haben wir keine Mittagspause mehr gehabt, da hat man nur sein Brot gegessen, da hat er gleich gesagt: „Wann war ..." Also, da habe ich gleich gehört: „Der letzte Aufruf von diesem Lebensmittel war dann und dann." Und es war dann so weit, daß ich gar nichts ausgepackt habe, und wenn es geheißen hat: „Essen Sie nichts?" Antwortete ich: „Ich habe gar nichts mitgekriegt." Aber ich habe es in der Tasche gehabt! – Hab’s nicht gegessen. Mir war diese Rederei zu blöd.
Ruth Deutschmann:
Was wollte der mit dieser Rederei bewirken? Sie einschüchtern...?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Nein, ich habe das Gefühl, er wollte damit irgendwie herausfinden, ob wir irgendwas vom Schwarzmarkt haben. Ob ich eine Quelle hab‘, wo ich was krieg‘, ohne Marken, na ja. In gewissem Sinn hat es gestimmt, weil wir haben ja die Verwandten am Land gehabt. Also, das Ei war bestimmt von dort, und nicht von der Lebensmittelkarte, das weiß ich bestimmt.
Verwandt mit dem SS-General Kaltenbrunner?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Dann bin ich... ja, Anfang März (Anmerkung: 1943) jedenfalls, an einem Freitag bin ich zum Herrn Direktor gerufen worden, und der hat so ein nettes Gespräch mit mir begonnen, über meine Familie, über dies, über das, denke ich mir: „Daß der so freundlich ist, da stimmt doch was nicht." Hat auch nicht gestimmt, weil er hat mich dann kurz darauf gefragt, ob ich mit dem SS-General Kaltenbrunner verheiratet bin, (verbessert sich) verwandt bin, und da habe ich eben darauf gesagt: „Nein! Mit so einer Verwandtschaft kann ich nicht dienen..." Das war am Freitag, am Samstag, wie ich wieder in die Dienststelle gekommen bin, habe ich einen Marschbefehl gehabt mit zwei Herren nach Gotenhafen in Polen. Und da bin ich dann eben auf den Torpedo-Waffenplatz Gotenhafen gekommen.
Ruth Deutschmann:
Damit ich Sie verstehe...
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Und das war der zehnte März (Anmerkung: 1943), weil ich mir noch gedacht habe, der Hitler ist im März einmarschiert, mich schicken sie dorthin, aber das hat ja schon der Cäsar erlebt: „die Iden des März." (lacht).
Ruth Deutschmann:
Kann das sein, daß Sie dorthin geschickt wurden, weil er ursprünglich geglaubt hat, Sie sind mit dem Kaltenbrunner verwandt?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Na, dann hätten sie mich höchstwahrscheinlich nicht geschickt...
Aber, in diese Firma ist dann ein Volltreffer (Anmerkung: von einem Bombenangriff) hineingekommen, keiner ist lebend herausgegangen, und ich war nicht mehr dort...
Der Name Kaltenbrunner als Schutzschild
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Mein Vater hat schon geschimpft (Anmerkung: über die politische Situation) und, wie soll ich sagen, meine Mutter hat sich, wenn mein Vater fortgegangen ist, hat sich meine Mutter gefürchtet, weil die hat immer eine Angst gehabt, daß er einmal was sagt, und sie ihn dann auch mitnehmen. Aber es ist ihm nichts passiert, ich glaube, die Leute haben irgendwie in Bezug auf den Namen nicht gewußt: Will der uns aushorchen, oder ist das sein Ernst. Also, der Name war ein Schutzschild.
Torpedo-Waffenplatz Gotenhafen
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Dann bin ich also zum Torpedo-Waffenplatz Gotenhafen gekommen... und dort habe ich als Stenotypistin gearbeitet, habe auch technisch zeichnen gelernt und bin sogar zwei oder dreimal, ich glaube, dreimal war ich auf Dienstreise in Wien. Also, die Arbeit war sehr interessant. Wofür der Torpedo entwickelt wurde, das ist wieder ein anderes Kapitel.
Stationiert am „Hexengrund"
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Gotenhafen war der polnische Hafen Gdynia. Das liegt östlich von Danzig. Nein, westlich von Danzig liegt das. Das ist ein so ein kleiner Einschnitt. Und ein Stück weiter von Gotenhafen, dort wo früher die Quarantänestation war, der Ort hieß Barbidole, auf Deutsch angeblich „Hexengrund", war diese Erprobungsstelle für diesen Lufttorpedo, der dort entwickelt und, was weiß ich, zum Teil auch fabriziert worden ist. Das war übrigens genau gegenüber von der Halbinsel Hela.
Also, die Steuerungsmodelle sind in Wien gemacht worden... Wir sind da immer hin und hergefahren (Anmerkung: um die gezeichneten Pläne nach Wien zu bringen). Und die Steuerung der Modelle ist dann eingebaut worden in diese Torpedos, und in der Nacht sind die (Anmerkung: die Crew vom Flugplatz „Hexengrund") mit diesen „Fieseler Storch" aufgestiegen, um das Torpedomodell zu erproben. Wenn es nicht funktioniert hat, ist es im Meer versunken, und da haben wir geschaut, ob es irgendeinen Lichtschein gibt während des Abwurfes. Man konnte die Steuerung so einstellen, daß sich der Torpedo im Wasser gerade, in Kreis- oder in Schlangenlinien fortbewegt. In Kreislinien, damit er dann ein Schiff erwischt, oder in Schlangenlinien, wenn ein Geschwader angegriffen werden hätte sollen.
Heute weiß ich auch nicht mehr alles so genau.
Kein Lebensplan
Ruth Deutschmann:
Welches Bild haben Sie als junges Mädchen, welche Vision haben Sie für Ihr Leben in dieser Zeit gehabt?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Ich habe einfach in den Tag hineingelebt. (räuspert sich) Was sollte ich für ein Bild haben, es war Krieg. Keiner hat gewußt, mehr oder weniger, was am nächsten Tag ist. Ich habe eigentlich mir wirklich nicht den Kopf zerbrochen... Und wenn man in Gotenhafen gesagt hat: „Genieße den Krieg, der Frieden wird bitter!", so hat mich das gar nicht interessiert. Und ein jeder wollte einen Freund haben, und ein jeder wollte heiraten, und wenn sie mich gefragt haben: „Na, willst du nicht heiraten?" Habe ich gesagt: „Wozu? Ich ärgere mich schon über mich, soll ich mich zusätzlich mit einem Mann auch noch ärgern? Das ist zuviel!"
Abstoßende SS-Männer
Ruth Deutschmann:
Wie haben denn auf Sie als junge Frau die Männer in Uniform, egal ob jetzt SA oder SS, gewirkt?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Überhaupt nicht. Mir waren die vollkommen wurscht. Mich hat,... im Gegenteil, mich haben die schwarzen Uniformen eher abgestoßen. Und da ist wieder dieses Beispiel: der schwarze Mann,... und du sollst die Frau anspucken, die mir nichts gemacht hat!
Eigentlich war ich noch zu jung...
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Und im Verhältnis zu den Mädchen (Anmerkung: Kameradinnen) war ich eigentlich noch zu klein, zu jung. Weil was die interessiert hat, hat mich nicht interessiert. Jede wollte ihren Freund haben, jede wollte ausgehen – war mir wurscht. Ich bin nach Danzig gefahren, bin da in den Kirchen herumgestiefelt und... habe mich für die Grenzziehung (Anmerkung: die alten Grenzen zwischen Deutschland und Polen) interessiert,... da ist noch ein Grenzstein gestanden in Zoppot (räuspert sich), nein, das war ja der polnische Korridor, Danzig war doch Freistadt, nicht?! So was hat mich interessiert. Das andere hat mich irgendwie nicht interessiert.
In meiner Gruppe war ich trotzdem angesehen (räuspert sich). Wir haben dann immer KHD-Maiden gehabt, „Kriegs-Hilfs-Dienst" heißt das, und die haben immer wieder gewechselt. Das waren zum Teil auch Polinnen, die wunderbar Deutsch gekonnt haben. Und da waren Maturantinnen dabei und so. Aber wenn Arbeiten zu verteilen waren, wenn irgendwas gewesen ist - habe alles ich gemacht, der Chef hat mir freie Hand gegeben.
Erlebnisse beim Hamstern während des Heimaturlaubes
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Aber gut, die haben sich ja auch nicht getraut. Die haben sich ja doch gar nicht getraut, einem was zu geben. Wenn man da was mitgenommen hat, dann hat man im Tascherl fünf Eier gehabt, das war schon das höchste der Gefühle. Und später war es doch so, wenn man in den Zug eingestiegen ist, hat doch der, der Gendarm kontrolliert, was man in der Tasche hat. Ja. Ja, und wenn er da was gefunden hat, hat er es einem weggenommen. Und da fällt mir auch ein. Das war... ja, ´43, glaube ich, im Dezember, war ich zu Hause und bin auch aufs Land raus gefahren, um meine Verwandten zu besuchen. Und da war gerade so eine Nachjagd, nicht wahr. Und da haben sie Hasenjagd gemacht, und der Hund von meinem Onkel, der hat mich ja unheimlich gut gekannt. Und (räuspert sich) wie ich wieder zur Bahn gegangen bin, mit einem kleinen Tascherl, da waren, glaube ich, vier Eier drinnen, mehr nicht, weil mehr habe ich mir ja nicht nehmen getraut, kommt der Hund mit einem Hasen, legt ihn mir vor die Füße, springt mir hinauf, schleckt mich ab und springt mir wieder hinauf und so. Der Onkel pfeift. Nein, er geht noch immer nicht, der Treff, bleibt noch bei mir, ich habe ihn wieder gestreichelt, und sage: „Treff, nimm das Hasi, so geh doch, geh doch!" Na, der Onkel hat wieder gepfiffen, der Treff rennt weg und der Hase bleibt da liegen. Denke ich mir: „Den kannst du nicht auf der Straße liegen lassen, das ist doch eine ausgesprochene Sünde." Hab‘ den Hasen an den Beinen genommen, das kleine Tascherl, und bin zur Bahn marschiert, und der Gendarm hat kontrolliert.
Ich habe meinen Hasen so gehalten und habe mir gedacht: „So, jetzt komm her!" Und ich hab´ ihn angelächelt. Und er schaut mich an, mißt mich von oben bis unten, lacht auch, geht. Denke ich mir: „Na, zehn Minuten noch, dann geht der Zug. Bin neugierig, was passiert. Im letzten Augenblick wird er mir den Hasen wegnehmen." (lacht) Nichts ist passiert! Er ist dreimal an mir vorbeigegangen, ich hab‘ ihn angelächelt, er hat mich angeschaut, und ich habe ihn (Anmerkung: den Hasen) nach Hause gebracht. Und mein Vater hat sich riesig gefreut. Und nächsten Tag bin ich wieder nach Gotenhafen gefahren.
Leben am „Hexengrund"
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Die erste Baracke ist auf einer kleinen Anhöhe gestanden... das ist so eine Art Schlucht mit einer Straße gewesen, und wo die zu ende war, ist das Verwaltungsgebäude gestanden. Auf der einen Seite ist ein niedrigeres Bergerlgewesen, auf der anderen Seite ist ein unheimlich hoher Berg in die Höhe gegangen, da waren nur ebenerdige Holzbaracken. Und herunten waren Baracken, die waren unten gemauert und oben Holz. Sie waren ebenerdig mit einen Stock darüber, und die anderen waren nur mehr ebenerdig, also so echte Baracken. Und da sind vier Baracken so gestanden (Anmerkung: zeigt wie sie angeordnet waren), zuerst war ich unten, auf der kleinen Anhöhe, und dann bin ich da rauf auf den Berg gekommen.
Und am Berg da oben hat es mir eigentlich viel besser gefallen. Und dann war auch eine ganz andere, was weiß ich, „Führerin", die war immer daheim, und die hat sich nur darum gekümmert, daß die Zimmer in Ordnung sind, und nicht um die Spinde. Die erste (Anmerkung: „Führerin" von der ersten Unterkunft) hat sich ja auch da so blödsinnig verhalten und hat Spinde kontrolliert. Was mich eigentlich nicht interessiert hat, weil in meinem Spind war praktisch nichts drinnen, nur die Sachen, die man aufhängen mußte, und die Wäsche habe ich im Koffer gelassen. Weil es mir dort irgendwie nicht getaugt hat, nicht wahr. Und dann, da drüben (Anmerkung: in der neuen Unterkunft), war das ganz anders, mit der hat man reden können, und die hat gesagt: „Eure Spinde sind mir schnurzegal, ihr müßt euch ja damit zurechtfinden", und so...
Es war ganz anders. Mit der hat man reden können, die war nett und so.
Nahrhafte Briefe von daheim
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Wie ich in Gotenhafen war, hat mir meine Mutter immer was geschickt. Also alle, die eingerückt waren und so quasi Feldpostnummern und so weiter gehabt haben, haben etwas gekriegt, und meine Mutter hat dann für mich, ich weiß nicht, alle zwei Monate oder alle Monate, hat sie dann ein Glaserl mit einem halben Kilo Malzextrakt und ein ganz ein kleines Doserl mit Ovomaltine gekriegt. Und aus dem Malzextrakt hat mir meine Mutter Malzzuckerl gemacht, und die hat sie mir dann nach Gotenhafen geschickt. Meistens sind die verklebt angekommen, und nachdem,... in unserer Abteilung haben wir ja eine Klimakammer gehabt, und wenn dann irgend so ein Gerät erprobt worden ist, wo man Kälte gebraucht hat, dann habe ich mein Glaserl mit den Malzzuckerln dazu gestellt, weil dann sind sie wieder auseinandergefallen, dann waren sie genießbar (lacht).
Fliegerangriffe auf Gotenhafen
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Und dann sind die Fliegerangriffe gekommen. Also, es war eigentlich ein einziger Angriff auf Gotenhafen, und der war bei Tag... Ich bin dann nachher runter gefahren (Anmerkung: vom „Hexengrund" nach Gotenhafen), nach der Entwarnung, da sind dann ein paar Bomben gefallen, die Leute sind herum gerannt, wie so verschreckte Viecherln halt.
Und dann ist wieder Alarm gekommen, dann sind wir in so ein Wäldchen gelaufen, und da waren ein paar Leute, die waren, ich glaube, nur leicht verletzt... und ich dachte mir: „Na, da kann ich auch nicht bleiben."
Und wollte dann zu Fuß zurückgehen. Aber ich hab mich nicht ausgekannt... es stimmt: Wenn Sie so planlos daherrennen, kennen Sie sich auf einmal nicht mehr aus. Ich habe mich erst wieder ausgekannt, wie ich bei der Bahnlinie war, - nicht beim Bahnhof, den habe ich schon hinter mir gehabt - wie ich bei der Bahnlinie war habe ich gewußt, wie ich wieder zurückgehen muß.
Und dann war immer wieder Alarm, und meistens am Abend. Und dann mußten wir in einen Bunker gehen. Der war ein Stollen in den Berg hinein gebaut, links und rechts Bankerl, aber es war Licht drinnen. Und ich bin natürlich in diesen Bunker hinunter marschiert, Fotoapparat umgehängt, und ein Buch. War ja Licht, habe angefangen zu lesen. Die einen haben gebetet, die anderen haben gezittert und was weiß ich was alles – ich hab‘ gelesen. Hat eine gesagt: „Wie kannst du lesen, wenn draußen die Bomben fallen?" Sage ich: „Ich höre keine Bomben." Sie: „Na, sei ruhig, vielleicht hört man was!" Sage ich: „Gar nichts hört man." Sagt sie: „Jetzt kommen sie!" Sage ich: „Gar nichts hört man, weil, wir haben ja, was weiß ich wieviel Tonnen Erde über uns, und wenn da eine Bombe hineingeht, ist es uninteressant, wir kommen eh nicht mehr heraus." Sie: „Wie kannst du so reden?!"...
Und, habe ich wieder weitergelesen. Wieder sie: „Wie kannst du lesen?" Sage ich: „Wenn ihr eine Ruhe gebt – besser!" Na, und dann bin ich nicht mehr hingegangen und habe immer freiwillig Luftschutzdienst gemacht.
Und es bleibt ja da oben ungefähr bis zehn Uhr hell. Ich habe mich einfach vor der Baracke auf das Stiegerl gesetzt, habe mein Buch gelesen und habe auf die Entwarnung gewartet. Und die anderen waren im Bunker unten, ich war vielleicht zwei-, dreimal da drinnen, nicht öfter. Hat mich nicht interessiert: Nutzt das was?!
„Ich erschieße den Hund, ich erschieße den Hund!"
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Und das nächste, was mich so erschüttert hat, das war wie der Krieg fast aus war, wie ich in Gotenhafen war, und ein Soldat ist von seinem Urlaub nicht um zwölf Uhr oder was zurückgekommen, sondern erst um sechs Uhr in der Früh (räuspert sich). Der komische Kommandant dort hat daraufhin die Stubenkollegen dazu verurteilt, den zu erschießen, denn das ist Fahnenflucht. (räuspert sich) War ganz fürchterlich. Das habe ich nicht verstanden. Was hätte er denn von zwölf bis sechs Uhr gemacht? Doch überhaupt nichts. Und die, seine Kameraden, mußten ihn erschießen, und die Gemeinheit war, daß die (räuspert sich), daß die Soldaten aus der Stube daneben sich hinter denen aufstellen mußten, um, wenn einer nicht abdrückt, dann den zu erschießen. Solche Auswüchse hat es gegeben.
Und, bei den Soldaten dieser Stube, bei denen, die dahinter gestanden sind, war ein guter Freund von einer Kollegin dabei, und wie ich dann am Abend in die Kaserne (korrigiert sich) in die Baracke gekommen bin habe ich mir gedacht: „Was ist denn da für ein Lärm? Kein Mensch sagt was, daß da so ein Wirbel ist!" Und bin ich dem Lärm nachgegangen, und wie ich dort reingekommen bin, ist der (Anmerkung: der Freund der Kollegin) gesessen, hat so sich an die Brust getrommelt und hat gesagt: „Ich erschieße den Hund, ich erschieße den Hund!"
Und dann habe ich erst erfahren, was da wirklich passiert ist. Und er hat auch behauptet, die haben gesagt, es ist nur ein Gewehr geladen. Aber, hat er gesagt, man hätte am Rückschlag gemerkt: alle Gewehre waren geladen... Es war furchtbar. Na, und dann sind wir ja schon geflohen nach Lübeck-Travemünde.
Ruth Deutschmann:
Damit ich das verstehe: Wer hat das gesagt: „Ich erschieße den Hund, ich erschieße den Hund"?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Der, der Freund von der Kollegin. Weil der war in der Stube daneben und hätte sich müssen auch aufstellen, wenn der vorne nicht abdrückt, um den zu erschießen. Und der hat gemeint, er erschießt den Kommandanten, nicht? Und ich habe mir gedacht, also: „Das würde ich verstehen." Weil, wie kann man solche Befehle geben? Das war Ende ´44 oder Anfang ´45, also es war ja eh schon mehr oder weniger das ganze verloren. Aber es wollte ja niemand zur Kenntnis nehmen... Und dann sind wir geflohen im Viehwaggon nach Lübeck-Travemünde, von Gotenhafen nach Lübeck.
Flucht vor den Russen
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Die Zeit in Gotenhafen ist zu Ende gegangen, indem wir alles zusammenpacken haben müssen und haben flüchten müssen, weil die Russen vor Danzig waren.
Und da ist eine Kollegin von mir, sie war in meinem Zimmer, dann noch nach Danzig gefahren, und da haben sie die Russen erschossen. Die ist nicht mehr mit uns nach Travemünde gekommen. Haben die Russen erschossen. Ist nicht mehr zurückgekommen. Sie wollte noch einmal heim, weil sie war aus Danzig. Ist aber nicht mehr gekommen... (räuspert sich). Wir sind von Gotenhafen in Viehwaggons nach Lübeck gefahren. Da war unten Stroh, und dann war da so ein komischer Ofen,... Und wir haben dann am Rand die Koffer aufgestellt, damit es nicht hereinzieht. Und auf dem Stroh sind wir dann gelegen. Und mit dem Mantel haben wir uns zugedeckt. ´45, die Schneehaufen waren so hoch wie das Zimmer. War ein fürchterlich kalter Winter.
Und zum Essen haben wir gar nichts gekriegt, von Zeit zu Zeit hat es geheißen, es gibt warme Suppe, na, da sind wir dann mit dem Häferl gerannt, weil wir nichts anderes gehabt haben. Man hat nur Brot und irgend so ein Stückerl komische Wurst gekriegt. Nicht wahr? Das war schon alles.
Dann sind wir so fast drei Wochen im Viehwaggon herumgekugelt, bis wir dann endlich in Travemünde waren, und dann sind wir zuerst in Baracken gewesen, und da ist ja die Arbeit ganz normal weitergegangen, und da waren wir wieder „Erprobung", und da haben wir auch eine Klimakammer gehabt.
Die Klimakammer der Erprobungsstation als Waschraum
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Und nachdem wir nicht jedes Mal zum Waschen warmes Wasser gehabt haben, also in der Baracke, sind wir auf die Idee gekommen, die eine Kollegin und ich: „Wir gehen in die Klimakammer, da haben wir warmes Wasser, das stellen wir uns ein und da werden wir duschen, und da werden wir unsere Wäsche waschen, warten bis sie trocken ist, und marschieren wieder in unsere Baracke zurück." Na, gesagt, getan (räuspert sich). Wir haben uns geduscht, wir haben Wäsche gewaschen, wir haben natürlich nichts angehabt, und dann haben wir „Strickerln" gespannt, nur wir haben... dort gibt es auch eine Leine, wenn man an der zieht, gibt’s ein Alarmsignal in der Sanitätsstelle, weil wenn einem schlecht wird, muß man ja den befreien können. Und wir haben auf dieser Leine die Wäsche aufgehängt (lacht) und haben damit Alarm gegeben in der Sanitätsbaracke. Auf einmal sind drei Sanitäter vor der Tür gestanden, aber sie war zugesperrt, und wir haben gesagt: „Nein, nein, wir haben nur zufällig dran gezogen!" Konnten doch nicht aufmachen, wir haben ja nichts angehabt, konnten wir ja erst wieder anziehen, wenn es trocken war (lacht). Solche Sachen hat es auch gegeben. Aber komisch, mir bleibt immer nur das, was lustig ist, im Gedächtnis, das andere habe ich irgendwie vergessen.
Ruth Deutschmann:
Diese Klimakammer, welchen Sinn hat die gehabt?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Um zu erproben, bei welchen Temperaturen diese Geräte noch funktionieren. Und die konnte man natürlich auf kalt, auf warm und so weiter einstellen. Und da war immer warmes Wasser. Wir haben es dann schon noch einmal gemacht, aber da haben wir genau aufgepaßt, da haben wir dann immer ein Mascherl angebunden an diese Leine. Damit (lacht) wir nicht noch einmal auf die Idee kommen, was draufzuhängen.
Ein unnötiger Toter
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Und mit auf der Flucht war auch ein Kollege von unserer Gruppe, der hat dann Angina gekriegt, und bis wir in Lübeck waren, und bis der ins Krankenhaus gekommen ist, ist er gestorben... Das erste, was wir dort gemacht haben, war ein Begräbnis. Und das, muß ich auch sagen, das ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Und ich habe mir gedacht: „Herrgott noch einmal, was soll das alles? Nicht nur draußen fallen sie, nein, die Bomben müssen kommen, und dann muß der noch wegen nichts und wieder nichts sterben, weil man ja niemanden hat, der ihm helfen kann.
An einer Angina muß doch ein Mensch nicht sterben!
Kriegsende
Ruth Deutschmann:
Wie haben Sie Kriegsende erlebt?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Eigentlich war ich froh. Und ich kann mich erinnern, da ist dann im Radio durchgekommen „eine Sondermeldung von Berlin, eine Sondermeldung von Berlin!" Und da bin ich mir vorgekommen wie mein Vater, weil die anderen gesagt haben: „Ja, um Gottes Willen, was wird denn sein, eine Sondermeldung aus dem Führerbunker!" Und da habe ich gesagt, so wie mein Vater: „Na ja, vielleicht ist er in den Himmel gefahren..." Und da waren die dann ganz entsetzt, und dann ist aber wirklich die Meldung gekommen, er ist tot, und was weiß ich, die Eva Braun, und die sind halt alle tot. Na ja. Und ich weiß es nicht wieso, das habe ich so spontan gesagt, so wie mein Vater immer irgendeine Bemerkung gemacht hat, habe ich mir gedacht: „Na ja, Sondermeldung aus Berlin? Ist der Krieg aus? Ist er in den Himmel gefahren?"
Und bevor noch diese Sondermeldung mit Kriegsende gekommen ist, hat man noch von unserer Gruppe zwei Männer eingezogen zum Entsatz von Berlin. Aber sie haben es überlebt. Das war der Wiener und einer von Dresden.
In Kriegsgefangenschaft
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Und unmittelbar nach Kriegsende, da sind wir dann in Kriegsgefangenschaft geraten, dann waren wir insgesamt nur zwei (Anmerkung: die Englisch verstanden haben): Ich konnte ein bißchen Schulenglisch, und das eine Mädchen aus Köln, die war auch aus meiner Gruppe, wir waren die einzigen, die ein bißchen Englisch gekonnt haben, sonst hat niemand Englisch gekonnt. Na, und da haben wir dann immer mit den Engländern verhandelt, und die haben uns dann... so und so viele Mädchen, so und so viel Essen, und so und so viel das, und das haben wir dann von denen gekriegt. Und das war mehr oder weniger dann so, daß jeder irgendwohin arbeiten gegangen ist.
Und ich bin dann zur Royal Navy gegangen, und dann haben wir Leute abstellen müssen für so Erntehilfe und, was weiß ich, und dann haben wir auch irgendwelche Uniformen sortieren müssen, in irgendeiner Schule, und da war es dann auch so, daß wir beide uns eine Arbeit genommen haben, die unmittelbar in Travemünde war, wo man nicht mit dem Bus wegfahren mußte. Na, das hat natürlich böses Blut gegeben. Nach drei Wochen haben sie angefangen: „Ja, ihr nehmt euch immer die schönen Arbeiten, ihr fahrt nie fort." Habe ich gesagt: „Na gut! Dann verhandelst du mit den Engländern und wir fahren fort." Na ja, nur ist das nicht gegangen. Wir haben ja dann fast nie was zum Essen gehabt, weil die ja, die einen haben sich nicht bemüht, Deutsch zu reden, und die anderen haben sich nicht bemüht, Englisch zu reden, haben ja auch nicht gekonnt.
Na, das hat nicht lange gedauert, drei, vier Tage, dann „durften" wir wieder in Travemünde bleiben, und dann haben wir auch wieder Essen gehabt.
Die geheimen Lufttorpedo-Unterlagen der Deutschen in den Händen der Engländer...
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Außerdem, in der Gruppe war ein Salzburger, der hat die Übersetzungen gemacht, und da haben wir bei manchen Sachen, natürlich, miteinander geredet. Weil „Zug" und „Eisenbahn" ist halt ein Unterschied, nicht wahr? Und das kann ja bei solchen Sachen vorkommen, und „Hut" und „Zylinder" ist auch nicht dasselbe.
Ruth Deutschmann:
War waren das für Texte, die Sie übersetzt haben?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Bitte?
Ruth Deutschmann:
War waren das für Texte, die Sie für die Engländer übersetzt haben?
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Die Unterlagen vom Lufttorpedo. Genau mit den Zeichnungen, mit der Beschreibung und so weiter. Das ist versenkt worden in die Trave, und die (Anmerkung: Engländer) haben das wieder gehoben und herausgenommen, und es ist alles übersetzt worden.
Ruth Deutschmann:
Ah, das ist ja spannend! Das heißt, das, was Sie in Gotenhafen miterforscht haben, wo Sie mitgearbeitet haben...
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Ja.
Ruth Deutschmann:
...ist mit Kriegsende von den Deutschen versenkt worden.
Maria Kohlbeck-Kaltenbrunner:
Ja. Und die Engländer haben es wieder gehoben und haben alles übersetzt. Ins Englische. Und die Zeichnungen dazu, alles. Wo das dann hingekommen ist, das weiß ich nicht. Ich hab‘ ja dort nur gearbeitet.
Alle UrheberInnenrechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung, Verbreitung und öffentlichen Wiedergabe in jeder Form, einschließlich einer Verwertung in elektronischen Medien, der reprografischen Vervielfältigung, einer digitalen Verbreitung und der Aufnahme in Datenbanken, ausdrücklich vorbehalten.
|
|