Interviste austria
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  • Erika Nemschitz
  • Erwin Rudolf Mayr
  • Fredy Pietsch
  • Hatto Georg Scheer
  • Rautgundis Süß
  • Irma Trksak


  • Name : Erika Nemschitz

    Geburtsdatum : 08.01.1932

    Geburtsort/Land : Wien

    Beruf : Sekretärin, Hausfrau und Mutter

    Angaben zum Leben vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg

    Erika Nemschitz wurde am 8. Jänner 1932 als Tochter von Friedrich und Hermine Nemschitz im Wiener Arbeiterbezirk Simmering geboren. Der Vater war Halbjude, die Mutter trat vor Erikas Geburt zum jüdischen Glauben über. Es gelang der Mutter jedoch, ihren Glaubenswechsel während der gesamten Nazizeit zu vertuschen, sich als arisch auszugeben und konnte so Mann und Kind vor Verfolgung und Deportation bewahren.

    Nach dem Anschluß Österreichs an Deutschland wird die sechsjährige Erika plötzlich von früheren Spielkameraden als Jüdin beschimpft. Sie sieht, wie Wiener Juden die Straßen der Stadt von Parolen der Christlichsozialen unter Bundeskanzler Schuschnigg säubern müssen. Ihr Alltag ist von nun an geprägt von Hausdurchsuchungen, Hamsterfahrten ins Waldviertel, Bespitzelungen, der Not untergetauchter Verwandter, von Schleichhandel und der ständigen Angst vor Verhaftung.

    Am 25. September 1941 wird Erika Nemschitz der regulären Volksschule verwiesen und in eine sogenannte „Mischlingsschule" überstellt, in der nur nicht-arische Kinder, darunter auch vor 1938 getaufte Juden, unterrichtet werden. Immer wieder verschwinden Mitschüler, Lehrkräfte werden von der SA direkt aus dem Klassenzimmer geholt und abgeführt. Schon nach wenigen Monaten, am 11. Juli 1942, wird die „Mischlingsschule" geschlossen, Erika erhält anschließend vorübergehend von engagierten Schwestern des Wiener Herz-Jesu-Klosters Unterricht in Deutsch, Englisch und Mathematik. Am Heiligen Abend 1942 wird sie katholisch getauft - die Eltern hoffen, daß das Kind dadurch besser geschützt sei. Der Vater tritt aus dem selben Grund zu Ostern 1943 zum katholischen Glauben über.

    Erika Nemschitz erlebt die Bombardierung der Wiener Staatsoper und muß mitansehen, wie die Eltern am 4. April 1945 durch eine russische Splitterbombe schwer verletzt werden.

    Ab 1945 besucht sie eine Klosterschule und schließt 1947 nach Absolvierung der 6. Klasse Mittelschule ihre Ausbildung ab. Von 1951-´53 arbeitet sie als Sekretärin und übt bis 1956 verschiedene andere Tätigkeiten aus.

    Erika Nemschitz heiratet am 3. März ´56 und wird Hausfrau und Mutter. Sie hat zwei Kinder und vier Enkelkinder.

    Erika Nemschitz:

    Mit Mutters Hilfe durchgekommen

    Jud, Jud, spuck in‘ Hut

    Mein Name, mein lediger, war Erika Nemschitz. Ich wurde in Wien geboren am 8. Jänner 1932. Meine Eltern sind Friedrich und Hermine Nemschitz. Mein Vater war Halbjude, meine Mutter Arierin. Vater Jahrgang 1904, Mutter 1910, meine Mutter ist vor meiner Geburt zum jüdischen Glauben übergetreten - also im Grunde genommen bin ich Dreivierteljüdin.

    Ich habe mich eigentlich bis 1938 von den anderen Kindern überhaupt nicht unterschieden. Ich entstamme einer Arbeiterfamilie, und ich habe mit den anderen Kindern bei uns zum Beispiel im Hof gespielt, die Spiele die man seinerzeit eben gespielt hat, man hat gekocht und so weiter, und das ging bis zum 12. März ´38, und ab dem 13. (März ´38) war ich plötzlich ausgeschlossen, und zwar insofern, daß mir die Kinder nachriefen – ich weiß nicht, ob ich das so ausdrücken soll – also der Wortlaut war „Jud, Jud spuck in´n Hut und sag der Mutter das ist gut". Ich habe es nicht verstanden, man hat mir auch Steine nachgeworfen. Die Kinder waren ja nicht schuld an dem Ganzen, das war von den Eltern irgendwie initiiert. Und ab dem Zeitpunkt war ich irgendwie, zumindest im eigenen Haus, ausgeschlossen. Ich ging dann noch in die normale Volksschule, aber dort hat man das am Anfang anscheinend nicht zur Kenntnis genommen.

    Eingebrannte Bilder

    Der 12. März ´38. Da ist mein Vater nach Hause gekommen, also die Tage vorher war schon irgendwie Aufregung zu spüren. Aber ich kann mich noch erinnern, mein Vater ist dann nach Hause gekommen, ist auf den Sessel hingefallen, und was ich bei meinem Vater nie gesehen habe, er hat plötzlich geweint und er hat gesagt, es wäre alles aus. Mein Vater war Arbeiter und war immer für seine Arbeitskollegen auch da. Er hat unter anderem den Sparverein geleitet und war sehr beliebt bei seinen Kollegen, und das ist dann plötzlich eben anders geworden. Und ich kann mich nur an eines erinnern, daß ich mit meinem Vater und meiner Mutter bei uns auf der Hauptstraße gegangen bin an dem Tag, als die Juden die Straßen reiben (reinigen) mußten. Wir sind ja nicht aufgefallen, weil wir ja an und für sich als arme Juden nicht zur Kenntnis genommen wurden. Aber das zu sehen, das hat sich bei mir eingeprägt, und je älter ich werde, um so deutlicher werden diese Bilder.

    Also es müssen eben diese Tage nach dem 13. März gewesen sein, wo die Juden eben diese Zeichen von den Straßen wegwaschen mußten, zum Teil mit Handbürsten, Zahnbürsten, allem möglichen. Ich kann mich nur erinnern, ich bin mit dem Vater und mit der Mutter vorbeigekommen - wir haben uns mehr oder weniger vorbeigedrückt. Die Leute sind daneben gestanden und haben natürlich gelacht und ihre Bemerkungen gemacht, aber das ist mir eigentlich weniger zum Bewußtsein gekommen. Nur diese gebückten Rücken und dieses Reiben, ich hab´ es nicht ganz verstanden, das Verständnis ist mir eigentlich erst später gekommen.

    Hausdurchsuchung

    Einige Tage nach dem 13. März (Anmerkung: 1938) fingen ja diese Hausdurchsuchungen an, wo man versucht hat, eben alles, was an Wertgegenständen vorhanden war, mitzunehmen, und da kam unter anderem auch ein Bekannter (Anmerkung: in Zivil), also wir haben ihn gekannt, und es wurde Schmuck gesucht, wovon natürlich in einer Arbeiterfamilie nicht sehr viel vorhanden war, aber das Bisserl, was da war, das wurde auf dem Tisch plaziert, und die Mutter meiner Mutter ist zufällig gekommen, hat das gesehen und hat gefragt, was damit geschieht. Man hat ihr gesagt, also, das wäre konfisziert, und meine Großmutter hat festgestellt: „Das hat meine Tochter von mir bekommen." Nur war auf dem einem Armband der Zionstern drauf (als Anhänger), und der Bekannte hat gemeint: „Das auch?" Worauf meine Großmutter sehr geistesgegenwärtig sagt: „Nein, das ist vom Fritzl." – Also, Fritzl war mein Vater. Man hat dann den Stern abgezwickt, und so schnell konnten die nicht schauen, hat meine Mutter, (verbessert sich) nein, meine Großmutter mit einem Schwung den ganzen Schmuck in ihrer Schürze gehabt und war weg damit.

    Die (arische) Mutter war unser Schutz

    Meine Mutter war eine sehr energische Frau. Mein Vater war eine Seele von einem Menschen, und die Mutti hatte „die Hosen" an, und der Vati hat ihr gefolgt. Und zu der Zeit war ja die Mutti eigentlich der einzige Schutz, den wir hatten. Denn es war ja nicht bekannt, daß sie jüdisch getauft war. Meine Mutter war da sehr, sehr klug. Sie hatte auf ihrem Geburtschein... auf der Hinterseite war ihr Übertritt zum jüdischen Glauben vermerkt, und das erste, was sie gemacht hat, war, sie hat den Geburtsschein auf die Ofenplatte gelegt, (so) daß er brüchig geworden ist. Dann hat sie einen Leinenfleck genommen, hat einen Mehlpapp angemacht, hat den darauf gestrichen und den Geburtsschein draufgeklebt. Das habe ich erst abgelöst, wie meine Mutter bereits tot war, und das war im Jahr ´86, nein ´94.

    Und sie hat (ab dem Einmarsch) fest darauf bestanden, sie ist Arierin, und nachdem man es ja nicht nachweisen konnte - anscheinend wurden diese Unterlagen in der Kultusgemeinde entfernt – jedenfalls, man ist nicht darauf gekommen, daß sie eigentlich zum jüdischen Glauben übergetreten ist.

    Arierin, verheiratet mit einem Juden

    Man hat meiner Mutter unter anderem, man hat sie vorgeladen und hat ihr nahegelegt, sie soll sich vom Papa scheiden lassen und soll behaupten, ich wäre nicht sein Kind. Während der Zeit hat man einer deutschen Frau eher zugemutet, ein leichtes Mädchen zu sein, als eine anständige Frau. Meine Mutter hat natürlich gemeint, mein Vater ist ein anständiger Mensch, und wenn sie mit ihm bis ans Ende der Welt gehen muß und bei Wasser und Brot leben muß, sie würde ihn nie verlassen, und sie hat es auch nicht gemacht.

    Abtransport

    Na ja, es war eigentlich eine normale Ehe wie jede andere, allein schon, daß die Mutti beim Papa geblieben ist. Nur hat sie halt hin und wieder, wenn irgend etwas schief gelaufen ist... haben ihr die Nerven halt ausgesetzt, dann hat sie festgestellt (gedroht), sie würde das Gas aufdrehen, also Selbstmord begehen. Wenn der Papa nur irgend etwas gesagt hat, ein bisserl nur aufgemuckt hat, dann hieß es: „Ich dreh´ das Gas auf." Natürlich hat der Papa sofort wieder schön brav den Kopf eingezogen, und es war wieder Stille. Denn hätte die Mutti Selbstmord begangen, dann wäre das für uns gleichbedeutend gewesen mit dem Abtransport (dann hätte das für uns den Abtransport bedeutet).

    Nach ´45 hat die Mutti dann nicht mehr „das Gas aufgedreht" (mit Selbstmord gedroht), nur hin und wieder, wenn irgend etwas war, das ihr nicht gepaßt hat, fiel die Bemerkung: „Das ist der Dank für alles, was ich für euch getan habe." Und das habe ich jahrelang weggesteckt, der Papa hat natürlich auch nie was gesagt, mein Vater war überhaupt sehr, sehr schweigsam. Bis es mir einmal zuviel war und ich gesagt habe: „Mutti, dann hättest du uns verlassen. Dann hätten sie den Papa und mich vergast, und du hättest mit dem Wissen leben müssen." Und ab dem Zeitpunkt war dann eigentlich Ruhe. Vielleicht ist ihr selber gar nicht bewußt geworden, was sie mit dieser Bemerkung eigentlich anstellt.

    U-Boote der Familie

    Also mein Vater war durch meine Mutter geschützt, die ja „Arierin" war - unter Anführungszeichen. Und die älteste Schwester meines Vaters war ebenfalls, genauso wie die anderen Schwestern, mit Ariern verheiratet, und der Mann der ältesten Schwester ist dann gestorben. Und am nächsten Tag hat sie eine Verständigung bekommen, sie möge sich – ich glaube im 2. Bezirk irgendwo – melden, was die Tante natürlich nicht gemacht hat, sie ist sofort verschwunden und ist untergetaucht. Der Bruder meines Vaters, der ja noch ledig war, ist natürlich auch verständigt worden und ist genauso untergetaucht. Das waren die sogenannten „U-Boote" in der Familie, und die mußten natürlich immer wieder irgendwo Platz wechseln. Aber bei uns war es anders - also, wir waren durch die Mutti geschützt.

    Mutter haut bei der NSDAP auf den Tisch

    Was nicht immer ein Schutz war, denn man hat uns unter anderem auch die Wohnung gekündigt. Meine Mutter war damals mit mir im Waldviertel, und Papa ist nachgefahren. Damals konnte er Wien noch verlassen, was ja später nicht mehr möglich war, denn später durften wir ja mit unserer Kennkarte mit dem „J" darauf Wien nicht (mehr) verlassen. Wenn wir es verlassen hätten, hätten wir uns auf der Polizei melden müssen.

    Meine Mutter war im Waldviertel, Papa ist ihr nachgefahren und hat gesagt: „Mina", – also, das war der Name meiner Mutter -, „wir haben die Kündigung." Ich muß dazusagen, es war nur eine Zimmer-Küche-Wohnung, also kein Palais, keine Luxuswohnung. Meine Mutter ist nach Wien gefahren, ist auf die NSDAP gegangen, hat dort – bitte, ich weiß das nur aus den Erzählungen meiner Mutter – hat dort anscheinend auf den Tisch gehaut und hat festgestellt (gesagt), was sie sich denn eigentlich vorstellen, sie wäre Arierin und die Wohnung würde ihr gehören, worauf man sich bei ihr noch entschuldigt hat. Das sind so die kleinen Feinheiten, die es in dieser Zeit eben gegeben hat.

    Nachtbesuche während der NS-Zeit

    Ja, wir haben in einem Miethaus gewohnt – also wie gesagt, in einer Zimmer-Küche-Wohnung. Entlang der Straße war die sogenannte Stiege Nummer 1, und zur Stiege 2 und 3 ist man quer über den Hof gegangen. Und nachdem wir auf Stiege 3 gewohnt haben, ist, in der Nacht, wenn die Türe aufging, und wenn jemand über den Hof ging, mein Vater aus dem Bett gesprungen, hat sein Gewand genommen, ist bei der Tür raus und auf den Dachboden rauf. Ich habe mein Bettzeug schnell in die Couch hineingestopft und bin in das Bett von meinem Vater. Wenn jemand gekommen wäre, hätte die Mutti gesagt: „Der Papa ist am Abend nicht nach Hause gekommen." Wenn wir Glück gehabt haben, ist das in der Nacht einmal passiert, wenn wir Pech gehabt haben, ist das öfters geschehen.

    „Seien Sie vorsichtiger!"

    Das war der Anfang davon, und dann ist es eben... Der Vater war die erste Zeit bei der Firma Imperial Feigenkaffee beschäftigt, und das war er lange Jahre hindurch. In Schwerstarbeit Feigensäcke tragen - ist nicht gerade leicht. Und er muß dann irgendwann einmal irgendeine Bemerkung (über Adolf Hitler) gemacht haben, auf jeden Fall, man hat ihn angezeigt, er hat seinen Posten verloren und man hat ihn vorgeladen auf den Morzinplatz. Meine Mutter ist natürlich mit ihm hingegangen und hat ihn noch mit Zigaretten und allem möglichen versorgt und sich mit dem Satz verabschiedet: „Du weißt nichts, du hast nichts gesagt, und dabei bleibst du!" Mein Vater ist hineingegangen, und er hat das Glück gehabt, daß er einem Nazi gegenüber gesessen ist, der noch einen Funken Menschlichkeit gehabt hat, und nachdem mein Vater dabei geblieben ist, er wüßte nichts, er hätte nichts gesagt, hat er ihn nach einiger Zeit wieder entlassen mit der Bemerkung: „Sind sie in Zukunft vorsichtiger!" Mein Vater hat im nachhinein festgestellt, er hat sich vor dem Nazi weniger gefürchtet als vor der Mutti.

    Der „arisch" aussehende Jude

    Meinem Aussehen nach hat man mir ja nicht angesehen, daß ich Jüdin bin, genauso wenig wie meinem Vater, ganz im Gegenteil. Da ist etwas sehr Lustiges passiert: Meinen Vater hat man dann aus der Firma Imperial Feigenkaffee entfernt, er ist dann in einen sogenannten Judenbetrieb gekommen, und nachdem er sehr gut rechnen konnte, hat man ihn dann als Mitfahrer eingesetzt. Nur, sein Chauffeur (er war Arier), der hatte das, was man so landläufig ein jüdisches Ponem bezeichnet hat, den hätte man für einen Juden gehalten, meinen Vater allerdings nicht. Außer seinen Schneckerln war eigentlich an ihm nichts Jüdisches. Und wenn die unterwegs waren und man hat gesehen, es wäre Gefahr in Verzug, dann ist der Papa schnell aus dem Wagen hinaus, denn diesen Posten hätte er ja (Anmerkung: wegen seiner Abstammung) nicht ausfüllen dürfen. Na, und dann ist halt der andere (alleine) mitgefahren (gemeint: weitergefahren und zum Beispiel durch eine Kontrolle hindurch), aber der hat ausgeschaut wie ein Jude und mein Vater nicht.

    Und Papa hat ja natürlich, wenn er so unterwegs war, den Stern auch nicht getragen. Den hat er nur, wenn er in die Nähe des Hauses gekommen ist, sofort wieder irgendwie angesteckt.

    Judenohren

    Ruth Deutschmann:

    Sie haben mir erzählt, daß Sie auch fotografiert wurden. Wie ist das vonstatten gegangen?

    Erika Nemschitz:

    Wir wurden auf ein Amt bestellt, und da – ich habe einige dieser Fotos noch – da wurden wir zum Beispiel en face und dann von rechts und von links fotografiert. Da mußten die Haare hinter die Ohren gesteckt werden, damit man die Ohren sieht. Denn an den Ohren sieht man ja angeblich, ob man Jude ist oder nicht.

    Der „Platz der Deportierten"

    Die Leute haben sehr wohl manches gewußt. Wenn man oft so sagt: „Also wir haben überhaupt nichts gewußt", das kann ich mir nicht vorstellen. Denn man muß etwas gewußt haben, ansonsten wären ja die Leute nicht, wenn sie vorgeladen wurden, untergetaucht. Also ein Verdacht war auf jeden Fall vorhanden, auch wenn die Leute sagen, sie haben Verschiedenes nicht gewußt...

    Wenn man mit der Schnellbahn zwischen Simmering und dem Rennweg fährt, kommt man über den ehemaligen Aspangbahnhof, und auf diesem Aspangbahnhof wurden ja diese Judentransporte abgefertigt. Es gibt dort heute noch einen „Platz der Deportierten". Und entlang dieser Strecke gibt es Häuser, die noch aus der (Zeit der) Jahrhundertwende sind, und die Leute müssen ja etwas gesehen haben. Daß man die Leute, die man dort eingeladen hat – in der Art, wie man sie eingeladen hat – nicht zur Erholung gebracht hat, ich meine, das lag doch irgendwie auf der Hand. Mir hat nur jemand gesagt: „Na, die Leute haben sich nicht zu schauen getraut." Na ja, hinter heruntergelassenen

    Jalousien und hinter Vorhängen werden die Leute sehr wohl geschaut haben. Denn ich weiß nur eines:

    Mein Vater war dort bei dieser Firma „Wiener Papier" beschäftigt, und das waren Holzbaracken, und Holzbaracken haben bekanntlich Astlöcher, und durch ein solches Astloch konnte mein Vater den Abtransport dieser Juden beobachten. Und da ist er natürlich oft total verzweifelt nach Hause gekommen, aber man konnte ja nichts verhindern. Das Tragische an dem Ganzen war ja, daß die damaligen Kapos, also die, die diese Verladungen beaufsichtigt haben, sehr oft Juden waren, die gehofft haben, durch dieses Mithelfen das eigene Leben zu retten. Sie sind allerdings am Schluß genauso drangekommen.

    Du bist ein Mensch

    (lacht) Ah, mein Vater war, wie gesagt, bei dieser Firma „Wiener Papier" beschäftigt, und da waren Papierballen, die mit Holzbrettern und Metallbändern zusammengehalten wurden. Und diese Holzbretter hat der Papa mit nach Hause gebracht. Nicht zum Verheizen, sondern er hat sie glatt geschliffen, und dann hat er drauf gezeichnet: Enterln oder Teile von Puppenwägen. Die Enten wurden so zum Nachziehen gemacht, die Puppenwagenteile, die hat man dann zusammengesetzt, und ich hab´ sie dann mit einer Stricknadel mit Brandmalerei versehen dürfen. Meine Mutter hat Nüsse mit Stoff überzogen, und die Nahtstelle der Nuß, das war die Nase, das wurde bemalt. Dann war ein Körper, also ohne Hände und Beine, das war nur so ein Schlauch, und da haben wir Puppenbettzeug dazu (gemacht), (und) das (alles) waren Spielsachen für die Kinder.

    Die Freunde meines Vaters haben nur den Kopf geschüttelt, haben mehr oder weniger an der Zurechnungsfähigkeit meines Vaters gezweifelt, mit der Bemerkung: „Ja Fritzl, sag einmal, was fällt dir ein, die Leute quälen dich und du machst noch Puppen, Spielzeug für die Kinder?!" Es war nämlich für die Kinder der eingerückten Soldaten, aber mein Vater hat gemeint: „Die Kinder können ja nichts dafür." Mein Vater (hat) immer gemeint: „Wenn du im Leben auf alles vergißt, vergiß auf eines nicht: Du bist Mensch", und das ist für mich Evangelium. Ich hab´ auch meine Kinder in der Weise erzogen: Als erstes sei Mensch, als zweites sei Österreicher, und als drittes kannst du einer Partei oder einer Religionsgemeinschaft angehören, das ist aber erst drittrangig, das wichtigste ist, du bist Mensch.

    Stiller Handel

    Das Kriegsgeschehen - wir haben die Bombenangriffe genauso miterlebt wie die anderen, nur mit dem Unterschied, daß der Papa nicht in den Keller durfte. Und nachdem wir ja auf unsere Lebensmittelkarten nichts bekommen haben – also, nichts ist gut gesagt, die andern haben auch nicht allzuviel bekommen, aber bei uns war‘s von dem Wenigen noch weniger. Zum Beispiel haben die „normalen" Kinder einen Viertelliter Vollmilch pro Tag bekommen, und ich hab ein Viertel Magermilch bekommen, das war der Unterschied. Und wir hatten einen speziellen Fleischhauer im Bezirk, dort hätten wir hin und wieder Fleisch bekommen, das aber natürlich auch nicht mehr ganz einwandfrei war. Worauf die Mutti natürlich verzichtet hat, und da kam dann eben dieser stille Handel zum Tragen.

    Mein Vater hatte zum Beispiel einen guten Freund, man hat auch während dieser Zeit noch gute Freunde gehabt, und der war in St. Marx beschäftigt, und von dem haben wir das sogenannte „Bandlfett" bezogen, das ist Fett, das zwischen den Eingeweiden der Tiere ist. Das wurde dann ausgelassen zu Hause, das Fett hat dann ein Bekannter bekommen, der hat wiederum Möglichkeiten gehabt, dafür Zuckerl zu bekommen, und der nächste, der in der Reihe war, der hat wieder mit Kunstseidenstrümpfen gehandelt, und so war das ein Ring, rund, und ein bisserl was ist immer hängen geblieben, und damit konnte man leben.

    Fliegeralarm

    Und da ist mit diesem „Bandelfettauslaß" etwas sehr „Lustiges" passiert. Nämlich von wegen lustig. Es hat bereits die Fliegeralarme gegeben und die Angriffe auf Wien, und die Leute sind, solange die Bomben noch nicht gefallen sind, im Hof gewesen. Und in der Nacht ist meine Mutter natürlich auch schön brav dabei gestanden, und auch ich war unten. Ich durfte mitkommen, nachdem ich mit der Mama gemeinsam (zusammen) war, nur der Papa nicht. Der Papa ist in der Wohnung gestanden und hat schön brav das Fett ausgelassen, und das hat man natürlich im ganzen Haus gerochen. Plötzlich (Erika Nemschitz macht das Aufziehen mit der Nase nach) haben die Leute zu schnuppern begonnen: „Da laßt aner Fett aus." („Da läßt jemand Fett aus.") Meine Mutter ist daneben gestanden und hat ebenfalls zu schnuppern begonnen und hat das bestätigt: „Ja, da muß einer Fett auslassen, ja, aber wer das wohl ist?" Und auf diese Art und Weise hat man das Ganze irgendwie über die Runden gebracht.

    Mein untergetauchter Onkel war von Beruf Pferdefleischhauer, und der war bei einer Frau im 3. Bezirk in so einem Parterrehäuschen untergetaucht. Die hatte ein leeres Zimmer, und dort hat man zum Beispiel Pferde hineingeführt, und mein Onkel hat in diesem Kabinett diese Pferd geschlagen, also er hat´s betäubt, (getötet), und dann wurde das Pferd zerlegt, und da haben wir halt dann mit Pferdefett (gekocht). Das hat wie Gänsefett geschmeckt, und wir haben während dieser Zeit – na ich kann annehmen, es waren zwei gute Gespanne, die wir während dieser Zeit verspeist haben.

    Nicht würdig für den deutschen Gruß

    Mein Vater und ich, wir hatten Kennkarten, die haben wir alle bekommen, nur: die Arier hatten vorne am Deckblatt den Reichsadler darauf, und die Juden hatten statt des Reichsadlers eben das „J". Das ist auch einer der Punkte, (wo es hieß,) daß wir nicht würdig waren. Ich wurde unter anderem auch zur BDM befohlen, aber nachdem ich ja den deutschen Gruß nicht sagen durfte, aufgrund meiner Abstammung, war ich vom BDM dann befreit. Und in diesen „J"-Ausweis mußten die Erwachsenen außerdem ihre Fingerabdrücke geben. Bei mir, in meinem Ausweis, den ich ja noch immer besitze, steht drinnen: „Noch nicht 10 Jahre alt."

    Der zweite Vorname

    Wir haben ja unter dieser Zeit noch einen zweiten Taufnamen bekommen. Es hat dann natürlich zu Hause hin und wieder so Situationen gegeben, wenn ich halt irgendwie ein bißchen vorlaut war, oder frech war, dann hat es passieren können, daß der Papa gemeint hat: „Sarah, du bist schon wieder vorlaut." Worauf ich dann gemeint hab: „Ich weiß es, Israel." Also, wir haben uns darüber etwas lustig gemacht.

    Ich trug den Stern

    Nicht nur mein Vater, auch ich mußte den Stern tragen. Der wurde uns überreicht, das muß irgendwo im 2. Bezirk gewesen sein, denn ich kann mich noch erinnern, ich bin mit meiner Mutter damals auf der Schwedenbrücke – der O-Wagen ist damals über die Schwedenbrücke gefahren – und ich bin dort gestanden, ich war circa neun Jahre alt, und hab´ durch diese Gitterstäbe hinunter ins Wasser (in den Donaukanal) geschaut und hab zu meiner Mutter gesagt – ich kann mich daran noch wirklich sehr genau erinnern – und hab´ zu meiner Mutter nur gemeint: „Mutti, es wäre besser, ich würde da reinspringen. Du hättest dann weniger Sorgen."

    Heute weiß ich, wie weh ich meiner Mutter damals mit dieser Bemerkung getan haben muß. Wir sind dann mit dem O-Wagen gefahren, und ich hatte bereits den Stern. Der wurde mir natürlich gleich angesteckt. Im O-Wagen - meine Mutter wollte mich natürlich irgendwie schützen und hat mich zu sich genommen - da war eine Nazisse, und die hat irgendwie geglaubt, sich ihr Mütchen kühlen zu müssen, und hat gemeint, ich soll aus der Straßenbahn raus. Es hat damals aber auch Menschen (mit Rückgrat) gegeben, ich kann mich erinnern, da war ein Mann, der hat nur gesagt, also, was sie eigentlich will, einem Kind so etwas anzutun. Und nachdem sich die anderen Leute auch gegen sie gestellt haben, ist sie bei der nächsten Station ausgestiegen, und ich konnte dann eigentlich unbehelligt nach Hause fahren.

    Mein Vater hat ihn (den Stern) zur selben Zeit bekommen, allerdings ist er allein dort hingegangen. Ich war ja ein Kind, ich konnte ja alleine nicht gehen, die Mama ist mit mir gegangen. Wir mußten den Stern natürlich dann tragen, unsere Hausparteien haben sehr genau darauf geachtet, daß wir (mein Vater und ich) ihn auch ja tragen. Und meine Mutter, wenn sie mit mir unterwegs war – sie hat als Schneiderin den Stern schön brav gefüttert, damit er ja nicht ausfranst, und er war mit einer Sicherheitsnadel befestigt – hat mir den Stern, so wie wir um das nächste Eck waren, sofort heruntergenommen.

    Wann trägt man den Judenstern?

    Das ist noch so eine heitere Episode, und zwar – „heiter", ich weiß nicht, ob es „heiter" ist, aber da ist dann im Jahr ´45 die Frage aufgetaucht: Wann darf man einen Stern tragen, und wann muß man ihn tragen? Denn im Jahr ´45, wie die Russen gekommen sind, ist meine Mutter in ihrer Angst, daß ich zu dem, was ich in den Jahren ´38 bis ´45 mitgemacht hab´, eventuell jetzt auch noch zu Schaden komm‘, auf die Kommandantur gegangen. Ich muß dazu sagen, meine Mutter und mein Vater sind am 4. April 1945 durch Splitterbomben sehr schwer verwundet worden. Die Mutter hat die Hand auf so einem Gestell in der Höhe gehabt, man hat ihr einen Splitter aus dem Handwurzelknochen entfernt, sie hat sich aber trotzdem nicht aufhalten lassen und ist in die Kommandantur (gegangen), hat einen Dolmetsch verlangt und hat dort gefragt, also, was sie machen kann, um mich zu schützen? Und da hat ihr der Kommandant eben sagen lassen, sie soll mir den Stern wieder anhängen. Worauf sich die Hausparteien furchtbar darüber aufgeregt haben. Während des Krieges waren sie sehr darauf aus (haben sie sehr darauf geachtet), daß ich ihn trage, und da haben sie sich plötzlich aufgeregt darüber, daß ich ihn getragen habe. Also da hätte ich ihn heruntergeben sollen. Daher die Frage, wann darf und wann muß man den Stern tragen.

    Eine super Nazisse

    Zu Beginn der 4. Klasse ist plötzlich eine Lehrerin hereingekommen, die war bei uns in der Schule bekannt als – na ja ich nehme fast an, daß sie Blutordensträgerin war, denn sie war eine super Nazisse. Sie hat mich vorher schon einige Male irgendwie (schikaniert). Ich hab´ ganz gut ausgesehen, also gut genährt, was ja damals nicht mehr ganz so üblich war, und da wollte sie schon irgendwie drauf kommen (wissen), wovon wir denn leben würden. Irgendwie war ich schon vorgewarnt und hab´ gesagt: „Na ja, von Knödeln, Nudeln und Nockerln." Und damit war diese Angelegenheit erledigt... aber ich war noch dazu die Klassenerste – damals ein Pech für mich.

    Und da ist sie in der Früh hereingekommen, und nachdem wir uns alle nach dem Gruß niedergesetzt haben, hat sie mich aufgerufen und hat dem Sinn gemäß, die Ausdrucksweise war wahrscheinlich nicht genau so, festgestellt, ich möge die Klasse verlassen, ich wäre nicht würdig, mit arischen Kindern in die Schule zu gehen. Ich habe meine Sachen gepackt und bin natürlich raus bei der Tür, und wie ich über die Treppen heruntergegangen bin, ist der Direktor der Schule, der ebenfalls Parteigenosse war, dagestanden, hat mich zu sich gewunken und hat mich getröstet. Er hat mich sehr gern gehabt. Er hat mich getröstet und hat gesagt, auch das würde vorbeigehen. Und das zu einer Zeit, wo eigentlich nicht abzusehen war, daß das je vorbeigehen würde.

    In der Mischlingsschule

    Ich wurde dann überstellt in eine sogenannte Mischlingsschule, und dort wurden unter anderem aus den Klassen auch Lehrkräfte von der SS abgeholt. Und es ist plötzlich passiert, daß Kinder nicht mehr in die Schule gekommen sind. Da kann ich mich an einen Schulkollegen noch sehr gut erinnern, es war ein kleines, ganz, ganz – man würde heute sagen, ein mickriges Bürscherl. Und er war mir deshalb so bekannt, denn wir hatten ja keine Lehrmittel, und sein Vater, der anscheinend schon verstorben war, war Chemiker, und hat natürlich verschiedene Sachen zu Hause gehabt, und wir brauchten ein Thermometer als Lehrmittel. Am nächsten Tag ist er mit einem Thermometer gekommen. Nur war das Thermometer größer als der ganz kleine Wessely. Wofür man solche Thermometer braucht, das weiß ich leider nicht, jedenfalls hat er es mitgebracht, und einige Tage später ist der kleine Wessely nicht mehr in die Schule gekommen. Was aus ihm geworden ist, kann man sich bestenfalls vorstellen, aber wissen kann man es nicht.

    Es war eine besondere Feinheit dabei. Es hat ja auch getaufte Juden gegeben, die den Stern nicht tragen mußten. Die fühlten sich natürlich als etwas Besseres, Kinder sind ja da sehr grausam, und das war eben immer so ein Zwiespalt auch unter den Betroffenen, daß manche, obwohl Halbjuden, aber vor ´38 bereits getauft, den Stern nicht tragen mußten.

    Einsatz der Goldfasane

    Ich hab´ nur ein Bild vor mir. Ich bin am Gang, also dieses Bild hat sich mir eingeprägt. Es muß in einer Pause gewesen sein, denn es sind Kinder am Gang gestanden, und ich sehe nur diese Uniform. Also diese „Goldfasane", so hat man sie (die Männer) bezeichnet, (mit) diesen SA-Uniformen, die sind über die Stiegen heraufgekommen, sind in die Klasse hinein, haben die Lehrkraft genommen und sind mit ihr nicht auf die vornehme Art (umgegangen). – Also „genommen", das ist noch gut gesagt, sie haben sie vor sich her gestoßen, die wurde abgeführt. Das sehe ich noch vor mir, aber das sind so Einzelbilder, vielleicht, daß man auch Verschiedenes verdrängt hat im Laufe der Zeit. Es wurde ja von uns jahrzehntelang verlangt: „Also, das ist vorbei, das mußt du vergessen." Ich hab´ das auch versucht, ich hab´ es zwar nicht vergessen, aber ich habe es verdrängt. Nur, es ist halt heute so, daß man das Gefühl hat, das wäre wie ein Paternoster: Diese Erinnerungen, die kommen aus der Tiefe hoch, man braucht nur mit den Fingern zu schnippen, und es ist plötzlich irgendein Bild da, es ist eine Bemerkung, es sagt jemand ein Wort, man sieht im Fernsehen irgend etwas, und plötzlich sind die Bilder wieder da. Und je älter man wird – vorausgesetzt, man verkalkt nicht zu sehr – um so deutlicher werden diese Bilder.

    Die Mutter war „Oscar-reif"

    Meine Mutter hat mich ja in der späteren Folge hin und wieder, als man mich bereits aus der normalen Schule hinausgeworfen hatte, versucht ins Waldviertel zu bringen, um mich aus der Schußlinie zu haben. Da mußten wir mit der Franz-Josefs-Bahn fahren, und mit der „J"-Kennkarte hätte ich das ja nicht gedurft. Also ließ die Mutti die Kennkarte zu Hause, nahm ein Familienbild, auf dem Vater, meine Mutter und ich darauf waren, und wenn in der Bahn die Kontrolle kam – es waren die mit diesen Blechumhängschildchen –, hat sie ein ganz verzweifeltes Gesicht aufgesetzt und hat festgestellt, sie hätte in der Aufregung der Abfahrt meinen Ausweis vergessen. Und ganz plötzlich hat sie dann dieses Bild gefunden in ihre Tasche, hat es dem Mann unter die Nase gehalten und hat festgestellt: „Schauen sie, da sehen sie, das ist unser Familienbild, das ist die Kleine und das bin ich", und ob er das nicht gelten lassen könnte. Und wir haben das Glück gehabt, irgendwie sind wir immer wieder durchgekommen damit. Also, die Vorstellungen meiner Mutter waren damals Oscar-reif.

    Todesstrafe für Mohnbesitz

    Ich kann mich an eines sehr, sehr gut erinnern: an eine Hamsterfahrt. Wir sind vom Waldviertel, Autobusse gab es ja damals nicht mehr, mit dem sogenannten „Milchwagen" mitgefahren – das war so ein Art Plateauwagen – und in Krems angekommen. Das war zur Marillenzeit.

    In Krems angekommen, sind wir von dem Milchwagen heruntergestiegen, und ich erblick´ plötzlich einen Gendarmen und sag´: „Mutti, ein Gendarm kommt." Meine Mutter, im Brustton der Überzeugung und laut, damit es der Gendarm auch hören kann: „Na, laß ihn nur kommen!" Der Gendarm kam auf uns zu, hat die Mutti angeherrscht: „Haben Sie Marillen?" Meine Mutter hat ihn angelächelt, hält ihm den Koffer und die Tasche lächelnd entgegen und sagt: „Net a einzige." („Nicht eine einzige.") Er hat sich umgedreht und ist wieder gegangen. Na, hätte er die Tasche aufgemacht, hätte er keine Marille mehr gesucht! Denn wir haben alles drinnen gehabt, was verboten war. Unter anderem auch Mohn, und auf Mohnbesitz ist ja die Todesstrafe gestanden, denn das Mohnöl hat man ja damals verwendet für Flugzeuge. Und so sind wir unbeschadet nach Hause gekommen.

    Ich hab´ vor kurzem erst wieder gesagt, in einer Diskussionsrunde über diese Zeit: „Mich wundert, daß man meine Mutter nie erwischt hat." Wir müssen nicht nur einen, sondern mehrere Schutzengel gehabt haben.

    Das Judenkind im Arier-Bett

    Ich war mit meiner Mutter unterwegs, wieder ins Waldviertel, und aufgrund der Bombenangriffe haben ja die Züge nicht mehr normal verkehrt. Und es ist passiert, daß wir bis Krems gekommen sind. Wir wollten bis Weißenkirchen in der Wachau, aber in Krems war Endstation, und das war am Abend. Jetzt sind wir da gestanden am Bahnhof, weiter konnten wir nicht, also was machen? Und da war in der Nähe vom Bahnhof von der NSV (also diese Frauenorganisationen waren auch da involviert) so eine Art Nachtquartier, so wie heute die Bahnhofsmission ist. Und meine Mutter stand mit mir dort und hat gesagt: „Na und da gemma jetzt rein" („Na, und da gehen wir jetzt hinein."), und ich hab´ gesagt: „Mutti, das geht doch nicht." – „Du bist still, wir gehen da hinein." Das sehe ich noch vor mir. Also, wir sind dann hineingegangen, anscheinend war da kein elektrisches Licht, es waren einige Kerzen, die sind auf einem Tisch gestanden, und da sind die Frauen herumgesessen, sie haben irgendwelche Handarbeiten gemacht, das ist mir nur so irgendwie, so schattenhaft in Erinnerung. Mich hat man, als Kind, in ein Gitterbett gesteckt, das war allerdings ein bisserl zu kurz für mich, die Füße sind unten rausgestanden, und da durfte ich die ganze Nacht verbringen. Am nächsten Tag in der Früh haben wir dann dieses gastliche Haus verlassen, und wie wir so circa 10, 20 Meter davon entfernt waren, hat meine Mutter festgestellt: „Wenn die wüßten, daß in ihren arischen Betten ein Judenkind geschlafen hat!" Das war die Meldung meiner Mutter.

    Hamstern

    Gegen Ende ihres Lebens ist sie (meine Mutter) geistig sehr verfallen, und heute, im Rahmen dieser Erzählungen, bin ich eigentlich draufgekommen, daß meine Mutter ihre ganze Kraft während dieser sieben Jahre (1938-1945) anscheinend verbraucht hat.

    Denn wir sind unter anderem wieder im Waldviertel unterwegs gewesen, hamsternderweise, das war im Winter, circa ein halber Meter Schnee, und ich konnte auf der Straße nicht mehr weiter. Wir mußten circa 13 km von diesem Ort, wo wir waren, bis nach Weißenkirchen in der Wachau runter und mußten um halb drei in der Früh von oben weg, um in die Wachau runterzukommen, und ich konnte nicht mehr weiter. Ich habe zu heulen begonnen: „Ich kann nicht mehr Mutti, ich kann nicht mehr!" Worauf - ich hab´ natürlich auch ein Tascherl (kleine Tasche) gehabt, in dem verschiedene Sachen drinnen waren, die verboten waren – worauf ich von meiner Mutter eine Ohrfeige erwischt habe, eine ordentliche, und heulend weitermarschiert bin. Zu Hause hat mich meine Mutter dann liebevoll ans Herz gedrückt und hat festgestellt: „Erika, es tut mir leid, aber ich hab´ ja nicht anders können. Ich hab´ dich ja dazu bringen müssen, daß du weitergehst."

    Die Kraft, die nur bis zur Wohnungstür reicht

    Meine Mutter war hin und wieder auch alleine unterwegs, und da ist es einmal passiert, daß sie nach Hause gekommen ist, sie hatte so einen Hasenpelzmantel, der war total zerfetzt, und die Absätze waren abgebrochen. Ja, was ist passiert? Sie ist vom Waldviertel runter, allein, und die letzte Strecke von Weinzierl am Wald nach Weißenkirchen ist die sogenannte „Grubenstraße" gewesen, das war eine Serpentinenstraße. Bei Tageslicht konnte man die sogenannten Abschneider verwenden, in der Nacht natürlich nicht. Und diese Serpentinen hat meine Mutter irgendwie schlecht eingeschätzt und hat sie zu weit genommen, ist über die Böschung runtergestürzt, hat ihre Sachen wieder zusammengeklaubt, was sie halt gefunden hat, und ist so bis zum ersten Haus nach Weißenkirchen gekommen. (Dort) hat (sie) den Bauern ersucht, er soll sie bis zur Station bringen, natürlich war der Zug weg. Die Mami ist dann (trotzdem) nach Hause gekommen.

    Und jedesmal, wenn sie nach Hause gekommen ist, von so einer Hamsterfahrt allein...: das Komische war, bis zur Wohnungstüre hat die Kraft gereicht. Sie hat die Türe aufgemacht, und wenn der Papa zu Hause war, was fast immer der Fall war, ist sie ihm regelrecht in die Hand (Arme) gefallen, und der Papa hat sie nur ins Bett getragen. Also, die Kraft hat bis zur Wohnungstüre gereicht und nicht weiter.

    Unterricht bei katholischen Schwestern

    Ich habe unter anderem in der Mischlingsschule einen Schulkollegen gehabt, der getauft war, er war allerdings Halbjude. Der war aufgrund dessen, daß er katholisch war, im Herz-Jesu-Kloster auf der Landstraße als Ministrant tätig. Und wie man dann nach der vierten Volksschule diese Mischlingsschule gesperrt hat und versucht hat, uns der Verblödung preiszugeben, haben die Schwestern im Herz-Jesu-Kloster auf der Landstraße meinem Schulkollegen und mir Unterricht in Deutsch, Mathematik und Englisch gegeben. (Also) dadurch ist uns eigentlich im Jahr ´45 der Wiedereinstieg in die Schule leichter gefallen, weil ja die „normale" Schule durch die Bombenangriffe auch nicht mehr ganz funktioniert hat (der Schulbetrieb gestört war). Und daher haben wir es leichter gehabt dann.

    Bombardierung der Wiener Staatsoper

    An einen Bombenangriff kann ich mich erinnern. Die Zentrale von „Wiener Papier" war in der damaligen Meistersingerstraße, die heutige Mahlerstraße, und wenn man die Mahlerstraße entlang sieht, ist am anderen Ende die Staatsoper.

    Da war ein drei bis vier Stock tiefer (Luftschutz-)Keller, und wir waren dort unten, als die Staatsoper bombardiert wurde. Und man hat natürlich die Erschütterungen gehört. Allerdings, heut‘ ist die Staatsoper für mich ein Begriff, damals war sie für uns kein Begriff, denn als Arbeiterfamilie hat man sich ja Opernkarten nicht leisten können. Bei den sogenannten KdF

    (-Veranstaltungen) konnten wir ja nicht teilnehmen. Das war der eine Bombenangriff.

    Und ich war unter anderem sehr oft im Herz-Jesu-Spital, das war später ein Lazarett, und bei den Schwestern im Kloster hab´ ich ja, wie gesagt, Englisch, Deutsch und Mathematik gehabt und hab´ unter anderem auch Klavierspielen gelernt. Und während der Bombenangriffe war ich natürlich auch oft im Kloster, und wenn das vorbei war, war für mich der erste Weg entlang der Landstraßer Hauptstraße über St. Marx in Richtung Simmering. Straßenbahn ist sehr oft keine gegangen, und ich kann mich an einen Angriff erinnern: Ich bin vom Kloster weg, und wie ich bei der Schlachthausgasse um die Ecke gekommen bin, war der ganze Himmel schwarz, und die Sonne war nur ein roter Fleck.

    Zeitzünder

    Wir durften dann nach einiger Zeit wieder in das (unser) Haus hinein, rauf in die Wohnung, mein Vater ist dann auch gekommen, und wir waren noch nicht richtig in der Wohnung drinnen, plötzlich hat der sogenannte Luftschutzwart mit einer Kuhglocke, das war unser Alarmgerät im Hof, geläutet: „Alles aus dem Haus, alles aus dem Haus, im Haus liegt ein Zeitzünder!" Der Zeitzünder ist durch den Lichtschacht hinein und hat in den oberen Stockwerken überhaupt keinen Schaden verursacht. Die Frau im Parterre hat sich nur gewundert, wieso ihr Fenster kaputt ist. Und das Glück war, daß Leute in den Keller runtergehen mußten, weil sie irgendwas holen wollten. Die Frau war in Begleitung ihres Mannes, ein altes Ehepaar, er war nicht mehr kriegstauglich. Und sie sperrt den Keller auf, und wie sie den Keller aufmacht, war zum Glück eh ihr Mann dabei, denn ansonsten wäre sie vielleicht in Ohnmacht gefallen, denn im Keller hing wie - eine Traube - die Bombe, das war eben das, weswegen wir nochmal (aus dem Haus) hinausgeschickt wurden. Die wurde dann entschärft, aber es hätte nicht mehr sehr lange gedauert, und die Bombe wäre wahrscheinlich hochgegangen. Also es ist auch da nicht viel passiert.

    Mitten unter Gräben

    Mein Vater hat gegen Ende des Krieges eine Vorladung bekommen, da wurde ihm eröffnet, er würde ins Burgenland abtransportiert zum sogenannten „Schanzenbauen". Und bei diesem Schanzenbauen waren nicht nur Juden, sondern auch Tschechen, es waren unter anderem auch Mörder dabei, es waren Kriminelle, Zigeuner, alles mögliche, quer durch die Blumenwiese. Und die wurden dort runter transportiert und hätten dort Gräben ausheben sollen. Meine Mutter ist natürlich, bevor der Papa weggefahren ist, noch ins Waldviertel gefahren, hat den Papa noch mit allem Möglichen versorgt, und der Papa ist weggefahren. Meine Mutter hat geschworen: „(sie folgt meinem Vater) bis ans Ende der Welt", und es war für meine Mutter natürlich eine Selbstverständlichkeit, diesem Versprechen auch treu zu bleiben. Und sie hat den Papa gesucht.

    Sie hat nur gewußt, ... „Riedlingsdorf", und natürlich, wir fahren nach Riedlingsdorf. Damals durfte man Wien auch als Normalsterblicher nur mehr 45 (versprochen) 75 km verlassen. Jetzt hatte meine Mutter eine Schulkollegin,

    die war im Haus Greißlerin, und deren Bruder war in Seebenstein

    Stationsvorstand. Der wurde verständigt, an dem und dem Tag kommt die Mina mit der Kleinen, die braucht einen Fahrschein (um) weiter (zu kommen). Na, wir sind bis Seebenstein gefahren, dort haben wir rausgerufen, haben den Fahrschein bekommen und sind weitergefahren. Da waren natürlich alle möglichen Kontrollen, die waren aber auch schon so konfus, denn man hatte sich ja schon beiläufig ausrechnen können, wie lange der Zauber noch dauert. Wir sind halt weitergefahren und sind mitten in der Nacht in Riedlingsdorf angekommen. In Riedlingsdorf sind wir ausgestiegen: stockfinster, keine Station, kein Haus, Schnee rundum. Na, was machen wir jetzt? Jetzt sind wir gestanden und wußten nicht, wie weiter.

    Plötzlich kommt so ein abgedunkeltes Lichterl daher, das war ein Streckengeher, der hat uns gefragt: „Wohin wollen Sie denn?" - „Na ja, die Schanzer..." – „Die Schanzer, die san nimmer da, die sind bereits weitertransportiert worden, aber beim Oberlehrer, der waaß, wo die hingekommen sind." („Die Schanzer, die sind nicht mehr da, die sind bereits weitertransportiert worden, aber beim Oberlehrer, der weiß, wo die hingekommen sind.") Und da hat er uns mitgenommen. Wir wären allein gar nicht bis zum Ort gekommen, denn die ganzen Felder waren von Schanzen durchwühlt, und es hat nur so Bretteln über diese Gräben gegeben, und die hat man natürlich – wenn man es nicht gewußt hat – in der Nacht nicht gefunden. Der hat uns bis zum Oberlehrer gebracht, hat den mitten in der Nacht rausgeläutet, und der Oberlehrer hat gesagt: „Na ja, die san schon weiter" („Na ja, die sind schon weiter."), und hat der Mutti auch gesagt wohin. Aber wir durften dann den Rest der Nacht auf dem Matratzenlager - na gut und schön, es war ein Strohlager, eigentlich - durften wir dort schlafen, er hat uns dort mit einigen Decken versorgt, die Mutti hat noch einen Tee mit irgend so einem Selbstgebrannten bekommen, und in der Früh ging es dann weiter.

    Ein Wiedersehen

    Wir haben beiläufig gewußt, wo das ist, haben uns natürlich auch weitergefragt und sind gegen Mittag in Edlitz an der Rodling angekommen, und der Papa war natürlich nicht da. Ja, wo ist der? Mein Vater war überall bekannt als „langer Fritz", erstens einmal sehr beliebt und zweitens auf Grund seiner Größe, und: „Ja, der ist im Bürgermeisteramt." Na, dann sind wir dort hin, und einige Kollegen sind schon früher gekommen: „Der Fritzl, der kommt erst." Mama und ich haben uns hinter der Türe versteckt, und wie der Papa rein gekommen ist – also, ich sehe ihn noch vor mir, - mein Vater war immer sehr darauf aus, eine ordentliche Frisur zu haben und schön glatt rasiert zu sein – und plötzlich hat er so einen Stoppelbart. Er hat sich nämlich geschworen, sich nicht zu rasieren bis zu dem Zeitpunkt, wo er wieder nach Hause fährt. Wie er hereingekommen ist, Papa hat die Mutti gesehen und mich, natürlich hat keiner ein Wort herausgebracht, alle drei haben wir geheult, und die Kollegen haben natürlich an der ganzen Heulerei teilgenommen.

    Durch Todesangst gealtert

    Unter anderem habe ich damals – hab‘s noch nicht richtig begriffen, heute weiß ich das, was das war – haben wir auch die Züge der ungarischen Juden gesehen, die nach Wien transport- (verbessert sich), die weiter nach Deutschland transportiert wurden. Und da kann ich mich noch an eines erinnern: Die Bäuerinnen haben uns mitgenommen, und man hat versucht, diesen Vorbeimarschierenden etwas zuzustecken, worauf sich dann der Ortsbauernführer damals irgendwie bemüßigt gefühlt hat, den Bäuerinnen zu drohen. Na ja, was sie ihm dann gesagt haben, war nicht druckreif, und er ist dann auch wieder verschwunden. Unter anderem kann ich mich erinnern, ganz am Schluß dieses Zuges ist ein alter Mann marschiert, und die Bäuerin, bei der wir waren, hat ihn mit „Vaterl" angesprochen, und er hat nur gemeint, in sehr gutem Deutsch: „Was glauben sie, wie alt ich bin?" Sie hat gesagt, sie weiß es nicht, und er hat gesagt: „27 Jahre." Sie hat ihm ein Brot gegeben, er ist weitergegangen, aber ich nehme fast an, daß er nicht sehr weit gekommen ist. Man hat dann immer wieder Schüsse gehört. Begleitmannschaften waren HJ-Angehörige, also keine Erwachsenen, und man hat ja im nachhinein erfahren, daß die eben diejenigen, die nicht weiter konnten, einfach kurz liquidiert haben.

    Ich sehe nur, diesen Mann sehe ich noch vor mir. Also wirklich einen alten Mann, der dann gesagt hat, er wäre 27 Jahre alt.

    Rückkehr nach Wien

    Wie das eben dann immer ärger geworden ist, hat der Papa gemeint: „Mutti, bitte fahr´ mit der Kleinen nach Haus." Wir sind dann nach Wien zurück mit Soldaten, mit Lastwägen. Meine Mutter hat eine 2-Liter-Flasche mit Schnaps mitgehabt und einen 5-Kilo-Sack mit Bohnen. Die Bohnen hat sie dann in Kohfidisch einer Bäuerin in die Schürze geschüttet, denn das hat Platz eingenommen und war belastend, und den Schnaps haben die Soldaten ausgetrunken. Ja, wir waren froh, daß sie uns mitgenommen haben.

    Also, wir sind dann in den Zug, und... erstens einmal hat es da unten keine Fenster mehr in den Zügen gegeben, es hat gezogen, zum Teil hat es nur so Kartons mit kleinen Lichtöffnungen gegeben, zum Teil überhaupt keine Fenster, und dabei hat sich meine Mutter dann sehr stark erkältet, am Retourweg. Wir sind dann mit einigen Pausen nach Wien gekommen. Das war Anfang April, und einige Tage später, am 3. April in der Nacht, hat es plötzlich geläutet und mein Vater ist vor der Türe gestanden. Ja, wie ist er zurückgekommen?

    Vater trickst die SS aus oder Der Mut der Verzweiflung

    In der Nacht ist einer (der Schanzer) raus gegangen, einem menschlichen Bedürfnis folgend, und hat plötzlich gesehen: die ganze Nacht war licht, war erleuchtet, und wie sie in Richtung Stein am Anger geschaut haben, sind dort die sogenannten „Christbäume" zu sehen gewesen. Das waren Leuchtraketen, ...die wurden so in Form von einem Christbaum immer breiter. Und das wurde von den Flugzeugen abgeworfen, um die Landschaft zu erhellen und um zu sehen, wo man eventuell Bomben hinwirft.

    Das haben die natürlich gesehen. Er ist rein, hat die anderen aufgeweckt, dann haben sie natürlich geschaut, aber von den sogenannten „Goldfasanen" – also sprich der SA – war niemand mehr zu sehen, die haben sich bereits abgesetzt, was natürlich die Schanzer dann ebenfalls gemacht haben. Und ich kann nur sagen, also die Art, wie mein Vater nach Wien gekommen ist, war schon abenteuerlich, mehr als abenteuerlich. Ich hätte das meinem Vater nie zugetraut, es war wirklich der Mut der Verzweiflung. Er ist mit einem Zug, in dem SS war, zurück nach Wien gefahren, zumindest den ersten Teil der Strecke, das ist seine Erzählung gewesen. Und zwar haben sie ihn mitgenommen, weil er sagte, er wäre im Geheimauftrag unterwegs und hat daher keine Ausweispapiere bei sich, damit niemand diese Papiere in die Hand bekommt. Die müssen schon so konfus gewesen sein, daß sie ihm das geglaubt haben, und haben ihn mitgenommen.

    Und so ist mein Vater auf Etappen nach Wien gekommen und ist bei uns gelandet.

    Bombenangriff: 4. April 1945

    Es gibt einen sechsten Sinn, und bei meinem Vater muß der sehr ausgeprägt gewesen sein, denn erstens einmal hat er schon zu Kriegsbeginn, also zur Zeit, wo die ersten Bomben gefallen sind, gesagt: „Also bei uns passiert im Haus nichts, nichts Arges." Und es ist bis zu dem Zeitpunkt außer dem Blindgänger, der auf der Nachbarstiege durch einen Lichtschacht hinunter ist und fast nichts beschädigt hat, den man zeitgerecht entschärft hat, eigentlich nichts passiert, bis zu diesem 4. April. In der Früh hat mein Vater plötzlich den Wäschekorb genommen und alles, was irgendwie an größerem Geschirr vorhanden war, und hat begonnen, alles aus der Wohnung zusammenzupacken, was einigermaßen von Wert war.

    Das wurde in den Keller verfrachtet, und um zehn hieß es noch: „Gebiet feindfrei", das hat man immer im Radio gehört. Und um elf Uhr sagt mein Vater plötzlich: „Lauft schnell in den Keller, ich hör´ Bomben fallen!" Kein Mensch hat irgend etwas gehört, es hat in den Nachrichten, also im Radio, nichts gegeben. Na jedenfalls, ich bin bei der Türe raus, und wir haben so eine Art Wendeltreppe gehabt, immer von einem Stock zum anderen war eine Biegung. Ich war zwischen 1. Stock und Parterre, meine Großmutter hat natürlich geglaubt, sie muß noch den Fußboden wischen, ist aber dann auch rausgelaufen und ist zwischen 2. Stock und 1. Stock in der Biegung gewesen. Mein Vater war bereits zwischen der Türe, meine Mutter einige Stiegen tiefer, als die Bombe eingeschlagen hat.

    Die Eltern sind schwer verletzt

    Es war eine Splitterbombe, wir haben später die Hülse davon im Hof gefunden, hat ausgeschaut wie in Zentimeter geschnitten und aufgerollt, und ein Splitter davon hat meine Mutter in den Handwurzelknochen getroffen, und mein Vater hat auf beiden Füßen Riesen-Fleischwunden gehabt. Er ist danach in den Keller gekommen, und ich kann mich noch erinnern, wir haben eine Sanitäterin gehabt, und wie er runtergekommen ist – ich hab‘s damals nicht verstanden, was er gemeint hat, bitte, damals war man noch nicht so aufgeklärt – hat mein Vater gemeint, er glaubt, es hätte ihm „alles" weggerissen. Es war zum Glück nicht so, es war nur eine riesige Fleischwunde. Die Sanitäterin hat diese Fleischfetzen, die weggehängt sind, nur an den Fuß festgedrückt und festgebunden. Und meine Mutter hat sie verbunden, und der Papa wurde abtransportiert, wir haben dann nicht gewußt, wohin.

    Es wurde dann ein Arzt, der zufällig vorbeigekommen ist, in den Keller gerufen zu meiner Mutter. Meine Mutter hat irrsinnige Schmerzen gehabt. Der hat das angeschaut, hat schnell den Verband angeschaut: „Ist eh verbunden, ist alles okay", hat sich überhaupt nicht darum gekümmert. Im nachhinein ist mir klar geworden, warum er so nachlässig war, er war nämlich ein Nazi und hat schon einigermaßen Angst gehabt, und ihm war schon ziemlich alles egal. Meine Mutter hat die ganzen Nächte durchgeschrien, und nach zwei Tagen hat man dann einen anderen Arzt erwischt. Der hat das aufgewickelt und geschaut. Auf der Oberseite der Hand war ein Loch, allerdings zugeschwollen, und unten kein Austritt, also mußte irgendwas drinnen sein.

    Der hilfsbereite Russe

    Er hat meine Mutter dann ins Allgemeine Krankenhaus geschickt. Wo mein Vater war, wußten wir zu der Zeit nicht. Man hat meiner Mutter die Hand abnehmen wollen, aber die Mutti hat sich sehr dagegen gewehrt, also hat man versucht, mit einer Zahnzange diesen Splitter aus dem Handwurzelknochen, das ist ja ein Nervenzentrum, zu entfernen. Man hat das auch herausgebracht, und die Mama ist dann verbunden worden. Sie ist nach Hause gegangen, und am 8. April sind dann die Russen bei uns einmarschiert. Und die Mama und ich, wir sind dann halt immer wieder ins Allgemeine Krankenhaus (gegangen), was ja nicht gerade ungefährlich war, denn in St. Marx, wo wir vorbei mußten, waren ja sehr viele Russen stationiert.

    Einmal ist uns passiert, bei diesem Marsch entlang der Simmeringer Hauptstraße, daß plötzlich ein Jeep oder ein Militärfahrzeug neben uns stehen blieb, eine Frau ist mit uns gegangen, und der Russe hat uns im schönsten Deutsch gefragt, wo wir hin wollen. Meine Mutter hat gemeint: „Ins Hospital." Und er hat nur gesagt: „Einsteigen." Wir sind mit etwas gemischten Gefühlen eingestiegen, und er hat uns mitgenommen. Er hat uns beim Allgemeinen Krankenhaus abgesetzt mit der Bemerkung, wie lange wir circa brauchen, er wird in zwei Stunden wieder hier sein... Das waren ja Sachen, die zu dieser Zeit nicht ungefährlich waren. Und wie die Mutti wieder verbunden war - und wir wußten noch immer nicht, daß der Papa im Allgemeinen Krankenhaus liegt - sind wir dann wieder raus aus dem Spital. Und der ist dort gestanden mit seinem – ich weiß nicht, war das sein Pfeifendeckel oder was - jedenfalls hat er uns wieder schön eingeladen, die Dame (mit der wir ins AKH gekommen waren) war ebenfalls bei uns, und ist mit uns Richtung Simmering gefahren. Nur bei der Döblerhofstraße ist er plötzlich abgebogen, runter nach St. Marx - daß uns da ein bißchen „besser" (mulmig) geworden ist, das war eine andere Frage. Er hat gesagt, keine Angst, es geschieht uns nichts, wir sollen nur ruhig bleiben, er muß irgendwas erledigen. Beim Wenden dürfte irgendein Malheur passiert sein, jedenfalls, einer von den Reifen war kaputt, und wieder: „Ruhig, ruhig sitzenbleiben. Alles in Ordnung." Der Reifen wurde gewechselt, dann hat er seinem Begleiter gesagt, er soll uns nach Hause bringen. Das hat der auch gemacht, wir wurden dann bei der Hauffgasse – wo wir zu Hause waren – abgesetzt, und Mama hat noch „Danke" gesagt. Na, ich weiß nicht, ob er das zur Kenntnis genommen hat, er hat gewendet und ist wieder Richtung St. Marx gefahren.

    Wieder vereint

    Und kurze Zeit später – ich weiß nicht, woher der Mann das gewußt hat, es war ein Arbeitskollege aus dem Judenbetrieb..., der unter anderem auch bei der seinerzeitigen Handelskette involviert war. Woher der erfahren hat, daß mein Vater im Allgemeinen Krankenhaus liegt, haben wir nie erfahren, und ich könnte es auch heute nicht mehr erfahren, der Mann ist auch schon sehr lange tot. Jedenfalls, der hat erfahren, daß der Papa im Keller des Allgemeinen Krankenhauses liegt, und irgendwie hat meine Mutter das auch erfahren, und wir sind dann rein und haben den Papa gefunden im Allgemeinen Krankenhaus auf der Station „Schönbauer" im Keller; jedenfalls, er hat uns erzählt, der Professor Schönbauer hätte ihn operiert, allerdings hat es zu dieser Zeit keine Narkosemittel mehr gegeben. Das wurde genäht, natürlich, auf Grund der Größe der Wunden war das nicht gerade angenehm, aber anscheinend hat der Papa das auch überstanden, und der Professor Schönbauer muß sehr, sehr davon angetan gewesen sein, laut den Erzählungen meines Vaters. Jedenfalls, der Papa hat das überlebt und ist dann nach ´45 bei der Firma Imperial Feigenkaffee wieder eingestellt worden, allerdings nicht mehr bei der sogenannten Hofpartie, zur Schwerstarbeit, sondern als Mitfahrer und Inkassant.

    Voll von Haß?

    Worauf? Auf die Zeit, auf die Menschen? Man hat mir diese Frage schon gestellt. Und die Antwort war drauf: „Ich entstamme einer Arbeiterfamilie", und mein Vater hat die (Notzeit der) Jahre ´34 bis ´38 als Arbeiter miterlebt und hat immer gesagt, also, die Leute haben sich ein menschenwürdigeres Dasein erwartet, und sie haben dann eine überhöhte Rechnung bekommen, denn es haben sehr viele ins Gras gebissen. Nur wenn heute jemand sagt: „Auschwitz ist eine Lüge", sage ich: „Dann sehe ich rot!" Aber Haß auf die kleinen Mitläufer?

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