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Name : Erwin Rudolf Mayr
Geburtsdatum : 17. Februar 1925
Geburtsort/Land : Wien
Beruf : OMR, Commendatore, Prof., Dr. med. univ.
Erwin Rudolf Mayr: Die wichtigste Botschaft ist für mich das Aktivieren von Toleranz im Menschen, damit man erkennt, daß allen Menschen die gleiche Würde und die gleiche Chance, in Frieden leben zu dürfen, zuteil wird. Und man kann das bestimmt mit geeigneten Methoden - vom Elternhaus und der Familie - angefangen über Kindergarten, Volksschule und höhere Schulen, fördern. Das erscheint mir als das Allerwichtigste, denn das Entsetzlichste, was man Menschen antun kann und auch immer noch antut, ist, sie aus politischen, weltanschaulichen und anderen Gründen so zu verhetzen, daß sie einander gegenseitig bekriegen. Man kann entgegengesetzter Meinung sein, man kann auch einen Feind haben, aber man darf keinen Todfeind haben. Denn wenn man einen Todfeind hat, dann ist man mehr oder weniger darauf programmiert jemanden umzubringen, bevor man selbst umgebracht wird. Und das ist das Unzulässigste, nach dem Leben eines anderen zu trachten, denn das Leben haben wir aus einer anderen, höheren Hand bekommen und nicht selbst gegeben.
Angaben zum Leben vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg:
Erwin Rudolf Mayr wird 1925 als Sohn des Nationalbankbeamten Rudolf - und seiner Gattin Marianne - Mayr geboren, absolviert die Piaristenvolksschule und das Realgymnasium VIII-Albertgasse, und tritt im Schuljahr 1939/40 freiwillig der HJ (Hitlerjugend) bei. Im Frühjahr 1942 wird er wegen unerlaubten Verhaltens gegenüber dem NS-Regime – im Rang eines Kameradschaftsführers – degradiert, muß aus der HJ ausscheiden und hat sich damit die Möglichkeit verwirkt, jemals Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei zu werden.
Gleich nach der Matura wird er zum Reichsarbeitsdienst in Laa a/d Thaya (April bis Juli 1943) einberufen. Im August 1943 rückt er als Rekrut bei der Deutschen Wehrmacht (44. Division "Hoch- und Deutschmeister) in Nikolsburg ein und bleibt dort bis Feber 1944.
Von Mai bis Juni 1944 absolviert er den ROB-Lehrgang (Reserve-Offiziers-Bewerber) in Znaim und kommt anschließend bis September 1944 als ROB-Unteroffizier nach Vergeretto an die italienische Front (Via Emiglia, von Forli nach Bologna). Von dort wird er zurück nach Wien (Strebersdorf) geschickt, wo er in der Folge Rekruten ausbildet. Von März bis April 1945 ist er an der russischen Front in der Nähe von St. Pölten (Spratzern, Völtendorf im Traisental/ Niederösterreich) eingesetzt, wo er desertiert. Nach einer abenteuerlichen Flucht kommt er im April 1945 wohlbehalten zu seinen Eltern nach Wien zurück, und erfährt er, daß er am 20. April 1945 zum Leutnant befördert wurde.
Bald darauf beginnt er, sehr zum Leidwesen seines Vaters, der ihn gerne als Bankbeamten gesehen hätte, mit einem Medizinstudium.
Er hat die Absicht Psychiater zu werden, wovon ihn aber – der von ihm hochverehrte – Primarius Dr. Otto Lutterotti abbringt und maßgeblichen Anteil daran hat, daß E.R. Mayr schließlich Chirurg wird. Seine berufliche Heimat findet er im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien, wo er bis zu seiner Pensionierung arbeitet, und heute noch als außermedizinischer PatientInnenbetreuer und Ombudsmann im Pastoraldienst des Krankenhauses tätig ist.
Erwin Rudolf Mayr war Besitzer einer großen Spielzeugsammlung (mit Exponaten vom 4. vorchristlichen Jahrhundert bis in die Gegenwart), die er dem Land Niederösterreich vermacht hat. Sie ist seit 1995 im Rahmen einer Dauerausstellung auf der Schallaburg bei Melk zu sehen, und wird von ihm ehrenamtlich betreut.
Autobiographien/Veröffentlichungen
"Fröhlichkeit allzumal" – Niederschrift von heiteren und besinnlichen Episoden aus der Zeit meiner spitalsärztlichen Tätigkeit, Band 1, Nov 1999, Eigenverlag der Betriebsgesellschaft der Barmherzigen Schwestern Wien;
Band 2 erscheint im Oktober 2001.
In Vorbereitung ist das Buch "Spielzeug-Geschichterln", eine Anekdotensammlung rund ums Spielzeug. Es wird voraussichtlich Ende 2001 erscheinen.
Erwin Rudolf Mayr:
"Mit Soldaten wie mit mir konnte man nicht leicht einen Krieg gewinnen!
Österreich liegt wieder am Meer
Vom ´38er Jahr ist mir in Erinnerung, daß man also zunächst einmal (lacht) schulfrei bekommen hat, wie der Hitler gekommen ist. Und daß uns als technisch interessierte Buben die Waffen - die da uns vorgeführt worden sind, in Form von Panzern und Zugmaschinen, die schwere Geschütze geschleppt haben, und die Flugzeuge, die am Himmel aufgetaucht sind - unendlich fasziniert haben.
Von etwas waren wir auch noch sehr fasziniert, nämlich, daß wir plötzlich ein Staat waren, der am Meer lag. Das was seit der Monarchie nicht mehr war. Wir waren plötzlich an der Nord- und an der Ostsee mit zu Hause, wieder präsent, und die Marine hat ja für Binnenländer eine ganz merkwürdige Faszination, eine fast unverständliche. Kein Hamburger freut sich über ein Schiff so wie einer, der in einem Alpental sitzt, das sollt‘ man nicht glauben. Und so war’s halt bei uns auch.- Die Stimmung war wirklich geprägt von einem Hochgefühl, eines großen Staates aller Deutschen. Wobei wir, das möchte ich gleich rückblickend feststellen, nicht erkannt haben, daß ja die Ziele des Hitlers nicht die Ideale des Deutschtums waren, sondern daß es lediglich drum gegangen ist, die Machtgelüste über Europa, später vielleicht über die ganze Welt auszudehnen, und wo jedes Mittel recht war.
Und besonders leicht ist der von vornherein idealistisch eingestellte Jugendliche verführbar, und so war’s bei uns allen. Wenn einer sagen wollte, er war ein überzeugter, 100prozentiger Gegner des Hitlers, glaube ich, ... ist es eine gewisse Schönfärberei seiner Vergangenheit.
Einmarsch Hitlers
Und dann hab‘ ich natürlich noch den Einmarsch Hitlers erlebt, der geprägt war von einer ganz großen Mentalreserve meiner Mutter, die eine tiefgläubige, überzeugte Katholikin war und die sich im Herannahen des Führers wenig Gutes für die Kirche versprochen hat.
Mein Vater war Monarchist, Offizier des Ersten Weltkriegs. Er hat bestimmt eine gewisse deutschnationale Einstellung gehabt, aber keine sehr übertriebene. Für uns Buben war das eine "Mordshetz", und ich würde heute lügen, wenn ich sagen würde, daß ich nicht von einer Begeisterungswelle erfaßt wurde.
Und da bitte ich die junge Generation sich vorzustellen, wenn sie zittern vor einer Mathematik- oder Lateinschulabeit, die am nächsten Tag stattfindet. Und dann wird man am nächsten Tag - in der Früh - wo man weiß, man ist schlecht auf die Schul-arbeit vorbereitet, plötzlich davon in Kenntnis gesetzt, daß sich die gesamte Schule um zehn Uhr im Festsaal versammelt, um aus der Krolloper in Berlin eine Ansprache des Führers zu hören. Na, da hat man eigentlich schwer sagen können, das ist ein Schwerverbrecher. Wir haben uns gefreut, weil wir uns gedacht haben, der spart uns heut‘ eine Schularbeit.
So, im kleinen Rahmen, muß man die Dinge sehen, denn den großen Weitblick, was dann an Verbrechen, Judenverfolgung, Holocaust und so weiter dahinter gestanden ist, das haben wir ja als kleine Kinder damals noch nicht gewußt.
Hitler in Wien
Der Mann hat eine gewisse dämonische, faszinierende Wirkung gehabt. Das, das muß ich ganz ehrlich sagen, müßte lügen... Ich kann mich noch erinnern, ich war vor dem Hotel Imperial, da sind die Leute stundenlang gestanden und haben in Sprech-chören gerufen: "Jetzt geht’s uns guat, da Kurt is fuart." Das bezog sich auf den Dr. Kurt von Schuschnigg. Oder sie haben gesungen: "Nach Hause, nach Hause gehen wir nicht bevor der Führer spricht!" Und lauter solche Sprechchöre ... Die Kinder, die klettern konnten, sind in den Ringbäumen gehangen, und dann ist plötzlich, ist die Tür aufgegangen beim Imperial und er ist herausgekommen mit einer ernsten Geste. Hat die Hand zum deutschen Gruß und, und hat ... ich möchte fast sagen, starr und unbeweglich – dämonisch! - diese Huldigung der Massen entgegengenommen, bis er wieder reingegangen ist.
Es war so, und das, glaube ich, dürfte Damen noch mehr beeindruckt haben, es ist von ihm eine Faszination ausgegangen, die man schwer beschreiben kann, und vor allem etwas dürfen Sie nicht vergessen: Zu dem Zeitpunkt, wo die große Arbeitslosigkeit war, hat man plötzlich das Gefühl gehabt, der bringt uns Essen, der bringt uns neuen Lebensmut!
"Schleich dich, du Saujud!
Ich war einmal bei einer Veranstaltung am "Tag der deutschen Wehrmacht" in Mödling, wo Panzertruppen (mit ihren Krad-Schützen) so ein Motorballett aufgeführt haben, so ähnlich wie die Lipizzaner, so haben die das mit Motorrädern gemacht.Das hat mir natürlich sehr gut gefallen, war aber sehr rasch beendet, wie ein echter Wiener Bürger zu meinem Vater gesagt hat: "Schleich dich, du Saujud´, weil sonst hau ich dir eine runter!" Aus völlig unbegreiflichen Gründen!
Mein Vater hat eine Hakennase gehabt, aber war absolut nicht der Typ eines Juden, ist auch nicht jüdisch gewesen, und wir haben dann rasch dieses für uns nicht mehr angenehme Terrain verlassen, das ist auch eine Erinnerung aus dem Jahr ´38.
Der Nachbar, ein Jude, wird von der Gestapo geholt
Ich habe eines Tages einen ganzen Stoß von Büchern gefunden, von denen ich mir nicht erklären konnte, wieso sie in unserer Wohnung liegen. Und da hat mir meine Mutter flüsternd gesagt: "Der Herr Horvath war hier", das war der Untermieter über uns, "und der hat sie mir verkauft." Und ich habe gesagt: "Ja, wer soll denn die Bücher lesen, das sind doch Titel, die keinen von uns interessieren ...?" Und sie hat gesagt: "Das ist ja ganz egal, aber der ist Jude, und er hat nichts zu essen, und dem kann man nur so helfen. Aber ich bitte dich, sag keinem Menschen was davon!" Und ein paar Tage später ist er abgeholt worden von der Gestapo und wahrscheinlich vergast worden, irgendwo... . Und, da ist mir zum ersten Mal hautnah bewußt geworden, Sie dürfen nicht vergessen, wenn man vom Holocaust spricht oder so – na, was ist das schon, das sind Schlagworte, da stellt man sich nicht viel vor, aber in dem Moment wird alles lebendig, wenn es um einen Menschen geht, den man persönlich kennt. Und das war mein erstes bewußtes Erlebnis, daß ein in unserem Haus bekannter Jude auf diese Art und Weise, die fürchterlichste Weise, verfolgt worden ist.
Der Nachbarsohn ist bei der SA
Und insoferne möchte ich sagen, wenn jemand behauptet, überhaupt nicht gewußt zu haben, was mit den Juden passiert ist, weil man das damals nicht, einfach nicht mitbekommen hat - das stimmt nicht ganz.
Ich kann mich an einen jüdischen Geschäftsmann in unserem Haus erinnern, der wurde von einem jungen Buam (Bursch), dem Sohn einer Familie, die unter uns gewohnt hat, und der illegal bei der SA war, herausgeholt. Und der hat von ihm verlangt, daß er mit einem Reibfetzen und einem Bürstel die Kruckenkreuze der ständestaatlichen Regierung wegwäscht. Die waren noch aus der Zeit von Schuschnigg, der noch vor der Machtergreifung durch Hitler eine Wahl durchführen wollte. – Da hab ich mir auch gedacht: "Das ist eine ganz, ganz merkwürdige und fürchterliche Sache."
"Ostmark" statt Österreich
Das hat mich und einen sehr guten Freund von mir sehr geärgert. -
Unsere Wege haben sich später eine zeitlang getrennt, weil er ein bißchen jüdisch versippt war und nicht in unserer Schule bleiben konnte, sondern in eine andere Schule weggehen mußte. Heute bin ich mit ihm gottlob wieder beisammen -.
Den hat das immer wahnsinnig geärgert, daß es jetzt Ostmark heißt, und daß die Reichsdeutschen reinkommen mit dem Bayrischen Hilfszug und solchen Dingen, und sich bei uns anfressen und in Wirklichkeit so tun, als müßten sie uns darbenden Österreichern sehr viel Essen bringen.
Und, das hat mich auch beeinflußt. Da war ich auch sehr oft auf seiner Seite, und hab zum Beispiel in meine Hefte rot-weiß-rote Flaggen hinein gezeichnet hab, und so weiter, weil ich mir dacht hab, wir existieren ja eigentlich auch noch.
Aber später dann, Sie dürfen nicht vergessen, die Propagandarolle des Dritten Reiches. Die Walze von Göbbels, einem der gottbegnadetsten Verführer, wenn man dieses fürchterliche Wort so kombinieren darf, ist so gewaltig gewesen, daß man einfach niedergedrückt war und sich gedacht hat: "Es muß einen Endsieg geben, es muß schon alles in Ordnung sein, der Hitler macht schon alles richtig."
Degradierung bei der HJ
Ja. Ich bin zu der Hitler Jugend freiwillig gegangen, habe es sogar zum niederen Rang eines Kameradschaftsführers gebracht und habe die Hitlerjugend äußerst unrühmlich beendet.
Wir haben am 13. März 1940, glaube ich war das, einen Gedächtnismarsch zum Anschluß 13. März 1938 gemacht. Und weil uns drei engen Freuden fad (langweilig) geworden ist bei dem Marsch, noch dazu war’s kalt, haben wir einen Schlager zu singen begonnen, der - damals - durch aller Munde gegangen ist: "Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami." Das war der berühmte (Willi) Forst-Film. Das hat der Stammführer gehört, hat geschrien: "Abteilung halt, links um, wer hat da gesungen?!" Wir haben uns natürlich nicht zu melden getraut. Daraufhin hat er angedroht - dem gesamten Block von vielleicht 100 Leuten - er schleift uns so lange, bis uns die zusammenhauen, die wissen, daß wir gesungen haben. Und da haben wir uns freiwillig gemeldet. Wir mußten sofort die Abteilung verlassen und sind sofort nach Hause geschickt worden. Und drei, eine Woche später kam ein Schrieb vom Bann, Wien 501 auf der Tuchlauben, daß uns der Bannführer vorlädt, und da sind wir alle, zu dritt, in voller Uniform mit unseren Distinktionen gestanden, und der hat uns hoch offiziell degradiert, die Schnürl heruntergerissen, die Schulterklappen heruntergerissen und hat uns angebrüllt, was wir für Deutsche Jungen sein wollen, die eines solchen phantastischen Gedenktages wie des Anschlusses
am 13. März 1938 in der Weise gedenken, daß wir so dekadente Lieder wie "Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami" singen, und hat uns ausgeschlossen. (49:34) Und mein Direktor, den ich sehr gern gehabt habe, obzwar er ein glühender Nationalsozialist war, aber er war auch ein guter Mensch. Der hat gesagt: "Kinder, das wird für euch furchtbare Folgen haben, denn es wird in eure Schülerbeschreibung eingetragen, und ihr werdet an keiner deutschen Universität mehr studieren können." Und er hat recht gehabt. Ich hab‘ an einer österreichischen studieren dürfen, in Wien. Und damit, möchte ich sagen, habe ich hier eine Klippe umschifft.
Und wissen Sie, was es zur Folge gehabt hat? Daß ich am 20. April 1943 nicht, wie es sonst der Fall gewesen wäre, als HJ-Führer Parteianwärter geworden bin, sondern ich bin überhaupt unwürdig gewesen der National-sozialistischen Deutschen Arbeiterpartei beitreten zu können, und das hat mich nach dem Krieg vor allem bewahrt, was die mitgemacht haben, die Parteian-wärter waren. Weil die mußten dann zur Entnazifizierungskommssion, die mußten durch Arbeiten wie Schutt aufräumen und so weiter, das abdienen, und das ist mir mehr oder weniger durch "Bel Ami" - ich muß eine Verneigung vorm Forst machen(lacht) - erspart geblieben.
HJ stört Maiandacht
Nachdem ich meine Volksschule bei den Piaristen absolviert habe und ich im 8. Bezirk bei der HJ war, waren auch immer wieder Störaktionen der Hitler Jugend gegen die Kirche gerichtet. Und zwar in der Form, daß zum Beispiel im Mai, in der Piaristenkirche Maiandachten gestört wurden. Durch das Absingen nationaler Lieder, durch das Ausleeren von Weihwasser aus den Weihbrunnkesseln, und so weiter.
Und da hat meine Mutter mich wirklich ins Gebet genommen und hat gesagt: "Das darfst du niemals tun." Und das hab ich nie in meinem Leben getan. Ich bin immer bei solchen Aktionen irgendwo verschwunden. Ich konnte nicht gegen sie auftreten, dazu war ich zu feig. Auch vielleicht zu unschlüssig. Ich will nicht sagen, daß das eine heldenhafte Handlung war, aber es war die Treue gegenüber meiner Mutter, weil meinen Glauben habe ich Gott sein Dank im Krieg und in der nationalsozialistischen Ära nie verleugnet. Das hab ich nie getan. Und da muß ich sagen, bin ich auch froh darüber, denn letzten Endes war das eben eine Prägung durch das Elternhaus, insbesondere durch meine Mutter.
Adolf Hitler: "Und seit sechs Uhr wird zurückgeschossen!"
.......Ausbruch Zweiter Weltkrieg höre ich heute noch die Stimme Hitlers, wie er gesagt hat: "Und seit sechs Uhr wird zurückgeschossen!" Das waren die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs vom Panzerkreuzer "Schleswig-Holstein" auf die Westerplatte gegen die Polen. Und nachdem am Anfang des Krieges ja alles wie Butter für den Hitler gelaufen ist, Polen war in 18 Tagen überrannt, es ist dann ebenso geglückt, kurz danach, Frankreich zu überrennen, es hat also kontinental keinen Gegner mehr gegeben, mit Rußland war man ja freundschaftlich verbunden, das einzige, was noch existent war, war England, und das war eine Insel, die war weit weg, und deswegen hat man sozusagen das Hochgefühl gehabt: "Der Krieg geht gut aus, da ist alles gewonnen."
Mitten im Urlaub: Der Ausbruch des 2. Weltkrieges
Weyer an der Enns - da waren wir auf Urlaub, und ich habe nur in Erinnerung, daß Tag und Nacht Züge mit militärischem Gut, Kanonen, Flak-Geschütze, ganze Personenwaggons voller Soldaten, in Richtung Ennstal, Westbahnstrecke, und dann wahrscheinlich in Richtung Polen gefahren sind, und das hat mich natürlich als Bub wahnsinnig fasziniert. Da bin ich dauernd auf den Bahnhof gerannt, weil so eine Massierung einer Mobilisierung hat man ja in der Form noch nie erlebt.
Der Ritterkreuzträger
Und später dann, da ist mir noch sehr in Erinnerung: Es ist aus der Klasse vor uns ein junger Mann zur Waffen SS eingerückt und ist merkwürdigerweise, wahrscheinlich durchaus verdient, Ritterkreuzträger geworden. Der ist von unserem Direktor wie ein Superheld empfangen worden, der war plötzlich weit, weit über dem Direktor stehend, dabei war er 19 oder 20 Jahre alt - er ist dann übrigens später gefallen.
Und ich erinnere mich noch an meinen lieben, alten Lateinprofessor Hofbauer, der ist schon lange, lange tot ist, der am Ende von der Veranstaltung gesagt hat, weil wir so begeistert waren für den Krieg, und auch geträumt haben, womöglich ein Ritterkreuz zu bekommen, hat von uns eh keiner gekriegt: "Kinder, ich wünsche euch nur eines, daß ihr eines nicht kriegt: ein Holzkreuz." Und da hab‘ ich zum ersten Mal nachzudenken begonnen, daß der Krieg ja auch die furchtbare Kehrseite von Not, Elend und fürchterlichen Dramen mit sich bringt, und hab’s dann deswegen hautnah erfahren, weil meine beiden Cousins gefallen sind.
Ich, der Reserveoffiziersbewerber
Ich war beim Reichsarbeitsdienst drei Monate, habe dann abgerüstet, und unmittelbar danach bin ich einberufen worden zur Deutschen Wehrmacht nach Nikolsburg zur Infanterie, Infanterieregiment 131, und dort wurde nach Ausbildung der Rekrutenzeit an uns die Frage gestellt, ob wir unter Umständen gerne Offiziere werden möchte. Mir war das ziemlich egal, ich habe eigentlich nie Offizier werden wollen, aber eines habe ich gewußt: Wenn ich Offizier werde, so bleibe ich beim Reserve-Offiziers-Bewerber-Lehrgang und damit mindestens drei Monate bis ein halbes Jahr länger von der Front weg. Und so habe mich freiwillig dazu gemeldet und habe dann die Ausbildung dafür im ROB-Lehrgang in Znaim gemacht.
Und nachdem dieser Lehrgang zu Ende war und dann auch eine Prüfung stattgefunden hat, bin ich als Reserveoffiziersbewerber an die italienische Front als ROB-Unteroffizier gegangen, bin dort schwer erkrankt an einer Ruhr, war dann in mehreren Reservelazaretten und bin letzten Endes wieder zurück nach Strebersdorf gekommen, wo ich kurze Zeit Ausbildner von Rekruten war.
In den April-Tagen 1945 sollte ich auf die Kriegsschule Fürth bei Nürnberg kommen, um dort als Leutnant ausgemustert und als Offizier bei der Deutschen Wehrmacht im Rahmen der Infanterie meinen Dienst abzuleisten.
"Ich konnte Engländer, Franzosen, Amerikaner nie als Fremde sehen"
Es tut mir leid, ich bin ja in einer kosmopolitischen Familie aufgewachsen, und ich konnte nie Engländer, Franzosen oder Amerikaner als echte Fremde empfinden. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, daß meine Wurzeln in Salzburg sind, und in Salzburg gibt es seit den 20er Jahren, also genau seit 1920, die Festspiele, und ich war schon als Kind immer gewöhnt, Amerikaner, Engländer, Franzosen im bunten Getriebe der Stadt zu sehen, und auf die sollt’ ich jetzt plötzlich schießen?!
Mit mir konnte man nicht leicht einen Krieg gewinnen
Ich habe keinen Menschen wissentlich umgebracht. Es kann sein, daß bei einem Sperrfeuer eine Kugel einen troffen hat, die war nicht gezielt. Und jetzt kommt das Absurde meines Gedankenganges: Vielleicht bin ich von meinem Schutzengel bewahrt worden, daß auch mich in der vordersten Linie kein einziger Granatsplitter und keine Kugel getroffen hat, weil ich wissentlich keinen Menschen umgebracht hab‘. Und jetzt muß ich Ihnen etwas ganz Persönliches sagen. Darüber mag man lachen oder auch nicht. In der ersten Linie vorne, mit Maschinenpistole, Pistole und Gewehr ausgestattet, habe ich bei den ärgsten Nahkämpfen nie auf einen Menschen, auf einen Feind gezielt geschossen. Und das ist für mich heute, besonders weil ich Arzt geworden bin, eine ganz, ganz wichtige Beruhigung. Nur, man kann auf der anderen Seite sagen: "Mit solchen Soldaten kann man schwer einen Krieg gewinnen", aber mit dem kann ich leben (lacht).
Reichsarbeitsdienst in Laa an der Thaya
Na, und mit zunehmendem Krieg ist dann die Musterung gekommen, und mit der Musterung ist gekommen die Angst, wohin wirst du einberufen? Ich habe das, glaube ich, Glück gehabt, den Reichsarbeitsdienst in Laa an der Thaya absolvieren zu können, und dann bin ich zur 44. Division "Hoch- und Deutschmeister" I.R. 131 und 134 Nikolsburg - Znaim, dann an einen Teil italienische Front und an einen Teil Heimatfront eingerückt, und ich möchte sagen, einschneidende Erlebnisse sind natürlich die Bombenangriffe gewesen.
Kriegserklärung an Rußland
Man hat sozusagen das Hochgefühl gehabt: "Der Krieg geht gut aus, da ist alles gewonnen." Bis der Tag kam, an dem der Hitler eigentlich auch wieder hinterhältig den Stalin, sprich Sowjetrußland oder Rußland, überfallen hat. Und da kann ich mich an die denkwürdigen Worte meines Vaters, der ja Weltkriegsteilnehmer war und sowohl am italienischen Kriegsschauplatz als auch am Kriegsschauplatz Rußland, gegen das zaristische Rußland, mitgekämpft hat, gesagt hat: "Jetzt ist der Krieg verloren! Denn es ist noch keinem Feldherrn je geglückt, Rußland zu besiegen. Ein Napoleon ist gescheitert, und der Hitler wird genauso daran scheitern." Und ich habe mir damals gedacht: Das ist ein maximaler Blödsinn. Und ich muß sagen, hinterher habe ich ihm recht geben müssen.
Die Ukrainer oder "Die dumme deutsche Generalität"
Die Weite dieses Landes und vor allem, bitte, etwas, was auch gesagt sein muß: Die Ukraine, das war ja ein von der Sowjetunion, vom sowjetischen Teil her unterdrückter Teil Rußlands. Die haben ja die deutsche Armee als Befreier - mehr oder weniger - empfunden! Und diese sturen - ich gebrauche den Ausdruck "dumm" nicht gern", aber in diesem Zusammenhang muß man es fast sagen, die dumme deutsche Generalität hat - und wahrscheinlich das gesamte Führungspotential des Nationalsozialismus - nichts Dümmeres getan als diese vielen, vielen sich befreit fühlenden Menschen sofort als Untermenschen zweiten und dritten Ranges zu betrachten und sie als Fremdarbeiter irgendwohin zu schleppen, statt sich ihrer zu bedienen und zu sagen: "Jetzt haben wir hier auch im Osten jemanden, der sicher froh ist, daß er das Sowjetjoch abschütteln konnte." Es hat nicht lange gedauert, hat es komplett umgeschlagen.
"Man ist berechtigt, seinen Feind zu besiegen, aber ..."
Und trau‘ ich mir zu sagen: Wäre die Führung - das kam ja natürlich nie in Frage in dieser Form - wäre die Führung in den Händen eines österreichisch-ungarischen oder österreichischen Generalstabes gelegen, so wäre das nicht passiert, weil vor allem der alte Vater Radetzky den Grundsatz aufgestellt hat: "Man ist berechtigt, seinen Feind zu besiegen. Aber man darf ihn nicht entehren und vernichten. Man muß ihm die Lebensfähigkeit für ein Überleben nach einem verlorenen Krieg lassen!" Und das haben die Deutschen im Beispiel Ukraine nicht gekonnt. Das war mit einer der wesentlichsten Punkte, warum, glaube ich, der ganze Krieg in Rußland scheitern mußte.
Im Sanitätsauto an die Front
Ich bin an die italienische Front gekommen im Juli 1944, und zwar als Reserveoffiziersbewerber, der dazu ausersehen war, seine Frontbe-währung zu machen, das heißt, es war erwünscht, mit einem Eisernen Kreuz - wenigstens II. Klasse - noch besser I. Klasse, wieder auf die Kriegsschule zu kommen. Erster großer Schönheitsfehler, der mich wahnsinnig in meinem Rechtsempfinden gestört hat: Ich mußte im etruskischen Apennin an die vorderste Front, an einen Ort, der Vergeretto heißt.
Ich bin dort kommandiert worden mit Gewehr, Munition, Pistole, alles, was halt ein Unteroffizier hat, zu einem Lkw, der mich an die vorderste Front bringen sollte. Und dieser Lkw war ein SanKar, ein Sanitätslastkraftwaren, weiß mit rotem Kreuz. Und ich habe genau gewußt, daß es in der Genfer Konvention streng verboten ist, Soldaten, die einsatzfähig sind, Munition oder Kriegsgerät zu befördern! Und ich bin mit einem zweiten Soldaten in einem Sanitätslastkraftwagen, also so einem Sanitätsauto, an die vorderste Linie gebracht worden! Auf meine Frage an den Fahrer: "Wieso fahren wir da mit einem Sanitätslastkraftwagen?" - "Ja, des ist die einzige Möglichkeit, daß ma von amerikanische JaBos", also Jagdbomber, "nicht beschossen werden." Also es war völlig zu unrecht, völlig wider jedes Kriegsrecht!
Der Angriff der Flöhe
Ich bin, das werde ich auch nie vergessen, in der Nacht in Vergeretto angekommen. Irgendeiner in dem Ort, so ein Gefreiter oder so was, hat gesagt: "Da drinnen, in dem Stall, da is no a Platz frei, da kennan S’ Ihna niederleg’n, bevor S’ murg’n ganz an die vorderste Linie geh’n."
Und das habe ich in meinem Leben vor- und nachher nie mehr erlebt: Mich hat es zu jucken begonnen, und ich hab‘ nicht gewußt wieso. Und ich habe eine Taschenlampe gehabt, und wie ich die Taschenlampe angeknipst habe - was das Tynd´all-Phänomen ist, wissen Sie? Wenn ein Sonnenstrahl in einen Raum hereinfällt, so sehen Sie plötzlich die Staubteilchen. Und so ein Tynd´all-Phänomen mit Tausenden und Abertausenden von Flöhen, die durcheinandergehüpft sind, war hier zu sehen, so was habe ich noch nie erlebt! Hätte auch nie geglaubt, daß es so etwas gibt! Das war … wieso dort so eine Riesenpopulation von Flöhen war ... ich bin natürlich auf, weil das hält man ja nicht gut aus (lacht), hab‘ mich entsprechend ausgezogen, alles abgesucht, was gegangen ist, und so weiter …
An der italienischen Front
Also, am nächsten Tag dann an die Front, und da hab‘ ich gleich meine erste große Niederlage bei dem Abschnittskommandanten miterlebt. Der Oberleutnant, der hat mich also begrüßt, hat mir die Gruppe zugeordnet und hat mir gleich gesagt, daß eineinhalb oder zwei Kilometer daneben die nächste Einheit, also die nächste Gruppe von zehn bis 15 Mann ist, und auf der anderen Seite ebenfalls. Also ich habe mir damals gedacht, der Amerikaner könnte mit einer Regimentsmusik zwischen uns durchmarschieren. Vielleicht täte man’s hören, sehen täte man’s in der Nacht nicht, und aufhalten könnten wir sie überhaupt nicht!
Hochachtung vor Generalfeldmarschall Kesselring
Und da muß ich Ihnen jetzt - das tue ich ungern, weil ich mich in die hohe Strategie und in die Kriegsführung nicht gerne äußere, aber das sage ich: Mein oberster Kommandeur, den ich in meinem Leben nie kennengelernt habe, war der Generalfeldmarschall Kesselring. Und Kesselring hat an der italienischen Front, die ihm zurückgegeben war, eine Meisterleistung vollbracht, wie sie eigentlich Kriegsgeschichte machen sollte. Er hat menschenschonendst Nacht für Nacht um einige 100 bis 200, 300, 400 Meter die deutsche Front zurückgenommen.
In den frühen Morgenstunden hat ein wahnsinniges Trommelfeuer und ein Beschuß auf die bereits leeren deutschen Stellungen von seiten der Amerikaner, erfolgt, und dann sind die Amerikaner mit "Hurra!" gestürmt, und dann hat das Hurra und das Schießen langsam aufgehört, weil die gesehen haben, da ist eh keiner mehr.
Und wir sind 400 Meter weiter dahinter gesessen und haben wie in einem Film das fast Nacht für Nacht miterlebt, weil der ist immer wieder um ein Stück weiter zurückgegangen. Und das ist das, was ein General in einem verlorenen Krieg als allerhöchste Maxime seines Handelns haben muß! Daß er möglischt viele junge, tüchtige und ihr Leben vor sich habende Menschen heil, ohne Verletzung und vor allem nicht getötet in die Heimat zurückbringt. Und das hat der Kesselring in geradezu genialer Weise mit uns gespielt. Mir ist das erst viel später bewußt geworden, aber so war es!
Der amerikanische Spähtrupp ist eine Kuh
Und ich bin auch eingesetzt worden bei den Verbindungsspähtrupps, die wir zur Sicherung und Verbindung der Stützpunkte gehabt haben. Und einmal, ich war allein unterwegs, bin ich - auf dem Weg zum nächsten Stützpunkt - eine ganze Nacht zitternd und bebend hinter einem Gebüsch gelegen, weil ich geglaubt habe, vor mir ist ein amerikanischer Spähtrupp, der entweder in Kürze auf mich das Feuer eröffnen oder mich gefangennehmen wird oder sonst was. Bis ich draufgekommen bin, daß die Geräusche von einer Kuh gekommen sind, die ein armer Bauer in eine Grube, die er ausgehoben hat, hineingestellt hat, wo er Äste drübergedeckt hat, und die er in der Früh melken gekommen ist und ihr ein Futter und ein Wasser gebracht hat, weil sonst hätten sie ihm die Kuh auch noch requiriert. Und vor der lag ich (lacht) zitternd mit Gewehr im Anschlag, weil ich immer geglaubt habe, jetzt geht’s gleich los. Dabei war das die Kuh! Sie hat nur eines leider nicht getan: deutlich gemuht, denn dann hätte ich mich vielleicht weniger gefürchtet.
Mit 39 Kilo zum Partisaneneinsatz
Ich bin ja dann plötzlich an schwerster Ruhr erkrankt, durch das Essen von rohem Obst, und bin mit 39° Fieber zurück ins italienische Hinterland gekommen, und dort in einem Reservelazarett bin ich abgemagert auf 39 Kilo. Ich bin aber trotz allem nicht - das möchte ich auch dazu sagen - kriegsuntauglich erklärt worden, sondern habe dort die fürchterliche Aufgabe der Partisanenbekämpfung bekommen, was mir deswegen so schrecklich war, weil ich immer mir gedacht habe, wir rennen in unser Unheil hinein! Wenn schwaches Licht bei einem Gehöft war, und wir sind aufgetaucht, wir hätten ja von allen Seiten erschossen werden können.
Der Ladiner, ein Mann, dem ich vielleicht mein Leben verdanke...
Und da wurde mir wieder ein großes Glück, sozusagen, zuteil: Es war ein mir untergeordneter Landser, ein Ladiner, der die Deutschen gehaßt hat, der sich überhaupt nicht mit dem deutschen Volkskörper verbunden gefühlt hat, der eingezogen war zur Deutschen Wehrmacht und der blendend Italienisch, Deutsch - hat er auch - und Ladinisch gesprochen hat. Und da haben wir etwas Herrliches gemacht: Wenn wir ein Gehöft zu perlustrieren gehabt haben, so bin ich mit meinen paar Mandl’n wie in Feuerstellung stehen geblieben und hab‘ dem gesagt: "Du bist der einzige, der blendend Italienisch kann, du gehst jetzt hinein."
Und der hat folgendes gemacht: Der hat von weitem schon auf italienisch gerufen: "Ich komm‘ jetzt, schießt nicht auf mich, das ist keine Kontrolle und nichts, ich bin Ladiner", und so weiter, er ist rein, und nach ungefähr fünf bis zehn Minuten wieder raus gekommen und hat gesagt: "So, wir können schon hineingehen und kontrollieren." Wenn wirklich Partisanen drinnen waren, so hat er die in den Keller hinunter geschickt oder auf den Dachboden, da sind wir nicht hingegangen, und so haben wir überlebt. Ich sage ein großes Wort: Ich war ein Kesselring im Kleinen. Ich habe auch getrachtet, meine fünf Mand’ln lebend über diese Sinnlosigkeit hinwegzubringen, denn es hätte ja gar nichts genützt, wenn wir dort erschossen worden wären.
Partisanenkampf 1: Die Eierhandgranate in der Brotlade
Ein Freund von mir, er ist in der Webgasse (in Wien) Rechtsanwalt, war mit einem Unteroffiziere auf einem kurzen Verbindungsspähtrupp an einem Haus vorbeigekommen, an einem italienischen Bauernhaus. Es war im Sommer, August, heiß, sie haben einen Durst gehabt und wollten vielleicht auch ein Stückchen Brot oder Speck oder was haben. Haben schon leidlich Italienisch gekonnt, und sind hinein. Eine junge, hübsche Italienerin, eine Bauernmagd oder Tochter, der haben sie das gesagt, und die hat gesagt: "Moment, kriegt ihr gleich!", hat merkwürdigerweise in der Schublade des Bauerntisches herumgetan, und anschließend ist sie rasch verschwunden.
Und der Feldwebel, ein wahnsinnig "’brennter Hund" hat meinen Freund gepackt, hat ihn bei der Tür hinausgeschmissen und ist nachgehechtet. Mein Freund wollte schon sagen: "Ja, bist du deppert, wir kriegen doch eh …" In dem Moment hat es einen Krach gemacht, und in der Tischlade ist eine Eierhandgranate explodiert, die die abgezogen hat, und das halbe Haus ist um einen halben Meter eingesunken.
Und sie ist haßerfüllt gekommen, weil sie geglaubt hat, die beiden liegen schwer verwundet oder tot da, und war komplett erschüttert, daß die noch leben und das überlebt haben. Die hat ihr eigenes Haus als Partisanin nicht geschont, um zwei verhaßte Deutsche auszulöschen. Die ist natürlich den militärgerichtlichen Behörden übergeben worden und dann abgeurteilt worden und hat das sicherlich nicht überlebt, die ist erschossen worden.
Partisanenkampf 2: Der Krad-Schütze und die italienischen Partisanen
Und das zweite, ganz Furchtbare, das ich von einem ärztlichen Kollegen erfahren habe, das war ein Krad-Schütze, also ein Mann allein mit einem Motorrad unterwegs zu irgendeinem Gefechtsstand. Kommt in der Nacht an einem schwach beleuchteten Bauernhaus vorbei, und obwohl das strengstens verboten war, allein ein solches Haus zu betreten - es war immer die Weisung, wenn, dann zu zweit so ein Haus zu betreten -, hat der sein Krad am Straßenrand hingestellt, ist hineingegangen - und ist in eine Partisanenversammlung hineingekommen!
Der hat natürlich kein Gewehr und keine Pistole, gar nichts, entsichert gehabt, sondern der wollte ja auch nur um ein bißchen Wein oder sonst was bitten. Und die sind über ihn hergefallen, haben ihn niedergeschlagen und haben das Fürchterlichste gemacht, was man machen kann: Sie haben ihn an den Füßen gefesselt an einem Haken im Raum aufgehängt, er hing mit dem Kopf nach hinunter. Und besonders, so wurde mir berichtet, haben die Frauen auf das entsetzlichste mit quälenden Spielen an seinem Membrum virile begonnen, sich zu vergreifen. Und das war ein solches Hallo und ein solcher Wirbel, ein haßerfüllter, daß niemand mehr nach draußen gehört hat.
Und draußen fährt eine deutsche Panzerkolonne, bestehend aus drei Panzern, vorbei, und der Leutnant, der die mehr oder weniger befehligt hat, hat Gott sei Dank nicht geschlafen und sieht vom Turm aus ein deutsches Militärmotorrad stehen, befiehlt anzuhalten, geht mit allen drei Panzern in Gefechtsstellung mit Richtung der Geschütze auf das Haus, nimmt sich einen zweiten Mann und stürmt das Haus mit Maschinenpistole. Es ist kein einziger Schuß gefallen, weil die waren so überrascht und perplex, daß da plötzlich der Leutnant - mit einem anderen - da ist. Der sieht diesen armen Teufel, hat den natürlich sofort losschneiden lassen, notversorgen lassen - der, um es nebenbei zu sagen, hat das überlebt, ist in ein Lazarett gekommen mit schwersten Verletzungen am Genitali -, und der Leutnant hat sämtliche Türen und Fenster verschließen lassen und hat gesagt: "Jeder, der jetzt noch das Haus verläßt, wo immer, beim Dach oder sonst wo, wird erbarmungslos erschossen!" Dann ist er zu seinen Panzern, hat mit Brandgranaten laden lassen und hat das Haus innerhalb von einer halben Stunde in Brand geschossen. Das hat kein einziger überlebt, die sind alle tot gewesen.
Und er ist mit seiner Einheit weitergefahren, hat eine Meldung gemacht - und jetzt kommt das, was mich am allermeisten gewundert hat: Die deutsche Kriegsgerichtsbarkeit hat diese Selbstjustiz nicht durchgehen lassen. Er ist degradiert worden, ist angeklagt worden, weil er das ohne ordentliches Gerichtsverfahren in eigener Regie durchgeführt hat, ist zu einer Strafkompanie gekommen und ist dort gefallen. Der Leutnant hat das nicht überlebt. Das muß man zur Ehre der Deutschen Wehrmacht, der man ja oft anhängt, sie hat überhaupt nur aus Verbrechern bestanden, auch sagen, daß hier tatsächlich eigentlich nach dem Rechtsempfinden vorgegangen wurde.
Die "noblen" Fronten
Die Front gegen Amerikaner, Engländer (in Italien) war eine "noble" Front, weil man gewußt hat, kommt man in Gefangenschaft, so wird man als Mensch behandelt. Was vielleicht wenig bekannt ist - um die zum Teil im afrikanischen Menschen noch vorhandenen Jagd- und niedrigen Instinkte im Zaum zu halten, hat die US-Armee angeordnet, daß farbige Soldaten eine Prämie bekommen, wenn sie einen deutschen Soldaten lebend in die Gefangenschaft bringen. Also ihn nicht zu massakrieren, umzubringen oder sonst was zu machen, denn das wäre so ziemlich das Entsetzlichste, was mehr oder weniger passieren sollte.
"Die Briten waren ja die allerbesten Gegner"
Die Briten waren ja die allerbesten Gegner. Die sind am Arno gesessen mit einem kleinen Feldtischchen, einer Flasche Whiskey, und wenn es zu regnen angefangen hat mit einem Regenschirm, irgendwo war das Gewehr angelehnt. Wir sind so weit an sie herangekommen, wir hätten die wie nichts abschießen können, nur hat jeder gesagt: "Ja bist du deppert, wenn wir schießen, wissen doch die daß wir da sind, da gibt es einen Schwerverletzten oder Toten, was haben wir da davon, aber wir haben die Hölle, die legen doch sofort ein Trommelfeuer auf uns." Die sind also völlig, um zu sagen, wie die Sir‘s sind die da gesessen, ich muß immer wieder lachen, und ich habe mir gedacht, das ist typisch für die Haltung eines Kolonialvolkes, das gewöhnt ist, mit solchen lächerlichen Kasperln, wie wir das bei der deutschen Wehrmacht gewesen sind, umzugehen.
"Ich glaube, den Krieg gewinnen wir nicht mehr."
Und ich kann Ihnen, wenn ich das vorausgreifend sagen darf, den Zeitpunkt sagen, wo ich mir zum ersten Mal gedacht habe: "Unmöglich, daß wir diesen Krieg gewinnen." Wie ich an der italienischen Front unten war, war ich in der Infanterie, vorderste Linie, und wir haben täglich durch einen Essenholer, der weit über einen Kilometer zu gehen hatte, in einem Kanister Suppe und warmes Essen bekommen. Und wenn der gekommen ist, war nichts mehr drinnen, weil der hat ix Granatsplitter in seinem Kanister gehabt, die - Gott sei Dank - nicht ihn getroffen haben.
Aber den Kanister und die ganze Suppe und das ganze warme Essen war ausgeronnen. Und wir sind wieder nur bei einem Marmeladebrot oder bei einem Stückerl Salami gesessen, und bei einem kalten Kaffee, hat nichts gemacht... . Und dann habe ich den ersten amerikanischen Kriegsgefangenen unmittelbar erlebt, der hat natürlich gegenüber dem Dritten Reich eine aus seiner Sicht verständliche Präpotenz gehabt. Der wollte uns zeigen (lacht): "Was habt ihr da?" Der hat eine Konservendose mit Suppe mitgehabt, hat sie oben aufgeschraubt, daraufhin hat sich ein Brennsatz selbst entzündet. Er hat die Dose auf einen Stein gestellt, und nach drei Minuten hat der eine brennheiße Suppe gehabt.
Und da habe ich zu einem meiner Leute gesagt: "Ich glaube, den Krieg gewinnen wir nicht mehr." An einem so lächerlichen Beispiel, wie es mit dieser Konserve war, aber da stand eben die ganze technische Allmacht der Vereinigten Staaten dahinter. Und letzten Endes hat das auch gestimmt. Da sind wir schon sehr nachdenklich geworden.
Zielschießen der Amerikaner in Padua
Es war in Padua. Ich war mit einem späteren, bei der Wiener Rettung im Dienst stehenden Arzt, der damals genauso wie ich Maturant war und noch nicht Medizin studiert hat, zufälligerweise in Padua, im Jahre 1944. Und nachdem wir beide gewußt haben, Padua ist eine ganz berühmte europäische Universität mit ganz großer medizinischer Schule, haben wir beschlossen, in dem halben Tag, den wir zur Verfügung gehabt haben, unbedingt auch die Universität anzuschauen.
Und gerade wie wir schon bei der Universität waren, haben die Luftschutzsirenen geheult, und wir haben sofort gewußt, jetzt passiert das Entsetzlichste, was einem als deutschem Soldaten in einem freien Gelände - denn das war ein Park mit Sträuchern, aber ohne jeden Baum, ohne Bank, ohne alles - passieren kann: Es kommen keine Bomber, sondern es kommen Jagdbomber. Die meistens aus Gründen des Terrors einzelne Ziele unter Beschuß genommen haben und sich einen Spaß daraus gemacht haben, einzelne Menschen, natürlich meistens Soldaten, zu erschießen. Und, wir haben also uns hineingezwängt in Gesträuch und haben gewußt, das nützt nichts, die sehen uns von oben sowieso, und "weeho" (Zischgeräusch) waren sie schon da. Es fiel aber kein Schuß, zunächst, und dann sind sie wieder eine Runde und wieder eine Runde geflogen, und auf einmal hat einer von den beiden aus vollen Rohren zu schießen begonnen. Aber, das haben wir schon bemerkt, das geht nicht auf uns, sondern das geht über uns hinweg.
Jetzt müssen Sie wissen, an der Universität von Padua stehen lebens- oder vielleicht sogar überlebensgroß die Steinfiguren ganz besonderer Wissenschaftler wie zum Beispiel von Kopernikus, oder .... aus allen Wissensbereichen sind dort also die berühmtesten Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler versammelt.
Und die haben sich die beiden Flieger - wovon einer ein Farbiger war, denn die sind so tief geflogen, daß ich durch die Kanzel gesehen habe, daß der eine dunkle Hautfarbe hat - vorgenommen. Und die sind immer wieder von neuem die Universität angeflogen, und wir konnten uns zunächst nicht erklären, was los ist, bis es auf einmal "Platsch!" gemacht hat und irgendein Riesenkopf von einer dieser Statuen ist hinuntergepoltert und irgendwo am Boden zerschellt. Da haben wir gewußt, die machen sich einen Spaß und machen ein Zielschießen auf die Figuren, und das haben sie immer wieder von neuem gemacht, und jedesmal, wenn eine Figur getroffen wurde oder halb abgeschossen war, haben sie mit ihren Flügeln hin und her gewackelt, so wie das ja nach Flugzeugabschüssen auch gemacht wurde.
Bis sie dann scheinbar des Spiels überdrüssig geworden sind und sie wieder weggeflogen sind. Es ist vom kulturellen Standpunkt schauderhaft, auf ehrwürdige Wissenschaftler zu schießen, aber in meinen Augen verharmlost es sich, denn diese Wissenschaftler waren aus Stein, und wir beide waren aus Fleisch und Blut, und wir sind gottlob davon verschont worden.
Der Hitler-Witz
Den einzigen, den ich kenne, den mir ein Kamerad einmal erzählt hat und den ich auch in Zeitungen und Zeitschriften über den Nationalsozialismus nie mehr gelesen habe ist der - es war nach irgendeinem Angriff, wo er gesagt hat: "Weißt du, daß der Hitler am liebsten aufs Häusl geht?" Und ich habe gesagt: "Ja, wie kommst du denn da drauf?" "Ja, da hat er die braunen Massen hinter sich!" (lacht)
Erlebnisse beim Heimaturlaub Ende 1944 : Hände ragen aus dem Schutt ...
Zum Beispiel haben wir daheim gegenüber von uns das Blindeninstitut gehabt, und nach einem Bombenangriff (Ende 1944) habe ich einmal nur mehr die Hände aus dem Schutt im Keller bei einem Volltreffer herausragen gesehen, und wir haben wie die Irren, alle, die eine Schaufel bedienen konnten, gegraben, und haben sieben Leute aus dem Schutt herausgebuddelt, von denen drei überlebt haben, und die sind mit einem Kohlenhändlerhandwagerl, weil sonst nichts gegangen ist es sonst nichts gegeben hat, ins Allgemeine Krankenhaus auf die Station vom Professor Schönbauerhinuntergebracht worden. Wie gesagt vier sind verstorben, und drei haben lange noch nach dem Krieg gelebt, haben mich natürlich nie erkannt, weil sie ja blind waren. Aber ich habe immer zu ihnen gesagt: "Sie habe ich ausgebuddelt!" Und da haben sie: "Mein Gott, Sie waren das ....!" Und das war also auch etwas, was einem ein bißchen etwas gegeben hat, daß man Menschen retten konnte, das ist vielleicht auch noch in die Zeit vor meiner Militärzeit (Anmerkung: gemeint ist die Desertation) einzuordnen.
Das Floridsdorfer Bezirksgericht
Etwas, was zu den unangenehmsten Erlebnissen meiner Kriegszeit gehört, war die Einteilung als Bewachung für das Floridsdorfer Bezirksgericht. Das Floridsdorfer Bezirksgericht war im Krieg selbstverständlich kein Kriegsgericht, sondern es war ein Militärgefangenenhaus. Und nachdem ja auch Militärgefangenenhäuser von amerikanischen Fliegerbomben hätten getroffen werden können und dadurch die Möglichkeit bestanden hätte, daß Menschen, die dort inhaftiert sind, plötzlich frei gewesen wären, hat das deutsche Militärreglement vorgeschrieben, daß bei einem Bombenangriff ein Unteroffizier mit zehn Mann, mit Maschinenpistolen und Maschinengewehren bewaffnet, in einem sicheren Betonbunker dieses Bezirksgerichtes jeweils einzuziehen hatte, und wenn das Haus von Fliegerbomben getroffen worden wäre, und es hätte nur ein einziger einen Fluchtversuch gemacht, so hätte der von mir und den mir untergeordneten zehn Kameraden erschossen werden müssen.
Ich habe zum Himmel immer gebetet, daß kein Bombenangriff erfolgt und daß ich nie in die fürchterliche Lage versetzt werde, das Kommando zum "Feuer frei" auf Menschen, die unschuldig oder schuldig inhaftiert sind, eröffnen zu müssen. Und ich muß sagen, der Himmel hat diese Bitte erhört, es war nie notwendig. Aber was ich nicht vergessen werde war, wie diese ausgemergelten, verzweifelten, zum Teil zum Tod verurteilten, aus politischen Gründen, deutschen Soldaten, die degradiert worden waren - man hat es an der Uniform erkannt, daß es zum Teil Offiziere waren - einen angefleht haben um ein Stück Brot oder eine Zigarette, und das war nur ganz schwierig, und nur geheim möglich, dem ein kleines Päckchen Zigaretten zuzuschieben. ...
Von der italienischen an die russische Front
Das war die Front in Italien, das war die Front, wo man gewußt hat, man geht in eine Menschlichkeit hinein, wenn man gefangengenommen wird, man wird als europäischer Zivilist akzeptiert – anders war es an der russischen. Gegen die Russen bin ich eingesetzt worden, schon allein das war eine Gemeinheit: Ich habe einen Passierschein gehabt, der mich verpflichtet hat, mich in Nürnberg bei Fürth auf der Kriegsschule zu melden, und ich hatte eine Einzelreisegenehmigung gehabt.
Aber ich bin in Scheibbs verhaftet worden von der Waffen-SS, die gesagt haben: "Sie sind ein Deserteur und gehen jetzt einmal ins Gefängnis!" Das war ein Schulraum, da drinnen waren 60 oder 70 Leute. Da waren Matrosen, da waren Volksstürmer mit solchen Bärten, da waren Hitlerjungen mit 14, 15 Jahren - es war ein wüst zusammengewürfelter Haufen. Ich habe so lautstark protestiert, bis ich erreicht habe, daß ich zum Standortkommandanten von Scheibbs gebracht worden bin.
Und der Standortkommandant von Scheibbs war ein uralter - ich würde glauben, weit über 70 Jahre alter - Oberst der k.u.k. Armee mit dem "Pour le mérite"-Orden, der hat eine der höchsten deutschen Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg gehabt, ich weiß nicht wieso, und dem hab ich meine Lage gesagt. Ich hab‘ gesagt: "Ich bin kein Deserteur, sondern ich bin ordnungsgemäß …" und so weiter. Und der hat dann veranlaßt, daß ich aus dieser Gefangenschaft, aus dieser Festnahme losgekommen bin, und ich wurde eingeteilt als Zugsführer - als Zugsführer! - von ungefähr 100 (verspricht sich, es waren etwa 80) Mann. Genauso ein bunt gewürfelter Haufen, wo Matrosen, Heimaturlauber, Hitlerjungen und so weiter dabei waren - .... Und meine Aufgabe war dann, mit diesen Männern, in Spratzern den letzten Brückenkopf nach Osten über die Traisen zu verteidigen, der noch in deutschem Besitz war - alles andere hat sich schon zurückgesetzt gehabt über die Traisen in Richtung Westen, dort bin ich also eingesetzt worden.
"... und da wird ein Schnellkriegsgericht entscheiden, ob sie erschossen werden oder nicht!"
Nein, aber ich wollte eigentlich von Spratzern erzählen. Und, das Haus, in dem ich meinen Gefechtsstand gehabt habe, existiert noch. Es ist ein hübsches, ungefähr 1935 gebautes Einfamilienhaus, unterkellert, und dort unten im Keller habe ich meinen Gefechtsstand gehabt. Vor mir liegend, ungefähr 200 Meter, in östlicher Richtung waren in einem ausgegrabenen Doppel-, also nicht Ein-Mann-, sondern Zwei-Mann-Loch, mit einer Panzerfaust, Maschinengewehr und Gewehren ausgestattet, zwei Mann, die Alarm zu geben hatten, wenn aus dem Osten etwas gekommen wäre, und wir haben gewußt, aus dem Osten kann nur mehr - absolut und bedingungslos - der Russe kommen, es gibt keinen Deutschen mehr.
Und um drei Uhr in der Früh habe ich einen Kracher gehört, hab‘ sofort gewußt, das war unser Kanonenrohr (Variante zu "Ofenrohr"), bin hinaus und hab‘ schon gesehen, vor uns, keine 100 Meter, ein brennender Panzer. Hat einer meiner Leute mit dem Ofenrohr, vollkommen befehlsgemäß, den Panzer angeschossen und abgeschossen. Da waren alle tot, die in dem Panzer drinnen waren. Aber: Der hat ein Balkenkreuz gehabt, und zwei andere Panzer auch noch. Das war eine versprengte SS-Division, die bei uns als letztes durch wollte, die uns kein Mensch gemeldet hat, und wir haben also einen eigenen Panzer mit vier Leuten abgeschossen.
Da ist ein Oberst-Sturmführer - ich weiß nicht die Ränge der SS - gekommen und wollte den Mann, der geschossen hat, und mich erschießen. Und ich bin dann doch zu Wort gekommen und habe gesagt: "Herr Oberst, wir haben den striktesten Auftrag, auf alles, was aus dem Osten kommt, bedingungslos zu feuern, weil das nur Teile der russischen Armee bereits sein können. Und wir haben keine Ahnung gehabt, und in der Dunkelheit kann man ja auch nicht das Balkenkreuz erkennen …" Worauf er angeordnet hat: "Sie und der Schütze kommen morgen zu einer Schnellkriegsgerichtsverhandlung nach Obergrafendorf", hat sich unsere Namen aufgeschrieben, "und da wird ein Schnellkriegsgericht entscheiden, ob Sie erschossen werden oder nicht." Und ich hab‘ mir gedacht, "Na servas, jetzt ist der Krieg eh schon praktisch verloren, und jetzt wirst zwei Tage vor Kriegsende womöglich da noch von der SS erschossen.
Aug in Aug mit den Russen
Um es kurz zu machen, es kam ein Angriff der russischen Armee, und wir mußten uns auf das Westufer der Traisen zurückziehen. Dort konnten wir noch am Uferrand in Stellung gehen. Wir waren ungefähr, ich würde glauben, insgesamt nicht ganz 70 oder 75 Mann.
Keiner war verwundet von denen. Und dann hab ich den Befehl gegeben "Brücke sprengen!", denn wir haben drei Sprengladungen an der Traisenbrücke angebracht. Der will sprengen, aber die Widerstandsbewegung hat in der Nacht die Drähte durchgeschnitten, was ich verstehe, weil die ihr Bauwerk erhalten wollten. Für uns wäre die Sprengung aber lebensrettend gewesen, weil wir gewußt haben, wenn die Brücke nicht in die Luft fliegt, sind ja die Russen sofort da. Und da muß ich sagen, hab ich einen Pionier-Unteroffizier unter mir gehabt, der hat eine sogenannte Geballte Ladung auf der Brücke gesprengt in Hoffung, daß sie die 5-Kilo-Ladung mitnimmt und daß die ganze Brücke in die Luft fliegt. Das ist nicht passiert, es sind nur ämtliche Geländer - und alles, was vorhanden war - ist von der Brücke hinuntergeflogen, aber die Brücke als solche ist mit einem relativ, was weiß ich, etwa 20 cm tiefen Loch stehen geblieben.
Und ich habe schweren Herzens den Befehl gegeben, uns über ein 500 Meter weites Feld zu sammeln, hinter dem Mariazeller Bahndamm, denn dort war die nächste Möglichkeit, in Stellung zu gehen. Und die Russen sind sofort herüber, sind in Stellung gegangen, haben auf uns zu schießen begonnen, und ich habe am Mariazeller Bahndamm 20 Soldaten von meinem Zug noch versammelt. 50 sind entweder erschossen worden oder schwer verletzt
Die rote Spur der Waffen-SS
In Gefangenschaft ist keiner gegangen, denn es hat sich etwas Entsetzliches ereignet vorher: Die Waffen-SS hat - das hab ich erst später erfahren - einen Gegenstoß gemacht, hat dann einen russischen Generalstab mit 60 Generälen und Obersten gefangengenommen. Und statt daß sie die nach Salzburg oder irgendwo hingebracht hätten, um ein Faustpfand zu haben (schlägt sich mit der Faust in die Hand) und zu sagen, wir tauschen aus, haben sie bei einem neuerlichen Gegenstoß der Russen, wo sie gesehen haben, jetzt müssen sie selber weg, alle 60 erschossen, mit Benzin überschüttet und angezündet.
Und die Russen haben ihre Toten, ihre tote Generalität zum Teil brennend, verbrannt, jedenfalls alles tot, vorgefunden, und der russische General hat gesagt: "In diesem Abschnitt wird kein einziger deutscher Gefangener mehr gemacht, egal ob er ein Kind, eine Frau, ein Mann oder sonst etwas ist! Das überlebt niemand, jeder wird erschossen"! Also nehme ich an, daß von diesen 50 armen Teufeln, von meinen Leuten, die dort liegen geblieben sind, die es mit schwerer Verletzung überlebt haben, keiner überlebt hat, weil sie alle dann von den Russen nachträglich erschossen wurden.
1kg Tabak als Lebensretter
Und ich bin nach Vösendorf hinein, und in Vösendorf, da hab ich das große Glück gehabt, zu einem Bauern, den ich nicht gekannt habe, und zu dem ich gesagt habe: "Lassen S’ mich da eine, denn i muaß von der Deutschen Wehrmacht desertieren, denn murg’n werd’ i von der SS mit großer Wahrscheinlichkeit bei einer Kriegsgerichtsverhandlung erschossen. Da haben S’ an Kilo Tabak!"
Der hat meinen Tabak genommen, und ich habe ein Zivilgewand bekommen es war nur eine Hose und ich habe sie als Überhose verwendet, weil, ich keine Zeit mehr gehabt meine Militärhose auszuziehen, und da ist das Erstaunliche: Da waren ukrainische und polnische Arbeiter, Landwirtschaftsarbeiter, und wie die ersten Russen gekommen sind, hat mich kein einziger von ihnen verraten! Die hätten ja sagen können: "Das ist ein deutscher Soldat." Da hätten sie mich sofort erschossen. Die haben nichts gesagt, und ein Kirgise hat mich herausgeholt und hat mich abzutasten begonnen. Und der greift auf meinen rechten Hosensack, und dort ist ein Magazin mit acht Schuß von einer 08/15 drinnen gewesen von einer Pistole. Das habe ich nicht mehr rechtzeitig weggeworfen, an das habe ich nicht gedacht. Und der greift in den Hosensack der Überhose hinein und findet nichts, weil die war leer. Da kriegt einen solchen Zorn, daß er mir einen Tritt gegeben hat, das war der glücklichste Tritt meines Lebens!
Ich bin über die Kellerstiege hinuntergefallen, und, damals war ich ja noch jung, die paar Abschürfungen haben ja keine Rolle gespielt, und ich greife in die Hose hole das Acht-Schuß-Magazin heraus, und werfe es ins nächste Weinfaß (zeigt hinein-werfen) "plopp" und "blblbl," (Geräusch von gluggerndem Versinken) – und war weg!
Ich habe das aber dem Bauern gesagt, ich habe gesagt: "Sie, wenn sie das ausschwefeln einmal, oder sonst etwas: Da sind acht scharfe Schuß Munition drinnen, aber wo soll ich die sonst hingeben, daß sie (deutsche oder russische Soldaten) sie nicht entdecken?!"
Und die SS hat dann einen Gegenstoß gemacht und unser Haus, außen, wieder-erobert, und ich habe schon gedacht: "Wenn sie jetzt hereinkommen, und es sagt einer: ‚Der ist von der deutschen Wehrmacht, ein Deutscher‘, dann werd ich von der SS erschossen!" Und daher bin ich im frühesten Morgengrauen - wie noch die Fronten hin und her gegangen sind - zwischen den Fronten als Zivilist durch, und, um es kurz zu machen, nach zweieinhalb Tagen, nachdem ich kurz in russischer Gefangenschaft war, mich hat ein junger Russe verhaftet und gesagt:
"Du - bist -Soldat!" Und ich habe gesagt: "Ich bin nicht Soldat!" Es hat nichts geholfen und ich mußte daraufhin dort, wo heute der Eingang ins Regierungsviertel in St. Pölten ist, der Platz existiert noch - es war ein kleines Beet, mitten in einem Kreisverkehr – dort mußte ich - mit acht anderen zusammen - einen gefallenen russischen Hauptmann, "Capitano". bestatten. Und dahinter war, was ich nicht gewußt habe,ein Fleischhauerladen, und den hat der Mob von St. Pölten mit Steinen eingeworfen, und dann haben sie dahinter ein Fleischschmalzkonservenlager, eine sogenannte "Eiserne Ration",entdeckt und haben das körbeweise und schürzenweise weggetragen.
Und wir haben einen alten, lieben russischen Bewachungsmann gehabt, der sich seine Zigarette gedreht hat, neben sich seine Puschka, und der hat gesehen, da gibt es was zu essen und hat sich wohl gesagt: "Die arbeiten eh brav, ich gehe und hole mir auch etwas!" Und hat sich wahrscheinlich auch etwas geholt...
Und ich habe den Moment benützt und bin weg. Ein Unteroffizier aus Albern, von dort, wo der "Friedhof der Namenlosen" ist, der dort war dort Gärtner, und der hat gesagt: "Bist du deppert, willst du dich jetzt in den letzten paar Minuten erschießen lassen?" Daraufhin ich: "Ich geh!", ich geh!", denn ich habe gegenüber den anderen den großen Vorteil gehabt, daß ich Zivilkleidung gehabt habe...
Und da kommt, das kann man sich nicht vorstellen, ein russischer Soldat mit einem Fahrrad, der hinter sich einen russischen Jeep kommen sieht. Der wirft das Fahrrad in den Straßengraben, hält den Jeep auf, springt auf den Jeep auf und fährt mit Richtung St. Pölten. Und ich renne zum Fahrrad und bin mit dem Fahrrad nach Wien gefahren. Das haben mir allerdings die Russen beim Wienerwald wieder requiriert, aber, mein Gott, wie gewonnen, so zerronnen, und ich war glücklich in der Heimat!
Doppelmord für ein SS-Zeichen
Und ich möchte Ihnen jetzt noch etwas erzählen, was Ihnen den russischen Kriegs-schauplatz mit dieser Episode wirklich ganz, ganz genau demonstriert. Das habe ich nicht erlebt. Das wurde mir erzählt von dem Bauern, wo ich das Zivilgewand eingetauscht habe.
Dort ist ein Brunnen, und in diesen Brunnen ist ein des Kampfes müder SS-Mann hinuntergestiegen, im Gefechtstrubel, und hat sich gedacht: "Wenn es da oben ruhig wird, komme ich wieder heraus und ergebe mich." Und da ist folgendes passiert: Der kam untertags aus dem Brunnen heraus. Der Ort war von russischen Soldaten besetzt, ein russischer Soldat sieht den Mann und geht auf ihn zu und erschießt ihn und nimmt ein Messer heraus und schneidet ihm aus dem Kragenspiegel das SS-Zeichen heraus, weil die Russen für jedes erbeutete Waffen-SS-Zeichen am Kragenspiegel eine Prämie ausbezahlt haben. Die ganze Szene beobachtet ein zweiter russischer Soldat, der nimmt seinen Spaten und haut seinem eigenen Kameraden, der nur eine Schiffchenmütze, keinen Stahlhelm getragen hat, von hinten den Spaten in den Schädel, daß er ihm bis ins Hirn hinein gegangen ist, der war auch sofort tot.
Nimmt sich aus den klammen Fingern seines eigenen Kameraden das SS-Emblem und geht zu seinem Kommandanten und kassiert die Prämie und berichtet, ein deutscher SS-Soldat und ein eigener Kamerad sind miteinander in eine Kampfsituation gekommen, der russische Soldat hat den deutschen erschossen, nachdem ihm der fast gleichzeitig den Spaten hinein gehaut hat...
Also ein Doppelmord für ein SS-Abzeichen, weil eine Prämie ausbezahlt wurde, und ich erinnere jetzt an die Prämien, die die afrikanischen Soldaten bei der US-Armee für einen Lebenden bekommen haben. Das nur als Abschluß zu diesem Kapitel - Vergleich russische, Vergleich italienisch-amerikanisch-britische Front.
Erwin Rudolf Mayr kommt im April 1945 - zurück zu seinen Eltern nach Wien und erfährt, daß er am 20. 04. ’45 zum Leutnant befördert wurde. Wenig später beginnt er mit seinem Medizinstudium.
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Ruth Deutschmann
Wien, 31.07.2001
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