Interviste austria
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  • Fredy Pietsch
  • Hatto Georg Scheer
  • Rautgundis Süß
  • Irma Trksak


  • Name : Alfred (Fredy) Pietsch

    Geburtsdatum : 07. Juni 1925

    Geburtsort/ Land : Wien

    Beruf : Schriftsetzer

    Fredy Pietsch: "Hitler hat Zerstörung und Not über uns gebracht und uns auch unserer Jugendjahre beraubt. Das Leid der Opfer dieses Regimes darf nicht umsonst gewesen sein. Es ist wichtig davon zu berichten. Ich war sehr jung und habe damals keine große Taten gesetzt. Aber ich habe mich immer bemüht ein Mensch zu bleiben. So ist es mir auch gelungen humane Hilfe zu leisten, durch kleine Akte der Menschlichkeit.

    Und ich habe gelernt Demokratie und Freiheit zu schätzen. Ich bin begeisterter Österreicher und Europäer. Ich bin dankbar für die Demokratie in unserem Land und hoffe, daß wir alle sie uns für immer bewahren. Darum möchte ich den Menschen von meinen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg erzählen. Ich erzähle gegen das Vergessen, für eine Zukunft in Respekt und Toleranz. Obwohl der Krieg seit 56 Jahren vorüber ist, wird es immer wieder notwendig sein über diese Zeit zu sprechen.

    Die Menschen müssen davon wissen, um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Darum spreche ich jetzt, bevor ich gehe..."

    Angaben zum Leben vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg:

    Alfred "Fredy" Pietsch wird am 7. Juni 1925 in Wien als Sohn eines bekannten Wiener Berufsmusikers geboren. Die Kindheit und Jugendzeit verbringt er - in bescheidenen Verhältnissen - im 16.Wiener Gemeindebezirk, in Ottakring.
    Dort, im Gemeindebau Sandleiten, erlebt er die Notzeiten der 30iger Jahre und liegt während des Bürgerkriegs im Februar 1934 zitternd unter der Bettdecke, während Schüsse durch den Gemeindebau hallen. 1938, wenige Tage nach dem Anschluß, sieht er Adolf Hitler im Triumpfgeschrei der jubelnden Massen in der Wiener Mariahilferstraße - ein ansteckender Freudentaumel. Doch Fredy´s Mutter ahnt das Unheil. Für ein Schmalzbrot und einen Apfel wird der 13jährige zum Wahlhelfer für Hitler. Und er empfindet tiefe Betroffenheit wie Juden auf der Wilheminenstraße den Gehsteig mit Zahnbürsten reinigen müssen ... In der "Deutschen Jugend" (DJ) erkennt er schnell die maßlose Machtausübung der sogenannten "Führer"!

    Mit 17 Jahren wird Fredy Pietsch - im Oktober 1942 - zum Reichsarbeitsdienst einberufen. Er erfährt die oft menschenverachtenden Schleifermethoden am eigenen Leib und kommt während eines Einsatzes ins Warschauer Ghetto.

    Im April 1943 rückt er als Soldat in die Deutsche Wehrmacht ein und sieht sich immer stärker mit der Unmenschlichkeit, Intolerenz und der Respektlosigkeit des herrschenden Systems konfrontiert. Trotz großer Angst entscheidet er sich immer wieder für humanes Handeln.

    Eine Verwundung rettet ihn aus der Kriegshölle an der Ostfront. Nach dem Genesungsurlaub, im September 1944 kommt er zu den Gebirgsjägern nach Mittenwald und erlebt das Kriegsende in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Deutschland (Lager Ludwigshafen am Rhein) und Frankreich (u.a. in St. Avolt bei Metz und Staney). Aus der Gefangenenschaft wird er in Salzburg entlassen und kommt nach einer abenteuerlichen Reise über die Demarkationslinie in Steyr an der Enns schließlich zu Weihnachten 1945 zurück nach Wien. Ab 1946 arbeitet er, bis zu seiner Pensionierung, als Schriftsetzer in der Österreichischen Nationalbank.

    Fredy Pietsch ist verheiratet (in zweiter Ehe) und hat eine Stieftochter. Er ist begeisterter Sportler, und nimmt auch jetzt noch - mit über 76 Jahren - an Senioren-Skirennen teil. Zu seinen liebsten Sportarten zählen weiters Radfahren und Tennis.

    Autobiographien/Veröffentlichungen

    Ein Buch mit den Erinnerungen von Fredy Pietsch an die Zeit von 1935–1945 ist gerade in der Fertigstellungsphase, es wird 2001 erscheinen.

    Fredy Pietsch: „ Bevor ich gehe" – Erzählungen gegen das Vergessen

    Es regnet Hakenkreuze über Wien
    12. März 1938. Es war in der Früh und meine Mutter ruft auf einmal ganz aufge-regt meinen Vater. Ich bin schon in der Küche gestanden und sag: "Papa komm, Papa komm, der Bundeskanzler wird sprechen." Kurz darauf hat Bundeskanzler Schuschnigg sein Wort ergriffen und hat gesagt: "Wir weichen der Gewalt", so in dem Sinn, "Wir weichen der Gewalt, seit heute Morgen ist die deutsche Armee über die österreichischen Grenzen gekommen" und als Abschluß hat er gesagt –"Gott schütze Österreich!"

    Mutter ahnt das Unheil!
    Das war diese Zeit, wo Österreich dann besetzt wurde – okkupiert wurde – von der Deutschen Wehrmacht, von Adolf Hitler, und mein Vater hat g’sagt: "Na also, jetzt kriegen wir endlich alle Arbeit. Jetzt wird die Arbeitslosigkeit und die triste Zeit" - wo soviel Not in Österreich war und Hunger – „vorüber sein". Der Hitler wird Arbeit bringen."

    Meine Mutter hat gesagt: "Papa nein, jetzt kommt der Krieg und du wirst sehen, du wirst einrücken müssen und der Fredy auch."

    Mein Vater hat meine Mutter ausgelacht. Hat gesagt (lacht): "Na, was du Dir da einbildest Mama, das kommt sicher nicht."
    Meine Mutter war eine einfache Frau, wo die das hergenommen hat, weiß ich nicht, aber das war ganz einfach das Gefühl in ihrem Herzen, das sie in Worte gefaßt hat. Wie ich überhaupt sagen möchte, daß in der Familie meines Vaters - und auch meiner Mutter - eigentlich die Frauen sehr skeptisch waren gegenüber dieser Zeit, daß also jetzt der Nationalsozialismus nach Österreich kommt.

    Die Männer waren ein bißchen anders, die Männer, die haben alle eben an den Slogan geglaubt. „Jetzt gibt’s Arbeit", das war der allgemeine Slogan in dieser Zeit. Ja, und dann war es also so, daß auf einmal Flugzeuge, hunderte Flugzeuge über Wien geflogen sind, über unserem Gemeindebau in Sandleiten in Ottakring. Ich bin in Ottakring aufgewachsen, und das Dröhnen in der Luft habe ich heute noch im Ohr. Die haben so kleine Metallhakenkreuze herunter geschmissen und wir Buben sind natürlich sofort auf die Straßen und haben diese Hakenkreuze eingesammelt und waren wir total begeistert von diesen Maschinen und der ganzen Situation.

    „Die Deutschen kommen!"
    Ich war dann am nächsten Tag mit meinem Onkel zusammen, der hat mir manchmal ein bißchen geholfen beim Lernen, ich war in der 3. Hauptschule, - am Schwarzenbergplatz in einem Caféhaus - und auf einmal ist der Ruf erschallt: "Die Deutschen kommen, die Deutschen kommen, die sind auf der Ringstraße, die marschieren über die Ringstraße!" und ich war also einfach nicht zu halten (lacht), mit meinen13 Jahren.

    Ich bin meinem Onkel davon gelaufen und auf den Ring und tatsächlich sind dort schon die Truppen marschiert und Autos - mit Tarnfarbe angestrichen - waren da, und so weiter. Gepanzerte Fahrzeuge sind vorübergefahren, die Menschen haben gegrüßt, und die Soldaten haben zurück gegrüßt. Und die waren feldmarschmäßig ausgerüstet, diese Soldaten, mit allem, was sie da so drum herum anhängt gehabt haben, mit ihren Karabinern zum Beispiel, und das hat mich natürlich - als 13jährigen - unheimlich beeindruckt.

    Das war also schon eine unglaubliche Machtdemonstration, die sich da abgespielt hat, nicht, aber es war noch nicht diese Begeisterung wie sie am Heldenplatz war, wo Hitler dann gesprochen hat. Einige Tage später ist ja Hitler nach Wien gekommen, wo er dann am Heldenplatz sozusagen vom Balkon herunter gesprochen hat - auf die Menge ...

    Wir hatten keine Wahl
    Es war so, daß dann die Wahlen gekommen sind. Die Wahlen waren einfach angesetzt, anzustreichen war ob man dieses nationalsozialistische System bejaht –oder nicht. "Ja" oder "Nein" für Hitler.

    Und da ist meine Mutter nach Hause gekommen - auf das kann ich mich auch noch genau erinnern – und hat gesagt: "Du Papa, was sind denn das für Wahlen? Ich hab müssen am offenen Tisch ... ich bin gar nicht in eine Wahlzelle hinein, ich hab vor denen mit den SA-Uniformen das "Ja" oder "Nein" ankreuzen müssen. Ich hab mich gar nicht traut "Nein" zu sagen, weil die haben mir genau auf die Finger geschaut." Über das hat sich meine Mutter sehr aufgeregt und hat gesagt: "Ich sag dir´s ja, es ist nichts Gutes" und dann haben meine Eltern wieder eine Diskussion gehabt.

    Schmalzbrot und Wahlparolen

    Und vor dieser Wahl waren wir Buben natürlich immer auf der Straße und so weiter und auf einmal ist einer (von meinen Freunden) gekommen und hat gesagt: "Kummt´s mit, kummt’s mit!"

    Da war so eine Art Delikatessenhandlung, wir haben gesagt „der Greißler", der hat "Jirawa" geheißen, eben in Sandleiten, im Gemeindebau.

    Und (der Freund) sagt, wir können dort hingehen (zum „Jirawa"), da kriegen wir ein Schmalzbrot und einen Apfel, aber wir müssen auf ein Auto steigen und müssen Wahlparolen schreien. Haben wir gesagt: "Wenn wir ein Schmalzbrot kriegen, sind wir dabei." Und dann sind meine ganzen Hoffreunde und ich, der Gemeindebau ist in Höfe eingeteilt, - sind wir hingerannt zu dem Greißler und tatsächlich waren dort aufgestrichene Schmalzbrote – davon haben wir uns nehmen dürfen und einen Apfel.

    Nur haben die Organisatoren, die beim „Jirawa" waren, gesagt: "Ihr müßt euch ein weißes Hemd anziehen, borgt es euch vom Papa aus, wenn Ihr kein eigenes habt’s, und weiße Stutzen solltet Ihr anhaben und die Lederhosen." Das war so diese Art Uniform eigentlich schon, a weißes Hemd, weiße Stutzen, haben viele getragen, auch die Illegalen haben diese weißen Stutzen getragen.

    "Wollt Autobahnen ihr sehen, müßt ihr Adolf Hitler wählen"

    Also dann sind wir alle nach Hause gerannt, haben schnell ein weißes Hemd geholt und die weißen Stutzen - das Hemd hab ich mir wirklich von meinem Vater ausgeborgt, es war mir ein bißchen zu groß - und dann sind wir halt auf

    ein Lastauto aufgestiegen. Da war vorne eine Hakenkreuzfahne darauf und einen Spruch hab ich mir noch gemerkt, - wir sind durch Ottakring-Hernals gefahren mit diesem Auto und die ganzen Buben sind draufgestanden -

    "Wollt Autobahnen ihr sehen, müßt ihr Adolf Hitler wählen", das war also der Spruch, den wir haben müssen sagen, (lacht) und auch noch andere Sprüche. Ja, und so sind wir ein paar Stunden herum gefahren und sind dann wieder zurück gekommen und waren sehr erfreut, daß wir mit einem Auto haben fahren können. Das war ja noch was, damals, mit einem Auto fahren.

    Bei den Pimpfen
    Und es war halt dann so, daß sie, die Illegalen und Sympathisanten sich allmählich in Uniform gezeigt haben, in der von der SA, in der von der DJ - von der Deutschen Jugend – und auch in der von der HJ - Hitlerjugend -. Die waren dann von vierzehn bis achzehn, und bis vierzehn war die sogenannte DJ, die Deutsche Jugend - die "Pimpfe" - wie sie geheißen haben.

    Und da war bei uns vis à vis so ein Lokal, wo früher der Mandolinenverein gespielt hat. Dort sind wir oft dort gesessen und haben zugehört. Da haben wir eines Tages runter geschaut und haben gesehen, daß Buben (Pimpfe) Tisch-tennis spielen und später haben wir Fanfarenklänge gehört und Trommeln - und ich bin ein begeisterter Trommler gewesen. Mein Vater war Berufsmusiker und wenn der am Klavier gespielt hat, hab ich als ganz kleiner Bub schon mit Kochlöffeln immer mitgetrommelt - am Sessel - und ich hab den Takt sehr gut halten können. Na ja, und wie ich Trommeln gehört habe, bin ich halt dort runter gegangen und hab gefragt: "Kann man da mitmachen, was ist denn das?"

    „Ja, das ist der Spielmanns-Zug, der trainiert, weil wir marschieren dann durch die Straßen, und vor der marschierenden Kolonne geht der Spielmanns-Zug mit Fanfaren und mit den Landsknechtstrommeln." Das waren so große Trommeln, und die Fanfaren waren so lange Trompeten.

    Na und da hab ich gesagt: "I möchte auch trommeln", ob das geht? Haben’s gesagt: "Ja, mußt dich aber zur DJ einschreiben lassen." Hab i g’sagt: "Ja, das mach i, a weiß´ Hemd hob i eh, weiße Stutzen hob i a". "Okay, dann kriegst no so an Riemen dazu."

    Und dann hab i halt mittrainiert und mit der Trommel. Und dann beim ersten Aufmarsch sind die Fanfarenspieler vorn gegangen. Die haben blasen müssen (macht eine Trompete akustisch nach) und wir haben (macht die Trommel arkustisch nach) also diesen Takt spielen müssen. Das war ja nicht schwer, das zu spielen. Und so sind wir halt durch Ottakring marschiert und auch nach Hernals und auch in die Stadt hinein, mit unserer Kolonne.

    Der kleine „Führer"

    Da war unter anderem ein Sportfest. Hinter Sandleiten sind ja noch herrliche Wiesen gewesen. Links und rechts, wo man hat Skifahren können und Rodel-fahren und die Schrebergarten waren dort – auch von meiner Großmutter und Tante, die einen gehabt haben – und da hat’s geheißen, ein Sportfest wird abgehalten.

    Da haben wir 60m laufen müssen, und dann hat’s Handgranaten -, Weit- und Zielwurf gegeben. Mit Holzhandgranaten, also keine echten Handgranaten und da hat man genau in ein Ziel hinein treffen müssen - waren halt so ein paar Dis-ziplinen. Schon a bisserl an´s Vormilitärische angelehnt. Die haben uns ja schön langsam daran gewöhnt, daß wir einmal wirklich Handgranaten schmeißen werden.

    Na, und da hab ich auch sehr gut abgeschnitten dabei, und dann haben alle so ein kleines Abzeichen gekriegt, daß sie bei dem Ding dabei waren - bei diesem Wettkampf. Und ich hab, scheinbar sind ihnen auch die Abzeichen ausgegan-gen, ich hab keines mehr bekommen. Da hat dieser Anführer von uns gesagt: "Ja, du holst es dir morgen bei mir zu Hause ab. Ich wohne im 1. Stock und da kommst rauf und du holst Dir das."
    Ich wollt dieses Abzeichen natürlich auch haben, wie alle anderen, mit meinen 13 Jahren, und bin halt - am nächsten Tag - dort hinauf gegangen. Hab ange-klopft und der macht die Tür auf und ich steh halt vor ihm und sag – der war also einer der Anführer, er war vielleicht so 15 - 16 Jahre alt – "Ich hol mir mein Abzeichen."

    Da fangt er zu brüllen an: "Still gestanden, was ist denn das für eine Haltung?!" und brüllt auf dem Gang mit mir herum, daß die Nachbarn die Tür aufgemacht haben. Der hat seine Macht dokumentieren wollen und ich hab mir das eine Weile angehört, und sag: "Na, krieg ich jetzt mein Abzeichen oder nicht?"

    Da hat er geschrien: "Ohne Disziplin, und so weiter" und hat sich mächtig aufge-spielt. Dann hab ich gesagt: "Weißt was, behalte dir dein Abzeichen und ich trete aus der DJ aus!"

    Es war also ein kurzes, ein kurzes (lacht) bei der DJ sein und ich bin eigentlich dann zu keiner anderen Organisation mehr gegangen. Auch nicht zur HJ, weil mit 17 Jahren mußte ich ja beim Arbeitsdienst einrücken. Das waren also die ersten Eindrücke vom 12. März bis zu meinen Austritt aus der DJ. –

    Ich bin leider dann kein Trommler mehr gewesen...

    Der Vater muß einrücken

    Ja, ich beginne vielleicht so. 1939 fahren wir in der Straßenbahn Richtung Stadt und mein Vater hat die Zeitung gelesen und gibt sie mir, weil er mit meiner Mutter spricht. Und ich lese in der Zeitung und sag: "Papa, da stehen die ganzen Jahrgänge, die einrücken müssen." Und mein Vater war Jahrgang 1903, also, das war der äußerste Jahrgang sozusagen, die noch einrücken haben müssen.

    Und ich sag: "Du mußt Dich morgen melden, du mußt einrücken. "Mein Vater sagt: "Das gibt’s nicht" und schaut in die Zeitung und sagt: "Tatsächlich, Jahr-gang 1903 muß auch einrücken!" Und meine Mutter sitzt daneben und sagt: "Na Papa, was hab ich dir gesagt, du mußt einrücken." ...

    Mein Vater war Berufsmusiker, also ein Künstler mehr oder weniger und ich hab mir meinen Vater gar nicht vorstellen können in einer Uniform. Aber ich möchte auf etwas anderes zurückkommen -

    Die Juden beim Gehsteigreinigen
    Es war so, daß ich eines Tages aus der Schule gekommen bin und sehe einen größeren Auflauf auf der Wilhelminenstraße, eine Gasse weiter von der Schule, („Rodtertschule") in der Wilhelminenstraße, im 16. Bezirk und neugierig wie man als Kind schon ist - als 14jähriger (verspricht sich), als 13jähriger - laufe ich dort hin und sehe dort einige Menschen am Gehsteig knien.

    Und einen Kübel Wasser dabei und mit so ganz kleinen Bürst´ln – wie sich herausgestellt hat, mit Zahnbürst´ln – müssen die den Gehsteig reinigen und zwar von den Wahlparolen.

    Es hätte ja sollen eine Wahl stattfinden in Österreich, - und ich weiß noch, das Kruckenkreuz war von der christlichsozialen Partei - und die tauchen die Bürsten ein und müssen dieses Kruckenkreuz wegbürsten.
    Und da stehen ein paar SA-Leute in braunen Uniformen herum und auch natürlich Zivilisten, ältere und jüngere. Und diese SA-Leute (Dialekt) spotten:

    "Ja, ihr seht, die Juden müssen endlich arbeiten. Die müssen wir anhalten, daß sie auch einmal arbeiten tun und das ist ja richtig und ... hahaha ..." Und lachen sie aus und der eine von der SA gibt einem knienden Mann – der ein bißchen jünger war – einen Fußtritt, und so weiter.

    Und manche Leute, die herum gestanden sind, haben auch gesagt: "Ja, ist schon richtig, daß die einmal zum arbeiten angehalten werden."

    Manche haben sich aber auch abgewandt und sind weggegangen und ich persönlich, als 14jähriger, nein, 13 jähriger, hab mir gedacht: "Meine Güte, was tun die denn mit diesen Leuten. Wieso müssen die mit einem Zahnbürst´l hier herum tun? Wenn, dann sollen sie sie ordentlich schrubben lassen. Aber nicht mit den Zahnbürsten!"
    Ich hab die Geschichte nicht verstanden, es war ja mehr oder weniger eine Verhöhnung dieser Menschen. Ich habe ein Unbehagen gehabt und hab mich dann abgewandt und bin weggegangen.

    Plötzlich ist meine jüdische Klavierpartnerin verschwunden...

    Das war genau an der Ecke, wo damals diese Strumpffabrik, Wäschefabrik Bernhard Schön war. Bernhard Schön hat eine Tochter gehabt - wie vielleicht andere Kinder auch noch, das weiß ich nicht – und diese Tochter von Bernhard Schön war mit mir bei der selben Klavierlehrerin.

    Und wir zwei sind zusammen gespannt worden - das war eine jüdische Familie - wir sind zusammen gespannt worden - bei einem Konzert, das die Klavierlehrerin gegeben hat - um vierhändig ein Musikstück im Mozartsaal des Musikvereins zu spielen. Und wir haben das also gemeinsam geübt und da hat mich diese Tochter von Bernhard Schön eingeladen in ihre Wohnung.

    In der Westbahnstraße haben die dort - oberhalb eines schönen Geschäfts – haben die ihre Privatwohnung gehabt. Und in dieser Privatwohnung war ein wunderbarer Flügel, herrlich eingerichtet die Wohnung, und dort haben wir üben dürfen - unser vierhändiges Stück.

    Und die Mama (Frau Schön) war eine sehr liebe Frau, die uns immer bewirtet hat. Die mich immer zur Jause eingeladen hat und da sind Sachen – wie Schlag-obers - auf den Tisch gekommen, was ich gar nicht gekannt hab - an und für sich - das hat es bei mir zu Hause gar nicht gegeben. Also, denen ist es sehr gut gegangen.

    Es war dann so, daß ich dann im ´39iger Jahr – glaube ich, war das – bin ich dann einmal, hab ich mich interessiert, was ist eigentlich aus dieser Tochter geworden mit der ich dieses Klavierkonzert gespielt hab. Es hat statt gefunden, ich hab es mit ihr gespielt.

    Und so bin ich dann jedenfalls einmal in diese Wohnung hingegangen und hab angeläutet. Da hat irgend jemand aufgemacht und hat gefragt, was ich will und ich hab gesagt: "Ich möchte zur Familie Bernhard Schön." "Ja, die wohnen nicht mehr da," und "Die gibt’s da nicht!"

    Ja und dann hab ich gewußt, daß die also auch -entweder haben sie noch aus Österreich weg fliehen können oder sie sind in Gefangenschaft gekommen oder ins KZ. Das weiß ich leider nicht. Soweit hab ich das nicht mehr eruieren können.

    Der Jude Bertl Spira muß Wien verlassen
    Dann möchte ich noch eine Geschichte erzählen. Mein Vater war Berufsmusiker und hat ein Schrammelterzett gehabt. Der hat also die Wiener Schrammelmusik sehr geliebt und hat bei der "10er Marie" – draußen in Ottakring – lange Jahre gespielt. Und auch daneben war ein Heuriger der sehr bekannt war, das war der "Fischer Toni" und da hat er einen Sänger und Sängerin in seinem Terzett – seinem Ensemble – gehabt. Unter anderen war es damals auch üblich, einen Komiker oder einen Unterhalter dabei zu haben und der hat sehr schöne Sachen gebracht, die Leute haben sehr gelacht.

    Und der (Unterhalter) war also ein Jude. Der ist eines Tages –schon im ´38iger Jahr, nach Hitlers Einmarsch - zu meinem Vater gekommen und hat gesagt:

    "Rudi was soll ich tun, ich glaub, es wird brenzlig. Ich weiß nicht, ob ich da bleiben soll in Österreich, oder ob ich ins Ausland fahren soll. Vielleicht komm ich jetzt noch weg."

    Und wie wir erfahren haben, ist er tatsächlich noch herausgekommen aus Österreich. Er ist nach Argentinien gegangen. Und der hat sich dort mit einem Hochrad - als Reklamefahrer - sein Geld verdient. Der ist auch hier in Wien immer mit einem Hochrad gekommen zu meiner Mutter und zu meinem Vater nach Sandleiten. Das war immer so eine lustige Geschichte:

    Er ist immer am Donnerstag erschienen und wir Buben haben immer gewartet. Wenn der mit dem ..., der hat fast in den 1. Stock hinein schauen können, mit dem Hochrad. Entweder hat er sich das machen lassen, oder er hat es selbst gebastelt, sein Hochrad. Der hat über einen Sims aufsteigen müssen, daß er überhaupt auf den Sattel hinauf kommen ist. Er ist so hoch wie im 1. Stock daher gekommen. Und er ist dann immer in den Hof hinein gefahren. Bei der Mauer ist er abgestiegen und dann hat er immer einen Pfiff gemacht und hat hinauf geschrien: "Rud´l!" Mein Vater hat hinunter geschaut und gesagt: "Bertl, was willst du denn?" "Gibt’s an Köch" – einen Kohl (lacht).

    Mein Vater hat gesagt: "Ja". Es war Donnerstag, es war eh immer das selbe. Meine Mutter hat sich fürchterlich geärgert, weil der alle Donnerstag das selbe hinauf gerufen hat. Das war zwischen meinem Vater und ihm so eine lustige Sache, daß sie meine Mutter ärgern und er ist dann immer rauf gekommen und ist zum Mittagessen eingeladen worden.
    Dieser Mann war Jude (wie die Familie Bernhard Schön) – wie ich schon erwähnt habe – und er ist nach Argentinien und hat überlebt. Und ist nach dem Krieg auch wieder zurück gekommen, hat meinen Vater wieder getroffen, das war eigentlich die Geschichte vom Bertl Spira und ist das, was ich über Mitbürger, die Juden waren, erzählen kann.

    „Der Hitler bringt nichts Gutes!"

    Ja, ich kann sagen, daß mein Vater eigentlich sehr beeindruckt war, weil das mit seinem Kollegen geschehen ist. Weil der weg mußte, das kann ich vielleicht noch dazu sagen. Ja, eigentlich war er sehr bedrückt über das. Er hat es nicht für möglich gehalten, daß der weg muß, oder daß überhaupt diese Situation entsteht mit den jüdischen Mitbürgern.

    Und meine Mutter hat gesagt: "Siehst du , Papa, ich hab’ recht gehabt. Der Hitler bringt nichts Gutes!" Also meine Mutter hat es durch gezogen bis zum Kriegsende.
    Es hat auch so Lieder gegeben, so ein Wiener Lied, was ich mich erinnere, was sie manchmal gesungen haben: "Nehmt’s uns alles weg, uns ist alles ans, aber laßt uns unsere alten Weana Tanz", so ähnlich hat dieser Refrain geklungen. Und das ist also eigentlich mit sehr viel Inbrunst gesungen worden immer (lacht). War auch ein gewisser Widerstand dagegen. So war halt diese Situation damals.

    Wir haben nicht lang gelacht
    1939 bin ich aus der Schule gekommen. Es war ja damals so, daß man sich schon in der vierten Volksschule entscheiden mußte - Gymnasium oder Beruf oder in der Hauptschule weiter tun. Und es war so, daß man damals für das Gymnasium eigentlich alles bezahlen mußte. Hefte, die Feder und den Federstiel und die Bücher, all das mußte man selbst bezahlen. Und es war halt so, daß mein Vater gesagt hat: "Das Geld habe ich nicht". - Wie viele andere Väter eben auch, die nicht soviel verdient haben, um dem Sohn so etwas zu ermöglichen, ein Studium oder eine Matura zu ermöglichen.

    Und von 32 Schülern in meiner Klasse sind bloß zwei ins Gymnasium gekommen. Der eine war der Sohn von einem Stadtrat und der andere hatte auch ein gut situierten Vater. Zwei sind ins Gymnasium, alle anderen haben Berufe erlernt, das war so üblich früher - weil eben diese Situation war.

    Und darum war es wirklich auch sehr schön, daß eigentlich dann jedem (lacht) nach dem Krieg ermöglicht wurde ins Gymnasium zu gehen, zu studieren, auf die Universität zu gehen, nichts zu bezahlen, und dadurch hat jeder, auch der einfache Arbeitersohn die Möglichkeit dazu gehabt. Oder der einfache Mensch, der nicht aus gut situierten Familien gekommen ist, konnte ein Studium zu betreiben. Und ein Doktorat oder einen Magister machen, und so weiter. Ist halt ein bisschen anders geworden, okay. Das ist aber ein anderen Kapitel (lacht), über das kann man ein anderes Mal sprechen.
    Ja, es war so, daß ich also dann den Beruf eines Schriftsetzers gelernt habe, in einen grafischen Beruf eingestiegen bin. Eigentlich etwas, was ich mir gar nicht vorstellen hab können und nicht wollte. Ich wollte eigentlich Automechaniker werden, weil die Maschinen mich immer interessiert haben. Aber ich wäre sicher kein guter Automechaniker geworden, weil ich für das eigentlich nicht geeignet bin.
    Ich hätte eigentlich sollen zu den Wiener Sängerknaben kommen, weil ich sehr gut gesungen habe und weil ich auswendig eine zweite Stimme hab singen können und Klavierspielen hab können. Das hat wieder meine Mutter nicht wollen, daß ich zu den Sängerknaben gehe. Sie hat gesagt: "Ein Künstler genügt vollkommen in der Familie!" Sie braucht keinen zweiten (lacht) ...

    Ja und so hab ich einen Beruf gelernt, bin Schriftsetzer geworden, etwas was mir persönlich überhaupt nicht liegt. An einem Platz zu stehen und die Buchstaben aus dem Setzkasten heraus zu holen. Aber brav wie ich halt war, als Sohn, habe ich diesen Beruf gelernt und war von 1939-1942 in diesem Beruf als Lehrling tätig. Und hab dann im Jahr 1942 meine Prüfungen alle bestanden und hab mir gedacht "Na fein, jetzt werde ich endlich ein bisschen Geld verdienen und kann mir etwas zusammen sparen und so."

    Arbeitsdienst
    Aber es kam anders, ein paar Tage darauf hab ich die Einberufung gehabt. Ich war 17 Jahre alt, 1942, Einberufung. Ja, hab die Musterung gemacht und war natürlich sofort tauglich: "Ja, 1,80 groß, gemma.", und ein paar Tage später hab ich schon meine Einberufung zum Arbeitsdienst bekommen.

    Das war so, daß man vorher als 17jähriger immer zum Arbeitsdienst hat müssen, und war dann drei bis sechs Monate beim Arbeitsdienst. Und da gab´s ein Marschlied: „25 Pfennig war der Reinverdienst, ein jeder muß zum Arbeitsdienst und dann zum Militär", daß war ein Lied, das wir gesungen haben.
    Am 17. Oktober 1942 hab ich mich am Nordwestbahnhof melden müssen. Da bin ich halt mit meinen Koffer hingegangen, meine Mutter und meine damalige Freundin und Braut, möchte ich sagen - wir haben uns verlobt gehabt, meine Friedl und ich. Wir haben uns schon mit 14, 15, 16 Jahren gekannt, damals - ist wieder eine andere Geschichte, eine längere. Und wir sind halt dort hingegangen, dann haben wir uns in der Halle verabschieden müssen und sind dann hinausgeführt worden zum Zug.
    Und ja, wir sind in die Waggons eingestiegen und dann hat die Brüllerei begonnen. Vorher waren sie sehr brav und so lieb zu uns und dann hat also das große Schreien begonnen, und so weiter ...

    Die Wiener Schlurf
    Wir sind dann bis nach Schlesien gefahren, nach Oberschlesien, das ist nahe schon der polnischen Grenze und dort in ein Reichsarbeitsdienst-Lager. Wir waren ca. fünfzig Wiener und wir sind dann aus dem Zug ausgestiegen, mußten 3 Km einen Berg hinauf mit unserem Gepäck und das Tor war weit offen.

    Der Exerzierplatz war ein großer Platz, herum standen Backsteinbauten, so einstöckige, das war die Kaserne. Wir sind hineingekommen ins Lager, und in der Mitte von diesem Exerzierplatz steht ein Mann in Lackstiefeln mit einer Reithose, also Breecheshose, wie man gesagt hat, mit der braunen Reichsarbeitsdienst-Uniform.

    Da hat auch die Armschleife mit dem Hakenkreuz dazu gehört, daher ist das manchmal mit der SA verwechselt worden, mit der politischen Organisation. Aber wir waren keine politische Organisation. Wir mußten arbeiten, darum hat es Arbeitsdienst geheißen.
    Wie wir da hinein kommen ... da waren auch einige Wiener dabei, wie wir gesagt haben, "Wiener Schlurf". Die damalige Frisur eines "Wiener Schlurfs" war vorne sehr hoch, lange Haare, vorne sehr hoch, die sogenannte "Lahmwelle" haben wir gesagt, und hinten unten der "Schwalbenschwanz".Die langen Haare sind hinten übereinander gelegt worden und das ganze ist mit fetter Brillant´ine eingeschmiert worden, damit die Haare auch halten. Und da waren so 5, 6, 7 dieser sogenannten "Schlurfs" mit diesen Frisuren dabei.

    Wir stehen also dann vor diesem Mann mit seinen Lackstiefeln und der sagt auf einmal: "Also halt, stehen bleiben!" Wir schauen den an und er sagt: "Also ich möchte mich vorstellen. Mein Name ist Unterfeldmeister Wiawalla. Ich bin ein echter Preuße und ihr seid Scheiß Wiener Schlappschwänze: Euch werden wir schon noch den Walzer tanzen lernen!"

    Und wir waren also momentan alle ganz still und betroffen und auf einmal sagt einer von den Schlurfs hinten: "Weißt was, uns kannst d´ auch den Arsch lecken!" –

    Entschuldige, wenn ich das so ausdrücke, aber (lacht) das war so. Wir sind also flach gelegen vor Lachen, weil das war so treffend. Diese Antwort auf den sein Gehabe sagt einer: "Weißt was, uns kannst d´ auch den Arsch lecken!"

    Na ja, aber lange haben wir nicht gelacht. Lang haben wir nicht gelacht und er hat auch nicht verstanden, was der junge Mann gemeint hat und was der junge Mann gesagt hat. Also im Wiener Dialekt gesagt und er hat so (lacht) zum Glück nichts mitbekommen.
    Dann ist es gleich losgegangen. Drillich empfangen, die Uniformen empfangen und Haare schneiden. Drei Finger breit, oder zwei Finger breit über dem Ohr mussten die Haare weggeschnitten werden. Ein Kurzhaarschnitt und diese "Lahmwelle" und diese "Schwalbenschwänze" sind natürlich weg gewesen. Und die haben (lacht) total verändert ausgeschaut (lacht). Viel sportlicher waren die dann mit ihrem neuen Aussehen.

    Disziplin bis zum geht nicht mehr
    Und dann sind wir natürlich sehr hart hergenommen worden. Also nur bezeichnend, in der Früh hat es geheißen: "Aufstehen, Tagwache". Die in den Stockbetten oben geschlafen haben, mußten sofort in den Waschraum laufen. Die untere Gruppe hat müssen die Betten, den Bettenbau machen, der hat müssen echt rechteckig sein. Das heißt, da hat es nichts Schlampiges gegeben, das mußte alles exaktest sein. Die Wäsche mußte exakte zusammengelegt werden, ganz genau auf einen Hocker. Also da ist Disziplin gelehrt worden bis zum geht nicht mehr.
    Die in den Waschraum sind, nicht, die mußten mit der kurzen Unterhose hinaus-laufen und man mußte sich kalt - es war kein warmes Wasser auch im Winter, man mußte sich kalt - den Oberkörper abwaschen. Gesicht, Oberkörper - kalt abwaschen...

    Das waren so Blechwannen und die Hähne mit dem kalten Wasser darüber. Dann haben wir die Füße hineinstellen müssen und mit den Bürsten, die dort gelegen sind, haben wir uns abschrubben müssen. Ja dann waren wir natürlich rot von dem Schrubben und erfrischt.

    Die haben genau beobachtet, wenn sich einer nicht gut gewaschen hat, sondern sich nur das Gesicht so ein bisserl gewaschen hat, dann sind diese Vormänner – wie sie geheißen haben – diese unteren Chargen hergekommen, haben den kurzer Hand gepackt, in das Blechwand´l hinein gelegt und vier Mann haben ihn gehalten (lacht) und einer hat ihn geschrubbt mit der Bürsten. Es hat keinen gegeben, der sich nicht richtig und ordentlich gewaschen hat. Das waren so die kleinen Anfänge beim Arbeitsdienst und es hat auch sehr viele andere Sachen gegeben.
    Diese Ausbildung hat dann gedauert, glaube ich, bis vor Weihnachten, ich glaube bis November, Mitte November. Von dort bin ich dann nach Warschau abgestellt worden. Wir haben auch noch Scharfschießen gelernt, wir sind mit Gewehren ausgerüstet gewesen und sind dann sozusagen in den Arbeitsdiensteinsatz gekommen. Vorher haben wir Waldarbeiten durchführen müssen. Dort in der Umgebung und anschließend war also dann der Marsch, der Aufbruch nach Warschau.

    Warschau - ein Trümmerhaufen.
    Wie wir in Warschau angekommen sind (Dezember ´42, vor Weihnachten), war ich, waren wir alle ganz entsetzt, weil diese Stadt eigentlich sehr zerstört war. Das war so, also ja, die Stadt Warschau war die erste Stadt, die mit Bomben - auch auf die Zivilbevölkerung - angegriffen wurde. Es waren sehr viele Häuser zerstört, das war nicht nur durch die Kämpfe, sondern auch durch Bomben-angriffe. Auch der Hauptbahnhof war ein Trümmerhaufen, und so weiter. Dort sind wir zuerst kurzfristig in einer Schule untergebracht worden.

    Und eines Tages sind wir entlang von (verspricht sich) - in der Nähe eines Bahndammes marschiert und da ist eines,... Ja, ich muß zuerst dazu sagen, daß wir noch ergänzt wurden, daß fünfzig Luxemburger dazu gekommen sind und zwanzig Schlesier, wir waren dann einhundertzwanzig Mann in dieser Kompanie. Und diese Luxemburger waren teilweise um ein bis zwei Jahre älter wie wir (Jahrgang ´24 und ´23), weil die scheinbar vorher (vor 1942) nicht einrücken mußten. Und die waren also natürlich alle gegen das Hitlerregime.

    Offener Widerstand

    Bezeichnend war zum Beispiel, – wir sind auch zum Kartoffelschälen abgestellt worden , da sind dann so zwanzig Luxemburger gesessen, unter ihnen der Box-Halbschwergewichtsmeister von Luxemburg. Der war so der Boss, der "Big Boss", von den Luxemburgern, und letztlich auch von uns.

    Der war sehr bestimmend und die haben auf einmal die "Marseill´aise" gesungen, während dem Kartoffelschälen, das muß sich einer vorstellen, in der Reichsarbeitsdienst-Uniform singen auf einmal zwanzig Buben, zwanzig Burschen, die "Marseill´aise", das war also ein offener Widerstand.

    Aber scheinbar haben die Ausbildner deren Einstellung gekannt und waren offenbar froh daß die nicht eine offene Meuterei machten. Weil ich habe mir gedacht, die werden jetzt alle verhaftet. Aber es war nur ein sehr arger Schleif-dienst mit diesen zwanzig Jungs und die sind also hart hergenommen worden, aber das hat denen überhaupt nichts gemacht.

    Es waren hauptsächlich Bauernsöhne, körperlich sehr stark im Vergleich zu uns. Sie waren gut ernährt – noch, wir waren nicht (lacht) mehr so gut ernährt.

    Sie waren sehr kräftige Bauernsöhne. Meistens haben sie auch tolle Pakete geschickt gekriegt und haben ein bißchen teilen können.

    „Wir gehen nicht auf Frauen und Kinder los!"

    Und wie wir dann auf der Straße Richtung Bahndamm marschieren, auf einmal haben wir gesehen, daß da Kinder hinauf springen auf den Zug und Kohlen-stücke – es ist ein Kohlenzug entlang gefahren des Bahndammes, so im Schritt-tempo - und die Kinder haben Kohlen herunter geschmissen und unten sind Frauen gelaufen mit Säcken und haben diese Kohlen in die Säcke gefüllt. Ja klar, die haben zu Hause auch nichts gehabt zum Heizen, die haben fürchterlich gefroren und haben sich halt von so einem Kohlenzug ein bisserl Kohlen herunter gestohlen.
    Und da ist auf einmal neben uns ein Auto stehen geblieben mit einem SS-Unter-scharführer und mit einigen SS-Leuten und diese sind vom Auto herunter gesprungen und haben zu unserem Truppführer, der uns geführt hat, gesagt:

    "Los, ausschwärmen und gefangen nehmen! Die Frauen und diese Kinder gefangen nehmen. Die stehlen die Kohlen für die deutsche Wehrmacht, diese Kohlen sollen an die Front kommen!" Und ja, unser Truppführer sagt: "Ausschwärmen, marsch, marsch", und „laufen, marsch, marsch!"

    Und der Metti Ernster, so hat der geheißen, der Luxemburger (Box-Halbschwer-gewichtsmeister), hat gesagt: "Wir bleiben stehen. Wir verfolgen keine Kinder. Wir gehen nicht auf Frauen und Kinder los!" Interessanterweise. Wir waren der erste Zug und hauptsächlich diese Luxemburger und auch wir Wiener waren dabei. Wir sind stehen geblieben, tatsächlich stehen geblieben und dieser SS-Unterscharführer hat zu brüllen begonnen:

    "Das ist offene Meuterei, das wird Folgen haben!" Dann sind nur die von der SS hingelaufen und haben halt zwei, drei, vier Frauen erwischt. Die sind natürlich sofort davon gelaufen, wie sie gesehen haben, daß die dort hinlaufen. Aber wir sind stehen geblieben.

    Ich habe mir gedacht: "Na, aber jetzt passiert uns sehr viel, jetzt wird es rund gehen." Es ist natürlich auch gemeldet worden, unserem Kompaniechef, beim Arbeitsdienst. Wir sind halt sehr hart, wenn man das so sagen kann, noch härter her genommen worden, durch Schleifen und Exerzieren und so weiter, ja, ver-schiedenste Schikanen halt...

    Aber eigentlich waren wir - im nachhinein haben wir gesagt, das war eigentlich schon eine tolle Leistung, daß wir diese Frauen und Kinder nicht verhaftet haben. Und solche Abenteuer habe ich in Warschau einige erlebt.

    Unter anderem vielleicht, daß ich das auch noch sage:

    Im Warschauer Ghetto"
    Eines Tages ist auch ein SS-Scharführer gekommen, mit paar Mann, mit einem Lastwagen und hat gesagt, er braucht vom Arbeitsdienst Leute, die helfen ein Wachzimmer einzurichten, wir müssen Möbel holen.

    In Warschau selbst war ein großes Lager für den Mittelabschnitt der Ostfront, wo vor allem Einzelteile für alle Autos, Panzer und so weiter und auch Möbelstücke gelagert wurden. Dort sind wir hingefahren mit dem Auto. Wir haben natürlich nicht gewußt, wo wir hinfahren und was wir einrichten müssen. Da sind wir abgezählt worden und rauf auf das Lastauto - und da war ich dabei.
    Und wir haben diese Möbel aufgeladen und dann sind wir in das Warschauer Ghetto gefahren. Das Warschauer Ghetto muß man sich ja vorstellen, wie wenn unser Erster Bezirk mit einer Mauer umgeben wäre, das hat es ja schon 1942 gegeben. Und der SS- Unter- oder Oberscharführer hat zu uns gesagt: "Wir fahren jetzt in das Ghetto herein und ihr werdet ... dort ist das Wachlokal, das werdet ihr helfen einzurichten." Und wie wir dort hineingefahren sind, waren wir natürlich auch ..., haben wir geschaut, was ist da los?!

    „Die Juden müssen endlich einmal arbeiten!"
    Also die Menschen waren dort zusammengetrieben in Massen. Es hat teilweise auch, was ich gesehen habe, ... neben der Bewachungsmannschaft der SS waren auch so polnische Hilfspolizisten unterwegs. Kinder und Menschen, die sich nicht mehr rühren konnten, sind am Gehsteig gelegen.

    Also es war bedrückend dies zu sehen und diese Masse - alle mit dem gelben Judenstern ... natürlich hat man gesehen, daß die Juden zusammengetrieben werden. Man hat dort nicht so leicht hinein können... Wir haben also die Möbel abgeladen und haben das Lokal eingerichtet und wie wir dann wieder raus sind und auf das Lastauto gestiegen sind hab ich den Unterscharführer gefragt

    "Was, was geschieht mit diesen Menschen da. Da sind ja so viele zusammen gepfercht in diesen Ruinen und in den zerschossenen, teilweise zerschossenen Häusern, was geschieht mit denen?"

    Der hat gesagt: "Mach dir keine Sorgen Junge, die kommen alle hinter die Front, dort werden die für uns Flughäfen und Straßen bauen. Die brauchen wir zum arbeiten. Die Juden müssen endlich einmal arbeiten. Aber denen geht es nur da so schlecht, weil wir hier so viele beisammen haben. Die kriegen dann, wenn sie arbeiten, anständige Verpflegung."

    Tatsache war, daß die nicht zum arbeiten gekommen sind, sondern daß die ins KZ gekommen sind und vergast wurden. Das habe ich eigentlich erst nach dem Krieg erfahren. Ich habe nicht gewußt, daß es ein KZ gibt.

    Wie in Spielbergs Film „Schindlers Liste"
    Ich habe noch einmal etwas mit Juden erlebt, am Bahnhof Warschau – Praga:

    Ich bin Kurier gewesen und mußte einmal in der Woche von Legionovo, - das war außerhalb von Warschau - nach Warschau hineinfahren, zum General-arbeitsführer - die Post überbringen, und Post holen.

    Das habe ich alleine machen müssen, 30 Km mit dem Zug fahren, wo nur Zivilisten drinnen gesessen sind. Unglaublich - ich muß wie ein Engel ausgeschaut haben, daß die mich nicht umgebracht haben, mit meinem Hakenkreuz!
    Ja, da bin ich einmal am Bahnhof gestanden, da sind die Arbeiter aus der Fabrik gekommen, in Lumpen gehüllt, keine Schuhe an, nur Fetzen über die Füße und so weiter.

    Auf einmal kommt eine SS-Einheit und treibt die Leute alle vom Bahnhof weg. Das war ein Vorgehen, mitten am Bahnhof Warschau – Praga - und einer kommt auch zu mir und sagt: "Arbeitsdienstmann, raus von hier!" und ich sag: "Ich kann hier nicht weggehen, weil ich warte auf meinen Zug. Es ist jetzt fünf Uhr Nach-mittag, ich muß 30 Km nach Legionovo hinausfahren zu meiner Einheit. Wenn ich den Zug verpaß, muß ich die Nacht in Warschau verbringen" Darauf der SS-Mann: "Dann verhalten sie sich ruhig und bleiben sie stehen."

    Und dann ist ein Transportzug gekommen mit Viehwagen, wo oben, bei den Luftöffnungen Hände herausgeragt haben und es sind polnische und auch teil-weise deutsche Worte gesprochen worden und ich hab verstanden: „Wasser", „Brot"; "chleb, chleb", polnisch: "Brot, Brot!", das hab ich also verstanden.

    Und wie der dann wieder gekommen ist - und die Leute durften wieder herein auf den Bahnsteig - hab ich auch den ausgefragt: " Was war das für ein Zug?" "Ja, die kommen jetzt zur Arbeit." Genau dasselbe ist mir wieder erklärt worden, daß sind die Juden, die jetzt zur Arbeit geführt werden. Und nach dem Krieg hab ich dann erfahren, daß die also vergast worden sind.
    Ich bin ein Augenzeuge dieser Dinge, war im Warschauer Ghetto und habe so einen Transportzug gesehen , wie in "Schindlers Liste". Ich habe mir den Film zwei, drei Mal angeschaut, weil das für mich erschütternd war, daß ich auf der Leinwand gesehen habe, wie es sich tatsächlich abgespielt hat. - Okay.

    Einberufung zum Militär
    Ich war also von Oktober bis zum April 1943 beim Reichsarbeitsdienst, also nor-malerweise hätte ich nur 3 Monate bleiben müssen, aber weil wir sozusagen im Einsatz in Polen waren, hat es länger gedauert. Und ich bin dann zurück ge-kommen im April 1943 wieder nach Wien.

    Ich hab mich gefreut, jetzt bist du wieder in Wien, super! Aber nach drei Tagen, wie ich in Wien war, hab ich meine Einberufung gehabt zum Militär. Also nur drei Tage haben sie uns gewährt, um in Wien zu Hause zu bleiben. Um meine Familie, meine Mutter wieder zu sehen, mein Vater war ja längst eingerückt, und um meine Freundin wieder zu treffen.
    Ja und dann bin ich eingerückt und mein Einberufungsbefehl lautete Freistadt in Oberdonau, also statt Oberösterreich und Niederösterreich hat man damals Niederdonau und Oberdonau gesagt. Und so mußte ich nach Freistadt fahren - das ist oberhalb von Linz - und hab mich dort in der Kaserne gemeldet und bin dort Soldat geworden. Hab dort eine dreimonatige Ausbildung gemacht, obwohl ich schon die Grundausbildung gehabt habe. Beim Reichsarbeitsdienst hatte ich sozusagen die militärische Ausbildung bekommen und die Ausbildung am Gewehr. Als Soldat bei den Panzerjägern wurde ich auch an der Panzerabwehr-kanone ausgebildet, und hab dort auch verschiedene Fahrschulen absolviert.

    Ich hatt´ einen Kameraden ...
    Es war dann so, daß wir nach drei Monaten auf einmal, wie die Ausbildung beendet war, wir ca. achzehn Mann zusammen gerufen wurden und es hat geheißen, also Maturanten und grafisches Gewerbe - das als Intelligenzberuf gegolten hat - die werden zu einer weiteren Ausbildung abkommandiert und zwar kann das dann enden in einer Offiziersschule. Das heißt, die machen eine Unteroffiziersschule zuerst einmal und wir werden in Freistadt bleiben.

    Das habe ich meinem Vater geschrieben und der hat mir zurückgeschrieben:

    "Ja, mach das!" Was mich eigentlich sehr gewundert hat. Nur hat das einen Hintergrund gehabt, nicht. Meine anderen Kameraden, wie man eben damals gesagt hat, und Freunde sind also sofort nach drei Monaten an die Front nach Rußland gekommen und es hat nicht lange gedauert, haben wir gehört:

    "Der ist gefallen, der ist schwer verwundet", und so weiter. Das ist also zu uns durchgedrungen und da haben wir uns gesagt; es ist eigentlich ein Glück, daß wir jetzt noch in Freistadt sind!

    Ab nach Rußland

    Und so haben ich dann eine Ausbildung gemacht zum Unteroffizier und bin dann an die Front gekommen nach Rußland. Es (die Ausbildung) war also eine Ver-zögerung, aber es ist mir nicht erspart geblieben auch an die Front zu kommen.

    Ich bin in den Südabschnitt der Ostfront gekommen und zwar war das Galizien – Karpatenvorland - damals, so weit waren die Russen schon vorgedrungen. Das war 1944 im Frühjahr ja, im Frühjahr 1944, und ich bin dann zu einer Einheit gekommen, zu einer Panzerjägereinheit, mit Selbstfahrlafetten, also mit Panzer. Es war ein Panzeruntergestell, drauf war eine Kanone und wir haben halt Panzer dazu gesagt.
    Und ich bin dort ein Panzerkommandant geworden, hab eine Besatzung unter mir gehabt, einen Richtschützen, einen Lader und Funker und Fahrer.

    Der Fahrer war aus Linz und der Richtschütze war aus Königsberg, also eine gemischte Gruppe. Und die haben mich also auch gleich dementsprechend empfangen und haben gesagt; "Befehlen tun wir, nicht du, du bist viel zu jung dazu. Wir sind die alten Frontschweine", und so weiter. „Wir sind schon einige Zeit in der vordersten Linie" und, und so weiter." Ich habe mich aber sehr bald mir denen gut arrangieren können. Und es hat viele Abenteuer gegeben.

    Wir sind also ... einen Rückmarsch haben wir mitgemacht über die Karpaten über den Jablonkapaß, in Ungarn sind wir dann eine Woche lang aufgefrischt worden, die Panzerfahrzeuge waren zu überholen, zu warten, und sind dann in den Mittelabschnitt gekommen. Und zwar (in den Abschnitt des) Brückenkopfes von Paranow (Name des Brückenkopfs) - Kielce (Stadt dahinter), Das war damals ein heiß umkämpfter Frontabschnitt.

    Ein Brückenkopf ist: Da war die Weichsel, und über der Weichsel - 35 Km tief und 17 Km in der Breite - waren die Russen schon über dem Fluß, am anderen Ufer. Und das hat man einen Brückenkopf genannt.

    Und dort sind also gewaltige Truppeneinheiten der Russen zusammengezogen gewesen.

    Aber scheinbar hat das deutsche Oberkommando auch erkannt, daß dort aus diesem Brückenkopf heraus, ein Vormarsch oder weiterer Angriff passieren wird und hat dort auch sehr starke Truppenformationen zusammengezogen. Vor allen Dingen waren SS-Panzereinheiten - mit diesen schweren 60-Tonnen-Panzern, die „Tiger" und „Panther", dabei. Und wir - mit den mittelschweren Panzern - waren sozusagen als Flankenschutz gedacht. Als Gegenangriff, daß man die russische Frontlinie, also die Russen wieder über die Weichsel zurückdrängt.

    Fahnenflucht, ja oder nein?
    Da sind wir von Ungarn über Preßburg in den Mittelabschnitt gekommen nach Kielce und in Preßburg hab ich mir gedacht: "Also ehrlich gesagt, am liebsten steigert i jetzt aus und gingad heim nach Ottakring, in mein geliebtes Kongreß-bad."...
    Wir hatten in Ottakring ein wunderschönes großes Bad. Und ich dachte mir:

    "I gingad lieber ins Kongreßbad und tät aus dem Gurkenglas meinen Erdäpfel-salat (lacht) essen und mei Schnitzel essen, als wie i fahr jetzt weiter an die Front"...

    Weil es war ja alles.- es waren auch die Abschiede immer entsetzlich, wenn man sich verabschiedet hat, hat man nie gewußt, na komm ich jetzt wieder nach Haus oder nicht. Und das mit 19 Jahren (1944). Also so einfach war das wirklich nicht, wenn man aus seiner Heimat weggekommen ist und hat gewußt, jetzt fahr ich an die Front und da pfeifen die Kugeln durch die Gegend und dort explodie-ren die Granaten links und rechts.
    Aber ich bin halt nicht abgesprungen, weil es ist ja so: 24 Stunden unerlaubtes Entfernen von der Truppe, wenn sie dich aufgegriffen haben, warst du ein Todeskandidat, oder du bist zu einem Sonderkommando gekommen - Minen räumen oder sonst was. Also die haben uns so gehalten, daß man eigentlich gar nicht auf die Idee gekommen ist, abzuspringen.

    Obwohl, das ist eine andere Geschichte, es relativ viele gegeben hat, die von der Front verwundet in die Heimat zurückgekommen sind oder die den Frontein-satz überlebt haben, die sich dann selbst verstümmelt haben, um nicht wieder an die Front zu müssen, da hat es viele Beispiele gegeben, in meinem Bekannten-kreis ...

    Mitten in der Hölle
    Und so sind wir also in den Frontabschnitt (Brückenkopf Kielce) gekommen und da war dann der 20. August 1944 war für mich ein unheimlich gravierender Tag, das war eines der härtesten Erlebnisse, die ich im Krieg gehabt habe. Tatsächlich hat dort die russische Armee unheimlich viele Truppenteile, und vor allem Dingen Panzer, zusammen gezogen. Die sogenannten "T 34" wie die geheißen haben - das waren sehr schnelle, wendige Panzer. Und es war am

    19. August, ich war in der vordersten Linie eingeteilt als Panzerbeobachter - bei einem Artilleriebeobachter - mit dem hab ich ein Deckungsloch geteilt, und der hat gesagt: "In den nächsten Tagen müssen wir hier mit einem Großangriff der Russen rechnen." In der Nacht hat man ununterbrochen Panzergeräusche gehört und er hat gesagt - er war ein erfahrener Frontsoldat, ein Oberleutnant: "Also morgen geht es los."

    Und der Morgen, am 20. August 1944, ist gekommen.

    Es war ein weites, hügeliges Gelände, die Ernte war teilweise schon auf so großen Erntehaufen aufgeschlichtet, die Ähren... Und dann, um 4.00 Uhr nachmittags hat schlagartig – auf einmal - die russische Artillerie mit sehr vielen dieser sogenannten "Stalinorgeln" unsere Stellungen beschossen. Es war ein wildes Chaos und mitten in dieses Chaos hinein sind auf einmal über den Hügel, ich schätze so an die 100 russische Panzer gekommen. Aber nicht auf uns direkt zu, sonst würde ich heute nicht da sitzen und diese Sache erzählen können, sondern - seitlich von uns flankierend - auf eine Ortschaft zu.

    Nun war das so, daß in dieser Ortschaft die SS ihre Tiger- und Panther-Panzer in den Häusern getarnt versteckt hat. Und die haben also fürchterlich gewütet -im Nu haben 20, 30 dieser russischen Panzer gebrannt.

    Aber die Russen sind weiter vorgerückt und in unseren Abschnitt eingedrungen.

    Daher hat der Oberleutnant (mit dem F.P. im Deckungsloch war) seine eigene Artillerie, auf Höhe unserer Stellungen schießen lassen, um die russischen Panzer und die Infanterie zu erreichen, die schon bis zu unseren Stellungen vorgerückt waren. Das war die Hölle. Das kann man sich nicht vorstellen, daß man aus so was noch lebend heraus kommen konnte.

    Ich hab dann ein paar Schüsse abgegeben mit meinem Geschütz und auf einmal hat mein Geschütz versagt. Scheinbar hat ein Schutzengel da eingegriffen, weil ich bin überzeugt, daß die Angriffe der Russen bald auch frontal auf meine Stellung erfolgt wären Ich hab dann per Funk meinem Kompaniechef gemeldet, daß mein Panzer kampfunfähig ist, und der hat gesagt: "Ziehen sie sich zurück."

    Und ich konnte mich zurückziehen aus der vordersten Linie. Mit einem kaputten Geschütz kannst d´ nichts anfangen, wie sich dann herausgestellt hat, hat sich mein Rohr gelockert gehabt, im Verschluß, und daher hat der Schlagbolzen auf das Geschoß nicht mehr drauf treffen können.

    Ich hab dann den Panzer eingewiesen in so eine Mulde und die russische Infanterie hat man schon gesehen. Und wie ich über diese Mulde hinauf schau, hat mich ein Schuß getroffen, unterhalb der linken Schulter, ja unter dem Schulterknochen hab ich einen Steckschuß bekommen. Bin umgefallen und mein Fahrer hat sich über mich gestellt, weil die russischen Flieger, die Schlachtflieger im Tiefflug angegriffen haben und auch Bomben geschmissen haben und so bin ich ein bißchen geschützt gewesen.

    Die Gedärme in der Hand

    Dann haben sie mich hervorgezogen und auf den nächsten LKW verfrachtet, der Munition nach vorne, an die Frontlinie gebracht hat und wieder zurückgefahren ist. Den haben sie aufgehalten, meine Besatzung, sie haben mich auf den LKW drauf gelegt, und zwar bin ich – hinten - auf der Munition gelegen, (lacht) und die haben mich in so eine Art „Verwundetennest" (1. Notversorgung) geführt. Das war ein paar Kilometer hinter der vordersten Front.

    Das war - also mehr oder weniger - für mich das Erschütternste zu erleben, wie hundert, hundertfünfzig oder mehr als zweihundert schwerst verstümmelte Menschen herumliegen: Bein abgetrennt, Arm abgetrennt, Kopfschuß, Gedärme in der Hand,... wie die dort gesessen sind ... Das war ein Schreien, ein Gebrüll und das war - in der Hölle kann es nicht ärger sein, als das, was ich dort erlebt habe.

    „Stehender Verwundeter zur Operation"

    Die ganze Ortschaft hat gebrannt und ich bin dann einem Stabsarzt oder Ober-arzt vorgeführt worden. Der hat mich angeschaut, hat mir den Hemdärmel abge-schnitten - meine Kameraden hatten mich notdürftig verbunden, weil mir das Blut heraus gespritzt ist aus dieser Wunde. Der Arzt schaut sich das an und sagt:

    "Ah, ja" sagt er "Das is nix besonderes, das is nur a Streifschuß. Wir verbinden dich und du kommst wieder an die Front." Und ich sag: "Nein, das ist kein Streif-schuß. Das ist ein Steckschuß. Ich spüre doch die Kugel im Knochen stecken." Und er greift dann stärker hin und tiefer hinein und sagt: "Ah ja, das muß operiert werden." Hat mir dann einen Zettel umgehängt mit der Aufschrift: "Stehender Verwundeter zur Operation".
    Es ist dann schon Abend geworden - und nach wie vor die Tiefflieger, die ihre Bomben geschmissen haben und ich hab versucht in eines der letzten Sanitäts-autos hinein zu kommen, die da gekommen sind. Zuerst sind die Schwerver-letzten verladen worden und dann haben sich zwei, drei, vier sitzende Verwundete hinein setzen können.

    Da sind schon drei drinnen gesessen und ich hab gesagt: "Ich möchte auch noch hinein, sonst verlier ich meinen Arm. Ich habe einen Steckschuß im Arm, ich will den Arm nicht verlieren. Ich muß ins Lazarett, operiert werden."

    Der Fahrer hat mich nicht wollen mitnehmen und ich hab gesagt: "Nimm mich mit, sonst bist du verantwortlich, daß ich meinen Arm verliere!" Der hat mich dann mit Müh und Not hinein gepreßt, die Tür hinter mir zugemacht, und hab dieses Riesenglück gehabt, daß ich wirklich so – ich glaube - 50, 60 Km hinter die Front gekommen bin.

    „Machen Sie mit mir was Sie wollen"

    Und das war, glaube ich, eine Schule in Kielce, so hat diese Stadt geheißen, und dort haben 2 oder 3 Ärzte Dienst gemacht. Die haben zuerst die Schwerverwun-deten alle versorgt. Ich habe eine Tetanus gleich in den Hintern bekommen - eh wie ich dort hingekommen bin - und im 3. Stock hab ich müssen warten.

    Und dann war ich schon zwei Tage dort oben, der Arm ist schon ganz blau und verschwollen gewesen und wie der Arzt dann wieder herein gekommen ist mit seinem Team, hab ich dann gerufen, hab ich gesagt: "Herr Oberstabsarzt können Sie mir nicht den Arm anschauen. Ich hab eine Kugel im Arm stecken."

    Und der beugt sich zu mir herunter und sagt ganz leise: "Von wo her kommst du denn?" Und ich sag: "Aus Wien" und er sagt: "Ich bin ein Salzburger:" Und zu den Sanitätern: „Nehmt den Mann!"

    Und beim Runtergehen über die Stiege, wie sie mich runter führen, kommt er wieder zu mir und sagt: "Wenn ich dich ohne Narkose operiere, unten steht ein Autobus, der fährt zum Bahnhof, dort steht ein Lazarettzug, der fährt nach Deutschland. Wenn ich dir aber eine Narkose gib, dann bist du in einer Woche wieder an der Front, oder die Front ist schon hier bei uns." Hab ich gesagt: "Machen sie mit mir was Sie wollen, aber ich will in den Lazarettzug!"

    Dann haben sich halt zwei Männer auf meine Füße geschmissen, ein Mann hat sich auf meine Brust gelegt, und er hat den Arm ausgestreckt und hat mit einer Sonde sondiert. Ich glaube, ich hab eine Injektion bekommen, das kann ich aber nicht mehr so hundertprozentig bestätigen. Mit der Sonde hat er die Kugel sondiert, hat mich von unten aufgeschnitten und hat mir dann diese Kugel mühsam herausgezogen. Dann hat er mir die Kugel vor die Nase gehalten und hat gesagt: "Willst du sie dir aufheben?"

    Hab ich gesagt: "Ja" Dann hat er sie mir in Watte eingepackt, und die blutige Kugel haben sie mir dann ins Uhrtascherl – wir haben da so Uhrtascherl in der Hose gehabt – reingesteckt.

    Dann haben sie mich hinunter geführt zum Autobus. Da bin ich eingestiegen, da war noch ein Platz frei in der 1. Reihe, da hab ich mich hingesetzt. Da ist dann der Sanitäter gekommen und sagt: "Wollen Sie einen schwarzen Kaffee haben?" Hab ich gesagt: "Ja", und dann hab ich die Schale in die Hand genommen oder den Becher, und dann bin ich umgekippt. Dann war ich weg, dann bin ich weg getreten gewesen. Dann war meine Nervenkraft zu Ende.

    „Bin ich im Himmel?"
    Dann bin ich auf einmal wie im Traum aufgewacht und hab nur weiß gesehen, ... weiß ... dann steht eine Schwester neben mir und es hat so schön geschaukelt und ich hab gesagt: "Bin ich im Himmel?" Und die hat gesagt: "Nein, Soldat, wir fahren in die Heimat." Und da bin ich in einem blütenweißen Bett gelegen in einem Lazarettwaggon. Das war für mich so unwahrscheinlich. Ich war noch voll-kommen verdreckt von der Front, ich habe ein schwarzes Gesicht gehabt ... naja, und so bin ich im Lazarettzug gelegen und bin dann nach Thüringen in ein Lazarett gekommen.
    Dort ist´s so gewesen, im Lazarett - wenn man 28 Tage in einem Lazarett war, hat man 14 Tage Genesungsurlaub bekommen. Jedenfalls sind wir täglich untersucht worden was die Wunde macht.

    Ich hab halt immer gekratzt an der Wunde, ein bisserl, daß sie nicht so schnell zuheilt, weil ich wollt 14 Tage Urlaub in Wien haben. Und der untersuchende Arzt war verwundert und fragte: "Was ist mit der Wunde los, die heilt nicht zu, was ist da los?" Die wollten natürlich die Leute wieder an die Front bringen und ich hab halt immer a bisserl was, a bisserl an Dreck hinein geschmiert in die Wunde und die hat geeitert, und geeitert,... .

    Obwohl ich letzten Endes nicht achtundzwanzig Tage im Lazarett war, habe ich doch einen Genesungsurlaub bekommen. ... Ich glaube, ich bin am Ende der ersten Septemberwoche dann in Wien gewesen. Den Arm in der Schlinge, als Verwundeter und hab natürlich mein Mutter begrüßen können und meine Freundin.

    Der erste Bombenangriff auf Wien
    Da möchte ich kurz eine Geschichte erzählen, die ich in Wien erlebt habe. Es war der 10. September 1944. Ein wunderschöner, warmer Herbsttag und meine Freundin Friedl sagt: "Weißt was, fahren wir runter an die Donau."

    Da hat es ja noch nicht das Doppelbett der Donau gegeben, da hat’s das "Inundationsgebiet" gegeben, das war eine weite Wiese (räuspert sich), die überflutet wurde, wenn die Donau übergegangen ist. Das war das sogenannte Überschwemmungs- oder Inundationsgebiet. Aber es war natürlich der Handels-kai, auf der drüberen Seite der Donau, auch manchmal überschwemmt.
    "Fahren wir mit die Fahrräder da hinunter, du kannst eh mit einem Arm fahren," hat Friedl gesagt. - Wir haben unsere Fahrräder ja zu Hause gehabt und waren früher auch sehr gute und tüchtige Radfahrer, mit Ausflügen und so. - Und wir sind also runter gefahren von Ottakring, Sandleiten, Richtung Reichsbrücke, Richtung Donau. Und am Praterstern war auf einmal Vorwarnung, Fliegeralarm, Vorwarnung.

    Und ich hab gesagt: "Du, was ist da los?" Hat sie gesagt: "Mach Dir keine Sorgen, die greifen Wien nicht an. Wien ist noch nicht bombardiert worden. Die bombardieren höchstens rund um Wien, und Wr. Neustadt greifen die immer an", weil dort die Flugzeugwerke waren, dort sind deutsche Flugzeuge erzeugt worden, Kriegsmaschinen.
    Na und wir sind über die Reichsbrücke gefahren und auf einmal war Flieger-alarm. Wir sind also noch bis zur "Stürzllacke", haben wir gesagt, gekommen - dorthin sind wir sehr gerne baden gefahren, das war immer so ein warmes Wasser, weil sie nicht so tief war, die Lacke ...

    Wie wir dort hinkommen sind, sind die Feuerwehren von Floridsdorf schon dort gestanden. Waren lauter ältere Herren - bei der Feuerwehr waren schon alle über siebzig Jahre alt, weil die jüngeren Jahrgänge haben alle einrücken müssen. - Ab 1944 haben sie schon alles genommen, weil sie die Menschen gebraucht haben, an der Front.

    Die Feuerwehrautos sind deshalb in das Gebiet dort unter die Bäume gefahren, weil, wenn die Feuerwehrwache bombardiert wird, sind die Autos auch kaputt. Darum sind die raus in dieses Gebiet und konnten dann, wenn der Fliegeralarm zu Ende war, in die Stadt fahren, um Brände zu löschen, und um zu helfen.
    Ja, wir sind also dort hingekommen zu denen und auf einmal sehe ich die Flak beginnt zu schießen. Von den Wiener Flaktürmen, die 8/8er - Flak die schwere, große Flak. Da sind schon an die 30 Maschinen, - auf einem Pulk zusammen – die Donau hinunter geflogen gekommen, von der Reichsbrücke abwärts, an uns vorbei. Diese, glaube ich, B-17 Bomber der Amerikaner, die Viermotorigen.

    Ich sag noch: "Wo fliegen die hin?" Und im selben Moment, wie ich hinauf schaue, sehe ich´s Glitzern in der Sonne und schrei: "Die werfen einen

    Bombenteppich, volle Deckung!"

    Und die Feuerwehrmänner haben mich ganz entgeistert angeschaut, sie waren so überrascht, daß sie nicht gleich daran gedacht haben in die Löcher hinein zu springen. Obwohl sie dort die Deckungslöcher gegraben haben, und die Feuer-wehrautos mit Tarnnetzen getarnt abgestellt hatten.

    Ich hab geschrien: "Volle Deckung! Springt’s in die Löcher hinein, die werfen einen Bombenteppich!"
    Und ich hab aus dem Loch noch so bißchen hinaus geschaut und hab gesehen, daß - von der Reichsbrücke abwärts - der ganze Handelskai in die Luft geflogen ist. So hinter einander sind die Bomben abgeworfen worden.

    Ich hab das beobachtet - wie in der Oper, erste Reihe, hab ich auf die Bühne geschaut - und hab gesehen wie die Bomben heruntergefallen sind und wie die Dächer 20, 30 Meter in die Höhe geflogen sind, von den Gebäuden.

    Also jedenfalls, die haben bombardiert und man hat auch gesehen, daß über die ganze Stadt Bomben abgeworfen werden. ... "Die bombardieren Wien, die bombardieren Wien!" - wir waren alle entsetzt, daß die Amerikaner Wien bombardieren.

    Und dann schaue ich Richtung Kahlenberg, - kommt wieder so ein Verband, das waren wieder mindestens dreißig Maschinen, eng aneinander. Und natürlich waren am Himmel auch schon abstürzende Flugzeuge zu sehen, die die Flak abgeschossen hat. Da haben sich die Flugzeuge hinunter gedreht, brennend, und man hat auch schon Fallschirme gesehen, wo die Besatzung noch abspringen konnte und mit den Fallschirmen herunter gesegelt ist.

    Und die Splitter von den Flakgranaten haben so ein zirpendes Geräusch gemacht , wie wenn Vogerln singen - ja – „zirp, zirp" (macht Vogel nach), und dann "päng!" - in den Baum hinein. Also man mußte aufpassen, daß einen nicht die Splitter von den eigenen, Flakgranaten treffen und mußte in Deckung gehen, daß man nicht auch noch verwundet wurde. Dieser Verband ist Richtung Reichsbrücke geflogen, direkt auf uns zu, und wieder genau dasselbe Bild: Dieses silberne Glitzern unter diesem Verband und ich schrei: "Die werfen noch einmal einen Bombenteppich und der geht über uns!. Haut’s euch rein in die Löcher!"

    Wir sind rein gesprungen in diese Deckungslöcher und dann ist es schon los gegangen. Das Glück war, wieder ein großes Glück, für mich persönlich - und für uns, die wir dort waren - daß die letzte Bombe dieses Bombenteppichs, der quer über die Reichsbrücke gelegt wurde, schon etwa 300 Meter vor uns explodiert ist. Also es war ein unheimlicher Luftdruck zu spüren. Man mußte den Mund aufreißen, natürlich, ja, daß einem nicht die Lunge platzt.

    Der Regenbogen über der Reichsbrücke
    Ja, wie das vorüber war, dieses Getöse der Bomben, habe ich halt vorsichtig hinaus geschaut. Alles war voll Staub am Himmel, und wie sich dieser Staub verzogen hat, hab ich gesehen, daß über der Reichsbrücke ein riesiger Regen-bogen war. Ja, das war so, das ist fast nicht zu glauben, die haben die Brücke nicht getroffen. Aber vor der Reichsbrücke und hinter der Reichsbrücke sind die Bomben in das Wasser gegangen und sind am Grund explodiert, und haben die Wasserfontänen in die Luft geschleudert...

    Und wenn man sich erinnert wie die UNO-City gebaut wurde, hat man sehr oft Blindgänger gefunden. Da wurden oft die Straßen rund herum abgesperrt, das ist von diesem Bombenangriff im September 1944 gewesen ...

    Jedenfalls, die Reichsbrücke selbst wurde nicht getroffen, und wir sind über die Reichsbrücke zurück in die Stadt gefahren, mit unseren Fahrrädern.
    Und als die Reichsbrücke damals eingestürzt ist, wollte ich im Rathaus meine Version über die Einsturzursache telefonisch deponieren, aber man hat mir eigentlich nicht zugehört und meine Überlegungen scheinbar auch nicht weiter-geleitet: Die Reichsbrücke ist – glaub ich - durch den ständigen Schwerverkehr einge-stürzt, der drüber gefahren ist. Immer mehr Autos, immer mehr Autos... Ich glau-be, daß die Fundamente der Reichsbrücke schon damals - durch diese Bomben, die am Grund der Donau, vor und hinter der Reichsbrücke expoldiert sind – erschüttert worden sind.

    Und ich glaube, daß man das nach dem Krieg nicht bemerkt hat, daß diese Fundamente nicht so gefestigt waren und daß dann eines Tages die Reichsbrücke das nicht mehr ausgehalten hat und sich deshalb „niedergelegt" hat... Nach dem Krieg, Jahre danach, bin ich einmal mit einem Bekannten, der einen Pilotenschein gemacht hat, und der dann AUA-Pilot wurde, mit einer kleinen Piper von Aspang aus über Wien geflogen. Und er hat gesagt: "Wo willst du denn hinfliegen?" Na sag ich: "Schauen wir einmal nach Ottakring und fliegen wir dann über die Höhenstraße zurück." Und dann ist mir der 10. September 1944 eingefallen und ich hab gesagt: „Du, da ist ein Bombenangriff gewesen - Richtung Reichsbrücke." Sagt er: "Na dann fliegen wir einmal so wie die amerikanischen Bomber geflogen sind." Und wir fliegen also in die Nähe der Donau. Damals hat’s dieses Donau-Doppelbett noch nicht gegeben, wie wir es heute haben. Und tatsächlich hat man diese Narben der Bomben im "Inundationsgebiet" von oben noch gesehen, verwachsen mit Gras, aber die Ränder der Bomben hat man aus der Luft noch genau erkannt - vor der Reichsbrücke, hinter der Reichsbrücke. Sagt er: "Das sollte man direkt dokumentierten, weil ich seh’, du hast keine Lüge erzählt!" Und: „Schau, welch ein Glück du gehabt hast. Bei dieser Baumgruppe, dort bist du gelegen, und schau, wo die letzte Bombe hinein gegangen ist!" Also ich habe sogar noch einen Nachtrag über diese Bombardierung gehabt.

    Ja, das waren eigentlich diese Erlebnisse und ich bin dann, nach dem Genesungsurlaub, im September 1944 zu den Gebirgsjägern nach Mittenwald gekommen. Das Kriegsende erlebte ich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Deutschland (Lager Ludwigshafen am Rhein) und Frankreich (u.a. in St. Avolt bei Metz und Staney). Aus der Gefangenenschaft wurde ich in Salzburg entlassen und kam nach einer abenteuerlichen Reise über die Demarkationslinie in Steyr an der Enns schließlich zu Weihnachten 1945 zurück nach Wien.

    Alle UrheberInnenrechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung, Verbreitung und öffentlichen Wiedergaben in jeder Form, einschließlich einer Verwertung in elektronischen Medien, der reprografischen Vervielfältigung, einer digitalen Verbreitung und der Aufnahme in Datenbanken, ausdrücklich vorbehalten.

    Copyright © 2001 by Ruth Deutschmann, Wien

    05. August 2001: Dieses Dokument (Pietsch, 1h Padua) habe ich -nachdem ich es nach Padua gemailt habe (als 1. Sendung an Lisa, Fiorita und Luca) noch ergänzt mit den Fußnoten zu Mittenwald und den Erläuterungen zur amerikanischen Kriegsgefangenschaft. (siehe Ende des Dokumentes und Ende der Biografie)




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