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Interviewter: Willi Schulz
Geb. 8.09.1926
Mit 14 Jahren 1941
Unteroffiziervorschule
Interviewer: Franjo Hülck
Willi Schulz: Ja, ich bin mit 14 ½ Jahren aus der Schule entlassen worden und bin dann zu einer Kadettenschule, beziehungsweise man nannte sie Unteroffiziersvorschule, gegangen, das war 1941, und diese Schule, die war deshalb, weil man,...oder man mußte sich verpflichten für 15 Jahre Soldat zu sein. Das hieß Vorschule, denn die ersten 3 Jahre waren neben einer militärischen Ausbildung hauptsächlich eine schulische Ausbildung. Und diese schulische Ausbildung war für mich, der auf einer Dorfschule groß geworden ist, sehr gut. Ich habe manches wieder gelernt, was ich früher oder auf dieser Schule nicht gewußt habe oder nicht mitgelernt habe. Und bin dann am 4. Mai 1941 zu dieser Schule gegangen, meine erste Stelle, oder meine erste Schule, war in Geldern am Niederrhein. Und in dieser Schule, da lebten ca. 600 Jungen, auch in meinem Alter, wurden da ausgebildet. Ausgebildet militärisch, genauso wie schulisch. Und ich denke, von daher war es für mich etwas Besonderes, denn ich war einer derjenigen, die nie von zu Hause weg gewesen ist. Also, es war schon etwas, wo ich ab und zu ganz gerne nach oben gegangen bin in die höchste Etage, um zu schauen, ob ich nicht den Kirchturm von zu Hause aus sah. Nach einer gewissen Anlaufzeit war es dann so, dass ich mich dran gewöhnt hatte und festgestellt habe, das Lernen, Ausbildung, Sport, das stand im Mittelpunkt dieser Ausbildung oder dieser Zeit. Und glaube auch, dass von der Jugendzeit her oder von diesem nichts, ja wie soll ich sagen, von der Kriegszeit her eigentlich doch gut war, dass man dieses gemacht hat. Das Ziel unserer Schule war schon als erstes eine Elite auszubilden, so wie es zu der Hitlerzeit war. Sie wollten einfach junge Menschen zur Elite ranziehen. Diese Schule, oder wir die Jungen, die wir da waren, wir waren ausgesucht, durch Prüfungen gegangen, und also schon irgendwo spezielle Leute, die dafür prädestiniert waren, das zu sein.
Also, ich habe in der Unteroffiziersvorschulzeit, war natürlich nicht nur Schule, sondern da war auch die absolute militärische Schule da drin, Schulung da drin. Und die war, wurde geleitet und geführt von ganz speziellen Ausbildern, die auch zum Teil im 100.000 Mann-Heer gedient hatten. Das bedeutete schon, dass sie absolut Kadavergehorsam predigten und auch verlangten. Also, es war schon etwas, und das wurde uns auch klar gemacht, dass wir, wir, diese Gruppe an Jungen, dass wir die Elite waren. Man hat, man hat es ausgedrückt manchmal, indem man gesagt hat: „Das Beste, das ist gerade gut genug für euch, also, da denkt da dran." Und ich denke, der militärische Drill war dementsprechend auch. Aber ich muß sagen, dadurch, dass ich körperlich absolut fit war, hat mir das weniger ausgemacht, das was mir erst schwer gefallen war, war die Schule, eben dadurch, dass ich auf einem Dorf groß geworden bin, mit 5 und 6 Jahrgängen in einer Klasse war. Also das war schon sehr schwierig. Hatte aber dann auf Stuben, in den Stuben lagen wir zu 8 bis 10 Jungs, und dadurch hatte man das Glück, dass man alle auch drin hatte. Also, die einem was helfen konnten, und das war einfach, die Ausbildung war einfach ausgerichtet danach, helfen, mitmachen, den einzelnen, jeden einzelnen unterstützen. Also nicht: „Ich bin derjenige", sondern: „Wir sind diejenigen". Also, das war schon etwas, aber es war, ja, es war für den Unteroffiziersstand, das muß man sagen. Die Chance natürlich war nachher da, auch in den Offiziersstand rein zu gehen, aber der Grund war einfach erst den Offiziersstand zu haben, und die Wichtigkeit war eigentlich, die Verpflichtung von der Unteroffiziersvorschule über die Unteroffiziersschule zu 15 Jahre Soldat zu sein. Und am Ende der Soldatenzeit, das heißt also, nach 3 Jahren Unteroffiziersschule und 10 Jahren Dienst in der Truppe, würden dann die letzten 2 Jahre nochmal ausschließlich Schule gemacht sein. Also, das hieß, dass wir in mittlere oder die gehobene Beamtenlaufbahn reingehen konnten. Also, das heißt, dass sie Stadtverwaltung, irgendwo in einen Beamtenberuf reinkönnen. Und das war eigentlich der Sinn, dass wir, oder ich, da reingegangen bin in diese Unteroffiziersvorschule, also verpflichtet habe für 15 Jahre Soldat zu sein. Und ich denke, wenn alles gut gegangen wäre, wär das natürlich schon etwas gewesen.
Die Wechselseitigkeit war, dass wir von Geldern nach ungefähr ca. einem Jahr in eine andere Schule, andere Stadt kamen und zwar nach Wetzlar im Hessenland. Da ungefähr ein drei viertel Jahr blieben, das war dann Ende, oder Anfang `43. Und bin dann Ende `43 nochmal wieder gewechselt nach Ravensburg-Weingarten unten im Schwabenland in der Nähe vom Bodensee. Weihnachten 1943 mußte ich dann im Rahmen dieser Ausbildung auch noch zum RAD, also Reichsarbeitsdienst, ein viertel Jahr, und wie dieses beendet war, wurde die dreijährige Ausbildung, die ich eigentlich genießen sollte, wurde die verkürzt, und ich kam, weil der Krieg schon weiter war 1944 im März zu einer Unteroffiziersschule nach Freiberg in Sachsen, das ist nicht unweit von Dresden. Und in dieser Schule fing eigentlich die Zeit an, die militärische Ausbildung an Waffen und Gerät, und die sollte eigentlich über 2 Jahre, sollte die sein. Da der Krieg aber irgendwo auf dem Höhepunkt war, und die Amerikaner und Engländer zur Invasion kamen, wurde unsere ganze Schule zugemacht, und wir sind dann von dort aus, von Freiberg nach Münsingen in der Nähe von Stuttgart auf einem Truppenübungs-platz in einer großen Division zusammengestellt worden und wurden dann, eigentlich waren wir für Rußland vorgesehen, wurden aber dadurch der Amerikaner und Engländer, dass die oben durchstießen, also, sie waren in der Normandie und kamen dann über Paris, und in diesem Bereich Parisgrenze waren keine Auffang, da wurden wir, unsere Division wurde da eingesetzt. Wir wurden hingefahren mit Zügen, und wir kamen nach Nancy, unsere Division kam nach Nancy, in der Nähe von Nancy, und das ist ja nicht allzu weit weg von der Elsaß-Lothringischen Grenze, oder französischen Grenze damals. Und wurden dann mit dem Zug dort reingefahren, und wir selbst wußten nicht, dass der Amerikaner schon seitwärts links und rechts an der Stadt Nancy vorbeigefahren war, gegangen war, und hatte uns reinfahren lassen und hat praktisch diese Stadt zugemacht. Und unser, oder unsere und meine aktive Zeit oder Zeit des Krieges war eigentlich nur vom 5., 6., 7. September an, bis zum 8. Oktober. Also, es waren ca. 4 Wochen, die ich als, ja, im Krieg war, an der Front war, und der uns dann irgendwo aufgerieben hat, und durch dieses dann in die Gefangenschaft reinkam. Interviewer: Sie waren doch jung, also, das Soldatische ist ja immer der Angriff oder die Verteidigung, sondern das stand in diesem Alter doch noch gar nicht zur Debatte?
Willi Schulz: Nein, überhaupt nicht. Das war eigentlich, der Grundgedanke war, vielleicht war das das Ausbildungsthema der Offiziere oder die dieses ins Leben gerufen haben. Aber das haben wir selbst, wurde das nicht gesagt. Es wurde ganz klar der Soldat herausgekehrt, der diszipliniert und seine Arbeit machen mußte ganz klar, aber nie, dass er gesagt hat: „Abschlachten oder umbringen", sondern fair dem anderen gegenüber, und dass man diese Schule, dass man nachher, wenn man diese Arbeit beendet hatte, also Arbeit meine ich jetzt, dieses Soldat-sein beendete, dass man dann in einen Beruf reinkam, wo man Akzente setzen mußte, ja, dass man einer derjenigen war, die für dieses Land leben mußten, das war ganz klar. Aber nie weder eine nationalsozialistische Ausbildung oder so, das hat es nicht gegeben. Es war eine rein militärisch ausgerichtete schulische und militärische Einrichtung.
Interviewer: Aber jetzt lief ja gleichzeitig, sozusagen hinter Ihrem Rücken, der Krieg ab. Sie waren an dieser Schule und gleichzeitig, parallel sagen wir mal, lief ja nun der Krieg. Was kamen denn da für Gedanken oder kriegte man Informationen?
Willi Schulz: Komischerweise haben wir eigentlich vom Krieg, haben wir eigentlich gar nicht so viel mitgekriegt. Gut, wenn die Siegesmeldungen kamen, war selbstverständlich, das war natürlich was Besonderes. Dafür wurden die ja auch dementsprechend, wurden wir ausgerichtet, das ganz klar. Aber es war nicht so, dass man speziell auf diesen Krieg ausgerichtet war, sondern man machte seine Arbeit in militärischer und schulischer Ausbildung, aber nie, dass man sagen mußte: „Gott sei Dank, diese Völker haben wir wieder runtergekriegt" oder so. Das wurde nie in Erwägung gezogen. Das fand ich so, besonders jetzt im Nachhinein, finde ich das, wo einem ja manches einfällt, das war nie der Fall. Wir waren in einem Dorf, das ist mir so nachhaltig in Erinnerung geblieben. Wir waren in einem Dorf, wir lagen außerhalb, und ich mußte was abholen aus diesem Dorf, aus einem Gefechtsstand von uns. Und auf diesem Weg lagen dann zwei tote Amerikaner. Das ist mir so haften geblieben, dass ich, dass ich mich irgendwo habe, ja, ich könnte wohl bald sagen, dass ich für einen Moment Angst gehabt habe. Ich habe wirklich Angst gehabt um,...gesagt: „Meine, das passiert, und das kann dir auch passieren."
Und ich bin von da weggegangen, wieder zu dem Gefechtsposten, wo ich mit den anderen war, und habe das erzählt. Und das ist mir unheimlich in Erinnerung geblieben.
Interviewer: Wie alt waren Sie da?
Willi Schulz: Ich war 18 Jahre und, ja, und 20 Tage vielleicht alt. Also, das war für mich etwas, der ich eigentlich vom Elternhaus sehr behütet aufgewachsen bin, war das für mich eine, ich denke auch, das hat mich geprägt im ganzen Leben. Auch wieder mit Blick nach vorne, in der heutigen Zeit.
Da war der Amerikaner, machte den Angriff, und das ging bis zum Abend zu, und der nahm uns gefangen nicht in der Richtung, wo wir ihn erwartet hatten, kam er nicht, sondern er kam von hinten herum und nahm uns gefangen, und irgendwo habe ich das Gefühl gehabt: „So, jetzt ist das Leben, ist jetzt erstmal vorbei. Also, du hast, die holen dich, die nehmen dich mit, und was wird, was wird?" Das sind so diese Gedanken gewesen, da erinnere ich mich unheimlich gut dran, denn ich wurde mit Händen hoch, wurde ich gefilzt, also, mir wurde alles weggenommen und hatte ein Bild meiner Eltern zu Hause in einer Tasche. Und das nahmen sie auch weg. Und ich habe gefragt: „Darf ich das, darf ich das haben?" Dann hat er mich groß angeguckt, und dann hat er es mir wiedergegeben. Ansonsten hatte ich nichts in den Taschen, nichts hatte ich mehr, nur dieses eine Bild. Und dieses eine Bild hat mich begleitet die ganze Zeit, und ich fand das, wir wurden dann weggebracht, Hände überm Kopf, auf einen Wagen, und der Wagen sammelte alle auf, und wir wurden dann in einem großen Sammellager, auf einem großen Industriehof wurden wir hingebracht, und auf diesem Industriehof mußten wir uns alle hinlegen. Und da wurden wir bewacht und kamen dann, die ganze Nacht haben wir denn da gelegen, und sind am anderen Tag dann von da aus auf Eisenbahnwagons verladen worden nach über Compiègne nach Cherbourg. Aber die Nacht, die da war, wo ich gefangen genommen worden bin, die war irgendwo erdrückend, glücklich, entronnen zu sein und unheimlich Angst: „Was wird daraus, was kommt eigentlich, was kommt hier nach? Kommst du überhaupt nochmal, siehst du überhaupt nochmal wieder deine Eltern, deine Geschwister? Siehst du das nochmal?" Ich habe eigentlich von dem Moment an gedacht, du mußt sehen, dass du lebst. Und wir waren 2 oder 3 aus meiner Schule, die mit mir gefangen genommen wurden, und wir drei haben uns auch in dem Moment auch zusammengeschlossen, wir haben gesagt: „Jetzt müssen wir, wir müssen zusammenstehen." Und ich denke, das war Teil dessen, dass man, ja, ich glaube, dass man leben wollte, also dass man nicht sterben wollte, sondern man wollte leben. Und trotzdem Angst davor hatte, dass man irgendwo nicht mehr wieder nach Hause kam. Das war das 3. Reich, der Nationalismus (Nationalsozialismus), der war ja so eingestellt, dass wir eine Herrenrasse wären, und Schwarze oder Gelbe oder was es wäre, ganz egal, dass sie einfach keine Menschen wären. Und ich stellte auf diesem Weg von der Gefangenschaft bis hin nach Cherbourg fest, dass, wenn wir bespuckt oder beworfen wurden, dass gerade diese, die uns bewachten, und das waren zum großen Teil Schwarze, dass die immer sofort dagegengehalten haben, die Leute weggejagt haben. Und ich muß sagen, also davor habe ich dann, ich habe im Stillen diese Abbitte getan, dass man gesagt hat: „Das kann es nicht sein. Das kann es nicht sein, was man uns eingeprägt hat, dass wir das sind, und die sind keine, keine Menschen". Es ist mir heute vollkommen schnurzegal, und es war mir auch nachher egal, ob er gelb, grün, blau oder wie wir aussah, sondern einfach nur, dass er Mensch war, mit dem man sich unterhalten konnte, oder der einen achtete oder auch respektierte, so wie das war. Und das muß ich sagen, das war wieder ein Moment, ich denke auch bis heute, wieder was, wo ich fürs Leben auch wieder geprägt wurde.
Ja, von da aus bin ich, da waren wir fast 4 Wochen im Lager in Cherbourg und sind dann rübergebracht worden Anfang November nach London, in der Nähe von London, über den Kanal mit Schiffen und kamen dann in ein großes Lager, und da waren so ca. 15.000 deutsche Kriegsgefangene drin unterteilt in verschiedene Lager. Und ich muß sagen, wie ich nach drüben gekommen bin, hat sich das noch mehr vertieft eigentlich, dass ich gesagt habe: „Nur leben, und sonst kommst du sowieso nicht mehr zurecht. Nach Hause kommen, das tust du sowieso nicht mehr." Und ich denke, das war eigentlich, war auch das Richtige, dass man alles andere hat weggesetzt an zu Hause, oder an was anderes gedacht hat, wie nur: „Du mußt überleben, du mußt sehen, dass du hier bleibst und fit und gesund bleibst, anders nichts, denn so schön war das für die ersten 1, 2 Monate nicht. Beim Ami nicht, genau wie beim Engländer nicht. Da war schon viel Frust auch für mich und für die anderen, aber den Vorteil, oder dass wir das mitgekriegt hatten, dass man für uns sorgte, also sprich, du hast zu Trinken und zu Essen gehabt, du hast zu Schlafen gehabt, du konntest dich bewegen, ohne dass man dich schlug oder irgendetwas machte. Sondern einfach, du konntest einfach nur leben. Du wurdest morgens und abends gezählt, ob sie alle noch da waren, aber damit war es auch am Ende. Du wurdest abends in diese Hallen eingeschlossen und morgens wieder aufgeschlossen, du kriegtest dein Essen, du kriegtest dein Trinken, also es war so, dass man nicht zu viel hatte, aber man wurde irgendwo, konnte man davon leben.
Interviewer: Wie viele waren in dem Lager?
Willi Schulz: In diesem Lager waren natürlich unheimlich viele.
Interviewer: Moment bitte, Augenblick, wenn ich was sage, immer eine kleine Pause machen, damit ich schneiden kann...
Willi Schulz: Ah so.
Interviewer: Noch mal lieber jetzt.
Willi Schulz: So, in dem Lager waren wir so ca. 15.000 Leute, und dieses Lager war in verschiedene Lager aufgeteilt, und ich denke mal, das war eine Organisationsfrage von Seiten der Engländer her auch. Aber es war so, dass wir, wir hatten Wasser zum Waschen, wir hatten zu Essen und zu Trinken, und das war eigentlich das. Mehr brauchten wir eigentlich fürs Leben nicht. Und wir mußten sehen, dass wir gesund blieben dabei. Ja, damit wir eventuell nachher mal: „Ja, vielleicht kommen wir raus, und wenn nicht, wo kommst du unter, oder was mußt du nachher, was mußt du aushalten?" Also, insofern war der Gedanke einfach, du mußt überleben, das war das Wichtigste. Ich habe gelernt im Anfang der Gefangenschaft, also im Gefangennehmen, im Wegtransportieren, im Unterbringen in Zelten. Immer war man mit vielen Menschen zusammen, und alle hatten das Gleiche, einmal nur zu überleben, und überleben kann man immer grundsätzlich auch nur, wenn man in einer Gemeinschaft drin lebt. Einzelkämpfer gibt es ganz wenige. Und deshalb war das für mich wichtig. Ich bin auch eigentlich so erzogen worden, dass man in einer Gemeinschaft lebt. Bin dann in der Gefangenschaftszeit, bin ich ein, ja, ungefähr ein Jahr lang, ja, drei viertel Jahr in diesem großen Lager gewesen in der Nähe von London und bin dann weggebracht worden in ein anderes Lager, das ca. 1000 Leute nur hatte. Mit diesem Hintergrund, und das war genau an dem Tag, wo der Krieg beendet wurde, am 8. Mai `45, wurden wir mit 150 Mann aus dem Hauptlager, aus dem großen Lager, in ein kleineres gebracht, was auch wieder etwas hatte, dass wir in Eisenbahnwagons, oder nicht in Eisenbahnwagons, sondern in Eisenbahnzügen, in normalen Eisenbahnzügen gebracht wurden, nicht in offene Wagons, sondern in Züge gebracht wurden, und wir kamen dann, sind wir von London bis in die Nähe von Oxford gefahren worden. Die Leute, die Engländer in Jubelstimmung, und wir im Grunde niedergeschlagen. Dass man gesagt hat: „Krieg ist weg, alles ist verloren, ist alles weg, was kommt?" Ja, das wußte keiner. Und deshalb war diese Angst davor: „Was wird aus uns, muß man immer bleiben, sieht man das zu Hause, kommt man überhaupt noch nach zu Hause?" Und in diesem Lager, wo ich reinkam, da war ich dann ungefähr, ja, 18 ½ Jahre oder fast 19 wurde ich. Auch da, diese Menschen, diese Leute, alle, alle hatten sie irgendetwas Besonderes, oder irgendeiner konnte wieder was anderes wie ich selbst. Ich habe festgestellt, dass ich manches, wo ich gesagt habe: „Da bist du dumm, was bist du dumm, die können das alle. Wieso können die das?" Und genauso, manches, was ich gut konnte, konnten die dann nicht. Also, ich habe gelernt eigentlich aus dieser Gemeinschaft heraus, ja, den Menschen zu achten. Also, ob er jetzt wenig oder viel kann, jeder kann irgendetwas mehr und besser wie der andere. Das ist beim Menschen so. Und ich kam in ein Arbeitslager rein, und dann habe ich erstmal festgestellt, was es bedeutete, arbeiten, einen Beruf zu haben, Maurer zu sein oder Schreiner zu sein, oder einen Koch zu haben oder was es auch, ganz egal, was es ist. Wir hatten eine Musikkapelle, wir hatten, wir bauten uns eine Bühne auf, die wurde zusammengemacht aus Marmeladendosen, wurde diese Bühne ummantelt, und dass sie schön aussah, das Licht wurde angestellt. Die englischen Wachmannschaften, die wurden eingeladen zu unseren Konzerten, die sie machten. Also es war im Grunde, wurde es nachher, wurde es einfach besser. Wir arbeiteten, ich habe z.B. gearbeitet in einer englischen Stadt, wo nur Militär lag, da mußten wir in einem großen Store, mußten wir Uniformen aussortieren. Da waren englische Frauen, waren englische Männer, die auch da arbeiteten. So kam man mit denen in Kontakt, also die kannte man nachher. Es wurde irgendwo, wurde dieses Miteinander, wurde erstmal deutlich. Man nahm uns nicht mehr so direkt als Kriegsgefangene wahr, sondern wir arbeiteten mit diesen Leuten. Das war beeindruckend für mich. Und man wurde auch geachtet, wenn man was getan hat. Also, all dies war ausschlaggebend dafür.
Dann kam natürlich dazu, dass wir 1946 gearbeitet, Anfang `47 kam dann so auf, wo man so sagte: „Na, ich denke, wir denken mal, dass wir, oder wir glauben, dass wir demnächst irgendwo auch mal raus können". Und dann kam `47, kam das dann auch, dass wir offiziell rausgehen konnten abends nach Feierabend, bis um 10.00 Uhr mußten wir wieder da sein. Oder wir hatten samstags frei und konnten samstags nachmittags oder sonntags, konnten wir ausgehen. Wir waren zwar gekennzeichnet mit einer Sonne oder mit einer Aufschrift, aber der Bevölkerung gegenüber, oder die Bevölkerung selbst, die englische, war das überhaupt keine große Umstellung. Und ich fand das irgendwo, dass man rausgehen konnte, dass man zusammen sein konnte, oder mit anderen sich unterhalten konnte, das fand ich schon toll. Und das Tollste war für mich, wir kriegten, da wir arbeiteten ein paar Cent, englisches Geld und konnten uns dafür das damalige Fish and Chips kaufen. Das war schon etwas ganz Besonderes. So, mit dem Herausgehen 1947, dass wir ausgehen konnten, war dann schon vorauszusehen, dass die Entlassung praktisch vonstatten geht. Ein Teil war schon entlassen aus dem Grunde, weil sie Facharbeiter suchten, und die wurden dann vorher entlassen. Entlassen meistens auch in die englische Zone oder britische Zone. Und wir waren eingeteilt in bestimmten Gruppen, also nach Monaten, wann wir gefangen worden sind, und ich war Gruppe 23. Und es war abzusehen, wann das losging. Und dieses ging vonstatten im März 1948, da kriegte ich Bescheid, dass ich entlassen wurde. Und dann wurden wir zusammen- gezogen in der Nähe von Manchester, in Lager dann zusammengestellt zu einem Transport über Harwich nach England nach Hook von Holland. Hook von Holland in Zügen rein zum Munsterlager. Und das Munsterlager war die Stelle, wo wir eine Nacht übernachtet haben, und da habe ich festgestellt, wie wir da hinkamen, dass nicht nur wir, sondern auch die andere Seite, russische Gefangenschaft, oder die in der russischen Gefangenschaft entlassen wurden.
Zu der Zeit waren das natürlich Männer, die nicht gut drauf waren, also die krank waren und sehr mitgenommen waren, rüberkamen, und ich muß sagen, ich habe mich fast geschämt, dass ich, wie ich diese Leute gesehen habe, und wie ich ausgesehen habe: Fit, ernährt, gut, und ich muß sagen, es war für mich ein erschütterndes Bild. Und ich habe selbst das Essen, was wir gekriegt haben, ich selbst habe überhaupt keinen Bissen mehr gegessen, sondern ich habe mein ganzes Essen, was ich hatte, habe ich denen gegeben. Und ich konnte, ich hätte auch gar nicht essen können aus, ja, aus dieser, wie sagt man, ich war so was von niedergeschlagen und irgendwo glücklich, dass ich so dabei weggekommen war. Bin dann anderen Tag nach Münster in Westfalen hier entlassen worden, wir sind mit dem Zug rübergebracht worden und eine Nacht in Münster, dann übernachtet, bis unsere Entlassungspapiere hier für Nordrhein-Westfalen fertig waren und bin dann anderen Tag mit dem Zug nach Hause gefahren. Und meine Mutter, die stand und wartete schon. Und die hatte den ganzen Tag, ist zu jedem Zug, der an dem Tag kam, weil sie das wußte, ist sie hingegangen, ob er von Münster kam und die Lüner. Ich bin ein Lüner. Und diese Station, die ist einmal unten von Coesfeld aus der Zug, und einmal ist er von Münster aus. Also, einmal liegt er hoch der Bahnsteig, einmal liegt der niedrig. Und ich kam auf niedrigen Bahnsteig an. Da hatte man noch diese Plattform auf diesen alten Zügen. Die Züge total voll, also das war für mich, der in dieses Leben hereingesetzt wurde, war das für mich gewaltig. Ich kannte das vorher gar nicht so. Und wie ich auf die Plattform und ausstieg, der erste Blick war dann zu meiner Mutter, als wäre ich hypnotisiert. Und ich muß sagen, wie ich oben kam, und ich legte meinen, ja, nur einen Seesack, den legte ich hinten auf das Fahrrad, da war die Welt wieder für mich in Ordnung.
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