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Interviewter: Günter Kluge
Geb. 28.06.1935
Mit zehn Jahren aus Königsberg/Ostpreußen mit den Geschwistern und der Mutter geflüchtet.
Interviewer: Franjo Hülck
Günter Kluge: Am 28.6.1935 wurde ich, Günther Kluge, in Königsberg, Ostpreußen geboren. Wir sind dort ganz gut aufgewachsen, bis auf die Bombenangriffe, die fast täglich, sogar mehrmals täglich waren. Bis zum Ende.......vierundvierzig oder Anfang fünfundvierzig, Königsberg zerbombt wurde. Wurde praktisch in Schutt und Asche geschossen, gebombt. Da sind über hunderttausend Tote gewesen, die Zahl genau weiß ich nicht. Aber Königsberg war flach. Und da doch schon der Russe ziemlich nahe kam, lag es für uns auch nahe dort zu verschwinden.
Und das Pech wollte es, dass mein Vater noch kurz vor Kriegsschluss in Gefangenschaft geraten ist. Er wurde freigestellt, da er an der Bahn war, wurde aber nachher von Russen gefangen, musste für die Russen die Demontagezüge von Deutschland nach Russland fahren, bis dahin, wo sich die Spur veränderten. In Russland ist die Bahnspur breiter als in Deutschland und da, bis dahin sind sie dann gefahren. Und so konnte er uns, auch während seiner Gefangenschaft, ab und zu besuchen. Und da haben sich meine Eltern irgendwie geeinigt, dass wir da dort doch verschwinden wollen, dass..
Interviewer: Wo war das damals ?
Günter Kluge: Das war in Königsberg. Da das doch ziemlich gefährlich wurde, der Russe kam schon ziemlich nah, man hörte schon die Front krachen. Und ja, dann sind wir, meine Mutter mit uns Kindern, wir waren 8 Geschwister, sind wir aus Königsberg abgezogen. Anfangs ging es noch gut, da konnten wir noch ein Stück mit Bahn fahren, dann ging es aber schon durch Tieffliegerangriffe und Bombardierungen, mussten wir die Züge wieder verlassen. Zu Fuß weiter, dann ging das so, bis wir dann durch viele und lange Fußmärsche und auch
zwischendurch mal mit Bahnfahrten, Güterbahnen, in den Güterwagons sind wir gewesen, mitgefahren, sind wir dann gelandet im Erzgebirge. In Freiberg.... Moment, in Dresden waren wir erst. Dresden, Dresden war auch so ein Bombenangriff, da sind wir in Dresden gewesen. Von dort aus sind wir dann nach Freiberg, und von Freiberg aus wurden wir von so einem Flüchtlingsauffanglager oder was das war, wurden wir dann nach Seida geschickt. Das ist auch im Erzgebirge, und dann von Seida aus kriegten wir eine Wohnung zugewiesen, zwischen Seida und einem Dorf, das hieß Pilsdorf. Da war eine alte Gaststätte, ehemalige Gaststätte, da wohnten schon zwei Flüchtlingsfamilien drin, da wurden wir dann auch eingewiesen. Ja, und dann ging das Leben da los, mein Vater war beim Russen gefangen. Essen gab´s wenig. Lebensmittelkarten gab´s, da konnte man einmal die Woche einkaufen, da konnte man sich einmal satt essen, da war für die Woche die Lebensmittelkarten weg. Ab und zu gab´s dann mal so was von der Freibank, konnte man sich das da holen. Ja, und das andere wurde dann, wurde man zum Klauen angeleitet. Kartoffeln klauen auf dem Feld, Ähren schneiden, Bäcker Brot aus dem Regal klauen und wie die, meine Geschwister, ich bin das Zweitälteste, die anderen sechs, die waren noch jünger als ich. Der Kleinste, der konnte gerade laufen, die konnten sich selber nicht helfen, die mussten, die freuten sich schon, wenn wir dann mal nach Hause kamen und geklautes Brot im Rucksack hatten. Ja, und das Leben, das war dann nicht so angenehm. Und dann haben sich meine Eltern entschlossen, dass sie rüber wollten, hier nach Westdeutschland.
Interviewer: Wann war das so ungefähr?
Günter Kluge: Das war, als wir rüber sind nach Westdeutschland, das war am 1. zum 2. Mai die Nacht 1949. Sind wir in Hessen im Harz über die Grenze. Aber mit Umständen, das ging nicht anders, so wie wir uns das vorstellten, und da sind wir da weg, so plötzlich, das kam dadurch, das mein Vater in Polen als Kriegsgefangener stiften gegangen ist. Und da kriegte die Volkspolizei, die kriegte Bescheid, dass sie uns festhalten sollten, dass sich unser Vater wieder meldet da, dass er zurückkommt... und da hat uns aber, Gott sei dank, ein Volkspolizist, der hat dann uns Bescheid gesagt, das wir bei Nacht und Nebel verschwinden sollten, da wir sonst festgehalten werden. Ja, so haben wir dann unser bisschen, was wir so als Kinder so mitkriegen konnten, gepackt und sind dann nicht von dem Bahnhof, der uns am nächsten war, abgefahren. Das sagte uns auch der Volkspolizist, es könnte sein, das der Bahnhof schon überwacht wird, von der Volkspolizei. Wir sollten vom anderen Bahnhof abfahren. Ja, und da sind wir dann zum Bahnhof nach Pilsdorf hieß die Ortschaft, war vielleicht so zwischen zehn, zwölf Kilometer von uns weg, wo wir gewohnt haben. Ja, und damals hat man auch soviel nicht anzuziehen, nun war es Ende April, Anfang Mai und da lag auch noch Schnee. Ja, so sind wir Kinder dann zum Teil barfuss, Mantel an, lange Hose an, die meine Mutter selbst genäht hatte aus so alten Planen vom Militär, diese Tarnplanen,... da hat sie draus genäht für uns. Ja, und dann haben wir uns auf den Weg gemacht. Sind wir dann von Pilsdorf abgefahren bis nach , Hessen hat jetzt Zoll, im Harz sind wir über die Grenze. Da sind wir dann mit dem Zug bis so fünfzehn, zwanzig Kilometer vor der Grenze gefahren, da wir auch mit rechnen mussten, dass da schon irgendwie was aufgepasst wird, dass die Grenzgänger da abgefangen werden, und da haben wir uns dann zu Fuß auf den Weg gemacht. Ja, eins muss ich noch sagen, meine Mutter, die hing an so einer alten „Singer" Nähmaschine, da haben wir dann das Oberteil, wir Kinder, mitgeschleppt, mit Hängen und Würgen. Das haben wir auch dann vom Erzgebirge aus mit rübergenommen, hier nach Westdeutschland, und mit einem Strick durch den Grenzgraben gezogen. Ja, das war dann ziemlich kriminell, das über die Grenze kommen. Wir kamen erst da abends um zweiundzwanzig, dreiundzwanzig Uhr, kamen wir in Nähe der Wachtürme, da war das aber so mondhell, wir konnten nicht weitergehen, man konnte zu weit und zu gut sehen. Da haben wir uns dann in die Felder gelegt und haben gewartet, dass der Mond etwas verschwand und sind dann aus dem Grund, weil der 1. Mai bei den Russen ein großer Feiertag ist, erst zum 2. Mai die Nacht, über die Grenze geschlichen. Und ziemlich dicht an diesem Wachturm vorbei, ging an und für sich gut. Wir kamen auch gut, sehr gut über die Grenze, der Grenzgraben war nicht allzu tief, der ging uns Kindern gut bis über die Knie, war nicht zuviel Wasser drin. Ja, sind dann in Westdeutschland gelandet, wo wir dann sehr, sehr, sehr höflich empfangen wurden von den Westdeutschen. Da wollten wir Kinder, Kleinsten anderthalb Jahre alt, in so einem alten Schuppen, in dem Ölfässer rumlagen und Putzlappen rumlagen, wollten wir uns so ein paar Stündchen ausruhen. Da jagten uns die Westdeutschen, die jagten uns da raus, da durften wir nicht rein, mussten wir im Straßengraben liegen. Und unser Vater, der wollte uns über die Grenze holen, der hatte sich mit meiner Mutter in Verbindung gesetzt. Den erwischten aber die Russen. Der hat sich zu sehr der Grenze genähert, der wurde dann von Russen festgehalten drei Tage. So saßen wir drei Tage da, ohne Essen, ohne Trinken, ohne was, von den Westdeutschen kriegte man nichts. Die haben uns behandelt, als wenn wir letztes Vieh wären, auf deutsch gesagt. Ja, und ich hatte mir als Kind da von meiner Großmutter, die hatte irgendwo her fünf Westmark, die hatte ich mir ergattert. Ja, und da haben wir uns dann ein paar Brötchen geholt, und ich habe für das letzte Geld da irgendwie das erste Stückchen Seife gekauft. Da war ich der glücklichste Mensch, das Essen war vielleicht noch nicht mal so wichtig wie das Stück Seife. Ja, und da sind wir da, dann ist doch mein Vater nach dreieinhalbe Tage, ist er vom Russen entlassen worden, da haben sie ihn laufen lassen. Der musste da in der Küche drei Tage Heringe sauber machen und Essen kochen und so einen Krempel für die Russen da. Ja, und dann haben wir uns doch da, wo wir uns verabredet haben, haben wir uns dann getroffen. Ja, und dann ging das weiter, von da aus sind wir dann erst nach Siegen, da war ein großes Flüchtlingsauffanglager, da sind wir erst hin. Und mein Vater, der hat sich um Arbeit bemüht, der hat sich erkundigt, wie das ist und da wurde ihm gesagt, dass er als Eisenbahner wieder hier in Westdeutschland, auch von der Bahn wieder, angestellt wird. Er wusste aber nur nicht genau wie und wo. Und er hat sich dann von uns getrennt, um eine Möglichkeit zu suchen, dass wir irgendwo wieder festen Sitz bekommen, wo er jetzt landet bei der Bahn. Ja, wir sind dann da im Lager geblieben. In Siegen im Auffanglager, acht oder neun Wochen haben wir da dann gelebt. Da wurden wir geschickt nach Stukenbrock bei Paderborn, da war da ein richtiges Flüchtlingsauffanglager, und da sind wir dann auch längere Zeit geblieben, auch die Umstände da waren auch nicht, ach, für uns Kinder war es interessant, aber wenn man das heute überlegt, das war nicht das Schönste.
Interviewer: Ruhig mal erzählen, warum nicht ?
Günter Kluge: Es waren die Räumlichkeiten. Wir waren acht Kinder, hatten aber nur anderthalb Räume. Einen Raum zum Schlafen, dann so eine kleine Nische da, wo man sich ein bisschen waschen und ein bisschen kochen konnte. Es war nicht das Wahre. Auch das Flüchtlingslager in Siegen da, dieses Auffanglager, ja, das war auch nicht das Wahre, das war alles ein Leben, das war ...man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, dass man überhaupt das Zeug alles so schadlos überlebt hat. Ja, dann waren wir in Stukenbrock in dem Lager. Essen, ja, das war alles so null-acht-fünfzehn mit mittags einen Teller Suppe da und dann abends da drei Pellkartoffeln. Ja, Westgeld hatten wir nicht, gekriegt haben wir auch von niemandem was. Behörden anlaufen da ging.....Papiere, das dauerte ein halbes Jahr, ehe so ein Papier bearbeitet war. Da war alles noch nicht so, das lief alles noch nicht so. Kann man sich auch vorstellen, so kurz nach dem Zusammenbruch. Ja, da haben wir dann gehaust in dem Lager, bis wir eines Tages Bescheid bekamen, das wir aus dem Lager raus können. Und kommen nach Borghorst, zu einem Bauern, der hieß Schulze - Düding.
Ja, Schulze - Düding, ja, da haben wir dann auch gelebt in so einem, unter uns war ein Schweinestall, oben war so ein Speicher, da haben dann wir Kinder und meine Mutter drauf gelebt. Mein Vater, der war in Münster an der Bahn, und da hat ihn die Bahn auch wieder eingestellt. Bei dem Bauern haben wir auch ein paar Jahre gehaust bis einundfünfzig. Ja, bis einundfünfzig, nee einundfünfzig haben wir angefangen zu bauen. Moment, da habe ich mich vertan. Es war doch länger in Borghorst. Mein Vater, der hat dann durch jemanden, der an der Bahn war, den Hiltruper Bürgermeister kennen gelernt. So hat er Beziehungen aufgebaut, so sind wir dann nach Hiltrup gekommen. Der Bürgermeister hat dafür gesorgt, dass er da bauen konnte. Und dann hat es uns einundfünfzig oder zweiundfünfzig nach Hiltrup verschlagen.
Ja, und da haben wir dann gelebt in Hiltrup, dann bin ich zu Hause weggegangen, weil es da auch zu eng war. Ja, habe dann eine Maurerlehre abgeschlossen. Hab dann später auch geheiratet, heute habe ich Frau und Kinder, heute bin ich Großvater, lebe herrlich und in Freuden Heutzutage. Was wollen sie noch wissen?
Interviewer: Kommen wir noch mal so zurück auf Ostpreußen, auf Königsberg, die Flucht, dass Sie so ein bisschen noch mal über die Flucht von Königsberg erzählen, mit den Panzern und mit dem über das Eis und mit dem Schnee und der Kälte.
Günter Kluge: Ja, das mit dem Eis, dass haben wir gar nicht mehr so hundertprozentig mitgekriegt. Wir haben wohl mitgekriegt, dass das Eis da war, dass da auch Flüchtlinge mit Pferdeschlitten, die auf Flucht waren da im Kurischen Haff/ Kurischen Nehrung abgesoffen sind, ersoffen sind. Wir haben dann gewartet, bis es bald nicht mehr ging. Und wir wollten dann, meine Mutter, die hatte sich mit dem Gedanken getragen, dass die mit der Wilhelm - Gustloff, dass wir damit weg wollten. Und das hat nicht geklappt, aus welchem Grund, weiß ich nicht, meine Mutter, die hat sich da köstlich drüber aufgeregt, und heute sind wir froh drüber, weil die Wilhelm - Gustloff nicht weit gekommen ist, da ist sie torpediert worden und ist abgesoffen. Ja, und die ganzen Flüchtlinge, die da drauf waren, die sind dann alle ertrunken. Wir sind dann etwas später abgehauen da, das Datum weiß ich nicht mehr so genau. Meine, es ist ja auch schon eine Ecke über fünfzig Jahre her.
Interviewer: Genau! War das noch vor fünfundvierzig oder nach fünfundvierzig?
Günter Kluge: Das war noch vor dem Russeneinmarsch. Der Russe war noch nicht in Königsberg drin. Der war aber um Königsberg rum. Aber es war, wollen wir mal sagen, wenn wir hier gewohnt haben, da wo jetzt die Eissporthalle ist, so in dem Bereich war schon die Front. Wir konnten, wenn man auf das Dach ging, konnten wir die Front sehen. Das Datum habe ich nicht so genau im Kopf.
Auf alle Fälle sind wir dann in Königsberg weg. Das war auch so eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Russische Front kam immer näher, selbst deutsche Soldaten, was man ihnen heute nicht verübeln kann, waren auf der Flucht. Nichts zu Essen, nichts zu Trinken, zerlumpt.
Interviewer: Alles zu Fuß?
Günter Kluge: Alles zu Fuß, ja, von den deutschen Soldaten waren sehr viele zu Fuß unterwegs, barfuss. Bitte?
Interviewer: Sie auch?
Günter Kluge: Wir sind dann erst mit einem Güterzug ein Stück, aber wie weit, das weiß ich nicht mehr. Da kann ich mich nicht mehr dran erinnern, wo da jetzt Schluss war. Und dann mussten wir auch zu Fuß weiter. Ja, von Ortschaft zu Ortschaft so, mit so einem Flüchtlingstreck. Jetzt viel tragen, viele Sachen mitnehmen, konnten wir nicht, und wenn wir die kleinen Geschwister tragen mussten. Mein ältester Bruder, der anderthalb Jahre älter war als ich, der hatte einen auf dem Nacken, ich hatte einen auf dem Nacken, die anderen konnten schon ein bisschen laufen. Ja, und dann, war ja das mit der Bomberei. Ja, und dann zum Schluss, hat uns doch noch die Front erwischt. Also die Russen erwischt, als wir von Königsberg weg sind. Da waren wir doch sicher zu langsam. Ja, aber das ging dann, die haben wohl grausam gehaust, kann man sagen heute. Die sind da einfach mit den Panzern da quer durch die Trecks gefahren, die haben da nichts, ob da was im Weg war oder nicht, dass interessierte die gar nicht.
Essen gab es nicht, Trinken gab es nicht. Das erste Mal kriegten wir dann irgendwo auf einem Bauernhof mal jeder einen Schluck Kaffee von Leuten, die waren vom Deutschen Roten Kreuz, die waren da auch irgendwie. Kriegten wir dann mal was zu Trinken, aber alles andere, das musste man sich erbetteln oder erklauen oder sonst was. Es gab wirklich nichts. Ja, und so haben wir uns dann durchgeschlagen, teils zu Fuß, teils, sind wir auch ein Stück mit einem Militärwagen mitgefahren, das war aber nachher schon näher zum Erzgebirge hin. Da hat uns mal so ein Militärwagen so ein Stück mitgenommen. Da waren auch Soldaten drauf, die nahmen uns dann mit, aber die fuhren dann wieder, die mussten dann wieder woanders hin. Da mussten wir wieder runter, da mussten wir weiter, und so haben wir uns dann durchgeschlagen bis ins Erzgebirge. Genaues Ziel hatten wir nicht, aber ich weiß auch gar nicht, wie meine Eltern ausgerechnet auf das Erzgebirge gekommen sind, das weiß ich gar nicht. Auf alle Fälle sind wir in Dresden, das war dann wieder der nächste bekannte Bahnhof, in dem wir gelandet sind, aber da war der Krieg schon so ziemlich zu Ende, da haben sie Dresden auch so bombardiert. Ja, wie gesagt, von Dresden aus, sind wir dann weiter nach Freiberg, da sind wir auch ein ganzes Stück zu Fuß gelaufen, da wussten wir auch nicht mehr, wir hatten ja auch kein Geld und nichts. Da sind wir dann auch ein Stück zu Fuß gelaufen da bis nach Freiberg.....und wie gesagt, in Freiberg, da wurde das aufgeteilt, da kamen wir dann nach Seida hin. Da waren doch auch die ganzen Verhältnisse da katastrophal. Erst einmal zur Schule im Erzgebirge, da war dann so eine Schule in Ullerdorf, das waren, glaube ich, drei Kilometer bis nach Pilsdorf runter, da mussten wir zur Schule, das waren acht Kilometer Schulweg und dann zu Fuß im Winter. Wer das Erzgebirge kannte, der weiß, was da mit dem Schnee los ist, so anderthalb, zwei Meter Schnee, das war da keine Seltenheit. Ja, nichts zu Essen, nichts zu Trinken. Die Russen da, die haben da gehaust, dass kann man sich auch nicht vorstellen. Die Frauen da, die wurden vergewaltigt, wir haben daneben gestanden, als Kinder von zehn Jahren. Haben Beifall geklatscht, wussten gar nicht, worum es sich handelt. Die Russen, die kamen nur an: „Wo ist Magda, wo ist Magda?" Ja, man kann es sich, man sollte nicht dran denken, ist das Beste. Ja, und wir haben uns dann eben so durchgeschlagen beim Russen. Haben aufgepasst. Was auch interessant war, war, wenn die Russen irgendwo vom Bauern ein Schwein geklaut haben oder geholt haben und geschlachtete haben. Denn die Russen, die haben das nur erschossen und aufgeschlitzt, alles was drin war weggeschmissen, Beine abgehackt und den Kopf abgeschnitten. Das haben sie alles liegen lassen, die nahmen nur den Rumpf mit, und auf der einen Seite saß der Bauer und guckte schon, dass er den Rest kriegte und andere Seite lagen wir, so fünf, sechs Schulkinder und passten schon auf, wenn dann die Russen weg waren. Wir schnell hin und schnell die Reste da weggeklaut. So musste man sehen, dass man da was zu Essen hatte. Sind auch sehr viele Leute verhungert, viele, viele, viele sind verhungert, krank geworden, viele auch durch die Hungerei. Ja, das war manchmal schon ....Ja, ich sage, viele sind drauf gegangen, aber wir haben es, Gott sei dank, alle überlebt, die ganze Familie.
Interviewer: Hat die Familie denn später an dieser Erinnerung in den Jahren, in den Fünfziger Jahren, irgendwie darunter gelitten oder .......?
Günter Kluge: Wir waren noch gar nicht so weit, als Kinder damals, dass wir das .....in Wirklichkeit haben wir das erst nachher begriffen. Als Kind da, als wir da auf der Flucht waren so, wir haben das noch gar nicht so realisiert, was da alles so geschehen ist. Nein, ich war noch keine zehn Jahre alt. Und da war man auch zu beschäftigt mit meinen Geschwistern. Meine Mutter ist gehbehindert, die hatte hier einen Granatsplitter mal durchgekriegt, die hat das Gelenk kaputt. Ja, da haben die Russen, die haben sich da benommen, dass war katastrophal. Wenn wir da nicht geklaut hätten, und nicht Gott weiß was gemacht hätten, wir hätten es mit Sicherheit nicht überlebt. Und wir wohnten nun etwas außerhalb, da in dieser Gaststätte da, das war außerhalb, da ging das noch. Leid haben mir immer die Leute getan, vor allen Dingen so Kinder, die in den Städten wohnten, die hatten gar nichts. Wir konnten noch ab und zu mal beim Bauern eine Kartoffel klauen und, oder da ein bisschen was erbetteln, aber viele Städter konnten das nicht, die sind dann verhungert. Das ist das Einzige, was, wenn ich so im Nachhinein da so überlege, die Leute, die tun mir heute auch noch leid, die da verhungert sind.
Und dann, was ich auch nicht begriffen habe als Kind, dass war die Frechheit der Bauern da. Die haben für einen Zentner Kartoffeln, haben sie den Leuten ein komplettes Wohnzimmer abgenommen. Die Städter, die mussten ja alles hergeben, was sie hatten, nur damit sie was zu Essen hatten. Das fand ich auch immer link von den Bauern. So, was wäre noch?
Ja, dass die Russen Frauen viel vergewaltigt haben. Uns Kinder haben sie einigermaßen noch gut behandelt, kann man ruhig sagen. Aber Sachen hat es da gegeben, die darf man gar nicht erzählen. Da hatten Russen ein Fahrrad, das schoben sie bergauf und fuhren immer runter, und da haben sie das Ventil verloren. Statt dass sie Luft aufgepumpt haben, haben sie das Ventil so nach innen gebogen, wo die Schlitze drin sind, wo das Ventil rein kommt. Haben sie vielleicht gedacht, das deshalb die Luft drin bleibt, und dann haben sie es über den Zaun geschmissen, und ich hab es mir geholt. Alte Schläuche da, neue Ventile reingebaut, da hatte ich ein Fahrrad. Ob die zu dusselig dazu waren, oder was? Ich weiß es nicht. Dann gab es auch keine Schnürsenkel, auch noch so ein Ding mit Russen. Die kriegten nichts, zu kaufen gab es gar nichts. Wenn die Geschäfte offen waren, einmal waren Lebensmittelgeschäfte offen, und dann war Schluss die ganze Woche. Und jetzt brauchten wir immer Schnürsenkel. Das war bei uns immer so ein Theater. Und da sah ich beim Russen auf dem Wagen so ein Bund Schnürsenkel. Und ich gleich so als Koten, habe dem das ganze Bund geklaut vom Wagen, und habe das zu uns nach Hause gebracht, und da kommt eine Zeit später ein Russe. Das war im Erzgebirge in dieser alten Kneipe, wo wir da gewohnt haben, da war das mit den Schnürsenkeln. Da kommt ein Russe rein zu uns und schnauzt dann meine Mutter an, ob ich die Schnürsenkel hätte. „Schnürsenkel, zapzarap!", war er da am Schreien, und meine Mutter, die kriegte schon Angst und wollte ihm das Bund Schnürsenkel wiedergeben. Was machte der, der stand nur da: „Kommandant kommen keine Schnurisenkel, alle Schnurisenkel weg", der nahm das Paket Schnürsenkel, zog so fünf, sechs raus und gab das ganze Paket Schnürsenkel unserer Mutter wieder und haute damit ab. Das werde ich auch nicht vergessen: „Schnurisenkel". Ja, und denn wir beim Russen, ich meine, ich hatte als Kind mehr Waffen als die Russen. Den ganzen Schuppen voll geklaut, die ganze Dachkammer voll, alles von den Russen geklaut. Motorräder haben wir den Russen geklaut, wir konnten allerdings nicht fahren, nur bergrunter, wir wohnten oben auf dem Berg.
Sind die Hauptstraße runtergefahren. Da ging es links von der Hauptstraße ab zu so einem Teich hin. Bis dahin konnten wir da fahren, dann war bergab zu Ende, mussten wir es stehen lassen, und wir waren an dem Teich und da kommt ein russischer Panzer an. Und wir waren drei Jungs, mein ältester Bruder, ein Schulkollege von uns und meine Wenigkeit. Wir waren da an dem Teich, und da kommt ein russischer Panzer an, auch zu dem Teich hingefahren. Und da kommen so Russenjungen runter, waren fast ein, zwei, drei Jahre älter als wir, und die wollten uns verjacken und wir sind weggelaufen. Und mein ältester Bruder, der ist zu so einem Bauern in so eine Toreinfahrt gelaufen, hat sich hinter einen Pfeiler gestellt, als der Russenjunge kam. Dann hat er den ein Füßchen gestellt. Da ist der volle, mit der vollen Montur da, auf das Pflaster hin, in den Schotter da reingeknallt. Und zwei, die kamen hinter uns her. Wir liefen mit zwei Mann in den Wald rein, und wir sind dann gelaufen, bis da Holzhaufen lagen, da hatten sie Holzhaufen geschlagen. Da waren dann so Knüppel bei, so ungefähr einen Meter lang. Da haben wir uns dann so einen Knüppel genommen und haben auf die Russenjungs eingedroschen. Und dann haben die Russen in die Luft geschossen, dass wir da aufhören sollten, und da haben wir die Russenjungs dann laufen lassen, sind dann abgehauen. Tja, es gab schon Sachen.
Interviewer: Wie war das denn mit dem, sie sagten vorhin, dass sie von diesen fünf Mark, was zu Essen gekauft haben und Seife...?
Günter Kluge: Stückchen Kern...., so gelbe Seife, so ein Stück.
Interviewer: Ja, warum diese Sehnsucht nach der Seife ?
Günter Kluge: Weil wir nie welche hatten. Man konnte sich nicht waschen. Es war irgendwie unangenehm. Denn dann tagelang auf der Flucht, richtig waschen konnte man sich nicht, es war ja nichts. Es war, es war ja nicht mal überall Wasser in den Bahnhöfen. Und, ja, durch den Grenzgraben durch, das ganze Geschlacks. Das Wasser war auch nicht das Sauberste, und da haben wir uns auch schon etliche Tage nicht gewaschen. Da haben wir doch als erstes doch so richtig mal ein Stückchen Seife gekauft und haben da an so einem alten Tümpel dann erst einmal bisschen das Gesicht abgeseift und die Hände und die Arme mal ein bisschen gewaschen. Meine Geschwister, die waren da genauso froh drüber, das wir erst mal ein Stückchen Seife hatten. Wir hatten wohl ein paar Brötchen gekauft, aber die Seife war uns in dem Moment genauso wichtig wie die Brötchen. Das war aber eine Katastrophe, war das. Denn gab es auch nicht überall irgendwie Gelegenheiten, so wie heute, da kann man sich an jedem Bahnhof waschen, das gab es da nicht.
Interviewer: Und auf der Flucht, von Königsberg. Ja, ins Erzgebirge. Man wusste ja auch wahrscheinlich gar nicht genau, wo man war, und wusste man denn überhaupt, wo die Front war, oder hörte man irgendwas, nur Geräusche oder....?
Günter Kluge: Nein, wir wussten nur nachher.....Die Russen hatten uns schon einmal auf der Flucht ungefähr eingeholt. Ich sagte schon, und dann sind wir mitgenommen worden mit einem Militärwagen, der hat uns dann mitgenommen. Ein Stück, aber das war auch nicht die längste Zeit, die wir da drauf waren. Der musste dann woanders hin, wir wollten weiter geradeaus, nur Richtung Westen irgendwie. Und, ja, so sind wir dann durch das Gelände hin. Für uns war das mitunter lustig, auf deutsch gesagt. Na ja, wie das Wetter draußen war, wenn die Sonne mal ein bisschen schien, nicht zu kalt war, war das für uns interessanter. Aber so richtige Angstgefühle, wie gefährlich das war, hat man alles erst später mal registriert, was sich da wirklich abgespielt hat. Das haben wir in dem Moment gar nicht so empfunden. Das kam alles später erst. Überlegen das man da eventuell..., dass die Bomben, die Tiefflieger, dass sie einen getroffen haben konnten. Oder nachher auch im Erzgebirge, als uns der Russe wirklich erwischt hat, dass da die Russen uns irgendwas anhaben konnten. Da hat man in dem Moment gar nicht so daran gedacht. Das Einzige, wo man dran gedacht hat, das war, dass man was zu Essen hatte, das war das Einzige, wo man wirklich dran gedacht hat. Wo man wirklich ab und zu mal geglaubt hat: „Jetzt ist Schluss, jetzt geht nicht mehr, wir haben nichts mehr zu Essen, jetzt ist alle." Aber dann hatte man bei dem Bauern wieder was, dann waren da wieder ein paar Kartoffeln zu klauen. Wie gesagt, es ist tatsächlich vorgekommen, der Bauer hat die Kartoffeln da in die Erde reingelegt, andere Seite haben wir sie schon wieder rausgepult, und der hat sich im Frühjahr gewundert. dass sie nicht aufgingen. Ja, da gab es mitunter wirklich zeitweise überhaupt nichts zu essen. Ja, das gab es da nicht.
Wie gesagt, Lebensmittelgeschäfte, die waren einmal auf, dann nahm man die Lebensmittelkarte, damit man einmal einkauft , dann fuhr man nach Hause Einmal satt gegessen, zweite Mal noch ein bisschen, ja und die andere Zeit, auch nur wenige Bissen.
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