Interviste Germania
  • Prof. Dr Koch
  • G. Kluge
  • Karl-Heinz Schipfmann
  • Hedwig Künneke
  • Frau Menne
  • Hermann Leifker
  • Frau Ohl
  • Hubert Teschlade
  • Gerhard Dingermann
  • Willi Schulz
  • Harald Sander


  • Interviewter: Karl-Heinz Schipfmann

    Geb.12.10.1926

    1944 als 17jähriger kurze militärische Ausbildung / 1945 an die Ostfront.

    Interviewer: Franjo Hülck

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja, mein Name ist Karl Heinz Schipfmann. Ich bin damit einverstanden, dass diese Aufnahmen veröffentlicht werden. Mein Name ist Karl Heinz Schipfmann, ich bin geboren am 12.10.´26 in Cuxhaven. Meine Eltern sind im Laufe der Jahre nach Ostpreußen, nach Elbingen verzogen, dort bin ich dann erst zur Grundschule gekommen. Während dieser Zeit kamen schon die Pimpfe (Bezeichnung für kleine Jungen), das ist ja diese Organisation, also wo wir Spiele machten und all so etwas, und dann bin ich

    zur Mittelschule gegangen, HJ (Hitlerjugend)und tja.

    Interviewer: Was passierte so bei der HJ?

    Karl-Heinz Schipfmann: Bei der HJ (Hitlerjugend), da bin ich dann zur Feldscherschar gekommen, da sind wir 20 Mann gewesen. Wurden als Sani ausgebildet und wurden dann hier bei Veranstaltungen der HJ, oder SA, oder was da sonst war, als Sanitäter im Hintergrund gewesen. Wenn irgendetwas passierte haben wir erste Hilfe geleistet und so. Ich bin dann Anfang der vierziger Jahre in eine kaufmännische Lehre gekommen, die ich im August ´43 beendet habe als, oder habe dort ich meine Prüfung abgelegt und wurde dann Ende August schon zum Arbeitsdienst eingezogen bis Ende November.

    Interviewer: Wie alt waren Sie da?

    Karl-Heinz Schipfmann: Da war ich 17, mit 17 Jahren. Wurde dann neunzehn und zwei nein, Himmel Gott nochmal.

    Interviewer: Macht nichts!

    Karl-Heinz Schipfmann: Wurde ich im Februar 1944 dann zur Wehrmacht eingezogen und kam nach Prenzlau, habe dort die Rekrutenzeit verbracht, vier Monate. Kam dann nach Stettin zu einem Reserveoffizierslehrgang, der dann bis Ende 1944 dauerte. Dort habe ich auch noch eine Prüfung abgelegt und kam dann im Januar, gleich Anfang Januar 1945, an die Ostfront an die deutsch-polnische Grenze. Von am 20 Januar ist dann der Russe bei uns durchgebrochen. Wir konnten uns überhaupt nicht wehren, mußten unsere Geschützte sprengen und sind zu Fuß als Infanteristen, praktisch, haben wir uns zurückgezogen. Wo ich dann am 26. Januar, morgens sieben Uhr schwer verwundet wurde. Kam etwas weiter zurück auf den Hauptverbandsplatz und wurde dann nach Schneidemühl gebracht in ein Notlazarett. Von dort kam ich noch den nächsten Tag in ein Lazarettzug, der nach Kuhrlatt kam, der mit vierzig Personen schon belegt war, und der wurde dort dann praktisch nochmal mit vierzig Personen überbelegt.

    Interviewer: War das nur wagonweise, oder?

    Karl-Heinz Schipfmann: Wagonweise, das immer Wagons.

    Interviewer: Also 40 in einem Wagon?

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja, und da kamen noch einmal 40 dazu, und die schwer Verwundeten, die haben die Betten ganz benutzt, und die anderen (Betten) mussten sich vier Mann teilen. Wir sind dann sieben Tage unterwegs gewesen, von Schneidemühl über Stettin bis nach Mühlhausen in Thüringen.

    Interviewer: Da war das dann ja im Winter?

    Karl-Heinz Schipfmann: Das war im Februar, ja.

    Interviewer: Februar!

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja, und dort wurde ich dann vierzehn Tage später, am 15. Februar wurde ich amputiert.

    Interviewer: Wie alt waren Sie damals?

    Karl-Heinz Schipfmann: Ich war damals 18 Jahre und irgendwie, am Morgen des 26. Januar (1945), wo ich verwundet worden bin, ich bin sonst immer, wenn ich morgens, sofort wenn Alarm war, oder sonst irgendwas war, war ich immer einer der Ersten. Da war ich der Letzte, und ich hatte irgendwas im Gefühl, dass was passiert, und innerhalb von der nächsten halben Stunde war es dann auch so. Da kam der Panzer auf der Straße an, und wir lagen auf einem Bauernhof, seitlich der Straße hatten, in einem Kohlenschuppen ist das gewesen, da hatten wir ein paar Steine rausgehauen, da hatten wir das MG in Stellung gebracht, mein Kumpel und ich, und da sehen wir den, sehen wir, wie der Russe erstmal ankommt im Nebel, auch ausgeschwärmt, die Infanterie und der Panzer rollte vor. Schoß alle Augenblick mal in das Dorf rein, und da sag ich, ich sag: „Da dürfen wir auf die Soldaten, dürfen wir noch nicht schießen, die müssen ganz dicht rankommen." Aber ich gehe eben und melde eben, dass der Panzer kommt, auf dem Dings hatten wir unseren Hauptmann da stehen, und ich gehe raus und da fängt, ich bin gerade draußen, und da fängt der an und schießt mit dem MG, und ich sage, laufe zurück und sage: „Raus", ich sag, weil ich Angst hatte, der Panzer schießt, und so war es auch, und da schreit er: „Ja, mich hat es erwischt, der Fuß ist ab, mein Bein ist ab, mein Bein ist ab." Ich merkte bloß einen Schlag und, und, und, und Staub und Dreck und, ja, und dann sag ich: „Komm", und da merke ich, dass ich im linken Fuß, dass der linke Fuß kaputt war. Ja, und dann bin ich rausgehüpft, und da hat mich einer noch so um den Arm mitgenommen, und da sind wir zurückgegangen, bis wir in eine Kurve kamen, da er mich auf eine Schubkarre gepackt, hat mich weiter zurückgebracht, und da war über Nacht, das haben wir gar nicht gewußt, die Waffen-SS in Stellung gewesen, und da ist auch ein Hauptverbandsplatz gewesen. Da kriegte ich den ersten Notverband, und dann hatte ich das ganze Gesicht voll Kohlensplitter, habe ich heute noch hier welche drin, und hier oben am Dings ein Splitter reingegangen, am Schlüsselbein, der muß ein bißchen größer gewesen sein, ja und dann, und dieser Splitter ist erst, das ist seinerzeit alles aufgenommen worden vom Versorgungsamt, und da ist meine Kriegsbeschädigung ja auch festgestellt. Aber dieser Splitter hier oben, den habe ich erst 1982 anerkennen lassen und nur durch Zufall, weil ich Frischblutspender beim Roten Kreuz war, gehe alle Vierteljahr zum Spenden. Mußte ich alle zwei Jahre zum Gesundheitsamt und zur Röntgenaufnahme, und die kriegten bei meiner Länge nicht mit einem die ganze, den ganzen Brustkorb drauf. Sie mußten das in zwei Aufnahmen machen, so, da haben sie zwei Aufnahmen gemacht, da konnte ich wieder abhauen, und da war das `82, war eine Schwester da, die sagte: „Ja, das müssen wir doch in eins raufkriegen." Ich sage: „Ja, versuchen Sie es doch", und da mußte ich da etwas in Kniebeuge und mich da verrenken und so weiter. „So, da wollen wir mal sehen", und da machte sie die Aufnahme und sagte: „Aber ziehen Sie sich noch nicht an", und da kam sie aber mit dem Bild zurück und sagte: „Ja, Sie haben aber Eisen im Körper." Ich sage: „Ja, hier oben am Schlüsselbein, am Hals hier oben, so einen kleinen." „Nein", sagt sie: „Der sitzt hier, der sitzt in der Lunge, ist aber gut verkapselt", dann habe ich das da auch gemeldet. Wurde auch alles anerkannt, sofort, war kein Problem.

    Interviewer: Also das Bein war so schwer verletzt?

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja, also die Verletzung am Bein, am Fuß, der Granatsplitter, der ist ungefähr so, so 10 cm lang gewesen. Ich habe ihn auch gehabt, aber den habe ich, habe ich nachher in den Wirren, ist er abhanden gekommen. War ungefähr 10 cm lang und, oder breit und 2, 3 cm breit, und der ist mir in den Fuß gehauen, aufs Blatt, im Schuhabsatz stecken geblieben und hat dadurch den ganzen Mittelfuß zermatscht. Und er wurde ja aber nur nachher auf dem Hauptverbandsplatz, so ein Notverband angelegt, in Gips mit einem Fenster drin, damit der Eiter und das ablaufen konnte, und dann kamen, wie gesagt, kamen wir ja dann in den Lazarettzug, und als wir in Mühlhausen ausgeladen wurden, dann kamen wir im Sankrawagen (Sanitätskraftwagen) auch zu einer Schule, und dort war ein fieser Oberstabsarzt, der stand bloß dabei und ließ die Leute arbeiten. Dann kam ich dran, erst wurde ich gebadet unten und was alles, und dann kam ich oben dran. Haben sie mir den Gipsverband aufgeschnitten und der Sani zieht den aus wie einen Stiefel, und kriegte ich natürlich Schmerzen, da habe ich ihn in den Hintern getreten dabei. Und dann kam der Oberstabsarzt, der hatte nicht mal einen Kittel an, der hatte die Uniform noch an, und dann drückte er da und roch an meinem Fuß, und da frage ich ihn, ich sage: „Wie wird das so, kann ich da, wird der Fuß wieder in Ordnung?" „Ja, ja", sagte der, „Der wird wieder in Ordnung, wenn Sie ". Ja, und dann kam langsam das Kriegsende.

    Interviewer: Ja, aber können Sie sich noch daran erinnern, diese Situation in diesem Wagon? Die Fahrt, diese Verletzung, die Menschen, die da zusammen auf dichtem Raum ..?

    Karl-Heinz Schipfmann: Also das, also in dem, in den Wagons, das sind ja D-Zugwagen gewesen, die umgebaut worden sind als Lazarettzüge. Die mit feststehenden Betten, zweifach übereinander, und ja, das Schlimmste, woran ich mich noch entsinnen kann, ist gewesen, ich hatte ja dann einen Notverband, einen Gipsverband um mein Bein, und ich hatte Läuse drin, also dies, das war eine, eine Qual.

    Interviewer: Ja, vielleicht noch, erinnert man sich noch an die Menschen, die anderen Menschen um einen herum, die müssen ja in ihren Schmerzen sich geäußert haben?

    Karl-Heinz Schipfmann: Nein, da.

    Interviewer: Kann man sich noch erinnern, oder weiß man das nicht?

    Karl-Heinz Schipfmann: Nein, nein, also, was da für andere Kameraden im Lazarettzug waren, sind mir nicht mehr im Gedächtnis geblieben, denn wir hatten alle nur Angst vorm Russen rauszukommen, und das haben wir ja gerade noch geschafft, dass wir bis Mühlhausen kamen, und dort wurde ich amputiert und auch so weiter versorgt und hatte auch schon beim Prothesenbauer eine Prothese im Bau und beim Schuster Schuhe. Ich muß nochmal anders erzählen. Eines Nachts im Lazarett hörten wir Motorengeräusche und unentwegt Lastwagen, und diese Motorengeräusche kamen uns bekannt vor, es waren russische Fahrzeuge. Der Amerikaner ist ja bis nach Thüringen reingekommen, und dann hat sich der Amerikaner zurückgezogen, und der Russe hat das übernommen. Nun hatte ich vor, nur die Prothese noch zu bekommen und dann irgendwie in den Westen abzuhauen, also immer nur selber Land, Land gewinnen, oder wie soll man sich da ausdrücken. Ich kam eines Tages vom Prothesenbauer wieder, da standen auf dem Schulhof, das war übrigens die damalige Horst Wessel Schule in Mühlhausen, es standen der Amerikaner mit Sankrawagen, Lastwagen auf dem Hof. Ich rein: „Was ist hier los?" Ja, der Amerikaner hat uns gefangen genommen. Wer jetzt mit will, darf mit, und wer hier bleiben will, kann hier bleiben, also alle, die dort in Thüringen oder dort wohnten, sind dort geblieben mehr oder weniger, und wir anderen sind alle auf die Lastwagen und Sankrawagen und nichts wie weg, und dann kamen wir nach Oberursel hier bei Frankfurt, und da bin ich dann nach dem, nach ungefähr nach einer Woche ins Gefangenenlager gekommen. Auch oben bei Frankfurt, ich weiß nicht, wie das da hieß und bin dann da drei Tage später entlassen worden. Habe mich dann mit noch einem Kameraden, der auch amputiert war, und der ist von Hannover gewesen, zusammengetan und haben uns zum Bahnhof nach Frankfurt durchgeschlagen. Von dort aus wollten wir mit der Bundesbahn gen Norden fahren, und es fuhr dort noch ein Personenzug nach Altenbeken, und da wollten wir beide durch, durch die Sperre, und da ließ uns der Beamte nicht durch, wir mußten uns eine Fahrkarte lösen. Wir hatten kein Geld, eine Frau hat das mitbekommen, hat uns zwei Fahrkarten zum nächsten Bahnhof besorgt, und so sind wir in den Zug nach Altenbeken gekommen. Von dort aus, mal übernachteten wir in Schulen und haben dann Lebensmittelkarten gekriegt und auch etwas Geld, und dann ging es weiter von Altenbeken mit einem Kohlenzug oben auf den Loren, oben drauf. Über Hannover nach Hamburg hoch, denn meine Mutter mit meinem Bruder, da habe ich vorher noch Nachricht im Lazarett bekommen, sind in Bahlburg in der Lüneburger Heide. Mein Kumpel, der ist in Hannover vom Wagen runter, und das hat dann ein Eisenbahner gesehen, dass wir amputiert waren, und dann durfte ich vorne im Packwagen mitfahren. Wir mußten dann allerdings in Harburg aussteigen, weil keiner über die Elbbrücken durfte, keine Person, und von dort aus, von Harburg, bin ich dann mit einem Bus nach Winsen runtergefahren, wurde unterwegs von der Bevölkerung, also habe ich dann abends zu Essen bekommen, und der Busfahrer hat mich kostenlos mitgenommen bis Winsen, und von Winsen nach Bahlburg waren es 6 km noch. Da wollte ich mit dem Milchwagen fahren, aber der war schon wieder Richtung Heimat, Richtung Bahlburg, gefahren. Ich habe mich dann zu Fuß, auf Krücken, auf den Weg gemacht, den Weg nach Bahlburg, und kurz hinter dem Stadtrand, also am Stadtrand von Winsen, kam ein Eisenbahner mit dem Fahrrad. Der hat mich auf dem Gepäckträger mitgenommen und hat mich bis nach Bahlburg gebracht, und von Bahlburg, da ist dann später mein Vater auch aus Gefangenschaft noch dazugekommen. Der ist beim Zoll früher gewesen und wurde nun auch wieder, also noch vor der Währung, zum Zoll einberufen und zwar an die deutsch-holländische Grenze hier nach Haren-Rückenbrock.

    Interviewer: Wie war denn die Lebenssituation jetzt in diesen Jahren? Man musste sich doch ernähren, man mußte doch leben, wie war das? Gibt es da noch Erinnerungen?

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja, ich hatte mich dann, als ich dann in Bahlburg war, habe ich mich beim Arbeitsamt gemeldet und bekam da eine kleine Unterstützung, und meine Mutter, die hat Soforthilfe oder so etwas ähnliches damals bekommen, und mein Vater hat dann auch zu Anfang erst auch noch eine Unterstützung gekriegt, und davon haben wir uns so durchgeschlagen. Wir waren ja auf dem Land, da ist es ja noch einfacher gewesen wie in der Stadt, also gehungert haben wir nicht. Nicht wie manche, z. B. in Hamburg muß das ganz schlimm gewesen sein. Ich habe das erlebt, wie die Hamburger über Land kamen, Tauschgeschäfte gemacht haben, um ein paar Kartoffeln zu kriegen. Die sind dann bis nach Winsen wieder zu Fuß, dann auf den Zug rauf, und als sie in Hamburg auf den Bahnsteig raus wollten, haben sie denen die Kartoffeln abgenommen, also so schlimm ist das damals gewesen. Mein Vater ist dann hier an die holländische Grenze gekommen zum Zoll. Wir haben dann in Neusustrum eine Wohnung bekommen, eine Zollwohnung, und sind dann noch vor der Währung, Januar, Februar, ich kann es nicht genau sagen, nach Dings, also der Zoll ist umgezogen und zwar nach Pattensen mit dem Pferdewagen, dann wurde alles in einen normalen Eisenbahnwagon verladen. Wir haben auch unseren Ofen drin aufgestellt und sind dann auch eine Woche unterwegs gewesen. Wir wurden ja dann von, .. rangiert, mal auf den Bahnhof und auf den Bahnhof und haben uns dann, Verpflegung hatten wir ja, Kartoffeln und so etwas hatten wir ja alles im Wagon und haben uns dort noch selber Essen gekocht in dem Zug, und wir sind dann bis Haren-Rückenbrock gefahren, mit diesem Wagon, und dort hat mein Vater von einem einen Lastwagen besorgt gehabt, da wurden dann unsere Utensilien eingeladen und gingen dann bis zur, ..bis dort, in die dortige Wohnung, und dort bin ich dann abends öfters Milch holen gefahren zu einem Bauern, und dieser Bauer, da habe ich nachher, bis 1951 aushilfsweise viel gearbeitet. Mit dem bin ich außerdem heute noch bekannt, und einmal im Jahr fahr ich jetzt, fahren wir da immer noch hin. Er selbst ist schon gestorben, aber bei dem Sohn bin ich heute immer nochmal. Also, der hat uns so geholfen, da haben wir dann ein Ferkel gekriegt, und ich habe da gearbeitet für, für Schrot, also, dass das Schwein was zu Essen kriegte, und ja, so haben wir uns dann über Wasser gehalten. Ich selbst habe dann keine Arbeitslosenunterstützung mehr gekriegt, weil mein Vater Arbeit hatte, der mußte mich unterhalten. Ich hatte dann allerdings nur eine Soforthilfe bekommen, monatlich von 90 Mark. Bis meine Rente nachher durch war, und die war dann auch noch auch bloß 35 Mark. Und da bin ich, 51 sind wir dann nach Emden gezogen, mein Vater wurde nach Emden versetzt, und da bin ich noch bei dem Bauern bis Ende Oktober geblieben, bis die Ernte drin war und bin dann, hatte mich aber vorher beim Arbeitsamt in Emden gemeldet und Lebenslauf und alles abgegeben, und bin dann Ende Oktober nach Emden, endgültig ganz hingezogen zu meinen Eltern. Und dann kam auch beim Arbeitsamt keine Arbeit, da wollten sie mir mal eine Pförtnerstelle anbieten, wie das so üblich war seinerzeit als Kriegsgeschädigter, Beinamputierter, da hat man an und für sich viel mit durchgemacht. Und ich wurde, hatte dann sehr, sehr großes Glück, konnte am 15. Dezember 1951 beim Bundesschleppbetrieb anfangen. Weil dort vorher ein Kriegsbeschädigter fristlos gekündigt ist, der da irgendwie, was der genau gemacht hat, weiß ich nicht, entlassen worden ist, und das Arbeitsamt hat die Auflage gemacht, wieder einen Kriegsbeschädigten einzustellen und dann bin ich dort, wollen wir mal sagen, habe ich mich hochgearbeitet und wurde dann 1963 nach Münster versetzt, auch noch zum Bundesschleppbetrieb. Da es aber nun langsam mit der ganzen Motorisierung auf dem Kanal immer weniger wurde, weil es ja nachher bloß noch mehr oder weniger nur noch Motorschiffe fuhren, und keine Schleppkähne mehr auf dem Wasser waren. Bin dann 1966 zum Wasser- und Schifffahrtsamt versetzt worden, dort bin ich geblieben bis 1977 und wurde dann zur Direktion in Münster versetzt, und noch mit der Familie bin ich dann hier in die Wohnung am ersten Dezember ´64 eingezogen, und seitdem sind wir hier in Münster. Meine Kinder gingen hier zur Schule.

    Interviewer: So hat sich das Leben dann normal?

    Karl-Heinz Schipfmann: Normal entwickelt.

    Interviewer: Ja, aber ich muß also leider nochmal auf die Zeit vorher zurück.

    Karl-Heinz Schiffmann: Ja.

    Interviewer: Wenn Sie nochmal etwas erzählen über diese Pimpfe, denn ich meine, es ist so, es gibt bestimmte Dinge, die weiß später keiner mehr oder ganz wenige!

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja.

    Interviewer: Was war, sagen Sie ruhig nochmal mit Ihren Worten, als sie in der Schule zu diesen Pimpfen kamen. Wo ist dieses Wort Pimpf her?

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja, ja, als ich zur Schule kam, ich kann nicht mehr genau sagen, wie das war, aber wir wurden praktisch in der Schule von den Pimpfen, das ist ja die eine Organisation wie die HJ (Hitlerjugend), bloß für die Kleineren von dem 1. Schuljahr bis zum 10./11. Jahr, Lebensjahr, dann kam man automatisch zur HJ, das waren die Größeren dann.

    Interviewer: Was, was machten die?

    Karl-Heinz Schipfmann: Wir hatten den Mittwoch und samstags, hatten wir Dienst, wurden dann geschult, also dann hier auf alles Mögliche.

    Interviewer: Politischer Versucht?

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja, das ging schon politisch irgendwie, das jetzt im hinterrei, man selbst hat das gar nicht gemerkt, wie die Schulungen da so liefen, und die Eltern haben wahrscheinlich auch nichts gesagt, weil die ja bestimmt Bescheid darüber wußten. Sie haben uns dann gewähren lassen, ja und dann als wir zur HJ kamen, dann wurde ja schon, wollen wir mal sagen, ein bißchen militärisch geschult. Mit Ausmärschen, 10/20 km und dann im Sommer mit Zeltlager und so, und ich hatte dazu nicht viel Lust und hatte Glück, dass ich zur Feldscherschar kam. Wir waren 20 Mann, ja, und die habe ich zum Schluß auch noch geführt, bevor ich zum Arbeitsdienst kam, und das ist eine, wir waren für uns alleine. Wir hatten eine Unterkunft, wo wir auch unsere Sachen hatten, hier die, na, wie heißt das jetzt, hier die Kästen, Verbandsmaterial und Tragen und... Und wir wurden dort von Ärzten geschult, Verbände legen, also so Erste Hilfe, alle, da wurden wir geschult und sind dann, wollen wir mal sagen, bei den Zeltlagern mit zwei, drei Mann, oder zu anderen, verschiedenen Veranstaltungen, immer zwei, drei Mann, je nachdem wie groß (die Veranstaltung) das war, kamen wir zum Einsatz, mußten uns dort melden und haben dann aufgepaßt, dass wenn da einer umgekippt ist oder sonst irgendwas.

    Interviewer: Und der Arbeitsdienst, wo sind sie da hingekommen?

    Karl-Heinz Schipfmann: Da beim Arbeitsdienst bin ich nach Posen gekommen, und dort ging das ja dann schon richtig los, also, wir haben ja gar keine Baustellenarbeit mehr gemacht, sondern das ist alles vormilitärisch gewesen. Das fing an hier mit dem ersten Marsch von 5 km, erstes Wochenende, und ist es dann gegangen bis 30, 40 km, die wir dann am Wochenende machen mußten mit Gepäck.

    Interviewer: Das war 1944?

    Karl-Heinz Schipfmann: Das war 1943.

    Interviewer: Der Krieg war schon eigentlich in einer Phase .

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja, der ist ja schon 1943, August ´43 kam ich zum Arbeitsdienst und bis November, und dort hatten schon viele den Einberufungsbescheid bekommen. Ich nicht, und deswegen bin ich da noch mal nach Hause gekommen, nach Elbingen, denn ich hatte mich ja freiwillig gemeldet seinerzeit als Reserveoffiziersanwärter. Die wollten mich vorerst zur SS haben und bei der Musterung, und das wollte ich nicht, und da habe ich mich darauf eingelassen Reserveoffiziersanwärter zu werden.

    Interviewer: Wonach haben die das denn ausgesucht? Sie waren gesund, aber Sie hatten auch eine bestimmte Größe?

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja, ja, ja, ja, also, es ist ja bekannt, das die Waffen-SS lange Leute brauchte, und ich war ja schon immer groß. Ich bin 1,94 m, ich war ja überall, ob das in der HJ war oder beim Arbeitsdienst oder bei der Wehrmacht, ich war immer der rechte Flügelmann, und so wurde ich dann im Anschluß angesprochen, also bei der Musterung, zur Waffen-SS zu gehen, und da sagte ich: „ Nein !", und ich sollte ja aktiv Soldat werden, und ich sagte: „Dazu habe ich nicht Kaufmann gelernt, ich möchte mich später, wenn der Krieg zu Ende ist, selbständig als Kaufmann niederlassen."

    Interviewer: Und nicht als Berufssoldat?

    Karl-Heinz Schipfmann: Und nicht als Berufssoldat, ja, und dann waren sie (bei der Musterung ) nachher damit einverstanden, aber die beknieten mich, dass ich Reserveoffiziersanwärter wurde. Also, dass ich dann nur, wenn der Krieg zu Ende ist,

    entlassen werden kann, aber zur Reserve wieder antreten mußte.

    Interviewer: Man ist ja jünger, man hat ja diese Erfahrung überhaupt nicht gemacht, die Sie jetzt hinter sich haben. Man stellt sich das immer so vor, wenn man jetzt so als 17-Jähriger in den Krieg zieht, kam das durch die Pimpfe und die HJ,...

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja.

    Interviewer: dass man gar nicht so wie jetzt?

    Karl-Heinz Schipfmann: Ja, ja, das ist ja so, durch die Pimpfe und HJ, wollen wir mal sagen, habe ich mich ja auch dazu breitschlagen lassen mich freiwillig zu melden, als Reserveoffiziersanwärter. Wer hätte sich sonst freiwillig noch gemeldet, noch unter normalen Umständen. Ich wollte die ( Bei der Musterung ) ja los sein, also von wegen das mit der Waffen-SS, denn mit der Waffen-SS, das wußten wir damals schon, dass das eine Sondereinheit ist und da, das wollte ich nicht.

    Interviewer: Jetzt vielleicht noch mal so ein bißchen!

    Karl-Heinz Schipfmann: Auch seinerzeit nochmal, in der Jugend zu Hause. Es gab ja damals schon KZ Lager, das ist an und für sich nicht bekannt gewesen, überhaupt nicht. Also ich hatte einen Kollegen, der war auch Lehrling bei uns in der Firma, und der Vater hatte ein Taxi Unternehmen, und der ist eines Tages verhaftet worden, und der Junge hörte auch auf bei unserer Firma zu arbeiten. Den hatte ich mal getroffen, und da habe ich ihn angesprochen, der hat nachher das Taxi weitergefahren, was er, was mit dem Vater los ist. Er sagt: „Der ist im KZ gestorben".

    Interviewer: Wissen Sie noch warum?

    Karl-Heinz Schipfmann: Und ich glaube, nein, das hat er mir nicht gesagt. Also, und seit- dem wußte ich, dass es, und zwar gab es oben bei Stutthof, glaube ich, hieß das. Ich bin nach dem Krieg, ich bin ja schon mal wieder oben in Ostpreußen gewesen, 1972 oben, und da bin ich auch da hingefahren, und habe ich das gesehen, dieses alte Lager dort und daher, also ich wußte, dass es die gab, aber in dieser Anzahl und so was, das wußte ich nicht. Ich habe es auch noch so etwas mitbekommen, als sie die Juden praktisch die Schaufenster einschmissen und so was, das ist mir noch so eben im Gedächtnis, dass das ganz schlimm gewesen ist. Lief auch alles mit den Uniformen rum, die SS, die SA Leute. Das war schlimm seinerzeit, und da habe ich zu Hause schon mal gesprochen, und das wurde alles so stickum gehandhabt, nichts sagen!




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