Interviste Germania
  • Prof. Dr Koch
  • G. Kluge
  • Karl-Heinz Schipfmann
  • Hedwig Künneke
  • Frau Menne
  • Hermann Leifker
  • Frau Ohl
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  • Gerhard Dingermann
  • Willi Schulz
  • Harald Sander


  • Interviewte: Hedwig Künneke

    Geb. 7.03.1913

    Lehrerin

    Interviewer: Franjo Hülck

    Hedwig Künneke: Also, mein Name ist Hedwig Künneke, ich bin in Münster geboren am 7.3.1913 und habe meine Jugendzeit hier in Münster verbracht. Ich bin damit einverstanden, dass diese Dokumentation auch veröffentlicht wird. Ich habe in Münster studiert und wollte technische Lehrerin werden und habe in meiner Studienzeit den Anfang des Nationalsozialismus ja kennen gelernt. Aber ich bin mit ihm in Berührung gekommen durch Gespräche und durch Zusammensein mit Studienkameradinnen und habe auch in der Zeit so manches Häßliche hier in Münster erlebt. Die Vorzeichen waren nicht gerade sehr günstig, wir hatten ja Krawalle in der Stadt. An einem Abend bin ich selber in solch einen Tumult hereingeraten und habe nur durch den Schutz der Polizei wieder herausfinden können, und es war oft sehr ungemütlich in der Stadt. Es trafen sich alle möglichen Parteien und politischen Richtungen, die dann auch Straßenkämpfe durchführten. Dann kam der Nationalsozialismus in etwa an uns Jugendliche heran, versprach Besserung, Ruhe und so weiter. Ich habe an einem Abend mal eine Sonnwendfeier mitgemacht, an die aber.für die Jugend begeisterte. Es wurde nichts Politisches gebracht, so dass man mit dem eigentlichen Gedanken der Nationalsozialisten gar nicht konfrontiert wurde, aber es gefiel mir nicht. Ich war mißtrauisch und wurde dadurch noch mißtrauischer. Man hörte von München und von anderen Städten, hörte, dass die genauso vorgingen, man hörte von der SA, von der SS noch nicht, und ich konnte mir aber nichts weiter drunter vorstellen. Ich hatte weniger Beziehungen dadurch, ich hatte keine Brüder und mein Vater war schon 1918 gestorben. So dass eben meine Mutter, meine Schwester und ich zusammenlebten, und wir von dieser Richtung wenig erfuhren, und nach meinem Examen fanden wir keine Stellungen, sondern waren auf uns selbst angewiesen.

    Hier nach kam ich eigentlich mit dem Nationalsozialismus zusammen und war erstaunt, wie in den Schulen politisiert wurde, und wie SA und SS und die vielen Vereine, das war der NSV und Lehrerverband NSLB, hieß er, glaube ich, Nationalsozialistischer Lehrerbund, und in den wurde man ohne weiteres aufgenommen, ohne Antrag, das war eine Selbstverständlichkeit. Da war ich sehr stutzig geworden und habe mich dann mal etwas mehr mit der Politik befaßt, und vor allen Dingen, ich habe dann mal in das Buch „Mein Kampf" geguckt. Es kursierte damals auch der Witz: „Mann kann für den VW sparen, aber was dabei herauskommt, schießt immer, sind immer die Kanonen anstatt die Autos", und all diese Sprüche machten mich stutzig. Dann, man konnte hier nicht ungehindert in die Kirche gehen, das war für mich ein so krasser Unterschied, einmal von der, von dem naiven Volk im Moor (Frau Künneke war zeitweise Lehrerin im Emsland), den man nur etwas Gutes, etwas Lebendiges bringen konnte, und dann hier plötzlich alles organisiert, alles unter Kontrolle, und dann merkte man allmählich, wie es auf ein Machtkampf und auf den Krieg hin zusteuerte. Ich bin ´37, Herbst ´37, zurückgekommen, und ´39 brach ja der Krieg aus.

    Interviewer: Aber wie machte sich das bemerkbar?

    Hedwig Künneke: Die, also, die Wehrmacht wurde wieder aufgebaut, Wehrmacht, wie hieß es damals noch?

    Interviewer: Reichswehr, oder wie nannte die sich?

    Hedwig Künneke: Ja , nein, Reichswehr, weiß ich schon gar nicht mehr.

    Interviewer: Die SA gab es nicht mehr?

    Hedwig Künneke: Doch, die SA gab es noch.

    Interviewer: Ich dachte die wäre mit dem Röhmputsch...

    Hedwig Künneke: Nein, nein, nein, die SA gab es noch, und die SS gab es auch.

    Interviewer: Ja!

    Hedwig Künneke: Und das waren ja wieder Verbände im großen Verband, und dann hörte ich von Nürnberg, da bin ich aber nie gewesen, denn das sind Dinge, die mich wirklich nicht begeistern konnten, aber ich sah, wie man hier die Jugend einfing für die nationalsozialistischen Gedanken, für das Gedankengut zu begeistern. Die Jugend wurde begeistert durch große, allgemeine Sportfeste. Sie wurde beachtet, sie waren nicht nur die dummen Kinder, wie man es vorher ja war. Das Kind hatte zu schweigen, aber hier lebten die auf. Sie wurden durch diese Dinge für die Nazis regelrecht gekapert und waren auch begeistert und machten mit. Dann waren ja auch die Jugendverbände da, und die Führer dieser BDM Gruppe (Bund Deutscher Mädel) und auch der Hitler-Jugend, die spielten sich so wichtig auf, dass es einen anwiderte.

    Hedwig Künneke: Mit Freizeitgestaltung.

    Interviewer: Gut!

    Hedwig Künneke: und die Kinder hier, sie wurden als Jungmädel und als Pimpf hier beschäftigt, es hat ihnen Spaß gemacht Sport zu betreiben und gemeinsam auch, Wand also kleine Märsche zu machen, zu singen und einfach fröhlich zu leben, und sie hatten Raum zum Spielen und alle, und die Führung, die machte allerdings bei den Größeren, bei den BDM Mädel und bei der Hitler-Jugend doch schon politische Schulung. Sie kamen sich, wie gesagt, so wichtig vor und feierten sich selbst und nutzten die Jugend schon aus, aber das konnte die Jugend ja gar nicht überblicken. Ich weiß noch, wie sie dann auch die Beiträge einkassierten, und das habe ich dann abgelehnt bei den Kindern und habe auch öffentlich ganz frei gesagt, also: „Jetzt", das war allerdings schon während des Krieges, „Das ist doch ein Ding der Unmöglichkeit!" Und dass die Kinder und die Frauen, die im Krieg zurückgeblieben waren und hart zu arbeiten und zu kämpfen hatten, auch dann noch dafür bezahlten. Und vor allen Dingen auch hatten die Hochzeitsgeschenke gemacht, die Führung unter sich und wußten nun nicht, wie sie die Schulden abzahlen sollten.

    Interviewer: Die BDM Mädchen?

    Hedwig Künneke: Das waren die BDM Mädel.

    Interviewer: Das müssen Sie nochmal erzählen.

    Hedwig Künneke: Da .hatten ein Führer von der Hitler-Jugend und eine Führerin vom BDM geheiratet, und man hatte denen große Geschenke gemacht, und hinterher drängte man natürlich drauf, dass die Kinder, die Pimpfe und die Jungmädel, ihre Beiträge zahlten, damit man diese Schulden abtragen konnte, und dagegen war ich sehr vorgegangen. Ich hörte in der Schule davon, und dann habe ich gesagt: „Das ist ein Ding der Unmöglichkeit." Und: „Das gibt es ja nun nicht." Dann hat man mich überprüft. Ich hatte auch bald die Führer der Hitler-Jugend dieser Sache wegen in meiner Wohnung. Die, sie kamen abends von Münster mit dem Auto angefahren, und da habe ich denen gesagt, sie sollten diese Fahrten unterlassen. Wenn sie für die Fahrt von Münster nach Coesfeld, hätten sie viele Schulden schon abtragen können, und sie sollten sich selber mal ein bißchen hier an die Kandare nehmen, und eben nicht von anderen sich alles geben lassen und nicht die Herren spielen wollen. Die waren natürlich wütend, konnten aber keine Argumente dagegen bringen und verschwanden auch wieder und ließen mich dann hinterher auch in Ruhe. Und dann erlebte ich die Reichskristallnacht in Coesfeld, hatte aber nichts davon mitbekommen, und am anderen Morgen in der Schule erzählten die Kinder davon. Und nach meinem Dienst bin ich dann in die Stadt gegangen, und ich wollte zum, hier also zum Essen gehen und machte eine Umweg über die Straße, wo auch Juden wohnten und sah dort einen ganz verängstigten Juden mit jüdischen Kindern am Hause in der, ja, in der zerstörten Haustür stehen und dem zerstörten Eingang, und sah unsere deutschen Kinder, wie sie Steine dorthin warfen und war entsetzt. Dann habe ich zunächst mal dort aufgeräumt, habe denen gesagt: „Man wirft nicht auf Menschen mit, mit Steinen auf Menschen". Und: „Man bekämpft die Menschen nicht so rabiat". Und: „Wehe wer sich noch sehen läßt, ich gehe heute einige Male hier vorbei", und die Kinder sind auch gegangen und sie waren es wahrscheinlich ja von zu Hause her gewöhnt, dass sie hier eben so gegen andere Menschen vorgehen sollten und waren im Haß wahrscheinlich auch erzogen worden, denn sonst wäre so etwas nicht möglich. Ich kann die Gesichter dieser verängstigten Menschen nie wieder vergessen, die habe ich, sehe ich heute immer noch vor mir. Dann kam ich zum Wochenende nach Münster und ging durch die Stadt und sah die zerstörten Geschäfte. Es war ein Grauen, und ich habe nie verstehen können, wie Menschen so rabiat sein können. Von der Judenvertreibung hörte ich zunächst nichts, weil ich mich eben auch nicht damit so beschäftigt hatte und auch eben keine Brüder hatte, durch die ich so etwas gewahr wurde und eben nur alles so erleben mußte, und das, also, es war einfach grausam.

    Interviewer: Ja, wie hat sich das jetzt so bemerkbar gemacht, als der Krieg begann? Wie war die Stimmung denn da so in den Schule und in den...?

    Hedwig Künneke: Ja, als der Krieg begann, hatten wir Ferien. Zu der Zeit war ich gerade in Glücksburg, und wir mußten von heute auf morgen das Hotel räumen und nach Hause fahren. Ich kam zu Hause, kam in Münster zu Hause an, und meine Mutter und meine Schwester, die waren im Urlaub im Harz, und tagelang haben wir nichts voneinander gehört, keiner wußte, wo der andere war, und keiner wußte, wie der andere nach Hause kommen sollte. Und die Stimmung im Volk, die war nicht besonders, denn zum Teil wurde gejubelt, als wir in Polen eingefallen waren, und es hieß, die Polen hätten zuerst geschossen, und das konnte man sich auch wieder nicht vorstellen. Auf jeden Fall, es war ein heilloses Durcheinander in der ganzen Stimmung, so wie ich sie erlebt habe, und gerade die vielen Menschen, die im Urlaub waren, die zurückkommen mußten, sie wußten nicht wie, denn die Züge wurden ja für die Soldaten benutzt. Und die Luftkämpfe begannen schon sehr zeitig hier in Münster, und die Überflüge, so dass die Menschen einfach Angst hatten. Und 1940 kam ich dann nach Münster zurück und kam hier, bekam eine Planstelle hier an der Realschule und wurde aber dann kurz darauf einfach abkommandiert in die Kinderlandverschickung. Bekam eine, also eine Gruppe von Schulkindern, die ich überhaupt nicht kannte, sondern wurde einfach, ohne gefragt zu werden oder ohne vorher informiert zu werden, abkommandiert. Ich weiß, ich hatte gerade vorher mit der schweren Nierenbeckenentzündung im Krankenhaus gelegen und mußte ein paar Tage, nachdem ich aus dem Krankenhaus rauskam, nach Oberbayern fahren, und Reklamation und so weiter half alles nichts. Dann kam ich in Oberbayern an und kannte das Haus nicht, habe mich mit einem Taxi hinbringen lassen. Dort konnte man also noch Taxi fahren und habe mir erst einmal das Haus angeguckt. Und ein paar Tage später kamen dann die Kinder, die durch BDM Mädel begleitet waren, und die bleiben dann auch mit im Haus. Ja, ich hatte 31 Kinder.

    Interviewer: Was war das für ein Haus?

    Hedwig Künneke: Das war ein Pensionshaus. „Haus in der Sonne" hieß es, also ein normales Pensionshaus in Oberbayern, und das einfach beschlagnahmt war da für diese Kinderlandverschickung. Und von den Vorbereitungen hatten wir auch hier weiter nichts gehört, und das war, die Kinder kamen allerdings mit Einwilligung der Eltern, die also ihre Kinder in ruhigen Gegenden gut untergebracht wußten. Sie kamen nicht aus Münster, sondern aus der Umgebung von Münster, und das wunderte mich erstmal, dass die doch in der Umgebung ruhiger lebten. Wir Münsteraner, wir gingen abends in die Umgebung, um dort die Angriffe, die Bombenangriffe, zu überleben, und die Kinder kamen in die Kinderlandverschickung und wurden in Sicherheit gebracht. Auf jeden Fall, ich habe ihnen, ich habe das Elternhaus zu ersetzen versucht, und so gut es ging, habe ich dort ihnen also auch die Freizeit gestaltet, und wir haben da nicht wie eine Hitlergruppe zusammengelebt, sondern wie Mutter und Kind, und es waren meine Kinder. Und wir hatten eine Belgierin dort, die in der Küche beschäftigt war, und unsere Alice war natürlich ein junges Mädel und auch ein bißchen begeistert für die bayrischen Buben. Und da fragte eines Tages der Arzt sie mal: „Ja, Alice, du willst doch sicher hier in Bayern heiraten?" Und Alice gab zur Antwort: „Nein, kein deutscher Mann, deutscher Mann macht zu viel Kinder." Und da haben wir sie gefragt: „Wieso?" Und da sagt sie dann zur Antwort: „Frau Künneke hat 31." Also, so war unser Leben dort im Haus.

    Interviewer: Wie war denn jetzt so, das war doch eigentlich, die Schule wurde weiter geführt in diesem Haus?

    Hedwig Künneke: Ja, ich hatte die Kinder von der Volksschule, aus der Umgebung. Die einen waren im 3. Schuljahr, und die Größeren waren im 6./7.Schuljahr, also die ganze Gruppe hatte ich, und die mußten alle so unterrichtet werden. Ja, wir hatten aber auch Bücher und dergleichen, hatten wir aber auch nicht.

    Interviewer: Können Sie das nochmal wiederholen, jetzt, wenn ich nicht spreche?

    Hedwig Künneke: Ich mußte die Kinder vom 3. Schuljahr bis zum 6./7. Schuljahr unterrichten, wir hatten aber keine Lehrbücher und gar nichts weiter zur Verfügung, so dass der Unterricht zur Hauptsache aus Deutsch, Rechnen, Geschichte und Erdkunde und aus Naturkunde, aus diesen Fächern, bestand. Und Naturkunde war natürlich sehr schön auch draußen zu erteilen, und die Kinder haben dort ein sehr schönes Leben gehabt, und im November kamen wir dann wieder zurück nach Hause.

    Interviewer: In welchem Jahr?

    Hedwig Künneke: Das war 1940, und ich unterrichtete wieder an der Mittelschule, war wieder also in meine Stelle zurückgekommen. Dann kriegten wir...

    Interviewer: Moment, wie sah Münster aus zu dem Zeitpunkt?

    Hedwig Künneke: Münster hatte verschiedenen Angriffe gehabt und hatte zerstörte Gebiete, Häuser und dergleichen, aber die Angriffe blieben und wurden stärker, und vor allem die Überflüge wurden bedeutend stärker. Und da hatten wir hier in Münster so eine alte „Ju" (Militärflugzeug Junkers „ Ju 52 „ ), wir nannten sie immer die „Tante Ju". Die machte einen Mordslärm, und wenn hier überflogen wurde, und die Flak hatte stark geschossen, und wir hörten dann plötzlich diese Motorengeräusche von der alten „Ju", dann waren wir immer glücklich, dann hörten die Überflüge bald auf. Und die Feinde haben die wahrscheinlich als irgendwie ein Mordsinstrument vernommen, und sie wußten nicht, was war, und hier mußten wir dann über Tag des öfteren in Luftschutzbunker, so dass der Unterricht immer wieder unterbrochen wurde. Und als die Angriffe dann stärker wurden, wurden wir zu dreien hier von Münster einfach wieder abkommandiert, und wir kamen nach Reit im Winkl. Ja, auch wir wurden nicht gefragt. Ich arbeitete damals zum Teil noch mit an der Historischen Kommission am westfälischen Städteatlas, und wurde von da aus auch reklamiert, weil man mich dort gerne weiter auch behalten hätte in meiner Freizeit, und da wurde dem Archivdirektor gesagt: „Lieber lassen Sie sie jetzt gehen, in nächster Zeit würde sie sonst abkommandiert nach Polen." Und da sagte er mir dann, also dieses wäre das Günstigere, na ja, es blieb uns nichts anderes übrig. Wir fuhren dann wieder nach Oberbayern uns zwar nach Reit im Winkl und hatten dort erst drei Lager.

    Interviewer: Also drei Lager dürfen wir nicht sagen!

    Hedwig Künneke: Ja, sie wurden Lager genannt. Es war eine Unterbringung im Hotel. Es waren, unten im Dorf 2 Hotels, die belegt waren, und dann kam ich in den „Kaiserblick", das war ein Privatsanatorium eines Arztes, der eingezogen war und kurz darauf aber wegen Herzkrankheit zurückkam, und der betreute auch unser Lager und, ja, das war alles.

    Interviewer: Die Kinder kamen wieder später? Sie waren...

    Hedwig Künneke: Die Kinder kamen wieder ein paar Tage später.

    Interviewer: Moment, wir dürfen nicht ineinander sprechen.

    Hedwig Künneke: Ach so!

    Hedwig Künneke: Ja, die Kinder kamen einige Tage später, so dass wir uns erst vorher in unserem Haus einrichten konnten, und die Kinder kamen hier von den münsterschen Gymnasien und von der Realschule. Wir ja, wir waren eine Zeitlang dort, dann wurde alle Schulen von Münster aus hier nach Oberbayern verlegt, und wir haben dort auch den Unterricht erteilt, und da unterstanden wir aber auch wieder München und zur Hauptsache, ich weiß nicht mehr, wie diese Abteilung da hieß im Ministerium, die von der Partei geleitet wurde.

    Interviewer: Jetzt wäre vielleicht noch wichtig, haben diese Kinder während dieser Zeit von diesen Bombenangriffen und vielleicht von dieser Situation zu Hause, von der Angst erzählt? Wenn Sie vielleicht da nochmal da so ein bißchen was erzählen würden.

    Hedwig Künneke: Ja, ja. Die Kinder, die erzählten viel, und wir sprachen überhaupt viel über die Bombenangriffe, und jedes Mal, wenn wieder etwas war, hatten wir wahnsinnige Angst um die Angehörigen. Und wenn die Väter mal aus dem Krieg Urlaub hatten, dann durften auch die Kinder nach Hause fahren, und um mit den Eltern kurze Zeit zusammen zu sein, oder die Eltern kamen rüber nach Reit im Winkl. Aber wir haben ewig gezittert und gebebt, um die Angehörigen hier, und ich habe versucht, es den Kindern immer wieder etwas angenehm zu machen und ihnen die Trennung zu erleichtern. Und so wie ich immer wieder gehört habe, ist mir das auch Gott sei Dank geglückt, so dass die Kinder sich eben nicht so abtransportiert vorkamen, und ich habe auch,...In den Lagern sollte natürlich Politik und alles betrieben werden, es sollten die Siege gefeiert werden und dergleichen. Das habe ich nie mitgemacht, und dafür haben, Gott sei Dank, die Kinder auch kein Verständnis gehabt, aber sie wurden von BDM Mädel auch betreut, mit denen habe ich erst immer einen ziemlichen Kampf ausgefochten, um nicht BDM Lager daraus zu machen, und die reagierten auch nachher ganz vernünftig. Und ich war Tag und Nacht mit den Kindern zusammen und habe mich eigentlich nie von ihnen so getrennt.

    Interviewer: Wie zeichnete sich das Ende des Krieges denn jetzt ab und die Rückführung der Kinder, das wir da jetzt so langsam....

    Hedwig Künneke: Da war, die Zurückführung der Kinder war ich nicht mehr da.

    Interviewer: Ende des Krieges vielleicht, haben Sie da noch...

    Hedwig Künneke: Ende, den Ende. Also, das Ende des Krieges habe ich dort in der KLV nicht mehr erlebt. Ich war vorher, also wurde vorher abkommandiert, und da habe ich mich geweigert das zu machen, und dann bekam ich die Erlaubnis nach Biberach an der Riß zu gehen, zu meiner Schwester und meinem Schwager und meine Mutter hatte ich bei ihnen untergebracht. Und dann bin ich bei denen gewesen und habe dort an den Schulen, an der Schule unterrichtet, und eines Tages wurde ich zum Schulrat gerufen, und der sagte: „Ja, Sie haben mir doch erklärt, Sie wollten hier bleiben. Wieso gehen Sie jetzt in ein anderes KLV ( Kinderlandverschickung )Lager?", das war in Garmisch. Ich sagte: „Davon weiß ich nichts. Ich habe keine Ahnung davon." „Wieso", sagt er, „haben Sie den Brief bekommen, das Schreiben nicht bekommen?"

    Ich sagte: „Nein, ich habe nur von Münster die Erlaubnis hier in Biberach zu unterrichten." Und der Schulrat sagte: „Wenn Sie den Brief nicht bekommen haben, dann habe ich meinen auch nicht gekriegt:" Und hat ihn zerrissen, und ich blieb in Biberach, und dort habe ich auch das Kriegsende erlebt. Hab aber dann hinterher gehört, wie die Kinder zum Teil in kleineren Gruppen hier nach Münster zurücktransportiert wurden, und ich habe mich dann nach dem Krieg 1946 durchgeschlagen nach Münster, für die Fahrt habe ich drei Tage gebraucht. Ich mag aber nicht mehr an diese grausame Zeit denken. Was wir unterwegs alles erlebten und kam dann hier in Münster an. Und dann habe ich mich wieder vorgestellt, und es hier dann, ja, wir kommen auf die Dauer auch wieder nach Münster zurück, und ich mußte auch zurück. Ich kam in eine total zerstörte Stadt, also nach Münster zurück und fand nur Ruinen vor. Das Haus, in dem wir gewohnt hatten, war total zerstört, und ich bin durch...Und habe Löcher in den Keller reingekommen und fand also in unserem Kellerraum Dinge, die ich dort untergebracht hatte nicht wieder. Die waren inzwischen gestohlen worden, und die Ratten liefen dort herum, und weil ich auch keine Unterkunft hatte, hatte ich sogar geplant selber unter Umständen in diesem Kellerloch zu wohnen, aber zum Glück wurde ich bei Bekannten aufgenommen und zwar in Nottuln. Und mußte sehen, wie ich von Münster nach dem Dienst nach Nottuln kam und bin dann mit einem Arbeiterbus gefahren. Ja, Bus ist zuviel gesagt, das war ein umgebauter Lastwagen und mußte mich aber reinmogeln, und die Arbeiter, die kannten mich noch von meiner Zeit aus Nottuln, die waren mir sehr behilflich, so dass sie mich dann reinschmuggelten und versteckten. Also, die Zustände waren grauenhaft und des öfteren auch des abends durch die Trümmerstadt ging, und der Mond schien dann durch diese Trümmerlücken, also es war fürchterlich, und man wußte also wirklich nicht mehr, wie man es machen sollte!




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