Interviste Germania
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  • Harald Sander


  • Interviewte: Anni Menne

    Geb. 24.02.1914

    Verkäuferin / Hausfrau

    Interviewer: Franjo Hülck

    Frau Menne: Ich heiße Anni Menne, wohne in Münster, Andreas Hofer Straße, da habe ich schon 17 Jahre eine schöne Wohnung, das nennt sich „Betreutes Wohnen". Wir haben immer Hilfe als Rückendeckung

    Interviewer: und wenn Sie jetzt noch sagen, dass Sie damit einverstanden sind, das die Videoaufnahmen

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: verwerten werden dürfen.

    Frau Menne: Sie dürfen die Videoaufnahmen verwerten und verwenden mit Namen, wie Sie wollen, ich bin damit einverstanden.

    Interviewer: Danke Frau Menne!

    Frau Menne: Bitte.

    Interviewer: Frau Menne uns interessiert, sagen wir mal so Beginn der dreißiger Jahre, wenn Sie sich noch daran zurück erinnern können? Wie alt waren Sie da?

    Frau Menne: Das weiß ich nicht.

    Interviewer: Anfang der Dreißiger waren Sie sechzehn!

    Frau Menne: Ja, wenn Sie rechnen können

    Interviewer: Ja

    Frau Menne: Das war mein zweitbestes Fach in der Schule, das beste Fach war Deutsch, und wenn Deutschfehler in der Zeitung stehen, dann rege ich mich auf, aber das ist ja meine Sache.

    Interviewer: Genau

    Frau Menne: Ja

    Interviewer: Was war denn so, waren Sie hier in Münster als Sie sechzehn waren?

    Frau Menne: Ja, wir wohnten in Münster auf der Wehrstraße. Meine Mutter war Hausmeisterin in der Mädchenmittelschule. Dadurch hatten wir freies Wohnen und die Heizung usw., Geld wurde da nicht viel für bezahlt. Das war 1928, dann bin ich in die kaufmännische Lehre gegangen, Hamburger Straße, Lebensmittel, und wir wohnten damals nicht mehr Wehrstraße, sondern Korduanenstraße, die gehört zum Lamberti-Viertel, und in Lamberti war Graf von Galen Pfarrer. Der ist nicht als Bischof auf die Welt gekommen, der war zuerst einmal Pastor 1930, und 1932 ist mein Vater leider gestorben, und der Pfarrer von Lamberti, der Graf von Galen ließ ihn dann beerdigen, und meine Mutter ging nach kurzer Zeit hin und wollte das Seelenamt und alles bezahlen und weinte, weil mein Vater gestorben war, und der Graf von Galen fasst in sein Tageskästchen, nimmt eine Hand voll Geld heraus, steckt das Geld meiner Mutter in die Schürzentasche. Die Frauen trugen damals fast immer eine Schürze: „So, Frau, nun geh mal nach Hause, ist alles bezahlt." Da hat er kein Geld für genommen, für die Beerdigungskosten, die waren damit ausgeglichen. Dann später ist der Graf von Galen dann Bischof geworden, und das hat man noch verfolgt, und ich habe dann die Lehre da zu Ende gemacht. 1931war die Lehre zu Ende, kaufmännische Lehre. Es gab aber tausend Arbeitslose kaufmännische Leute in Münster, und zu den Arbeitslosen zählte ich auch. Ich habe dann gejobbt, ich habe Staubsauger verkauft, für „Elektro Lux" von Haus zu Haus. Ich habe mich redlich durchschlagen müssen, weil ich arbeitslos war. Das Arbeitslosengeld, das war nicht viel, was man damals bekam. Das waren 20 DM im Monat, ich musste aber 15 DM Miete bezahlen. Meine Mutter hatte das zweite Mal geheiratet, die war nicht mehr bei mir, und da war es halt knapp. Wenn man von 20 DM 15 DM Miete zahlen muß, das reicht dann weder hin noch her. Ja, das war 1932 .Ja, da habe ich dann verschiedene Tätigkeiten angenommen, Verkäuferin und von Tür zu Tür, Gelegenheitsarbeiten und habe mich damit über Wasser gehalten. Später hatte ich eine schöne Anstellung bei der Firma „Bernsing und Ernesti" auf der Hamburger Straße, kaufmännisch, Kaufmann und Drogerie war das. Spirituosen, Drogerie und Lebensmittel. Das war ein guter Job und wurde auch einigermaßen bezahlt, und dann lernte ich meinen Mann kennen, am Postschalter, sie werden lachen, aber am Postschalter. Ich konnte die Nachnahme nicht bezahlen, ja, da musste ich ja dableiben, das ging ja nicht anders. Nein, der suchte ein solides Mädchen, und das war ich ja sicherlich, der suchte und war fanatisch hinter mir her und blieb am Ball und spekulierte, wo wir wohnten, wir wohnten inzwischen auf der Bergstraße, da spekulierte er, bis er mich abschnappen konnte. Ins Haus kamen sie damals nicht die Verehrer, das war ein hoch angesehenes Haus, wo wir wohnten, gab es nicht. Und meine Mutter hatte ich dann wieder zu mir genommen, die war mit der, mit der zweiten Ehe nicht glücklich. Die war in Seppenrade verheiratet bei einem reichen Schreinermeister mit einer Schreinerei, und die war so unglücklich, dass ich die zu mir genommen habe. Das war natürlich eine finanzielle Aufgabe, da haben wir auf der Bergstraße gewohnt, das ist mitten in Münster. Nahe am Buddenturm, wenn wir aus dem Fenster guckten, haben wir den Buddenturm gesehen, da haben wir gewohnt. Was möchten Sie noch wissen?

    Interviewer: Die politische Entwicklung zu der Zeit, habe Sie das überhaupt bemerkt?

    Frau Menne: Ja

    Interviewer: die politische Entwicklung ?

    Frau Menne: Ja, bemerkt habe ich das wohl, aber mein Vater hatte was gegen Politik. Wir sind dann im Hintergrund geblieben, aber das bahnte sich da schon an. Die Judenverfolgung, die war da ganz groß. Ich habe auch bei einer jüdischen Firma gearbeitet, aber eine kulante Firma. Die bezahlte gut, und ich habe in Warenhäusern die Ware verkauft für die jüdische Firma, aber immer kulant, immer im voraus bezahlt, und den Firmeninhaber habe ich nie zu Gesicht bekommen. Der wohnte in Frankfurt, da hab ich Geld verdient mit meiner Redegewandtheit, also, ich habe den Leuten was verkauft, die da vorbeigingen. Da hatte ich in kurzer Zeit schon eine Traube da stehen, Leute die sich dafür interessierten, und durch die Redegewandtheit habe ich dann gut verkauft und gut verdient, es war eine schöne Zeit. Später bin ich zu Melitta gegangen. Melitta Minden, diese Kaffeefirma, Kaffeefilter, und damals war der Kaffeefilter, das stand noch in den Kinderschuhen, da hatten die Leute noch gar keinen Filter. Und wenn ich kam, dann war das vorher angekündigt im Schaufenster, und da waren so Tafeln „Bitte kommen Sie rein", und da haben die Leute eine Tasse Kaffee bekommen und haben nach Möglichkeit einen Filter gekauft, zum Filtern des Kaffees, das war damals, . wie gesagt, in den Kinderschuhen. Da habe ich die aufgeklärt, und abends waren auch Veranstaltungen, dann wurden die Leute eingeladen, dann habe ich da eine Vorführung gemacht, .und da habe ich auch viel Geld verdient. Das wurde gut bezahlt, Melitta zahlte gut. Die zahlten die ganzen Unkosten, Fahrt und Unterkunft, war eine sehr, sehr schöne Zeit. Ich wurde eingesetzt, sogar auf Norderney, da habe ich den Leuchtturmwärtern den ersten Kaffeefilter verkauft. Das war so ein großer Pott, so ein Eimer, dem Wirt vom Leuchtturm, der Leuchtturm war als Restaurant angegliedert. Dann bin ich gewesen in Berlin, in Dresden, überall hatte ich zu erscheinen, wir kriegten so einen Plan und mussten da hinfahren. Ja, und meine Redegewandtheit, die hat mir immer geholfen, und die gute Stimme.

    Interviewer: Waren Sie da schon verheiratet?

    Frau Menne: Nein, ich habe ´36 geheiratet, ´37 kam das erste Kind und ´39 das Zweite, und das Zweite wohnt jetzt in Stuttgart, 540 km, da kommt die nicht jede Woche, ist ja klar, und die haben ja auch inzwischen selber Kinder, und einen, die Kinder sind eventuell noch im Studium oder sind auch schon wieder fertig. Das ist eine andere Generation.

    Interviewer: Ihr Mann war bei der Post!

    Frau Menne: Ja, bei der Post, ich konnte die Nachnahme nicht bezahlen am Schalter, Postschalter, und da ist er immer hinter mir her gewesen. Hat aufgepasst, wo ich wohne und abends, wenn ich noch raus ging, dann war er da. Er hat mich richtig umworben, lange umworben, weil ich ja noch gar keine Eile hatte zum Heiraten, da kam man immer noch früh genug und kommt man auch heute noch früh genug. Ich habe mit 22 geheiratet, und habe es nicht bereut. Er war später Postmeister, anfangs haben wir wenig Geld gehabt. Ich verdiente gut bei Melitta, viel mehr als er, er war Postreferendar, also, der wurde dann später befördert, und dann wurde das Gehalt erhöht, aber anfangs haben wir sparsam leben müssen, das ist aber ganz gut.

    Interviewer: War denn, nachdem Sie jetzt geheiratete hatten und das erste Kind da war, wie war die Lage da in Münster? Wie machte sich denn überhaupt die veränderte politische Situation bemerkbar, wie war da überhaupt die Situation?

    Frau Menne: Dass die Juden verfolgt wurden, das war. Und mein Mann hatte Schalterdienst und hatte Minus gemacht, und den Minus müssen die bezahlen, die Schalterbeamten, die Post hat Geld genug, aber der Schalterbeamte steht dafür gerade, und das war eine Familientragödie kann man sagen. Das waren 100 Mark, heute sind 100 Mark nicht viel, aber damals war das viel Geld. Am anderen Tag kommt ein Jude, von der Firma Hass, Hass mit zwei „s". Kommt zum Schalter und gibt meinem Mann die 100 Mark, wir waren total happy darüber, dass wir das wieder hatten. Meinen Mutter hätte das vorgelegt, um, damit kein Schatten auf den Beamten gefallen wäre, aber da hatten wir die 100 Mark wieder von einer jüdischen Firma. Ich habe mit jüdischen Firmen nur gute Erfahrungen gemacht, auch vor meiner Ehe, indem ich da für die jüdische Firma verkauft habe in Warenhäusern.

    Interviewer: Wurde denn, .sagen wir mal so, wurde denn viel gehetzt gegen die Juden ?

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Innerhalb der Bevölkerung oder .?

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: oder ging das von den?

    Frau Menne: Innerhalb der Bevölkerung wurde immer gegen die Juden : „Ach ja, ja, da brauchst du nicht hingehen, der hat jüdische Preise", und dabei stimmte das gar nicht.

    Interviewer: Also diese alten Sprüche?

    Frau Menne: Ja, die alten Sprüche, die wurden da auf der Straße und zwischen den Leuten, wurden die da .

    Interviewer: Ihr Mann im Postdienst hatte ja auch eine wichtige Position.

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Er kommt ja viel mit Menschen zusammen.

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Hat er sich mal dazu geäußert, dass da so eine Stimmungsmache, eine negative Stimmungsmache?

    Frau Menne: Nein, er hielt sich neutral zurück, weil ein Beamter, das ist immer so eine Sache, der steht mit einem Bein draußen. Nein, da war der zu vorsichtig. Wenn es nach meinem Mann gegangen wäre, gäbe es keine Polizei, keine Ehescheidung, nichts. Wäre uninteressant, aber der war reell bis auf die Knochen. Nein, der hat nicht mitgehetzt. Der hat sich das wohl angehört, und wir haben auch zu Hause darüber gesprochen, und wir waren durch die Rückgabe der 100 Mark total happy, weil das für uns viel Geld war damals, und er hatte Minus gemacht.

    Interviewer: Ja, wie ging denn dann das jetzt weiter, dann hatten wir ja so ´38, ´39

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Für viele kam der Krieg ja überraschend

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Und wie ging Ihr Leben da weiter? Wie veränderte sich Ihr Leben?

    Frau Menne: Mein Mann wurde versetzt nach Borken.

    Interviewer: Wann war das?

    Frau Menne: ´38, da musste er Postmeister machen, also, er war befördert und leitete da die Post, und dann kriegten wir eine Dienstwohnung, und finanziell ging es uns da auch besser. Ja, und das war eine interessante Tätigkeit, Postmeister zu sein. Wir kriegten eine Wohnung zugewiesen und angeboten. Konnten uns aussuchen, das war sehr gut, und mein Mann musste in den Postschutz. Das ist keine SA, aber das ist, Partei ist das natürlich. Der musste, der kriegte eine Postschutzuniform und musste dann, wenn etwas gewesen wäre, hätte er antreten müssen. Ja, und wir hatten eine schöne Wohnung in Büren und mussten raus, da kamen die Engländer, die Besatzung später

    Interviewer: Das war ja später.

    Frau Menne: Das war später.

    Interviewer: Aber wie waren denn diese Kriegsjahre, sagen wir mal, einfach mal, und ´39 wie ging es dann weiter? Haben Sie dann noch wieder gearbeitet, oder haben Sie sich nur die Familie, .was heißt nur, haben Sie die Familie versorgt? Wie ging das Leben weiter, es muß sich doch einiges geändert haben.

    Frau Menne: Ja, meine Mutter hat an der Post gearbeitet. Die hatten wir ja mitgenommen, weil die zweite Ehe missglückt war, hatte ich die zu mir genommen, und die hat dann an der Post gearbeitet. Gelegenheitsarbeiten gemacht, und dadurch hatten wir etwas mehr Geld, und ich habe dann nur den Haushalt gemacht und die Kinder, klar. Das war damals nicht möglich, dass man noch Arbeit annahm .Mein Mann sagte: „Das ist eines Beamten unwürdig, du arbeitest nicht", der wollte das nicht. Ich hätte halbe Tage für Melitta noch gerne gearbeitet, das hätte Geld gebracht, und das wäre interessant gewesen, aber er hat es abgelehnt. „Das ist eines Beamten unwürdig", höre ich ihn heute noch sagen, unwürdig also. Nee.

    Interviewer: Und der ist im Postdienst geblieben, oder ist er eingezogen worden?

    Frau Menne: Ja, er wurde eingezogen, später, 1944 wurde er eingezogen

    Interviewer: Die Jahre vorher ist er im Postdienst geblieben?

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Das musste ja auch alles abgewickelt werden!

    Frau Menne: Ja, eben.

    Interviewer: Man konnte ja nicht alle Berufe auseinanderreißen und an die Front schicken!

    Frau Menne: Nein, er ist eingezogen worden und war Reserve und ist in Hamm in einer Kaserne, die bombardiert wurde im Keller, unter die Trümmer geraten. Waren 41 Soldaten in dem Keller, 40 sind gestorben, durch die, durch die Bomben. Er hatte in einer Türfüllung gestanden und ist nicht getroffen worden, nur zum Teil. Man hat ihn dann ausgebuddelt, und er hatte nicht viel abgekriegt. Der hat eben Glück gehabt, so ist das mit dem Krieg verlaufen.

    Interviewer: Und Sie waren in Büren während der Zeit?

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Machte sich denn da diese Versorgungsknappheit.

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Wenn Sie da noch mal so ein bißchen darüber erzählen könnten?

    Frau Menne: Ja, ja, es gab ja schon lange Lebensmittelkarten, die Lebensmittelkrankheit Knappheit. Ich habe mich versprochen Und da war ein Metzgermeister, der war so ein Bulle, und wenn wir das Fleisch holten, 50 Gramm, in der Woche gab es 50 Gramm. Ich sage: „Herr Dietrich, das war so ein schönes Stück", ich habe ihn immer gelobt. Dann war der Mann hingerissen, dann hat er mir ein paar Gramm mehr gegeben. Männer muss man loben, dann kommt man weiter. Ja, der Herr Dietrich war das. Ja, und Lebensmittelkarten hatten wir dann, und meine Mutter arbeitete an der Post und kriegte auch manchmal eine Brotkarte oder so, .die übrig bleiben konnte. Da ist noch ein Stuhl und ein Sessel. Ja, wir haben uns tapfer durchgeschlagen durch die knappe Zeit, weil eben meine Mutter da an der Post beschäftigt war, und mein Mann. Und dann 1944 kam die Besatzung, die hat uns

    Interviewer: ´45!

    Frau Menne: ´45, ja gut, ´45. Man vergisst so schlechte Sachen auch gerne. Da mussten wir aus der Wohnung raus, einfach raus, wir durften nichts mitnehmen und haben oben im Postamt auf dem Trockenboden kampiert mit nichts. Ja, einmal am Tag durfte ich dann in die Wohnung und das Notwendigste holen, unter Beaufsichtigung. Ja, das war ein Hammer, Ostern auf dem Trockenboden da verbracht, in der Post, waren schwere Zeiten.

    Interviewer: Aber waren Sie denn nicht froh, das der Krieg zu Ende war, die politische Situation sich verändert hatte? Wie waren da die Gedanken?

    Frau Menne: Gut, mein Mann wurde dann nicht entlassen, sondern kam in Gefangenschaft und zwar in der Nähe von unserem Wohnort. Der kam nach Marsberg und musste da in einer Fabrik arbeiten. Die Entnazifizierung bahnte sich da ja auch schon an, da haben wir harte Jahre durchgemacht. Er musste, er war kein Beamter mehr, er musste einfach während der Entnazifizierung arbeiten in einem Autobetrieb, also wo Kurbelwellen gemacht wurden, da hat er arbeiten müssen für wenig Geld, aber meine Mutter kriegte ja auch etwas Geld von der Post. Wir haben uns tapfer durchgeschlagen.

    Interviewer: Und wie ging das dann weiter nach der Entnazifizierung?

    Frau Menne: Ja, die hat ja erst einmal gedauert 2 Jahre, und nach der Entnazifizierung, da bekam er eine stattliche Summe ausgezahlt als Entschädigung und war wieder Postbeamter, da ging es uns wieder besser, da konnten wir uns erst einmal einkleiden für das Entschädigungsgeld, und glücklich waren wir immer.

    Interviewer: Wer zahlte denn das Entschädigungsgeld?

    Frau Menne: Die Entnazifizierung .

    Interviewer: Behörde ? Also, es war ja wahrscheinlich von den Engländern, von den Besatzungsmächten.

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: ist das ja ins Leben gerufen worden.

    Frau Menne: Ja, ja, nehme ich an. Das weiß ich nicht, wir haben es von der Post bekommen oder über die Post, und damals brauchte er dann nicht mehr Postschutz machen. Postschutz bedeutet da sein, helfen, wenn was ist, aber die Post ist nicht überfallen worden oder in Mitleidenschaft gezogen worden.

    Interviewer: Ja, sind sie denn dann wieder zurück nach Münster gezogen, oder waren Sie da noch in Büren?

    Frau Menne: Wir waren noch in Büren, und eine Tochter war da auf der Schule und wollte das Abitur machen, aber das konnte man da nicht, das war auch so eine Mädchenschule. Büren ist ein schöner Ort, da bin ich neulich mal hingefahren von meinem Geld, habe einen bekannten Taxifahrer genommen, der hat das billiger gemacht, und da haben, hab ich mir das alles mal wieder angesehen. Büren, da ist ein Jesuiten College und eine große Schule, und da war sie in der Schule, und dann ist mein Mann versetzt worden nach Vreden, Vreden mit „v". Es liegt an der holländischen Grenze, und da ist er auch noch lange zur Post gegangen. Kriegte aber die Parkinsonsche Krankheit, leider, und da hat man ihn frühzeitig pensioniert, weil das nicht mehr klappte mit der Post. Der hatte die Busverbindungen, die Postbusse, wann die abfahren, und da musste er den Leuten Auskunft geben, und durch die Parkinsonsche Krankheit verlangsamt sich das alles. Wenn man ihn etwas fragte, dauerte das eine Weile, bis er antworten konnte, er antwortete richtig, das blieb noch, aber zu langsam, und da hat man ihn dann frühzeitig pensioniert.

    Interviewer: Ist in Büren, ich muss noch mal auf die Kriegsjahre zurückkommen. Haben Sie da etwas von den Bombenangriffen oder von dieser ganzen

    Frau Menne: Ja, ja.

    Interviewer: Situation damals mitbekommen?

    Frau Menne: Ja, ja, wir waren oft im Keller, und das Haus, wo wir wohnten, ist auch beschädigt worden durch Bombenabwürfe. Die sind da so vorbeigekommen, die Bomben. Die Fenster waren kaputt, das war ziemlich unangenehm.

    Interviewer: Also hat man etwas bemerkt vom Krieg?

    Frau Menne: Ja, ja.

    Interviewer: Es war nicht so, als wenn Büren vom Krieg unberührt blieb?

    Frau Menne: Blieb nicht unberührt ,da ist auch eine Bombenschneise runter- gekommen, und unser Haus, wo wir mietsmäßig wohnten, hat auch ja, die Front hat gelitten. Fenster kaputt und die Straße war beschädigt, aber das macht ja nichts. Fenster haben wir neue gekriegt, aber die Splitter und den ganzen Dreck, das haben eben die Frauen, müssen das wieder in Ordnung bringen. Uns ist nichts passiert, weil ich immer darauf drängte: „Wir gehen in den Keller", und wir sind oft im Keller gewesen. War ja oft Alarm. Ja.

    Interviewer: Die Besatzungsmacht nach dem Krieg, haben Sie irgendwie Kontakt zu den Engländern oder .

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Amerikanern gehabt? Was ist da passiert in der Zeit?

    Frau Menne: Zu allen habe ich Kontakt gehabt, weil wir ja raus mussten aus der Wohnung, einfach schnell weg, ohne etwas mitzunehmen, und die Engländer und später die Amerikaner, die haben gehaust in der Wohnung, richtig gehaust. Die haben auf guten Mobilar, haben die gekocht, und die nahmen alles in Besitz, und meine Mutter hat mir das zweite Mal das Leben geschenkt, indem sie mir Also, da war so ein Kanonenofen, also das ist so ein runder Ofen, und da hatten die Engländer alles mögliche reingestopft, und als wir die Wohnung wieder beziehen durften, da haben wir dann aufgeräumt und alles, und ich musste den Ofen anmachen, das war so meine Aufgabe. Ich kniete dann vor dem Ofen und zündete das Feuer an, und das wollte meine Mutter nicht. „Nein", sagt sie, „ich guck mal erst, was die da reingestopft haben." Und tatsächlich, da war so ein Geschoss in dem Ofen. Das hatten die da nicht mit oder ohne Absicht zu dem Müll gestopft. Das wäre mir ja alles ins Gesicht geflogen, und da hat sie durch ihre Vorsicht, dass sie das auspackte, das Geschoss rausgenommen. Ich sehe das Geschoss noch vor mir, da hat sie mir das Leben gerettet, weil ich eben zuständig war für den Ofen, und anfangs musste man bei dem Kanonenofen ein bisschen dabei bleiben, bis sich die Flamme da durchgeschwängert hatte, bis er da richtig im Zug war. Später natürlich, die Öfen waren sehr gut, sehr schön. Schneiden Sie da was weg jetzt?

    Interviewer: Ja, wir setzen das so ein bisschen in eine Reihenfolge!

    Frau Menne: Aha, dann ist ja gut.

    Interviewer: Habt ihr noch irgendwelche Fragen?

    Interviewer: Ja, mich würde noch kurz etwas interessieren und zwar, als Sie nach dem Krieg von der systematischen Judenverfolgung erfuhren

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: waren sie da überrascht, oder hatte man das immer schon ein bisschen geahnt?

    Frau Menne: Ja, das hat man geahnt, weil die Bevölkerung eben immer gegen die Juden war, und ich war immer dafür, weil uns dieser Hass hundert, die 100 Mark anstandslos wiedergebracht hat, und ich bei einer kulanten jüdischen Firma gearbeitet habe. Ich habe da Verkaufsschlager unter die Leute gebracht und habe gutes Geld verdient und immer tolerant. Ich habe den Mann nie gesehen, der wohnte in Frankfurt.

    Interviewer: Aber Sie sagen die Bevölkerung?

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Sie sagen .die Bevölkerung, jeder ist ein Teil der Bevölkerung!

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Man ist natürlich anderer Stimmung, konnte man irgendetwas tun, gab es überhaupt die Möglichkeit, um irgendetwas zu bewirken dagegen, um das aufzuhalten, die Hetzerei?

    Frau Menne: Ja, da konnte man nicht, und als Postbeamter macht man das auch nicht, nein. Weil der ja kolossal reell war. Ich nahm das alles leichter, ich habe auch geschmuggelt, von Holland Sachen reingeholt, die man da nicht bekommen konnte die Zeit. Da habe ich Kaffee geschmuggelt usw. und Fett und was man so notwendig braucht, aber er: „Wenn wir da durch den Zoll müssen, gehören wir nicht zusammen." Na gut, Hauptsache da wir später wieder zusammengehörten. Nein, da gab es kein bisschen, was Unrecht gewesen wäre.

    Interviewer: Sie wussten zu diesem Zeitpunkt schon von Konzentrationslagern?

    Frau Menne: Ja, war da auch.

    Interviewer: Das war Ihnen da schon bewusst, dass die Juden also irgendwie nicht auf Reisen gehen, sondern halt in solche Lager kamen?

    Frau Menne: Wer, wie kam in Lager?

    Interviewer: Na, die Juden!

    Frau Menne: Bitte?

    Interviewer: Das die halt nicht, die sind ja aus Münster entfernt worden

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: und dass die jetzt nicht irgendwie, ja, einfach nur verlagert wurden, sondern wirklich getötet worden sind in den Konzentrationslagern?

    Frau Menne: Ja.

    Interviewer: Das haben Sie geahnt?

    Frau Menne: Ja, das wussten wir, aber da konnte ein normal Sterblicher nichts machen, und mein Mann hätte was machen können, aber ein Beamter macht das nicht. Außerdem stand ein Beamter ja auch mit einem Bein draußen. Der hätte nichts unternommen, wollte das nicht. Der ging nur den geraden Weg, keine Polizei, keine Ehescheidung, nichts. Gab es für ihn nicht.




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