|
|
Interviewter: Hermann Leifker
Geb. 27.06.1912
Sanitäter
Interviewer: Franjo Hülck
Herr Leifker: Mein Name ist Hermann Leifker, geboren am 27. Juni 1912 in Rheine, Westfalen. Bin katholischer Priester seit 1936 und war zu Kriegsbeginn Kaplan in Westkirchen Kreis Warendorf. ´32, ich habe Hitler nicht gewählt, wie fast alle katholischen Leute, aber es war so eine katastrophale Lage, dass manche sagten: „Es muß anders werden", und Adolf versprach: „Ich verschaffe euch Arbeit." Vielleicht..... stimmte es doch, und der kann sich die Hörner abstoßen und so eine christliche Einstellung. Er könnte sich auch ein bißchen umtun, ändern, und da haben manche aus dieser Verzweiflung heraus gewählt. Ich den noch an 32, an die Beerdigung in meiner Verwandtschaft, heiße Diskussion beim Mittagessen, für und kontra. Sehe noch einen aus Borghorst, der war so scharf kontra gegen Hitler. Da war dann die Verwandtschaft von Emsbüren, Bauern, denen es schlecht ging: „Vielleicht, vielleicht hilft er uns", und die Diskussion kam dann nicht zu einem Ergebnis, die Fronten blieben stehen. Aber ich habe das noch miterlebt und auch genau so, ich sag: „Der darf nicht dran, der darf nicht dran, auf keinen Fall". Und dann kam ´33, Ende Januar, 13. Januar, ich lag mit der Grippe im Bett in Münster im Theologenkonvikt, da klopft abends einer von meinem Studienkursus bei mir an: „Adolf Hitler ist Reichskanzler" .Sag ich: „Oh Herr, oh Herr, oh Herr, Reichskanzler Adolf Hitler, was mag das bloß werden ?" Und da haben wir im Stillen gehofft, na ja, der stößt sich die Hörner auch nochmal ab, wie die andere Regierung, eine wieder hoch, wieder in den Keller. So haben wir dann noch im Stillen gehofft, aber dann war, merkten wir, dass er ( Hitler ) doch vieles hinter sich hat, vor allen Dingen durch sein Versprechen: „Ich verschaffe euch Arbeit", man muß sich hineindenken in die Situation, keine Arbeit, keine Aussicht zu haben, alles wurde immer noch schlechter. Und da kam im März das große Versprechen: „ Ich( Hitler ), ich arbeite mit der evangelischen und katholischen Kirche zusammen. Ich werde nichts gegen die Kirche tun." Da haben manche aufgeatmet, vielleicht doch, und die Bischöfe mußten ihr Verbot aufheben. Adolf Hitler ihnen das feierlich versprochen hat: „Ich werde nichts gegen die Kirchen unternehmen", da konnten sie nicht mehr verbieten Hitler zu wählen, und dann ist er auch nicht mit Mehrheit gewählt worden, aber mit einer starken Minderheit gewählt, und da war dann die im März, ich glaube den 21. März, der Gottesdienst in der Garnisonskirche in Potsdam, und so ist das dann gelaufen. Den nächsten Monat ging es auch, dann brachte der ( Monat )das Konkordat, es ging so schnell, und es war so günstig, das Konkordat, günstiger als das frühere mit der Preußenregierung. Da haben wir gesagt: „Ja", wo man so seine stillen Bedenken hatte, und gewählt habe ich ihn nicht, wie ich schon sagte, und es auch die meisten Katholiken nicht, aber weil sie arbeitslos waren und sagten, man hätte das versprochen, vielleicht hilft es doch. Dadurch ist er dann auch nicht mit Mehrheit, wie ich eben schon sagte, aber mit einer starken Minderheit gewählt worden. So dass er also auch legal an die Regierung gekommen ist, das müssen wir feststellen.
Interviewer: Wie ging es mit Ihnen persönlich dann jetzt, danach weiter?
Herr Leifker: Mit mir?
Interviewer: Ja!
Herr Leifker: Es lief alles weiter wie bisher. Ich war Student, und lief alles weiter wie bisher. Und wir Theologen, wir hielten so zusammen, wie ich das vorhin nochmal gesagt habe, und da konnte bei uns geredet werden, was wollte, es kam nicht ein Bruchteil einer Silbe nach draußen hin. Wir waren abgelehnt, und es lief auch noch verhältnismäßig ruhig noch.
Interviewer: Und die Entwicklung, Sie wurden dann zum Priester geweiht!
Herr Leifker: Ja, das war schon im November, im Dezember `33, da war das 100% klar, dass also kontra, da gegen Judentum und gegen Kirche. Da hat Kardinal Faulhaber, hat er vier große Predigten gehalten in München, drei gegen den Antisemitismus, ja, und eine gegen seine deutschen, wie soll ich es formulieren, den Germanismus, die haben Aufsehen erregt.
Interviewer: Oder Nationalismus?
Herr Leifker: Ja, gegen den Pan Germanismus
Interviewer: Ja!
Herr Leifker: Ja, im narzißtischen Sinne, da haben die, es war aber auch schon im Herbst klar, im Sommer, da hat noch unterstützt, also, Klemens August in Münster zum Bischof geweiht wurde, ich bin bei der Bischofsweihe dabei gewesen, da zogen die NS Formationen in Uniformen in den Dom ein, um zu dokumentieren: „Wir sind nicht gegen die Kirchen, wir unterstützen sie, wir gehen mit."
Interviewer: Ja, das ist jetzt die große Geschichte und die kleine Geschichte? Ihre persönliche jetzt?
Herr Leifker: Persönliche?
Interviewer: Ja, wie ging es weiter mit Ihnen? Sie wurden dann doch zum Priester geweiht?
Herr Leifker: Ja, ich war, ich habe während des Studiums überhaupt keine Schwierigkeiten gehabt mit Nazis. Ich war zwar ein Semester in Innsbruck, da waren wir, konnten wir gegen die Nazis demonstrieren, aber sonst habe ich keine Schwierigkeiten gehabt. Durfte man auch meiner Heimat, die Primiz feiern ( Erste Messe des neugeweihten kath. Priesters ), durfte ich halten, war alles frei. Noch keine nationale Fahne, die gezeigt werden mußte, nichts. Ja, und dann kam das so nach und nach als Priester. Wie soll ich das jetzt eigentlich schildern?
Interviewer: Ja, ich weiß, das ist schwer, aber also wenn das Alltagsleben noch normal weiter ging?
Herr Leifker: Ja, meine erste Kaplanstelle, ja, da kriegte ich schon Schwierigkeiten. Da kriegte ich Schwierigkeiten, ein Lehrer dort, an der Schule, der machte Schwierigkeiten. Und ich habe auf der Kanzel manchmal sehr, sehr offen gesprochen, da kriegte ich von ihm einen Brief. Der Pastor, der wagte das nicht, ich habe es einfach getan. Na ja, ich wußte auch noch, wie weit man gehen darf. Dann kam es ja immer schlimmer, und ´39, nein ´41, wurde ich dem entzogen dadurch, dass ich Soldat wurde. 6. Januar ´41, da war ich aus dem ganzen Nazischlamassel raus, und bei der Wehrmacht war bei uns keine Nazizeit, keine Nazistimmung.
Interviewer: Erzählen Sie doch mal jetzt über die Wehrmachtszeit!
Herr Leifker: Wehrmachtszeit, ja ich bin eingezogen 6. Januar ´41, in Münster bei der Sani A6, Sanitätsersatzabteilung 6 in Iserlohn, dort ausgebildet, Vierteljahr Rekrutenzeit, dann Aufstellung der Feldeinheit Krankentransportabteilung Motz 706 in Soest, und von dort sind wir nach 2 Monaten ausgerückt. Immer nur nicht angaben wohin, es ging bis zur nächsten Verteilstelle, da mußte der Kommandant den nächsten Befehl abholen, ging es wieder bis zur nächsten Verteilstelle, Befehl abholen. Da ging es bis Stettin, da nächsten Befehl abholen. Dann kamen wir auf ein Schiff, wo geht das hin? Keine Ahnung, und dann ging das bis nach Finnland. Plötzlich hieß es: „Jetzt fertig machen, wir müssen das Schiff verlassen." „Wo geht das denn hin, in Finnland ist ja nichts, ist ja alles sehr friedlich!" „Ja, das geht nach Narvik durch Finnland, durch Schweden durch, und da lagen wir in einer Kaserne, in einer Schule direkt an der finnischen Grenze. Der Fluß grenzte die beiden Städte Haparanda, und ich komme nicht mehr auf den finnischen Namen (Tornio), und dort lagen, wir haben, wußten nicht, was wir sollten, formal exerziert, wie in der Kaserne, und dann kam der Sonntag, der 22. Juni. Morgens kam durchs Radio durch: „Wir sind gegen Rußland ins Feld gezogen", gegen Rußland 22. Juni 41, und ja, und da lagen wir da, und wußten nicht was wir sollten. Ein paar Tage drauf wurden wir dann verlegt, russische Grenze. In Versalla wurde gekämpft, gab viele Verwundete, viele Tote und wir richten eine Krankensammelstelle in Kemijärvi ein, haben uns die gesammelt, und die schwer verletzt waren, die wurden von der Krankentransportabteilung weitergeleitet nach Kemi ins Kriegslazarett. Die anderen wurden bei und ein bißchen betreut, und dann wurden die leicht Kranken ins Lazarett geschickt. Wir hatten Nottransport und sammeln für ein paar Stunden, versorgen und dann weiter. Das war unsere Aufgabe. Bis der Feldzug im Salla, Mittelabschnitt von Finnland, zum Stillstand kam. Dann haben wir Krankensammelstellen eingerichtet weiter, und es lief nichts.
Interviewer: Aber die Anzahl der Verletzten, nahm die dann zu nach einer gewissen Zeit?
Herr Leifker: Bitte?
Interviewer: Die Anzahl der verletzten Soldaten, nahm die zu mit den Kämpfen oder mit dem ?
Herr Leifker: Ja, ja, während der Salla Kämpfe, da war ja klar, da nehmen sie zu, nachher ging es wieder, da war Stellungskrieg. Und bei den Krankensammelstellen wurden sie versorgt, also zum Kriegslazarett oder Heimatlazarett. Kriegslazarett bis nach Oulu oder mit dem Zug durch Schweden nach Deutschland. Ich wurde dann im November `41 versetzt nach Mittelfinnland, wir waren nur in Lappland. In Mittelfinnland, da war ein finnisches Lazarett, und wir hatten einen Kampfeinsatz am Swir, auch finnisch am Süverie, im Süden von Finnland, und da hörte der Feldzug auch, da war das Lazarett überflüssig in Jeveskulä, kam ich wieder nach Lappland hin. Und der Kommandeur der deutschen Transportabteilung kam aus Münster, Nordstraße, Hermann Wilhelm Hinsen, Dr. Wilhelm Hinsen, Oberstfeldarzt. Ja, und dann kam ich wieder nach Lappland hin und haben dann Betreuen der Kranken gemacht, was heißt, ich war damals im finnischen Kriegslazarett, bei den Finnen war ich dort. Wir hatten deutsche Soldaten dort liegen, und ich war mit Verwaltung beschäftigt, Papier, Personalien aufnehmen und konnte sonntags wieder einen Gottesdienst halten, für die Katholiken, die wollten das. In der Turnhalle einer Mittelschule. Nach einem Dreivierteljahr ging es dann wieder rauf nach Lappland, und dann ist praktisch nichts mehr geschehen. Verwundete, Verletzte und so weiter, die kamen zu den Krankensammelstellen und so weiter, und ich wurde, war schon nach Mittelfinnland in die Verwaltung versetzt, Stab, also nur Papierkrieg.
Interviewer: Und Ihr angestammter Beruf so zusagen, als Priester, wurde gar nicht gefragt?
Herr Leifker: Gar nicht gefragt! War sogar offiziell verboten, wir durften keinen Wehrmachtsgottesdienst halten, es war uns verboten.
Interviewer: Ich dachte, es hätte Militärseelsorger gegeben?
Herr Leifker: Die, das waren die Offiziellen, die Kriegspfarrer, wir waren ja nicht als Kriegspfarrer eingesetzt, sondern als Soldaten, Gefreiter, Obergefreiter, Unteroffizier, als gewöhnliche Soldaten, allerdings Sanitätssoldaten, die das Sanitätszeichen tragen durften. Aber nichts mit Geistlichem zu tun, gar nichts, war alles verboten. Wir haben wohl die Messe gefeiert sonntags nachmittags, mit Kameraden, die kamen, und ich habe oft, wenn ich Telefonwache nachts hatte, dann habe ich zwischen zwei und drei die Messe gefeiert, hatte dann eine Messtasche, wo ich alles drin hatte, auf meinem Schreibtisch, wenn ich Nacht.., also Nachtwache hatte, Schreibtisch..
Interviewer: Halt, stop mal ja!
Herr Leifker: Und hatte links das Telefon, wenn das Telefon während der Messe ging, habe ich während der Messe mitten in der Messe telefoniert, dann die Messe wieder weitergelesen.
Interviewer: Ja, jetzt kann ich ja nochmal so ein bißchen nachfragen.
Herr Leifker: Ja, ja, das ist ja besser, viel besser.
Interviewer: Ja.
Herr Leifker: Sie wissen was Sie wollen.
Interviewer: Ja, ich will das ganz normale Leben, aber ich muß immer mal jetzt so denken, was Sie erzählt haben, ich überlegen, was könnte noch interessant sein.
Herr Leifker: Ja.
Interviewer: Und für mich ist z.B. die Stimmung bei den Verletzten oder bei Ihnen. Wie war die am Anfang, und wie entwickelte sich nachher die Stimmung?
Herr Leifker: Ja, bei den Verletzten und so weiter konnte ich das nicht kontrollieren. Die kamen, kriegten was zu Essen, Verbände, weiter, so dass also gar kein Gespräch so recht möglich war, weil ja nur zwei Stunden, drei Stunden, längstens eine Nacht. Da war also praktisch gar kein Gespräch möglich, wegen der Zeitfrage...
Interviewer: Ja.
Herr Leifker: Zeitlage.
Interviewer: Und bei Ihrer Einheit jetzt ´41, fing der Russlandfeldzug an.
Herr Leifker: Ja.
Interviewer: Wie entwickelte sich die Stimmung in Ihrer Einheit?
Herr Leifker: Stimmung, man muss, man muss..., wir können ja doch nichts ändern. Schimpfen so, aber es nützt nichts, nützt nicht, kann nicht, und wenn man viel sagte, hängt man drin, wurden erschossen, erschossen.
Interviewer: Bitte?
Herr Leifker: Ja, selbstverständlich wegen Defitismus (Wehrzersetzung ). Oh, ich habe sie entlaust, solche Leute. Aber ich habe immer nur gesagt: „Kerl, halt die Schnauze, wenn du nicht was sagen mußt, wenn du was sagen mußt, ja, dann darfst du nicht schweigen, aber ich brauche nicht einfach auf den Markt gehen, hier ich bin gegen Hitler."....... So war das bei uns.
Interviewer: Ja, und warum, können Sie noch einmal erklären, warum das so war? Hatte man Angst, dass es weiter ging?
Herr Leifker: Ja, weiter bringt, und es bringt nichts, weil man ja doch als einzelner verloren ist, bringt uns keinerlei Vorteile, keinerlei Änderungen. Es ist unsinnig, dass man so einfach Pulver verschießt und kommt nichts.
Interviewer: Also, es gab auch nicht jetzt die Überlegung, dass man sagte: „Es kann sich dadurch jetzt ein Widerstand aufbauen?"
Herr Leifker: War gar nicht möglich, war gar nicht möglich, war gar nicht möglich. Unter uns haben wir so oft zusammen gestanden und zusammen gesessen und habe geschimpft, und meist waren es die Schwarzen, die Theologen, die katholischen Geistlichen, geschimpft, und da passierte auch natürlich nichts, weil wir uns gegenseitig kannten, meine letzten geistlichen Kriegskameraden sind voriges Jahr verstorben. Einer war der erste Kaplan von Bischof Hengstbach, dann einer war Franziskaner hier in Dülmen, und mein Kommandeur, sagte ich ja, der kam aus Münster, Nordstraße. Da waren wir kontra, auch der Kommandeur auch, aber er hat, der Kommandeur hat mir am Montag nach Weißem Sonntag 1941, muß ich überlegen, ´41, nein, das kann nicht, ´42, der hat gesagt: „Der Krieg ist verloren", das ist doch was, ein Oberst das zu sagen. „Der Krieg ist verloren", der hatte gute Beziehungen zum OKH ( Oberkommando des Heeres ) , er hatte das mir gesagt, wir fuhren im Zug zusammen von Mittelfinnland nach Nordfinnland. Er wußte genau Bescheid, wer ich war, und ich wußte auch Bescheid, wer er war. Offiziell im Dienst war der ganz offiziersmäßig: „Bitte, Meldung", aber wenn wir ganz privat waren, dann!
Interviewer: Also Sie sagten nach, ich weiß es gar nicht mehr, ´43 und so weiter, waren dann da oben keine Kämpfe mehr, und es ließ einfach nach?
Herr Leifker: Es lief Stellungskrieg.
Interviewer: Ja.
Herr Leifker: Der, wir gucken, was die machen, und die gucken, was wir machen, war nichts mehr los. Natürlich gab es Verwundete, die mußten ja immer Spähtrupp machen, ja, da konnt‘s passieren, auf Mienen laufen, und es konnte auch einen Schuß geben. Sonst war das da ziemlich ruhig, und da wurde es erst wieder akut ´45, nein Herbst ´44, da war im Nordabschnitt, ganz oben Kämpfe mit den Russen, und da hat es viele Verwundete gegeben. Da war meine Aufgabe, die Verwundeten zu versorgen, sie zu versorgen mit Transport, dass sie wegkamen. Ich hatte meine Listen da liegen, konnte ich sagen, wieviel kann die aufnehmen, was hat, was kann ich mit dem Schiff, was kann ich mit dem Flugzeug wegkriegen? Und dann ließ ich mir immer die Meldung geben, wieviel habt ihr, ich sag: „Schickt man soviel rüber", von dem Feldlazarett. „Schickt mir mal rüber, die kommen morgen früh, werden die abtransportiert." Und das war meine Aufgabe eine Zeit lang, da oben die Kämpfe waren. Ich war damals Unteroffizier, offiziell mußte dafür zeichnen ein Offizier, wie so ein kleiner Mann, Unteroffizier, ist ja nichts. Der war ja nur Offizier, aber praktisch lag das in meiner Hand da.
Interviewer: Und wie entwickelte sich dann das Ende des Krieges?
Herr Leifker: Ende des Krieges, ja, da lagen wir nachher wieder oben in Nordnorwegen, nichts zu tun, nur Beschäftigung so ein bißchen, Langeweile. Dann in Mittelnorwegen, dann in Südnorwegen, in Oslo, auch nichts, und dann war der, wir hatten da Verwundete, chirurgische Fälle. Ich war in der chirurgischen Abteilung eines Kriegslazarettes, und dann kam die zweite Woche vor Ende, dass die Norweger randalierten, soffen und den Sieg feierten. Die hatten nichts mehr zu befürchten, den Sieg feiern, und dann kam der Montag, muß ich das Datum sehen, kurz vor drei durchs Radio: „In Kürze kommt eine wichtige, ernste, für das deutsche Volk ernste Meldung." Dann kam es so 10 Minuten später, trat Schwering Kosich ans Radio und sagte: „Wir müssen dem deutschen Volk eine ernste, bittere Mitteilung machen. Deutschland hat den Waffenstillstand beschlossen und damit den Krieg beendet. Von der kommenden Nacht über nächsten Nacht an", es war Montag, „von Dienstag auf Mittwoch der Nacht, 0 Uhr oder 24 Uhr, schweigen die Waffen." Ja.
Interviewer: Ja, und was ging in den Soldaten vor, haben Sie da was gespürt?
Herr Leifker: „Gott sei Dank, Gott sei Dank ist der Schlamassel zu Ende", wußten ja alle, ist ja doch zwecklos, kein Sieg.
Interviewer: Haben Sie denn in Norwegen z.B., haben Sie da irgendetwas bemerkt vom norwegischen Widerstand?
Herr Leifker: Ich habe von dem Widerstand nichts bemerkt, weil wir auch immer sehr weit ablagen von Städten, wir waren irgendwo in der Gegend, da habe ich nichts gemerkt. Nur am Schluß, wie sagte, schon 8 Tage vorher, dass sie Siegesfeier machten. Sonst habe ich vom Widerstand nichts merken können, weil wir keinen Kontakt mit der Bevölkerung hatten.
Interviewer: Und das Ende in Norwegen, wurden Sie jetzt gefangen genommen, oder wie ging das vor sich?
Herr Leifker: Ja, Tage danach wurden Gefangenenlager eingerichtet, unsere bisherigen Unterkünfte, die wurden als Gefangenenlager eingerichtet, und ich war bereits von meinen Kameraden weg, ich war den in Stab versetzt und kam dann wieder mit dem PKW ins Lager hinein. Und da hatten wir im Lager Selbstverwaltung. Vor dem Lager standen englische Soldaten und auch norwegische Soldaten, die natürlich nur sehr schlecht ausgebildet waren, sehr schlampig nach unseren deutschen Maßstäben, und dann kam ich eine Zeit lang in ein Lager für politische Gefangene, warum, nicht weil ich politisch war, sondern die Lagerleitung, die deutsche Lagerleitung wollte einen katholischen Pfarrer habe. Da bin ich drin gewesen 8 Tage, und da wurde denen das zu gefährlich, einen Pfarrer zu haben, da haben sie mich wieder weggeschickt zu meinen Kameraden, und ich war froh, dass ich wieder bei meinen Kameraden im Lager war. Im Herbst `45, begann die Rückführung aus Norwegen. Zuerst die Soldaten aus der französischen Besatzungszone, und die kamen, wie sie meinten, nicht nach Hause, sie meinten nach Hause, sondern wurden in französische Lager versetzt und hatten es schlecht. Die Franzosen schlecht behandelt, und wir gehörten zur englischen Besatzungszone, und die meisten waren entlassen, und ich wurde noch nicht entlassen, aber Begründung: „Sie sind Sanitäter, wir brauchen Sanitäter." Das andere war Begründung: „Sie sind Pfarrer, wir brauchen Pfarrer." Bis ich dann am Tag vor Allerheiligen ´45, Radau gemacht habe, sag ich: „Entweder bin ich Pfarrer, oder ich bin Sanitätsdienstgrad, eins von beidem. Wenn es heißt Sanitätsdienstgrad, dann werde ich entlassen, dann verlange ich das, und wenn es Pfarrer, dann verlange ich das." Da bin ich einen Tag vor Allerheiligen entlassen worden. Ja, oben in ein Zwischenlager, erst mal ein Lager noch in Norwegen, bis wir wegkamen, dann auf ein Schiff, dann lagen wir in Neustadt, Holstein, kamen nicht weg. Nach Münster nur eine Nacht, und dann wurde ich entlassen.
Interviewer: Die Frage nach dem Militärpfarrer.
Herr Leifker: Ja, ich habe wenig Militärseelsorger gesehen. Einen hatten wir, einen Armeepfarrer, der war tip top in Ordnung, der behandelte uns auch als Priester, als Konfratres, Mitbrüder. Habe auch einen erlebt, vor dem mußte ich strammstehen wie vor einem Offizier.
Interviewer: Die waren im Offiziersrang, glaube ich?
Herr Leifker: Ja, ja, die waren im Majorsrang, und wir waren ja nur in, höchstens Oberfeldwebelgrad, konnten wir haben. Wir mußten dann vor dem strammstehen, das habe ich erlebt bei einem. Der war aber auch mehr Offizier als Seelsorger. Die anderen, die waren Offizier, aber waren Seelsorger, und so ähnlich war das auch bei den Militärärzten. Es gab Offiziere, Soldaten, und es gab Ärzte. Z.B. mein Kommandeur aus Münster, der war Arzt und Oberstarzt nachher, hohes Tier. Dann habe ich einen anderen gehabt, der war Oberst, aber war Feldarzt, nein Oberstabsarzt, ja, der war natürlich wieder, wie sag ich es, das war ein Militär, Militärs waren ärztlich gesehen Nieten, aber militärisch. Und wir mußten noch militärische das eben überwinden, dass sie sonst Nieten waren, weil wir sind ja so dumm, waren wir ja auch nicht.
Interviewer: Ja, ja, richtig! Und dann können wir nochmal so kurz eben, als sie in Münster zurück waren, wie dieses Leben sich wieder normalisierte, was heißt normalisierte, ist ja übertrieben, es war ja alles kaputt, aber...!
Herr Leifker: Ja, in Münster bin ich nur eine Nacht gewesen, in der Kaserne, wie die Kaserne heißt, weiß ich nicht, an der Grevener Straße. Bin ich den anderen Morgen entlassen, da bin ich nach Rheine in mein Elternhaus. Da bin ich ein paar Tage gewesen, dann bin ich zu meiner Stelle zurückgefahren, wo ich Kaplan war, bei Westkirchen Kreis Warendorf. Da lief alles wieder normal in der Seelsorge, da war nichts vom Krieg gewesen, keine Bombe gefallen. Ja, am Rande wohl eine bei der......aber sonst, gar nichts, lief alles die normale Seelsorge weiter, ja.
|
|