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Interviewte: Irmgard Ohl
Geb. 1927
Schülerin verschleppt 1941 nach Riga ( Zwangsarbeit )
Interviewer: Franjo Hülck
Interviewer: ´38 bis ´41, bis zur Deportation, es muß sich dann ja noch sehr radikal zugespitzt haben?
Irmgard Ohl: Ja, ja, also da kam dann schon, man mußte um zehn Uhr, im Sommer um zehn zu Hause sein, glaube, oder noch eher. Im Winter schon bei Einbruch der Dunkelheit. Leute, die Schicht gearbeitet haben, als der Krieg ausbrach, da waren ja Juden jetzt, damals schon zur Zwangsarbeit, die hatten dann besondere Ausweise. Die Gestapo kam in die Wohnung, guckte nach, ob man zu Hause war. Man durfte kein Radio mehr haben, kein Telefon, ja, das war 1940 oder Anfang ´41. Also, ich fuhr ja jeden Tag nach Münster zur Schule bis Juli ´41, damals habe ich den Stern noch nicht getragen, also kam er denn (der Judenstern) also kurz darauf. Und ich habe noch in einer Fabrik gearbeitet in Osnabrück, also ich habe im Juli´41 die Schule verlassen in Münster und habe dann in bis zur Deportation im Dezember in einer Fabrik gearbeitet.
Interviewer: Und die Deportation, hat man etwas geahnt, oder ging das mit einem Schlag, packen und los?
Irmgard Ohl: Nein, wir haben 6 Wochen vorher Bescheid bekommen, dass wir dann und dann nach Riga, Lettland deportiert wurden, also zum Arbeitseinsatz, oder wie sich das nannte. Das wußten wir schon, der Transport bestand aus 1000 Personen, Osnabrücker und Umgebung, mehrere jüdische Leute aus dem Emsland, Münster und Umgebung und Bielefeld und Umgebung, das war der Transport, der am 13.Dezember 1941 von diesen drei genannten Städten mit Umgebung, wie ich schon sagte, Richtung Riga fuhr.
Interviewer: Wenn Sie etwas von dieser Stimmung erzählen könnten, wenn das noch geht?
Irmgard Ohl: Ja, das geht noch, natürlich, also wir wurden einen Tag vorher schon abgeholt und wurden in eine Schule geführt, und in der Turnhalle hatte man Stroh ausgelegt, und das war dann für die Nacht unsere Unterkunft, und den Kindern hatte man erzählt, sie hätten schulfrei, weil die Heizung kaputt wäre, also so weit hat man schon getäuscht. Die Schule war nahe am Bahnhof, und wir wurden dann am anderen Tag dort hingebracht, und alles mit Gestapobegleitung, die haben uns auch abgeholt. Ich vergaß noch zu erwähnen, dass wir in dem Schreiben, dass in dem Schreiben aufgeführt war, man konnte pro Person 50 kg Großgepäck mitnehmen, das vorher abgeholt wurde. Es wurde auch abgeholt, und der letzte Wagen des Zuges war der Gepäckwagen. Aber als der Zug in Riga ankam, war kein Gepäckwagen mehr da, da hatten wir nur das, was wir so in der Hand hatten, und ja, drei Tage war die Fahrt nach Riga. Wir wurden unterwegs immer öfter auf Abstellgleis geschoben, es war ja inzwischen schon Krieg, kamen Lazarettzüge oder Fronturlauberzüge, die den Vorrang hatten, und so sind wir 3 Tage unter ganz schlechten Bedingungen nach Riga gefahren. Und hatten insoweit noch das Glück, gesehen an den Transporten, die nach uns abgegangen waren, wir waren noch in Personenwagen, in ganz einfachen Personenwagen. Es war sehr kalt und so weiter, aber es ging noch einigermaßen, wenn man vergleicht, was in den anderen waren, die mit den Viehtransporten und zusammen gepfercht waren. Wenn noch Platz gewesen wäre in den Viehwagon, dass man sich hätte ausstrecken können, dann wäre es auch noch gegangen, aber geheizt sind diese Viehwagons ja auch nicht. Also wir sind unter sehr schlechten Bedingungen, aber auch wir gefahren und nach drei Tagen so angekommen.
Interviewer: Die Eltern mußten jetzt ja den Kindern irgendetwas erklären, weil Deportation, was ist das, warum, weshalb?
Irmgard Ohl : Man wuchs da hinein, man wußte schon, man wurde da hingeschickt, und fertig an, an der Tür machte die Gestapo einen Riegel, und die Wohnung war versiegelt. Nachher hat man sie wohl leer gemacht und unsere Sachen wurden an Ausgebombte verteilt, ich weiß es nicht. Das sind wir nie gewahr geworden.
Interviewer: Als Sie in Münster zur Schule gegangen sind, diese 3 Jahre, glaube ich, ungefähr oder 2 Jahre?
Irmgard Ohl : Das war von Februar ´39 bis Sommer ´41, ja.
Interviewer: War das jetzt, das war doch dann keine jüdische Schule?
Irmgard Ohl : Doch, natürlich...
Interviewer: Das war immer noch, also es war jetzt nicht das Gymnasium.
Irmgard Ohl : Nein, das andere war doch schon gar überhaupt nicht mehr erlaubt, schon vor ´38 nicht. Nein, das war in der Max-Heindorf Stiftung, eine jüdische Schule, der Lehrer war auch gleichzeitig der Rabbiner, er und seine Frau und sein Baby und seine Geschwister sind auch in Auschwitz umgekommen, und der andere Lehrer, der die Kleineren, also die ersten, zweiten Klassen unterrichtete, er und seine Frau, die in Münster wohnten, die Frau war meine Englischlehrerin, sind auch umgekommen. Und von der ganzen Schule hat kaum jemand, ich glaube, die Einzige war ich, die überlebt hat. Ich bin noch kurz bevor ich die Schule dann beendet hatte noch im Juni eingesegnet worden dort, und wir waren vier Mädchen, und ich war die Einzige, die Einzelkind war, die anderen drei hatten Geschwister. Weder diese drei Mädchen, noch ihre Geschwister, noch ihre Eltern haben überlebt. Ich habe als Einzige da überlebt.
Interviewer: Hatten Sie denn die Jahre vorher schon mal gehört, haben Sie ja eben erzählt, dass Familien Deutschland verlassen haben. Was können Sie dazu erzählen.?
Irmgard Ohl : Ja, viele sind schon am Anfang gleich ins Ausland gegangen, sind immigriert, Geschäftsleute oder andere. Meine Eltern hatten noch jeweils ihre alten Eltern, und da wollten sie nicht weg, und mein Vater hat immer gesagt: „Ich bin doch Beamter auf Lebenszeit, ich bin Frontkämpfer, mir wird doch nichts passieren." Dann brach der Krieg aus, dann war eh alles vorbei.
Interviewer: Also es war doch einfach so, dass man es fast eigentlich nicht fassen konnte?
Irmgard Ohl : Ja, man konnte es nicht fassen, oder vielleicht wollte man es auch glauben, ich weiß es nicht. Das kann man schlecht nachvollziehen.
Interviewer: Ja, und dann waren Sie jetzt in Riga?
Irmgard Ohl : Ja, wir kamen an in Riga, im Ghetto, waren anderthalb Stunden, mußten wir gehen vom Güterbahnhof bis zum Ghetto, das war so ein altes Stadtviertel. Heute würde man Slum dazu sagen, und dort waren vorher 40.000 Juden aus Lettland zusammengefaßt, und in diesem Ghetto, und da ja nun die Juden aus dem so genannten „Reich" nach dort deportiert worden sind oder sollten, hat man von den 40.000 Juden 36.000 erschossen, im Wald. Und wir haben die Wohnungen, kleine Wohnungen betreten, so wie die Leute sie fluchtartig verlassen hatten. Das Essen stand auf dem Tisch, es war alles durchgewühlt, es war ja der kalte Winter ´41/´42, was ja auch die Katastrophe von Stalingrad war ja auch in diesem Winter. Alles war zu Eis erfroren. Dort kamen wir an, und, wie gesagt, unser Großgepäck ist nie angekommen.
Interviewer: Wie ging, wenn man das ein Leben nenne konnte, wie ging das dann weiter?
Irmgard Ohl : Ja, also kurz darauf war so genanntes Appell, da mußten wir alle raus und dann wurden die alten Leute oder auch Behinderte ausgesucht, und man hat ihnen gesagt, sie kämen in den Ort Dünamünde, den gibt es in Lettland. Wo die Düna in die Ostsee mündet, dort wäre eine Fischfabrik, und dort würden sie arbeiten. Sie sind nie nach Dünamünde gekommen, und sie sind auch in den Wäldern da um Riga herum erschossen worden. Am anderen Tag kamen Autos, Lastwagen mit ihrer Kleidung an. Sie mußten sich vorher ganz nackt ausziehen und die Kleidung da hinlegen, und die mußte dann noch von Leuten im Ghetto sortiert werden.
Irmgard Ohl: Ja, auch sehr viele im Ghetto bei der Wehrmacht gearbeitet, und da war Wehrmachtsbekleidung, und Leute haben aus dem Reich gestrickt, und was weis ich. Und wer was mitnahm, auch an Lebensmitteln, der wurde erschossen oder erhängt. Und oben im Hause, in dem Haus, wo wir wohnten, wohnte eine Familie Salomon, die aus Münster waren. Meine Eltern waren mit ihnen befreundet, als wir noch in Münster wohnten, und die Tochter ging ein Weilchen mit mir zur Schule, war auch von der höheren Schule wohl wieder zurückgeschickt worden, und die Mutter hatte ein paar Socken mitgenommen von der Wehrmacht , wie sich das damals nannte, und am Ghetto, am Zaun, waren Kontrollen, und im Ghetto war ein kleines Gefängnis, da ist sie reingekommen. Erst hat man sie begnadigt und so, und dann ist sie doch wieder abgeholt worden. Jedenfalls, ich habe damals zu der Zeit in einer Papierfabrik gearbeitet und Frühschicht gehabt, war ich schon ganz früh wieder zu Hause, weil ich auch ganz früh angefangen hatte. Die anderen waren noch gar nicht da, und ich ging in die Wohnung und habe das Fenster aufgemacht, und da sehe ich gegenüber, wie eine Frau die Hände vor das Gesicht schlägt, und ich gucke raus und die SS hatte ja Ordnungspolizei, wie sich das nannte von unseren Leuten, die so für Ordnung sorgten, und der war unten, den kannte ich, und der machte ganz schnell Bewegung, ich sollte das Fenster zu machen und vom Fenster weggehen. Und dann sah ich gerade noch, wie der Kommandant mit dieser Frau Salomon, und da mußten ja immer Ordnungspolizei von uns dabei sein, der aber in Richtung Friedhof geht. Das war ein alter jüdischer Friedhof von früher, war eine Mauer drum, und da waren die Erschießungen. Und mit der Frau, die ging sofort zurück, und dann hörte ich ein furchtbares Schreien, da war die Selma, die Tochter raste die Treppe runter und wollte hinter ihrer Mutter her, und der Polizist fing sie und hatte plötzlich nur ihren Mantel in der Hand, und sie raste vor, aber dann hat man sie doch noch wieder zurückgeführt usw., also dies ist mir auch, und dann hörte ich auch die Schüsse schon auf dem Friedhof und so. Das habe ich auch in diesem Film da, ist das festgehalten worden, das war eine von diesen vielen Erinnerungen. Und es war auch der Mitte so, des Ghettos war so ein kleiner Platz, und wir haben ihn auch, wie wir in Riga waren ´92 wiedergefunden, und da hatten Russen da ihre Fahrzeuge stehen, so ihre Militärfahrzeuge. Dort mitten auf diesem Platz (1941/42) war ein Galgen, und dann wurden die Leute dort gehängt und im Winter hinge die ..
Interviewer: Von der SS?
Irmgard Ohl: Ja, und im Winter hingen sie tagelang, und die Arbeitskommandos mußten vorbeigehen und das sehen, im Sommer vielleicht zwei, drei Tage oder zwei Tage, je nachdem.
20 km von Riga entfernt war das Lager Salastils, das war erst im Aufbau, und dort sind dann sehr viele Männer nach Sallastils gekommen, unter anderem auch mein Vater. Es waren grauenhafte Zustände dort, wie wir erfahren haben, und mein Vater und fast alle anderen sind dort ums Leben gekommen. Wir wissen nicht wie, ist dort Typhus oder Ruhr oder so etwas ausgebrochen. Es sind auch viele erhängt, erschossen worden, die irgendwie nicht so taten oder konnten, wie die SS es von ihnen verlangte. Jedenfalls ist mein Vater dort im April´42 umgekommen, wie wir die Nachricht mündlich erhielten.
Interviewer: Die Nachricht gab es zu dem Zeitpunkt direkt ....
Irmgard Ohl : Ja, so..
Interviewer: Oder später erst?
Irmgard Ohl : Ja, die hat man uns gesagt und fertig.
Interviewer: Ja, dann ist man jetzt in so einer Wohnung, einer fremden Wohnung?
Irmgard Ohl : Ja, wir waren anfangs mit 8 Personen in 2 kleinen Räumen, dann sind zwei ältere Damen bei dieser Aktion Dünamünde dabei gewesen. Dann war mein Vater und noch ein junges Ehepaar aus Osnabrück, die mit uns gegangen sind, der Mann ist auch nach Salaspils gekommen. Dann waren die auch nicht mehr da, dann war ich mit meiner Mutter und noch die junge Frau, wo der Mann auch nach Salastils kam, war da, und noch ein junger Mann, der mit mir zusammen zur Schule gegangen war. Wir waren dann dort, und meine Mutter hat an diesem Güterbahnhof, wo wir angekommen waren, Lokomotiven putzen müssen. Vorher haben sie Schnee schaufeln müssen auf der Düna Brücke in Riga, hohen Schnee und Arbeit machen müssen. Die junge Frau war öfter weggeschickt dann für ein paar Wochen zum Torfstechen, und so waren es verschiedene Arbeiten. Ich habe insoweit immer ein bißchen Glück gehabt, ich war in einer Fabrik, das hieß, dass es warm und trocken war, und wir nicht der Witterung ausgesetzt waren. In einer Gummifabrik habe ich gearbeitet nachher, vorher auch verschiedene andere Tätigkeiten, auf dem Flugplatz usw. Und dann wurde das Ghetto, es war ´43 oder was ,wurde das Ghetto aufgelöst, es begann schon langsam der Rückzug im Osten, und da waren dann an einem Tag, waren alle Kinder verschwunden. Die bis zu 14 Jahren hat man genommen, gesagt, sie würden irgendwo hingeschickt, und die Eltern würden nachkommen. Also ob die noch bis Auschwitz gekommen waren, das weiß man heute nicht. Sie waren weg und verschwunden. Wo ein Elternteil zufällig im Ghetto war, meistens hatten dann die Eltern gearbeitet oder im Ghetto beschäftigt waren, die sind mit den Kindern mitgegangen. Ja, und sonst, wenn der arbeitende Elternteil nach Hause kamen, waren die Kinder nicht da und eventuell der Ehepartner auch nicht mehr.
Dann wurde ,wie gesagt, das Ghetto aufgelöst, und wir kamen in ein Konzentrationslager, nannte sich Kaiserwald bei Riga dort. Dann bekamen wir schon Sträflingskleidung, und wieder hatten wir ein wenig Glück. Ich ja immer, dass ich mit meiner Mutter zusammen sein konnte, und wir waren bei der AEG beschäftigt. Da sind wir weg aus dem KZ, waren dort aber auch kaserniert. Gegenüber vom Werk war ein Steingebäude, auch das war wieder ein großes Glück, dass wir nicht in Holzbaracken waren, ein Steingebäude, was an der Fernheizung angeschlossen war, also haben wir nicht frieren brauchen im Winter. Aber dort waren wir untergebracht, da waren wie Stellagen, waren die so genannten Betten. Lagen Strohsack an Strohsack und in drei Etagen, und wir sind dann nur rübergegangen ins Werk und haben dann ja Schichtdienst gemacht bei der AEG. Es ging noch!
Interviewer: Was hat man in der Zeit sich unterhalten mit der Mutter, mit den anderen Menschen?
Irmgard Ohl : Ja, Gott, was man so machte.
Interviewer: Oder hat man es irgendwie, die Situation nicht zu verdrängen, aber irgendwie nicht...
Irmgard Ohl : Ja, hat man schon, hat man schon.
Anfangs hatten wir ja auch sonntags frei, nachher mußte auch sonntags gearbeitet werden. Man war müde, und man hatte kaum etwas zu Essen. Ich weiß nicht wieso, man hat halt das Beste daraus gemacht. Ich war ja auch noch jung, und meine Mutter war auch noch nicht so alt.
Interviewer: Ja, man ist immer jetzt im Nachhinein.....
Irmgard Ohl : Ja, im Nachhinein frage ich mich manchmal auch, wie hast du das bloß durchgestanden. Man hat irgendwie doch psychische Schäden, es wird einen doch das ganze Leben lang begleiten. Eben, das läßt sich auch nicht ein normales Leben ganz, wenn man auch so nach außen hin lebt, wie alle anderen auch, es ist doch anders, wenn man da ein bißchen tiefer guckt, ist das doch alles ein bißchen unter die Haut gegangen, auch nach so vielen Jahren.
Interviewer: Ja, dann war da jetzt 1943.
Irmgard Ohl : Ja.
Interviewer: Wie ging es weiter?
Irmgard Ohl : Ja, dann auch dort kamen die Russen schon näher, und dann wurden wir auf ein großes Schiff geladen in Riga im Hafen. Da waren nicht nur Häftlinge, da war sehr viel, und was die alles noch mitgenommen haben. Vom Werk usw., und dann kamen wir nach Stutthof bei Danzig, ein furchtbares Lager. Die Fahrt von Riga nach Danzig im Schiff war schon eine Katastrophe. Wir lagen unten unter dem Meeresspiegel, unter dem Wasserspiegel, wo der Sand ist, im Sand, und der Kapitän hatte die Anweisung, falls unser Schiff torpediert wurde, also es war ja Krieg, die Luken schließen, dass wir nicht raus konnten, es war furchtbar. Wir waren alle seekrank und sind dann nach drei Tagen im Hafen in Danzig angekommen, wurden auf Kähne geladen, die überfüllt waren und beinahe umkippten und dann den Fluß entlang bis zum Lager Stutthof. Es war ein furchtbares Lager, ganz entsetzlich, wenn das bis dahin noch irgendwie erträglich war, aber Stutthof war ein grauenhaftes Lager.
Interviewer: Welche militärische Einheit hat Sie denn immer begleitet? Das waren ja jetzt Gefangenentransporte?
Irmgard Ohl : Ja, SS meistens, es war auch Wehrmacht dabei, die von der AEG, das war, die dieses Ressort unter sich hatten, war Wehrmacht, aber am Stacheldraht herum, das war SS-Wachmannschaften, und wir hatten weibliche SS. Die waren noch schlimmer als die männliche. Ja, und wieder hatten wir Glück gehabt, dass uns der Soldat, der uns unter sich hatte bei der AEG, uns in Stutthof namentlich anforderte und rausholte, und so kamen wir nach Thorn, das war früher einmal Westpreußen, heute Polen, und dort hatten wir, war ganz provisorisch, ganz notdürftig für die AEG aufgebaut, und wir haben dort Kabel reparieren müssen, die von der Front kamen und wieder zur Front zurückgingen, und wir hatten einen furchtbaren Lagerkommandanten, und wer das nicht geschafft hatte, der kriegte 25 Hiebe, die er selber austeilte. Ich habe auch Glück gehabt, dass es weder bei meiner Mutter noch mir passierte, aber die Kabel waren, so wie sie von der Front kamen, so verschlungen, dass es Zeit brauchte, bis man sie entwirrt hatte usw. Aber dann kamen auch dort die Russen näher, und wir wurden in Marsch gesetzt und sind noch marschiert im Januar´45 von Thorn bis Bromberg, das 60 km, und auf einmal waren die SS verschwunden, und ihre Sachen und die Wachmannschaft und die weibliche SS. Die sind, glaube ich, da soll noch ein Lazarettzug rausgegangen sein, ins sogenannte „Reich", also irgendwie weg waren sie, und dann drei Tage später sind wir von den Russen befreit worden, am 25 Januar 1945.
Interviewer: Und was passierte dann, als der Krieg langsam zu Ende ging in Torn mit Ihnen?
Irmgard Ohl : Ja, wir wurden ja noch in Marsch gesetzt, das habe ich ja schon gesagt und waren dann in der Nähe von Bromberg auf einem kleinen Dorf. Und dann waren die SS plötzlich verschwunden, und drei Tage später kamen die Russen.
Interviewer: Und jetzt da weiter.
Irmgard Ohl : Ja, und es war ja Januar, und der Krieg war noch nicht zu Ende, für uns schon, aber die Kapitulation, die war ja erst im Mai, und wir hatten inzwischen, waren noch verschiedene, die befreit wurden, weil man da auch von anderen KZ Lagern die Leute denn dahin getrieben hatte. Es waren auch welche, die in Rußland versteckt waren usw. Es hatte sich ein kleines Komitee gebildet in Bromberg. Wir sind dann nach Bromberg und hatten so eine kleine Wohnung, wo Deutsche wieder geflohen waren, die erst ausgebombt waren und da hingegangen waren, dann waren sie wieder geflohen. Dort haben wir dann in Ruhe abgewartet, bis der Krieg zu Ende war. Auch dort waren wir beschäftigt, wir mußten ja von etwas leben. Meine Mutter und ich waren im russischen Lazarett beschäftigt. Meine Mutter hatte in der Apotheke geholfen da, und ich war in der Küche. Es ging uns soweit ganz gut, wir haben die Freiheit natürlich genossen, und dann kam die Kapitulation, und wir haben noch ein Weilchen gewartet, weil die Bahnstrecken ja noch alle zerstört waren. Es wäre ganz schwierig gewesen, es war auch schon so schwierig. Wir haben praktisch noch länger zurück gebraucht wie wir hin gebraucht hatten, bloß unter anderen Bedingungen natürlich. Das uns geholfen wurde und so, und dann sind wir im Juli gefahren. Ach so, wir sind erst bis Berlin gekommen, dort hatte sich inzwischen auch ein Komitee und so etwas gebildet, weil wir ja Rückwanderer waren, wir hatten ja keine Papiere, wir hatten gar nichts. Und inzwischen hatten sich auch diese Zonen gebildet, englische Zone, britische Zone, wie es sich nannte, amerikanische, russische Zone, und wir mußten ja dann durch die russische Zone in die englische Zone, wie das war, dass wir alle Papiere und so etwas hatten und waren dann im Juli 1945 wieder in Osnabrück, nach Osnabrück zurückgekehrt.
Interviewer: Wie war es denn jetzt auf dieser Fahrt, Sie hatten ja, wie Sie sagten, keine Papiere, kein gar nichts.
Irmgard Ohl : Nein, ein bißchen Papiere, provisorische Papiere hatten wir schon in Bromberg bekommen, die in polnischer Sprache waren, und das mußte halt genügen, und das genügte auch.
Interviewer: Wie haben sich die Russen verhalten?
Irmgard Ohl : Uns gegenüber einwandfrei, einwandfrei.
Interviewer: Haben die Russen das denn, Sie waren doch auch Deutsche, haben die das denn sofort verstanden, dass Sie interniert waren, dass Sie gefangen waren?
Irmgard Ohl : Ja, wir waren ja noch in unseren Sträflingslagern. Ich hatte auch wohl vergessen zu bemerken, dass wir die Haare geschoren hatten, nicht kurz geschnitten, geschoren, aber sie waren dann schon wieder so, nachher sagte man auch Mecki, schon wieder so gewachsen, nein, das schon, und es waren auch welche, die etwas Russisch konnten. Es waren ja auch Juden aus den osteuropäischen Ländern, und vor allen Dingen hatten wir sehr viele tschechische Juden, und Tschechisch ist die Sprache sehr ähnlich mit Russisch. Die Schrift ist zwar wie unsere das Tschechische die Buchstaben, aber es ist ähnlich, und die konnten sich bemerkbar machen
Und sehr viele Russen konnten jiddisch sprechen und verstanden dann Deutsch. Also, das war ohne Probleme.
Interviewer: Ja, und da war mit einem Schlag, waren Sie befreit, waren Sie jetzt wieder frei. Kann man so ein Gefühl überhaupt beschreiben?
Irmgard Ohl : Das kann man nicht beschreiben und man, man nimmt es auch noch gar nicht auf. Man kann das noch gar nicht erfassen, man ist noch so wie unter einer Glocke. Ich habe es vielleicht insoweit gespürt, wir durften doch nie, erst einmal waren wir nur in Kolonnen, nie als Einzelpersonen gegangen und niemals auf dem Bürgersteig, immer auf dem Fahrdamm. Und dann hatte man die Deutschen, die dort, die Bevölkerung, die aus dem Westen da oben evakuiert wurde wegen der Bombardements und die Polen, hat man einfach vertrieben aus den Häusern, aus den Wohnungen, hat da Deutsche reingesetzt, die eben im Ruhrgebiet ausgebombt waren, und die waren jetzt in Gefangenschaft, und die gingen in Gruppen auf dem Fahrdamm, das hatte uns schon irgendwie beeindruckt, und da wurde man sich doch bewußt, dass wir frei waren.
Ja, niemand, niemand mehr da. Dann stehe ich vor der Max-Heindorf Stiftung in Münster am Kanonengraben. Nichts da! Das Haus ist ja umgebaut, wo unser Schulraum war, nichts. Die Synagoge steht ja an der selben Stelle, aber da kann ich mich nicht erinnern. Ich war noch keine fünf, wie wir wegzogen, und von der alten Synagoge weiß ich nichts, ob die da jetzt ist?
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