Interviste Germania
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  • Interviewter: Hubert Teschlade

    Geb. 24.06.1921

    Nachrichtensoldat

    Interviewer: Franjo Hülck

    Hubert Teschlade: Ich werde jetzt mal von meiner Lehrzeit bei meinem Vater erzählen. Mein Vater war ein phantastischer Mann, hat sich auch geweigert, der Partei beizutreten, und wir hatten unsere Werkstatt an der Friedrich-Ebert-Straße, in der NS-Zeit, in der Nazizeit, umgewandelt in Industriestraße. Und ganz in unserer Nähe war das Gewerkschaftshaus, und etwas tiefer an der Ecke Hafenstraße war da noch ein Groß- und Einzeltabakwarenhandel, der von dem Herrn Alexander, der von Geburt Jude war, betrieben wurde, der dort alleine mit seiner Mutter auch im Haus wohnte. Wir hatten sehr netten Kontakt, und unsere Tabakwaren wurden grundsätzlich dort eingekauft. Ebenso war es mit den Gewerkschaftsfunktionären im Gewerkschaftshaus, die immer zu uns kamen. Man muß vielleicht zur Deutlichkeit erzählen, eine Galvaniseurwerkstatt (galvanisieren: durch Elektrolyse mit Metall überziehen) ist vernickeln, verchromen und vor allen Dingen auch verkupfern, emaillieren (Emailleur: Schmelzarbeiter) vor allen Dingen. Also es wurden Rohrrahmen, Autostoßstangen, alles wurde bearbeitet. Und zu der Zeit, wo eigentlich erst die Motorisierung begann, wurden oft alte Fahrzeuge aufgearbeitet. Und da unsere Werkstatt groß genug war, hatte Vater immer eine Ecke, die zwar immer ausgelastet war, wo Kunden, die bei uns emaillieren und verchromen ließen, ihre Fahrzeuge auseinandernehmen konnten und wieder zusammenbauen. Dazu gehörten sowohl Ingenieure der Bundesbahn und Angestellte der Gewerkschaft. Und das Interessante war natürlich auch, dass da ganz offen damals Gespräche über die werdende Macht des Nationalsozialismus geführt wurden. Die meisten begrüßten zwar den wirtschaftlichen Aufbau, waren aber dem System weltanschaulich gegenüber doch in der Gegeneinstellung –meist! Und hatten auch keine Angst, das zu äußern. Ebenso wie mein Vater offen seine Meinung sagte. Er hat vorher dem Zentrum angehört, und sie alle haben nicht verstanden, dass die politischen Parteien in Deutschland so schnell kapituliert hatten.

    Das war der Geist dort. Ebenso war auch, wir hatten auch einen jüdischen Hausschneider, der selbst auch Motorrad fuhr, ebenso bei uns in der Werkstatt, dass wieder bearbeitete, auch dieser jüdische Hausschneider genoß auch bei den ganzen Leuten große Hochachtung. Es war einfach eine Atmosphäre, so dass man als Jugendlicher schon mitbekam, wie der Gesamtgeist war. In das Gewerkschaftshaus war inzwischen die Deutsche Arbeitsfront eingezogen. Die Funktionäre waren allmählich, wenn sie nicht gerade verhaftet waren, also die leitenden Leute des Gewerkschaftshauses, waren irgendwo in andere Berufe abgewandert, die Älteren, um existieren zu können. Teilweise hatten sie ja auch Familien. Der größte Teil der Angestellten war umgeschwenkt zur Gewerkschaft, waren sogar Parteigenossen geworden, nur um auch ihre Familie zu stützen, denn in Münster gab es ganz, ganz wenige wirkliche Nationalsozialisten bei der Machtübernahme. Jetzt versuchte natürlich auf weichem Wege die Partei möglichst viele Leute an sich zu ziehen, was dann auch sogar gelang. Ich kann mich noch daran erinnern, als eines Tages mal der Zeppelin über Münster kam, und alles nach draußen strömte, und es war eine Begeisterung. Ja, es wuchs einfach ein nationales Bewußtsein. Und mit dem nationalen Bewußtsein bekam Hitler ziemlich viel innere Zustimmung. Der Kreis, der sich dagegenstellte, aus weltanschaulichen, aus religiösen oder aus anderen Gründen, wurde leider kleiner. Das heißt nicht, dass alle das mitmachten, was man hörte, KZ-Lager und so, aber wenn man dann mal dagegensprach und sagte: „Ja, seht mal, paßt mal auf, dass das nicht weitergeht", dann war oft die Antwort: „Der Hitler weiß das gar nicht alles, das machen seine Untergebenen. Der Hitler, der will das ganz anders. Das ist ein guter Mann."

    Ja, und dann kam die Ansprache. Ich muß sagen, ich mit meinen Freunden, ich bin meist, wenn’s eben ging, hab mich dem entzogen. Denn mittlerweile war ja der kleine Fuchsempfänger rausgekommen und man konnte, und das wurde natürlich als Propagandainstrument benutzt. Genau wie es so war, dass auch die Zeitungen alle gleichgeschaltet waren. Keiner mochte noch etwas Kritisches bringen. Und da muß ich sagen, dass die Zeitung des Katholischen Jungmännerverbandes, die Junge Front, später „ Michael " genannt, da durchaus noch, aber aus religiösen, moralischen Gründen, Widersprüche brachte, auch kritische Artikel zu dem Weiterwachsen des Nationalsozialismus, vor allem der nationalsozialistischen Weltanschauung.

    Auf jeden Fall wurde ich zunächst zum Arbeitsdienst eingezogen und zum Emsland, allerdings nur einen Monat, dann mußten wir unsere Lager abbrechen und wurden per Eisenbahn nach Neuenburg in der Eifel verfrachtet und wurden eingesetzt beim Bunkerbau am Westwall. Wir mußten meist Kabel graben von Hand mit Spitzhacke und so weiter ausschlagen. Aber jetzt geschah dort noch Folgendes: Wir hatten einen Feldmeister, der das goldene Parteiabzeichen trug, ein absoluter, überzeugter Nationalsozialist. Das Dumme war, dass ich wegen meiner Tätigkeit und, das ist irgendwo rausgekommen, ich bin mal geschnappt worden von einem Dorfpolizisten, dass wir in der Verbotszeit noch auf Fahrt gegangen sind nach Geleen. Und ich wurde dann nach diesem Verhör, das habe ich natürlich zugeben müssen, nach dem Verhör mit 14 Tagen Haft oder 250 Mark Geldstrafe verurteilt. Wegen verbotenes Auf-Fahrt-Gehen, nachdem unserer Gruppe schon verboten war. Und wahrscheinlich, weil ich mich zum Militär gemeldet habe, fiel das im Frühjahr 1938, an Führers Geburtstag, wurde ich amnestiert. Das heißt also, die Strafe wurde erlassen, und ich bekam einen Brief von der Geheimen Staatspolizei in Münster zum Arbeitsdienst hin. Aber es gab kein Briefgeheimnis. Als der Brief mit dem Absender Geheime Staatspolizei, hat natürlich mein nationalsozialistischer Feldmeister sofort in Augenschein genommen, ihn, ohne mich zu fragen, geöffnet, es gelesen und mich zu sich gerufen und gesagt: „So, du bist auch so ein Bursche, der zu den „ Schwarzen " gehört. In dem jungen Alter! Man muß dich erst noch richtig umerziehen, und da will ich schon mal mit dazu beitragen."

    Das heißt also, es war noch, ich glaube drei Monate, also die halbe Arbeitsdienstzeit, ich habe keinen Sonntag mehr freibekommen, ich habe nicht mal mehr nach Hause fahren dürfen, was die anderen zumindestens einmal im Monat durften. Meine Großmutter starb in Spree, ich kriegte nicht mal Freizeit zur Beerdigung meiner Großmutter und mußte ständig dann, wenn andere Freizeit hatten, irgendwelche Reinigungsdienste oder so etwas leisten. Meist sogar bei dem Feldmeister selber, wo ich dann Inniges zu hören bekam. Und war natürlich dann froh, als im September die Arbeitsdienstzeit endlich abgelaufen war. Und wurde dann Anfang November zur Wehrmacht einbezogen, zur Nachrichteneinheit 46 in Münster, wo dann ein ganz anderer Geist herrschte. Ja, wo wir uns sogar trafen, bis zu den Offizieren hin. Und ab da erinnere ich mich noch an etwas, weil ja im November damals hier in Münster auch die Synagoge brannte, und die jüdischen Demonstrationen begannen. Und das Interessante war, dass wir in einem Tagesbefehl, der vom General der Pioniere, Herr Fürster, meines Erachtens unterzeichnet war, dann zu hören bekam oder vorgelesen bekam, dass diese Demonstrationen für einen Wehrmachtsangehörigen unwürdig sei, und es wäre verboten oder es würde nicht gestattet, dass wir an solchen Demonstrationen teilnehmen. Also war damals vor dem Krieg durchaus auch in der Wehrmacht noch ein total anderer Geist, der fair war. Und ich habe das bis in den Krieg nach Rußland verfolgen können.

    Interviewer: Jetzt muss ich aber noch anfragen, man dachte nicht, dass der Krieg vorbereitet wurde?

    Hubert Teschlade: Ja, und wir dachten natürlich nicht daran, dass wir schon in der Kriegsvorbereitung standen. Vor allen Dingen als die Premierminister von Frankreich und England noch nach Deutschland kamen, und die Verhandlung war, war der Friede wird doch erhalten. Und wir haben immer geglaubt, und wir haben immer noch geglaubt, irgendwann, vielleicht die Wehrmacht sogar, stürzt. War natürlich naiv, aber wir glaubten so was. Wir wollten ja auch gute Deutsche sein. Und ich glaube, dass man heute kaum noch diese Situation verstehen kann. So einseitig wie auch die Propaganda und die ganzen Möglichkeiten waren, sich zu informieren, die waren sehr, sehr eng begrenzt. Wenn ich schon eine innigere Haltung, die man auch nur in Gemeinschaft führen konnte. Alleine war man sehr, sehr einsam, konnte das gar nicht, schon gar nicht als Jugendlicher, wenn man nicht auch in der Familie entsprechende Unterstützung hatte.

    Interviewer: Wir machen eben eine kleine Pause...

    Etwa im Januar 1939 hatte ich meine, oder hatten wir, die gemeinsam eingetreten waren im Herbst 38, einen Teil oder den wichtigsten Teil unserer Ausbildung beendet. Wir wurden ausgebildet in Kabellegen, in Vermittlungführen. Ich muß noch jetzt dazwischen erwähnen, ich gehörte der Fernsprechabteilung oder einer Fernsprechkompanie an. Wir hatten auch eine Funkkompanie, aber ich gehörte einer Fernsprechkompanie an, die gleichzeitig Kabel verlegen mußte, und sowohl schweres Feldkabel, wie das einfache Kabel, dass man in die Bäume werfen konnte, das leichte Feldkabel. Und wir bauten auch Vermittlungen auf, das heißt also um -das wurde früher noch alles handgemacht- um verschiedene Sprechstellen miteinander zu schalten. Und ich selber wurde aber noch speziell als Kraftfahrer ausgebildet, und zwar sowohl für Pkw, für Lkw und für Motorradfahren. Das war eine ganz besondere Ausbildung, die sogar in sich hatte, dass man auch selbst Reparaturen an Motoren durchführen konnte, dass man einen Motor erkennen konnte, es war sehr intensiv. Und ebenfalls mußten wir leichte Reparaturarbeiten machen, und wir wurden auch in der Schwachstromtechnik ausgebildet, also es war wenig Schießübung oder sonst etwas dabei. Ich hatte nun das Glück, weil ich nicht besonders gut sehen konnte, auch nicht gut schießen konnte und bin deshalb vor dem Schießen bewahrt worden. Im Frühjahr wurden wir dann eingesetzt zu einer großen Nachrichtenrahmenübung, und da ahnten wir schon, das bedeutet nichts Gutes, das scheint auf einen Krieg zuzugehen. Das heißt also, Deutschland wurde in Nord und Süd geteilt, wir fuhren bis zur Rône und mußten dort Stützpunkte für ein größeres Gebiet, Nachrichtenstützpunkte, ausbauen und die Gegner waren auch auf der anderen Seite der Mainlinie. Wir waren diesseits der Mainlinie, die anderen waren auf der anderen Seite der Mainlinie. Und das schien uns, das war schon für große Vorhaben bestimmt. Aber wir ahnten immer noch nicht, dass der Krieg schon so nahe war. Wir hofften immer noch, dass das an uns vorüberging, und wir eben spätestens 1940 dann entlassen wurden, nachdem wir unsere 2 Jahre Dienst geleistet hatten. Aber das kam dann schneller als wir glaubten. Im August mußten wir aus der Kaserne ausrücken und fuhren in die Eifel, erst nach Bitburg, dann nach Marlberg in der Eifel. Bauern mußten ihre Ställe räumen, und wir wurden dort einquartiert. Und dann begann auch in kürzester Zeit der Krieg gegen Polen. Wir, die wir wissend waren und hörten, wie das angefangen ist, wußten, dass das ähnlich verlaufen war, wie auch bei uns. Hatten eine große Wut. Vielleicht soll ich hier nochmal sagen, wir haben uns abgesprochen, die Vereidigung fand ja statt, öffentlich statt, auf dem Kasernenhof, wir mußten zwar den Schwurband erheben, aber wir haben uns untereinander abgesprochen: „Den Eid auf Deutschland leisten wir, aber nicht auf Hitler!" Auch das gab es, um es einmal deutlich zu machen. Wenn das bekannt geworden wäre, wären wir dran gewesen, aber es war eine so enge Kameradschaft zwischen denen, die sich lange Zeit schon kannten, dass das möglich war, und das ging lange Jahre noch so.

    Ja, soll ich weiter erzählen?

    Interviewer: Weiter vom Krieg jetzt ruhig..

    Hubert Teschlade: Ja, und wir haben dort eigentlich noch große Freizeit gehabt. Das Saargebiet war geräumt, wir trafen Leute aus dem Saargebiet, die dort auch evakuiert waren, wir hatten mit Familien netten Kontakt. Wir konnten sogar in das Kloster St. Thomas wandern und 39 im Frühjahr dort gemeinsam einen Gottesdienst feiern, und uns mit vielen treffen. Wir waren eigentlich nicht eng gebunden. Ein Zeichen dafür, dass gar nicht damit gerechnet wurde, dass die Westmächte uns angreifen würden. Obwohl der Krieg von Deutschland aggressiv weitergeführt wurde. Dann im Mai wurde das strenger. Und ich weiß noch, wie wir dann auch Ausgangsverbot und Urlaubsverbot hatten, und irgendwo Anfang Juli war es dann soweit, dass deutsche Panzer über Luxemburg in Frankreich einrückten. Und ich kann mich erinnern, dass wir über See dann kamen, die ganze Stadt zerstört war. Ich habe selbst noch mit Freunden aufgenommen, wie Flüchtlingskolonnen, vielleicht nicht bewußt, ich weiß es nicht, von deutschen Stürzkampfbombern bombardiert wurden, wie dort Pferde und Zivilisten tot auf der Straße lagen; es war grausam. Und am liebsten hätten wir...viele haben gesagt: „Was ist das Wahnsinn, so einen Krieg zu machen." Auf der anderen Seite ging es ja sehr schnell, wir kamen bis La Charité an der Loire, und dann war ja auch der Waffenstillstand da. Und was uns dann alles sehr leicht gemacht hat, und wir haben sehr schnell, obwohl von oben Kontakt mit den Feinden angeblich verboten war, war sehr schnell Kontakt mit den Franzosen da. Unsere Einheit wurde dann, was damals ja die Loire die Demarkationslinie war, und der südliche Teil Frankreichs ja von uns nicht besetzt wurde, wurden wir dann in eine Kaserne nach Poitiers versetzt. Dort waren noch Marokkaner, die der Fremdenlegion angehörten, die aber vollkommen frei rumliefen, auch gar kein Interesse hatten, denn der Krieg war ja zu Ende, Marschall Péten war das, glaub ich, hatte ja einen Waffenstillstand geschlossen. Wir hatten dann dort die Aufgabe unsere Fahrzeuge, unsere Geräte in Ordnung zu bringen, und es dauerte gar nicht lange, da wurde unsere Einheit, die Nachrichtenabteilung N 46 zur Küstenmarine an die Kanalküste beordert. Und das war für uns natürlich eigentlich eine schöne Zeit. Zunächst kamen wir nach Calais und Boulogne, dann kriegten wir aber unseren Hauptstützpunkt in Trouville-Deauville, dort wurden wir im Hotel untergebracht. Und die einzelnen Trupps waren von Brest, selbst auf die englischen Kanalinseln, Cherbourg, Fécamp, Caen bis oben nach Boulogne, einzeln verteilt. Unsere Aufgabe war das französische Postnetz

    umzuschalten, und für die Wehrmacht und vor allen Dingen für die Küstenmarine gleichmäßig zu schalten, dass es brauchbar war, und gleichzeitig wurden Trägerfrequenzgeräte angeblich eingesetzt, damit das Mithören unmöglich war. Ob das immer geklappt hat, weiß ich nicht, da ich ja Kraftfahrer war, war ich an diesen Einsätzen nicht beteiligt. Ich bekam das Trossfahrzeug und mußte für Verpflegung sorgen, der Leute, die in Trouville noch zusammen waren. Und hatte aber die Gelegenheit, ich mußte dann oft Material rumbringen, die ganze Kanalküste kennenzulernen. Das war natürlich eine schöne Sache.

    Hier darf man vielleicht noch eine andere Sache erzählen. Die Wehrmacht baute oder hatte eigene Frontbuchhandlungen. Und das ganz Verrückte war, dass die Wehrmacht auch eigene Frontbuchhändler, die irgendwie von Offizieren, oder wovon bestellt, weiß ich nicht, ausgesucht wurden. So hatten wir in Trouville eine ganz wunderbare Frontbuchhandlung, die ein Walter Giekelhorn, der Buchhändler in Dresden gewesen war, leitete. Und das war eben auch ein Mann, der die Nazis gar nicht mochte. Und das Interessante war, dass in diesen Frontbuchhandlungen, die zwar ganz burschikos auf ihren Buch und Schwert stehen hatte, und das sah alles so aus, das war eine tolle Sache, aber im Inneren: Wir konnten noch Bücher bekommen und Kunstwerke, also Kunstbücher, die in Deutschland verboten waren. Moderne Maler. Oder ich habe dort noch ein Buch von Heinrich Heine kriegen können, der ja in Deutschland total verboten war. Bücher, die in Deutschland verbrannt waren. Jetzt fragt man sich, wie kommen sie da ran? Die Buchhändler waren so frei und konnten in Frankreich bei französischen Verlagen in Paris oder Elsaß-Lothringen einkaufen. Und da wurde das alles unter der Hand gemacht. Das war verrückt. Genauso wie wir dort in Galerien moderne Kunst betrachten konnten, wie wir uns mit Picasso und Maillol und mit den heimischen Künstlern befaßt haben. Wir haben uns wirklich wie Gott in Frankreich gefühlt und haben gedacht: „Verdammt nochmal, hoffentlich geht das nicht weiter, hoffentlich endet der Krieg irgend bald in Frieden."

    Interviewer: Und jetzt könnten Sie erzählen, Ihr ganz persönliches Erlebnis mit diesen Angriff auf Ihren Lkw, wie Sie beschossen wurden.

    Hubert Teschlade: Ja, das ist ja erst später. Dann war ich ja zwischendurch in Rußland.

    Interviewer: Ach, Sie waren zwischendurch in Rußland?

    Hubert Teschlade: Ja, jetzt kommt nämlich Folgendes: Im Frühjahr 1941 war diese schöne Zeit für unsere Einheit in Frankreich vorbei. Wir mußten uns in Rouen sammeln, wir waren eine voll- motorisierte Einheit und mußten dort auf einen langen Güterzug unsere Fahrzeuge und unsere Geräte verladen. Wir selber hatten an der Spitze des Zuges einige Personenwagen und wurden dann über Paris, Saarbrücken, die ganze Reise hatte 10 Tage gedauert. Wir hatten eine Feldküche und kriegten überall dann unsere Verpflegung. Und fuhren quer durch Deutschland über Saarbrücken, Frankfurt, über Berlin und landeten in Allenstein in Ostpreußen. Und dort haben wir dann auch noch erstmal 4 Wochen gelegen, das muß so im März 1941 gewesen sein. Wir konnten dort die Stadt kennenlernen und hatten eigentlich viel Freizeit. Aber es dauerte dann gar nicht lange, dann wurden wir näher zur russischen Grenze verlegt, nach Treuburg. Ich war zu der Zeit Fahrer eines Offiziers, Gefreiter. Aber das ist vielleicht auch noch interessant. Wir lagen auf einem Gutshof in Treuburg, der nicht weit von der russischen Grenze entfernt war. Und es gingen die verrücktesten Gerüchte rum. Rußland, es war ja noch dieser Vertrag mit Rußland, Rußland hatte ja auch halb Polen besetzt. Und bei uns war gerade im Gespräch: „Ja, Rußland gibt uns die Genehmigung, durchzureisen in den arabischen Raum." Die verrücktesten Ideen kamen. Aber keiner von uns dachte daran, dass wir Rußland schon in kürzester Zeit angreifen würden. Und ich weiß, dass ich da auch noch Ostpreußen besucht habe mit einem Hauptmann unserer Einheit.

    Interviewer: Königsberg.

    Hubert Teschlade: Entschuldigen Sie, Königsberg besucht habe ich mit einem Hauptmann.

    Aber ich denke noch an Ostern, das war auch so eine verrückte Sache. Der Gutsbesitzer war gleichzeitig der Befehlshaber, das heißt also, dem, der das Gut gehörte, war auch der Chef politisch gesehen. Ebenso war er Parteigenosse, SA-Mann und Pastor der deutschen Christen und versuchte uns dort zum Ostergottesdienst zu haben. Haben wir natürlich ignoriert, haben wir nicht mitgemacht. Es waren ganz kuriose Geschichten, wie wir sie natürlich einfach nicht verstanden haben. Und dann ging es sehr schnell, dann mußten wir in kürzester Zeit uns an die russische Grenze begeben, und dann wurde uns vorgelesen: „Wir stehen jetzt einem Feind gegenüber, der uns gleichgesinnt ist", gleichgesinnt oder gleichartig ist, für uns gibt es keine Gefangenschaft, nur Kampf bis zum Tod. Wir greifen also Rußland an!"

    Das war ein solcher Schock für uns, obwohl wir als Nachrichtenabteilung zunächst nicht betroffen waren. Weil ja erstmal die Panzerspitze vorrückte. Und es ging dann weiter, aber nicht so schnell wie geglaubt. Wir erreichten dann über Litauen, wo viele Leute unsere Fahrzeuge sogar mit Blumen schmückten, uns als Befreier begrüßten. Ebenso in Weißrußland. Und wir kamen dann bis nach Welisch. Und das war eine sehr schlimme Zeit, das heißt erst eine gute Zeit. Es war eine alte Holzbrücke über die Düna, es war gutes Wetter da. Wir haben direkt neben der Düna unsere Zelte aufgeschlagen und 2 Feldgeistliche, die sich gut verstanden, ein katholischer und ein evangelischer, fanden dann auch einen Popen. Die russischen Leute waren, meist natürlich nur ältere Leute, einige junge Leute und auch viele Frauen und Kinder natürlich, begrüßten uns auch wiederum als Befreier.

    Und eine große Kirche im Ort, die Getreidelager war, wurde dann ausgeräumt. Es wurden die Ikonen hergebracht, Kruzifixe. Und dann an einem Sonntag wurden dann von den Popen, den beiden katholischen und evangelischen Geistlichen, wurde ein Gottesdienst veranstaltet, der halb von russischen Zivilisten und von deutschen Soldaten voll war bis in die Türen hinein. Gemeinsame Lieder wurden gesungen und wir glaubten natürlich: „Ja, jetzt, es wird wirklich jetzt eine Freiheit, etwas anderes kommen. Vielleicht ist das gut so. Vielleicht renkt der Nationalsozialismus ein." Alles Illusion! Aber wie das halt so ist mit uns, wir versuchten optimistisch zu sein. Richtige Kämpfe haben wir bis dahin gar nicht gehabt. Und dann kam Folgendes: 3, 4 Wochen später, wir gehörten zum Generalstab des 6. Armeekorps mit unserem General der Pioniere Förster, den wir von Deutschland in der Rekrutenzeit mit- ausgerückt hatten, in Frankreich und auch da wieder. Und dort wurde dann der Sicherheitsdienst der SS dort eingebracht, brachten irgendwelche Leute mit, einige junge Leute, angeblich Russen, angebliche Kommunisten und jüdische Zivilisten. Und dann kamen die zu uns nur 50, 60 Meter von uns auf einer Wiese und dort wurde von den Gefangenen eine große Grube ausgeschaufelt. Und wir sollten das Gebiet absperren, und dort haben unsere Offiziere sofort gesagt: „Da haben wir nichts mit zu tun!" Und haben uns dort also freigehalten. Aber wir bekamen es mit! Dann wurden nacheinander Leute vorgeführt mit 2 Leuten und wurden mit einem Trainingsanzug, einzeln die Leute, mit Genickschuß in die Grube geworfen. Dass wir wütend waren, aber wir konnten nicht etwas Gegenteiliges tun. Wir haben uns dann beschwert bei unseren Offizieren. Unser General der Pioniere hat sofort die Oberverwaltung der Wehrmacht in Berlin in Kenntnis gesetzt und hat gesagt: „Wie kann das sein, ohne dass wir wissen, dass die Wehrmacht es besetzt hätte, dass wir Frieden hätten mit der Bevölkerung. Und das so etwas geschähe, statt zu versuchen die Gebiete, die wir besetzt hatten, wo es kaum Kämpfe gab, zu befrieden. Und jetzt sofort Menschen umzubringen." Der General der Pioniere bekam direkt vom Führerhauptquartier einen Denkzettel, er hätte nichts damit zu tun, er hätte es befohlen. Und bei uns war eine Wut: „Was ist zu tun?" Aber wenn wir uns geweigert hätten? Keiner hatte den Mut, was kann man tun? Und ich kann erinnern, in meinem Zelt war ein junger Lohndrescher ( Landarbeiter ) aus Telgte, der mit mir lag, wie der nachts aufschrie und sagte : „Diesen Krieg verlieren wir! Wenn wir diesen Krieg gewinnen, gibt es keinen gerechten Gott mehr." Wie gesagt, als Deutscher. Das geschah schon im, ich schätze, es war Ende Juli, Anfang August 1941.




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